Der Dämon, den ich rief

Der Dämon, den ich rief

Kira

Ich bin eine von den Guten. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute muss ich mich daran erinnern, um niemals zu vergessen, für welche Seite ich mich entschieden habe. Die meisten Dämonen werden nicht vor eine Wahl gestellt, ob sie gut oder ob sie schlecht sein wollen. Sie werden in ein Leben geworfen, dem sie sich zu fügen haben - oder sterben im Sumpf der Dunkelheit. Ich bekam diese Entscheidung, denn der Dämon, der mir begegnete, tötete mich nicht, obwohl er jedes Recht dazu besaß.
Ich konnte ihn nicht sehen, aber seine Gegenwart schwebte wie ein dunkler Vogel über meinen Gedanken. In meinen Träumen war ich diesen Pfad hunderte von Malen hinab gelaufen, in Wahrheit ging ich ihn zum ersten Mal. Aber ganz gleich, ob im Traum oder in der Wirklichkeit, ich ging ihn stets alleine.
Das Leben hatte mich mit seinen seltsamen Wendungen dazu verdammt, jeden Weg in meinem jungen Leben alleine zu begehen und ich wusste, dass es eines Tages in Ordnung für mich sein würde. Immerhin gab es William, und selbst wenn er nicht bei mir sein konnte, bedeutete er eine ganze Welt für mich.
Diesmal lief ich im Dunklen durch das Gras. Vergangene Nacht waren vereinzelt ein paar Schneeflocken gefallen, die sich lautlos auf Erde und Äste gebettet hatten.
Am Ende des Pfades blieb ich stehen und warf prüfend einen Blick über die Schulter zurück. Sanfte Böen bliesen Schnee über dürre Gräser hinweg und bogen Halme hinab zur Erde. Niemand folgte mir, außer der Stille, die bereits in den letzten Stunden mein Begleiter gewesen war.
Der Dämon bewegte sich nicht. Seit ich seine Gegenwart zum ersten Mal wahrgenommen hatte, ruhte sein Körper am selben Ort. Stille drang an meine geschärften Sinne, doch selbst jetzt, als ich ihm inzwischen nahe genug sein musste, um irgendetwas wahrnehmen zu können, regte sich nichts. Der Schnee dämpfte die Geräusche der Welt.
Ich war nicht einmal mehr sicher, dass der kurze, aber starke Impuls, der mich vor wenigen Stunden in die Wildnis gerufen hatte, von einem lebenden Wesen stammte. Mit gesenktem Kopf und den Händen in den Taschen des gefütterten Wintermantels duckte ich mich tiefer in die Gräser hinein und lauerte einem Feind auf, der möglicherweise gar nicht existierte.
Pulsierend gaben meine messerscharfen Sinne zarte Reizsignale an mein Bewusstsein ab. Mit aufgeblähten Nasenflügeln sog ich den Geruch des Dämons ein und lauschte dem Klopfen meines eigenen Herzens.
Er war nicht der erste Schattenkrieger, den ich jagte und er würde nicht der Letzte sein, aber jede Jagd barg einen eigenen, seltsam melodischen Charme, dem ich mich unmöglich entziehen konnte. Dämonen waren Jäger, waren Krieger und Beute. Sie bargen Krallen und Zähne, Klauen und Fangarme, Gifte und Zauberei und viele von ihnen waren begnadete Tarnungskünstler. Aber dieser Dämon war anders.
Seine Präsenz hatte mich urplötzlich überfallen und war scharf wie eine Pfeilspitze in mich eingedrungen und, obwohl ich einfach widerstehen und davonlaufen konnte, war ich in jenem Augenblick unfähig, meine Triebe zu beherrschen.
