Nachdenklich sass ich hinter meiner Kaffeetasse im Garten und betrachtete meine Blumen. Sie waren überall und blühten in allen Farben munter vor sich hin. Ja, es war ein richtiges Farbenmeer. Ich schaute gedankenverloren auf den gegenüberliegenden Balkon, wo meine alte Nachbarin Hilde fröhlich ein Lied vor sich hin summte und sich an meinen Blümchen ergötzte. Nicht lange und schon kam ihr Besuch, der es ihr gleichtat und meinen Garten bestaunte, als wäre es der erste ihres Lebens. Ja, sie war schön, meine kleine Friedensoase und sie wurde geliebt. Ganz speziell von Hilde.
Bald wurde die Idylle durch Hildes Katze unterbrochen, die sich genüsslich, unter meine Hortensien, in den Schatten legte. Der rote Tiger war genauso alt, wie seine Besitzerin und hatte ebenso Mühe, sich zu bewegen. Sie waren beide im Rentenalter und die Knochen machten den beiden zu schaffen. Das machte sie optisch sehr liebenswert, da die Bewegungen leicht unsicher waren. Damit drängte sich mir jedesmal der Gedanke auf, was man den Beiden Gutes tun könnte. Das überlegte ich mir schon sehr lange. Und heute würde ich das endlich machen. Gutes tun, meine ich! Immer noch etwas verträumt stellte ich meine Kaffeetasse in die Küche und machte mich bereit, einkaufen zu gehen. Ich war sicher, irgendwas würde mir dabei schon einfallen. Das konnte doch nicht so schwer sein! Beim Verlassen des Hauses fand ich im Briefkasten noch eine wunderschöne Karte von Hilde. Sie lobte wieder einmal meinen Garten und wie sehr sie jedesmal die Aussicht genoss und natürlich folgte die Aufzählung ihrer Leiden. Dafür waren die Kärtchen eigentlich gedacht. Sie fand es schriftlich besser. Das zauberte mir ein Schmunzeln aufs Gesicht. Ich wusste nun, was zu tun war. Und ja, es würde sie wirklich überraschen.
Ich war mit meinen Errungenschaften vom Einkaufen zurück und Hilde war nicht zu Hause. Glücklicherweise war sie auf einem kleinen Nachmittagsausflug mit ihrer Freundin. Die Gelegenheit hatte ich gepackt und im Garten geschuftet, wie ein Pferd. Schliesslich wollte ich Hilde beeindrucken und dafür war ich wie ein Schweinchen über den Bode gerobbt. Der Garten sollte ihr eine bleibende Erinnerung bieten, die Seinesgleichen suchte. Ich freute mich schon auf ihr Gesicht, wenn sie das Ergebnis sah. Aber es gab noch einiges zu tun. Das schweissnasse T-Shirt klebte mir am Körper und die Haut zeigte überall Einrisse von den Rosendornen. Aber das machte nichts. Heute war ganzer Körpereinsatz gefragt. Langsam wurde es dämmrig und ich war endlich fertig. Fix und fertig. Alles war aufgeräumt und der Garten stimmte auf den Millimeter, von der Mauer bis zum letzten Grashalm.
Frisch geduscht und mit dem nächsten Kaffee in der Hand, sass ich wieder gemütlich in meinem Gartenstuhl und wartete darauf, dass Hilde auf dem Balkon erschien. Und tatsächlich! Nicht lange und sie kam geschniegelt und geputzt ins Rampenlicht, die Königin des Hauses. Mit offenem Mund starrte sie bewegungslos in meinen Garten hinunter.
Ich hatte alles entfernt. Aber auch wirklich alles war in der Grüntonne gelandet. Jede einzelne Pflanze hatte ich ausgerissen und damit überall braune Löcher hinterlassen. Es sah aus, als wäre ein Bulldozer darüber gerollt. Sogar die Ameisen waren auf der Flucht, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Von den rennenden Mäusen ganz abgesehen. Hilde schnaufte kurz wie ein Stier vor dem roten Tuch, dann verschwand sie Türenknallend in ihrer Wohnung. Nicht ohne mir einen teuflischen Blick zuzuwerfen. Ich war sicher, sie suchte schon wieder das nächste Formular, um eine Beschwerde einzureichen. Seit fünf Jahren schrieb sie Briefe an die Verwaltung, wenn meine Pflanzen mal schräg oder auch zu gerade waren. Gestern hatte ich die letzte E-Mail der Hausverwaltung gekriegt, wo sie das Entfernen eines kleinen Fliederbäumchens gefordert hatte. Es war mit einem Meter zu hoch gewesen. Mein Garten sollte immer so sein, wie sie ihn wollte und jede Blume da, wo sie sich die Sache vorstellte. Ansonsten…
Und ich trinke in Ruhe meinen Kaffee fertig. Lächelnd. Denn ab jetzt wird es keine Reklamationen mehr geben, weil nichts mehr da ist, was man totmotzen könnte. Ausser, vielleicht ist ihr jetzt der Rasen zu grün oder ich kriege eine Anzeige, weil ich meine Blumen ermordet habe. Ja, ich bin ein Blumentöter! Egal, die Ruhe ist die Sache wert. Und sollte ich Hilde nicht endgültig vom Hals haben, dann muss ich mir wohl etwas Neues überlegen.

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    Angenehm zu lesen. Symphatischer Stil! Starke Wendung! Hat Spaß gemacht! 5/5

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