Der Bund der Gestirne - Abend

Die Zeit schien still zu stehen. Diese Worte, ihr Klang, Maliks Geruch und Stimme. Killian hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Kälte breitete sich in seinem ganzen Körper aus, füllte seine Lungen und schien beinahe sein Herz lahmzulegen. Auch um ihn herum schien die Luft kälter zu werden. In seinem Kopf flackerten Bilder auf, die er nicht zuordnen konnte. Gedankenfetzen, die ihn verwirrten. Ohne es wirklich zu merken, gaben die Beine unter ihm nach. Malik, der mehr auf den Zweig geachtet hatte, als auf sein Opfer, schaffte es gerade noch ihn aufzufangen. Nur die guten Reflexe des Hauptmanns bewahrten ihn davor, mit dem Kopf auf dem Pflaster der Straße aufzuschlagen.
Ein Geist, er war ein Geist. Jedenfalls fühlte er sich schwerelos und leicht. Um ihn herum war alles neblig und kühl. Eigentlich ahnte er mehr, dass es kühl war, denn spüren konnte er nichts. Sehen auch nicht, riechen schon gar nicht. Killian sah sich um, doch da war nichts. Nicht einmal sein Körper war dort, wo er sein sollte. Hätte er eine Hand gehabt, hätte er sich wohl am Kopf gekratzt so blieb er einfach nur stehen oder besser schweben. Manchmal hatte er den Eindruck, Bilder oder Gestalten im Nebel zu erkennen, doch sicher war er sich nicht. Erst als er neben sich einen roten Schimmer bemerkte, konnte er Details erkennen. Ein paar verschwommene Zelte, Vieh und menschlich aussehende Wesen trieben durch einen roten Nebel um ihn herum. Als Nächstes hörte er einige leise Schreie, dann war es still und wieder einfach nur undurchdringlich neblig. Killian bekam Angst, es war, als würde ihm etwas die Kehle zuschnüren und doch regten diese Bilder etwas in ihm an. Etwas das er wissen sollte, etwas Bekanntes. Ihm wurde bewusst, dass er dies nicht das erste Mal erlebte. Eine deutliche Erinnerung von einem ähnlichen Traum, nein einer Vision im Wasser des Sees überschwemmte ihn wie eine eiskalte Woge.
Als Kind war er auf einer zu dünnen Eisschicht ins eiskalte Winterwasser des Sees eingebrochen und hatte nicht genug Kraft gehabt sich allein herauszuziehen. Immer wieder war er untergegangen und irgendwann war das Wasser leicht geworden, hatte ihn umfangen und beschützt. Rote Schlieren hatten sich zu Bildern verwoben, zu den gleichen Bildern, die der Nebel ihm zeigte. Keuchend kam er in dem Moment wieder zu Atem, als an einer Seite seiner Traumwelt langsam Sonnenstrahlen über den Rand zu wandern begannen. Er hatte nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Geblendet sah er in die roten Strahlen und hörte die Worte in sich widerhallen. Malkovri Deziro.

Dann war er zurück in seinem Körper. Um ihn herum wurde gefeiert, getrunken und die Ersten mehr oder weniger gut gelungenen Vorträge der Bundsuchenden wehten zu ihm herüber, er konnte den Körper des Hauptmannes an seinem spüren, dann wurde alles schwarz.
Malik hatte gar nicht bemerkt, dass der Mond sich langsam zu zeigen begann und das Fest somit auf seinem Höhepunkt zusteuerte, was bei diesem Fest bedeutete, dass es mehrere Höhepunkte in fast jedem Haus dieses mickrigen Ortes geben würde. Das Wetter war für den Spätsommer noch sehr gnädig. Es wurde zwar schneller dunkler und ein paar Blätter verirrten sich auf den Wegen, doch es war noch relativ warm. Seufzend warf er sich den leblos wirkenden Körper über die Schulter. Die dunklen Haare Killians hatten sich etwas aus seinem Zopf gelöst und schwangen im Takt von Maliks schweren Schritten. Killian wirkte zwar leblos, doch nachdem er Malik in die Arme gesunken war, hatte dieser sofort überprüft ob er ihn irgendwie, aus Versehen doch umgebracht hatte. Doch atmen konnte der junge Mann noch, außerdem zittern und vor sich hin schwitzen.
»Was auch immer ich falsch gemacht habe, einer von ihnen scheinst du nicht zu sein.«
Missmutig besah sich der Hauptmann der Roten Sonne seinen mysteriösen Zweig. Nichts war geschehen, nicht die kleinste Knospe oder ein Hauch von Grün. Wunderte ihn das jetzt? Nein, denn er hatte gar nicht wirklich damit gerechnet, das Killian einer von ihnen sein könnte, aber er hatte einfach sicher sein müssen.
»Ich bring dich jetzt irgendwohin und dann versuche ich es mit dem Nächsten und mache mir dann Gedanken darum, warum du zusammen geklappt bist. Vielleicht verträgst du auch einfach nichts.«
Etwas genervt sah er zur Seite und hatte somit einem guten Blick auf Killians Hintern. »Toll ich rede mit deinem Arsch. Ich brauche Urlaub.«
Nachdem Malik die etwas belebteren Ecken des Dorfes erreicht hatten, sah er sich unschlüssig um. Wenige schenkten ihm und seiner Last große Beachtung. An diesem Abend gab es einfach nichts Ungewöhnliches daran, wenn jemand bewusstlos hin und her getragen wurde.
»Du wirst langsam schwer Kleiner.«
Kurzentschlossen entschied Malik sich für eine Bank, die an einem der Brunnen stand. Sie war nicht annähernd groß genug, um Killian bequem dort ablegen zu können, doch es würde reichen müssen. Vorsichtig ließ er den bewusstlosen Mann auf das Holz gleiten und schob seine Glieder zurecht, bis alles in einer halbwegs angenehmen Position lag. Erst dann bemerkte er eine ältere Dame, die ihn misstrauisch von der Seite ansah. In ihrem faltigen Blick lag ein sehr vorwurfsvoller Ausdruck, als wüsste sie ganz genau, dass er für den Zustand des Dunkelhaarigen die Verantwortung trug.
»Ich hab ihn in einer Seitenstraße gefunden, er muss zu viel getrunken oder geraucht haben«, versuchte er sich zu verteidigen.
Die Augenbrauen der alten Dame hoben sich langsam, dann begann sie mithilfe ihres Gehstockes näher zu schlürfen. Nachdenklich betrachtete sie den Jungen, dann sah sie zu Malik.
»Seine Kleidung scheint unversehrt«, stellte sie mit trockener, etwas heiserer Stimme fest. »Das ist ein gutes Zeichen und spricht für deine Geschichte.«
»Glauben sie etwa ich hätte mich an ihm vergriffen? Wo es in dieser Nacht von willigen Männern und Frauen nur so wimmelt? Lassen sie ihn einfach liegen, der erholt sich schon. Gute Nacht.«
Mit diesen Worten und einem noch nachdenklicheren Blick auf Killian verneigte er sich höflich vor der Älteren und ging davon. Den stechenden Blick im Rücken konnte er fühlen. Nicht wie Nadelstiche, sondern wie ein ganzer Sack voller Dolche der sich in seinen Körper bohrte.