Im Vergleich zu den meisten Kreaturen, die ich jagte, war ich jung. Jünger als William. Mein Vorteil war der seltsame Duft, die eigenartige Präsenz, die Dämonen in meiner Gegenwart fühlten und das Gefühl, ihnen ähnlich zu sein. Meine Gedanken ließen in der Finsternis ein Lächeln über meine Lippen huschen. Ich wurde Dämonen zum Verhängnis, weil sie mich als eine von ihnen sahen, obwohl tief in meiner Brust ein lebendes, sterbliches Herz schlug, das mich mehr zum Menschen machte, als zur Bestie. Dieses Phänomen verdankte ich Kadra, der Dämonin, die sich am Tage meines Todes mit meinem sterbenden Leib vereinigt hatte, um selbst am Leben zu bleiben. Ihre Essenz, die Seele, wie sie es bezeichnete, existierte wie ein zartes Flüstern in meinem Bewusstsein und lauerte auf jede Gelegenheit, den Menschen in mir für eine Weile zu bezwingen.
Und manchmal ließ ich sie gewähren und gab mich dem wütenden Drängen des Untiers hin, nur um einen Moment lang nicht mehr der Mensch zu sein, der mir Tag für Tag aus dem Spiegel entgegen blickte.
Nach wenigen Minuten richtete ich mich auf und ließ den Blick über die Wiese schweifen. Die ungewohnt kalten Nächte Islands zauberten fremdartige Bilder auf meine Netzhaut. Sterne funkelten an einem unbekannten, dunklen Himmel, aber ihr Licht reichte kaum weit genug hinab, um den Pfad vor meinen Füßen auszuleuchten. Langsam lief ich weiter. Der Dämon bewegte sich noch immer nicht und der Wind blies sachte seinen Duft zu mir herüber.
Ganz gleich, weshalb sich die Kreatur nicht rührte, sie stank auf bedrohliche Weise nach Macht; Furcht konnte demnach nicht der Grund für sein Zögern sein. Ich kannte die Gerüche der Bestien. Viele, denen ich bislang begegnet war, waren mehrere Jahrhunderte alt. Der Älteste möglicherweise fünfhundert. Aber diese Kreatur roch nach dem Staub verblichener Epochen, nach Kreuzzügen und Götzenbildern. Nach einer Zeit, an die sich kein Sterblicher zurückerinnern konnte.
›Wenn du ihn riechen kannst‹, flackerte Kadras Stimme dünn in meinen Gedanken auf, ›dann weiß er längst, dass du ihm folgst.‹
Kadra wusste, wovon sie sprach. Sie war der irrational unmenschliche Teil in mir, die Kreatur, die sechs Jahrhunderte überdauert hatte und somit die älteste Kreatur, der ich je begegnet war. Dass wir uns nicht sonderlich nahe standen, hatte einzig und allein mit der Tatsache zu tun, dass sie mir ein Leben geschenkt hatte, mit dem ich nun zurechtkommen musste, selbst wenn dies nicht mein Wunsch gewesen war. Sie erinnerte mich mit jedem Tag, den ich lebte, an das Leben, das mir fortgenommen worden war. An meine Freunde, an Familie, an all die sterblichen Freuden, die mir ausgetrieben worden waren, als mich ihr Erscheinen zu einem dämonenähnlichen Wesen gemacht hatte; halb Mensch, halb Dämon. Zu dämonisch, um ganz Mensch zu sein und zu menschlich, um als Dämon durchzugehen. Ein Grenzwesen, das sich mit der sterblichen Welt nur noch wenig verbunden fühlte. Und dabei waren ihre Absichten rein gewesen. Vor mehr als dreißig Jahren war mein Körper in einem grässlichen Autounfall nahezu völlig zerstört worden. An jenem Tag hatte ich im Sterben gelegen und als die Lichter vor meinen Augen erloschen waren, hatte ich mich mit dem Schlimmsten abgefunden. Nur Minuten später war ich anschließend beinahe verblutet, mit unzähligen Knochenbrüchen und Prellungen in einer unbeleuchteten Seitenstraße aufgewacht und trug für den Rest meines Lebens einen Dämon im Herzen, den ich nicht kannte.
