Der Besuch

Mit einer ruckartigen Handbewegung schoss ein Blitz aus der Handfläche von Magister Tantur. Zorono versuchte den Strahl mit seinen Augen zu verfolgen, das war jedoch vergeblich. In einer unglaublichen Geschwindigkeit schoss der Blitz auf eine Zielscheibe zu und traf sie genau in der Mitte.
„Ihr müsst euren kompletten Verstand auf euer Ziel richten“, begann der Magister, als er seine Hand einzog und hinter dem Rücken verschränkte. „Ihr müsst ein genaues Bild in eurem Kopf haben, wie der Blitz euren Gegner trifft“.
Er schaute nun die Gruppe von Lehrlingen an, welche ihm gespannt zuschauten: „Nun seid ihr dran. Ich habe hier mehrere Testziele aufgestellt, jeder sucht sich eins und übt den Zauber“.
Zorono schaute sich um. Tatsächlich standen in der großen Halle, in der sie sich befanden, plötzlich überall Pfeiler auf denen Säcke aufgehangen wurden, welche allesamt eine Zielscheibe trugen.
Jeder der Schüler suchte sich ein Ziel aus und fing an, den vom Magister vorgeführten Zauberspruch zu üben. Nach einer kurzen Zeit war die komplette Halle von dem Zischen der Blitzte und einem permanenten Summen erfüllt.
Zorono richtete seine Hand, mit der Handfläche vorraus, gen Ziel. Er konzentrierte sich auf den roten Punkt in der Mitte der Zielscheibe, dann schloss er die Augen. In seinem Geiste erschuf er Bilder, welche den Blitz zeigten, der mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf das Ziel zu schnellte und es direkt in der Mitte traf. Er sammelte seine Kraft und versuchte diese auf seine Hand zu leiten. Eine wohlige Wärme breitete sich in seiner Brust aus. Diese Wärme fing nun an zu wandern. Von seiner Brust aus, durch seinen Arm und schließlich in seine Hand. In seiner Hand wandelte sich diese wohlige Wärme in eine fast schon schmerzhafte Hitze um. Zorono spannte die Muskeln an, damit die Kraft nicht aus seiner Hand entweicht. Er konzentrierte sich erneut auf das Ziel und erschuf die Bilder in seinem Geist.
Nun lockerte er die Spannung in seinem Arm und im selben Moment schnellte ein Blitz aus seiner Handfläche.
Erschrocken von der Kraft, welche plötzlich aus seiner Hand schoss, zuckte er kurz zusammen, weswegen er das Ziel knapp verfehlte und den oberen, linken Rand des Sackes traf.
„Konzentrieren!“, mahnte ihn der Magister. „Wenn du den Arm nur ein kleines Stück bewegst oder an was falsches denkst, kann der Blitz ein komplett anderes Ziel finden.“
Der Magister ging weiter.
Etwas niedergeschlagen von dem Fehlversuch schaute er zu Cicero. Dieser tat sich ebenfalls schwer den Zauber auf das Ziel zu richten. Es tat etwas gut zu sehen, dass Zorono nicht als einziger Schwierigkeiten hatte.
Er probierte es immer wieder und schaffte es schlussendlich das Ziel genau zu treffen.
Am Ende des Unterrichts trat der Magister vor die versammelten Schüler.
„So, zu guter Letzt, merkt euch eins, ihr müsst mit eurem Geist zaubern“, fing er an zu reden. „Ihr seid keine Meriko, welche nur ein paar Formeln auswendig lernen und mit diesen zaubern können und ihr seid auch keine Elfen, die ihre Magie mit bloßem Instinkt ausführen“.
Zorono seufzte. Diese Rede hielt der Magister jedes mal am Ende des Unterrichts.
Nachdem der Magister fertig war, verließ er zusammen mit Cicero und den anderen Schülern den Unterrichtssaal.
„Weißt du was neulich auf dem Markt mit deinem Vater los war?“, fragte Cicero, als sie auf dem Weg nach draußen die dunklen Gänge der Akademie durchschritten.
„Nein, leider nicht“, antwortete Zorono. „Ich frage mich auch schon die ganze Zeit, was in ihn gefahren war“.
„Hast du ihn denn schon mal danach befragt?“, entgegnete Cicero
Zorono nickte: „Ja, aber er sagte mir nur, dass es nicht so wichtig sei“.
Cicero zog fragend eine Augenbraue hoch: „Hat er sonst noch irgendwas gemacht?“.
„Naja, er hat einen Brief geschrieben und nach Syren verschickt“, antwortete Zorono. „Seitdem verhält er sich irgendwie komisch, er ist unruhiger“.
„Weißt du für wen der Brief war?“
Zorono schüttelte den Kopf: „Nein, alles was er sagte war, dass er an eine sehr wichtige Person ginge“.
Cicero gab einen nachdenklichen Laut von sich
„Vielleicht ist er für einen Druiden“, sagte Cicero nach einer Weile. „Oder für den Oberhaupt der Reichsgarde“.
„Oder für einen höheren Zauberer“, warf Zorono ein.
Beide zuckten mit den Schultern.
Zorono brachte Cicero zu seinem Haus, wo sie sich verabschiedeten. Als Zorono auf dem Weg zu seinem Haus war, überquerte er den Marktplatz. Fast eine Woche ist es nun her seit die fahrenden Händler in der Stadt waren und der Marktplatz ist sichtlich leerer geworden. Einige der Stände standen jedoch noch da, auch wenn diese offensichtlich fast ausverkauft waren.
Als Zorono sein Haus erblickte, blieb er verwundert stehen - vor seinem Haus stand eine Kutsche, welche von vier Falben gezogen wurde. Sie bestand aus rotbraunem, sehr massiv und teuer aussehendem Holz und an den Türen des Wagenkastens war das Wappen Arctas angebracht. Um das Haus patrouillierten mehrere Gardisten, was Zorono etwas beunruhigte, weswegen er jetzt in einem erhöhten Tempo in Richtung seines Hauses lief.
Die Gardisten beäugten ihn argwöhnisch, als er an ihnen vorbei raste. Vor seiner Haustür standen zwei Gardisten, welche diese zu bewachen schienen.
Als Zorono vor die Tür trat, kreuzten die Gardisten ihre Hellebarden.
„Unbefugte keinen Zutritt!“, sagte der rechte Gardist. Er war sehr hochgewachsen und hatte kurzes blondes Haar, welches kaum unter seinem Eisenhut sichtbar war.
„Wer seid ihr und was wollt ihr hier?“, sagte der linke Gardist. Auch dieser war sehr hoch gewachsen, war jedoch breiter als sein Kamerad. Ihm wuchs ein langer roter Bart aus dem Gesicht. Durch seine groben Züge konnte Zorono erkennen, dass es sich um einen Menschen und nicht um einen Magier handeln musste.
„Mein Name ist Zorono… und ich wohne hier“, stammelte er immer noch etwas verwundert.
Die Gardisten sahen sich einander an, dann klopfte der rechte Gardist an die Haustür. Einige Sekunden später kam Zoronos Onkel heraus
„Der hier behauptet, er wäre euer Neffe“, sagte der linke Gardist und zeigte auf Zorono
„Ja, dem ist auch so“, entgegnete Zoronos Onkel. „Nun lasst ihn doch endlich rein, ich habe euch doch beschrieben, wie er aussieht“.
Die rechte Gardist zuckte mit den Schultern
„Man kann sich nie sicher sein“, sagte er anschließend.
Zoronos Onkel rollte mit den Augen und nahm Zorono mit nach drinnen.
„Verdammte Reichsgarde“, schimpfte Zoronos Onkel vor sich hin, nachdem er die Tür geschlossen hatte. „Haben sie lange mit dir diskutiert?“.
„Eigentlich nicht...“, antwortete Zorono. „Aber, kannst du mir sagen, was hier eigentlich los ist?“.
„Naja...“, fing Zoronos Onkel an zu reden, während er Zorono in die Stube brachte. „Der Besuch ist da“.
                                                                     ...
                                     