Im Wald indessen war Ruhe eingekehrt. Das Keuchen und Stöhnen war verstummt und die Halbelfe war schon dabei sich langsam wieder anzukleiden.
»Von Romantik nach dem Sex hältst du gar nichts oder? Du könntest auch einfach bei mir liegen bleiben und den Abend genießen.«
Jaroth fühlte sich gut, erleichtert und mächtig stolz auf sich. Es war selten, dass er mit einer Frau schlief und somit war er immer etwas unsicher dabei. Zum Glück schien es so, als hätte er das gut überspielen können, als sie beide praktisch übereinander hergefallen waren. Seinen sorgfältig geflochtenen Zopf hatte sie aufgelöst, sodass er nun malerisch auf einem Bett aus Moos und seinen eigenen hellen Haaren lag. Die exotischen Augen der Halbelfe blitzten amüsiert auf, während sie ihre Stiefel zu schnüren begann. Das durchsichtige weiße Kleid mit dem sie ihn verführt hatte, war praktischer Reisekleidung gewichen, die so hauteng war, dass sie fast so wenig Platz für Fantasie übrig ließ, wie das Kleid.
»Ich habe was ich wollte mein Hübscher. Jedenfalls hoffe ich das sehr, du hast dich sehr bemüht. Wenn nicht komme ich einfach wieder.«
Jaroth stieß ein Grunzen aus.
»Bemüht? Ich hab mich bemüht? Das klingt, als wäre ich ein Hund, der gelernt hat draußen zu pinkeln statt drinnen.«
Etwas gekränkt setze er sich auf und sah seine Kurzzeitgespielin ernst an.
»Nein etwas besser warst du schon. Nun schau mich nicht so an, ich fühle mich durchaus befriedigt und ich bin wählerisch.«
Mit wiegenden Hüften und nun vollständig bekleidet ging sie neben dem nackten Mann in die Hocke.
»Du bist ein besonderes Exemplar in meiner Liste Jaroth und wenn alles geklappt hat, wie ich es mir vorstelle, dann sehen wir uns vielleicht sogar einmal wieder.« Sie legte den Kopf einen Moment schief. »Nein, eigentlich sehen wir uns auch wieder, wenn es nicht geklappt hat. Zusammenfassend kann man also sagen, dies war nicht unser letztes Treffen.«
Der Weißhaarige sah sie mit irritierten Blick an und hob die fein geschwungenen Augenbrauen, bevor er daran dachte sich ebenfalls anzuziehen.
»Was genau meinst du damit?«
Keonas helles Kichern wirkte diesmal fast wie eine Ohrfeige.
»Nichts Bestimmtes. Dieser Abend mit dir war toll, denk nicht weiter darüber nach. So bin ich eben. Heiß und mysteriös. An mir sind schon andere Kerle verzweifelt.«
Es war Jaroth deutlich anzusehen, dass ihn die Worte nicht im Mindesten beruhigen konnten und doch beschloss er darauf nicht viel zu geben.
»Ja dann danke ich für dieses momentan einmalige Erlebnis.«
Er spürte noch ihre weichen Lippen auf seiner Wange, dann war sie verschwunden, genauso schnell wie sie gekommen war. Halb angezogen beschloss Jaroth, noch einige Zeit im Wald zu bleiben. Er wollte das matte und angenehme Gefühl in seinem Körper genießen und noch etwas auf seiner Querflöte spielen, bevor er sich ins Nachtleben des Dorfes stürzte. Vielleicht hatte er Glück und konnte noch eine Eroberung machen. Killian blendete er aus seinen Gedanken aus, heute würde er sich nicht die Stimmung vermiesen lassen. Nicht dieses Jahr.

Comments

  • Author Portrait

    Mysteriös. Keona scheint eine herausragende Rolle in dieser Geschichte zu genießen. Mir hat dieses Kapitel sehr gut gefallen. Sehr Mysteriös.

beta
Fairy Dust

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