In der Stube angekommen, sah Zorono auf einem Stuhl einen älteren Mann, mit kurzen grauen Haaren und einem ebenso grauen Schnurrbart im Gesicht, sitzen. Der Mann trug einen langen königsblauen Mantel und eine Krone thronte auf seinem Kopf.
Bei dem Anblick des Mannes stockte Zorono der Atem.
In der Stube seines Hauses saß der Herzog Adventus von Lichtenberg, das Staatsoberhaupt von Arkta.
„Das ist mein Neffe Zorono“, sagte sein Onkel. „Zorono, ich bin mir sicher, den Namen dieses Mannes kennst du“.
„Die Götter zum Gruß, junger Mann“, sagte der Herzog und erhob sich von dem Stuhl auf dem er saß.
„Es...Es ist mir eine Ehre“, stammelte Zorono. Er wollte sich verbeugen, doch sein Körper war wie paralysiert.
„Entschuldigst du mich kurz, ich sollte Zorono kurz die Umstände erklären“, fragte Zoronos Onkel und nahm ihn mit ins Nachbarzimmer.
Zorono war verwirrt, hat sein Onkel gerade, den Herzog von Arcta mit „du“ angeredet?
Als sie im Nachbarzimmer ankamen, schloss Zoronos Onkel hinter sich die Tür.
„Zorono…“, begann sein Onkel. „Ich muss dir etwas über meine Vergangenheit erzählen“.
Zorono nickte zustimmend
„In meiner Zeit als Zauberer, bekam ich einen Auftrag von dem damaligen Herzog“, fing er an zu erzählen, während er sich setzte. „Ich sollte mit seinem Sohn und einer Gruppe von anderen Zauberern, einen Kult auffinden, welcher Draycor bedrohte“.
Er machte eine kurze Pause, welche Zorono viel zu lang vorkam.
„Wir haben es geschafft den Kult zu besiegen und aus den vielen Wochen, in denen ich mit dem Herzog als Partner gekämpft habe, hat sich eine Brieffreundschaft herausgebildet“.
„Was für ein Kult war das?“, fragte Zorono.
„Sie beteten einen Götzen aus vergangen Zeiten an, welchen die Urelfen schon angebetet hatten“, antwortete Zorono‘s Onkel.
„Und warum ist der Herzog nun hier?“.
„Das kann ich dir nicht sagen“,entgegnete Zoronos Onkel. „Aber tu bitte mir einen Gefallen und geh auf dein Zimmer, es ist sehr wichtig, dass ich und der Herzog allein sind“.
Zorono versuchte erst zu protestieren, doch dann sah er wie sein Onkel einen strengeren Blick aufsetzte, weshalb er schließlich nachgab.
                                                                             …

Als Zorono in seinem Zimmer verschwand, ließ sich sein Onkel auf dem Stuhl, auf dem er vor dieser kleinen Unterbrechung saß, nieder.
„So, ich habe meinem Neffen gesagt, dass er in seinem Zimmer bleiben soll“, sagte er.
„Gut, und er wird uns auch sicher nicht belauschen?“, fragte der Herzog.
Zoronos Onkel nickte, als sich seine Miene verfinsterte: „Wie sicher bist du dir, ob es sich bei den gefundenen Leichen um Anhänger handelt“.
„Komplett sicher“, entgegnete der Herzog ernst. „Sie trugen Amulette, welche das selbe Symbol zeigten, dass die Anhänger des Kultes schon damals trugen“.
„Wie viele waren es nochmal“, fragte Zorono‘s Onkel.
„Drei, eine Magierin, ein Mensch und ein Tamia“, antwortete der Herzog. „Jedoch wissen wir von Aufzeichnungen, welche sie dabei hatten, dass sie von jemanden beauftragt wurden“.
„Der Kult ist also tatsächlich wieder zurück“, zischte Zorono‘s Onkel. „Und diesmal hat er sein Ziel erreicht“.
„Du hast recht, aber es ist noch nicht zu spät“, der Herzog sprang von seinem Stuhl. „In Drakonia gibt es eine Gruppe von Magiern, welche dieses Thema untersuchen“.
Zorono‘s Onkel schaute auf.
„Denkst du, dass sie herausfinden um was es sich handelt?“, sagte er anschließend
„Naja, ich weiß nicht, ob sie das alleine schaffen“, entgegnete der Herzog. „Du musst eine Bitte für mich erfüllen, ich habe den Hochelfen von dir erzählt, brich bitte nach Drakonia auf und unterstütze sie“.
Zoronos Onkel schaute ihn mit entsetztem Gesicht an.
„Nach Drakonia?“, stotterte er. „Die Reise würde zwei Wochen dauern“.
„Das ist alles mitbedacht“, sagte der Herzog beruhigend. „Wir schicken jemanden von der Reichsgarde, welcher sich um dein Haus kümmert und dein Neffe wird natürlich unter den Schutz des Reiches gestellt“.
Zoronos Onkel seufzte. Ihm war immer noch unwohl bei dem Gedanken seine Heimat so lange zu verlassen, aber er tat es für eine gute Sache, nämlich für das Wohl des Kontinents
„Nun gut“, sagte er schließlich. „ Ich werde aufbrechen“.
„Ich wusste ich kann auf dich zählen“, sagte der Herzog. „In zwei Tagen wird eine Kutsche für dich bereit gestellt, welche dich nach Versyell bringt“.
Zoronos Onkel nickte. Versyell? Er war seit Ewigkeiten nicht mehr in der Hauptstadt der Hochelfen. Doch nun bald würde er alles wiedersehen, wie in seiner Zeit als Zauberer.

                                                                            ...

Zorono ärgerte sich, dass er so ausgegrenzt wurde. Erst kündigte sein Onkel diesen Besuch so preisend an und dann durfte Zorono nicht mal beim Gespräch dabei sein.
Er wusste nicht, wie lange er schon wartend auf seinem Bett saß, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor.
Nun aber hörte er Schritte, welche sich seinem Zimmer näherten. Die Tür öffnete sich und sein Onkel kam herein.
„Ist er schon weg?“, fragte Zorono, wobei er den angesäuerten Unterton in seiner Stimme nicht verbergen konnte.
„Ja“, antwortete sein Onkel. „Und er hat mir einen Auftrag gegeben“.
„Was für ein Auftrag?“ hakte Zorono nach.
„Naja, der Herzog sagte, ich solle in zwei Tagen nach Drakonia aufbrechen.“ erklärte sein Onkel.
Zorono riss die Augen auf.
„Und ich bleibe hier?“, fragte er
„Ja, ich muss alleine gehen, es ist sehr wichtig“, Sein Onkel fasste ihn ermutigend auf die Schulter. „Und nun komm, du musst mir beim Packen helfen.“

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