Danach war mein Leben aus den Fugen geraten. Mein Studium war gescheitert, meine Freunde mieden mich, und als mir endlich klar geworden war, dass ich das Monster in mir zwar verstecken, aber niemals bezwingen konnte, war ich vor meinem bisherigen Leben geflohen. Da ich nicht alterte, seit Kadra in meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr in mich eingedrungen war, stand mir jeder Teil der Welt offen. Ich war nach Japan gereist, in die eisigen Weiten der Antarktis gestürmt, hatte majestätische Berge erklommen und abgelegen am dänischen Strand gelebt, aber keine Umgebung hatte mich glücklich machen können, nicht einmal meine isländische Heimat.
Nur die Jagd erfüllte mein Herz mit solcher Freude, dass es schlug wie nervöse Schmetterlingsflügel. Kein anderes Gefühl drang so tief in mich ein, wie der Geruch eines Dämons und der Trieb, ihn zu jagen, zu fangen, zu töten.
Obwohl sie und ich ein und der gleichen Rasse angehörten, unterschied uns mehr, als nur das Herz, das in meiner Brust schlug.
Ich wollte keiner von ihnen sein. Mit jedem Tag, den ich lebte, wusste ich, dass ich nicht zu ihnen gehören wollte. In mir existierte ein dämonisches Herz, aber viel tiefer als das sanfte Pochen, wiegte der Drang auf, niemals zu vergessen, wer ich war.
Unter den Sohlen meiner Stiefel knackte ein Zweig. Energisch blieb ich stehen und ließ den Blick über die Wiese schweifen. Im Dunkeln zu sehen fiel mir leichter, weil ich mit scharfen Sinnen und tierischen Instinkten ausgestattet war und, dank Kadras Alter, einige erstaunliche Tricks vererbt bekommen hatte. Aber mein Körper reflektierte ihre Fähigkeiten nur mühsam und im direkten Vergleich würde ich einem geborenen Dämon immer unterlegen sein.
Hier jedoch reichte meine Sicht. Weit und breit ruhte nichts als Schwärze und bedrückender Ruhe in der Wildnis. Tiere kamen nicht hierher. Und es gab ohnehin nicht viele große Tiere, die mir hier gefährlich werden konnten.
Aber ich war Stunde um Stunde in die Ödnis des Hochlandes hinaus gelaufen. Hunger und Durst nagten an mir. Ein zarter Hauch des farbenprächtigen Nordlichtes erwachte in trostlose Finsternis hoch über mir und malte zauberhafte Farbreflexe in den tristen Nachthimmel. Ein Meer aus Grün, aus Blau und Lila, im ständigen Wechsel. Magisch, dabei zuzusehen.
Die Wildnis dieses kraftvollen Erdteils ließ mein Herz höher schlagen. Heimat, dachte ich, auch wenn es sich immer seltener so anfühlte.
Mit angehaltenem Atem nahm ich den Fuß von der verräterischen Lärmquelle und machte einen großen Schritt, weiter auf die Wiese hinaus. Das Gras stand hoch und einzelne Halme reichten mir hinauf bis zur Hüfte. Ich roch den Atem der Zeit, den Hauch der unberührten Wildnis. Blut tränkte die Erde. Dieser Ort roch gottverdammt. Verlassen. Sterbend.
Niemand lebte hier. Die wenigen verirrten Seelen, die in diesem Teil des Landes lebten, suchten diese Ödnis, wie Motten das Licht. Sie sprachen ihr Eigenschaften zu, die kein Mensch erdulden konnte, und gerade deshalb liebten sie das Leben abseits der Städte, des Lärms, der bunten Lichter und schrillen Geräusche.
Unsicher machte ich den nächsten Schritt, wartete einen Augenblick und lief weiter. Ich bildete mir nicht ein, dass ich mich an den Dämon heranschleichen konnte. Wenn sein Duft nur annähernd verriet, wie alt er war und wie viel Macht er besaß, wusste er bereits, seit ich losgelaufen war, dass ich existierte und auch, dass ich ihm langsam näher kam. Dass er sich nicht bewegte, konnte nur ein Spiel sein. Eines, das er, ganz gleich wie viel Mühe er sich gab, einfach gewinnen musste. Und dennoch siegten meine Triebe. Ich lief hoch aufgerichtet dem Verderben entgegen.
›Lass das!‹, fluchte Kadra und rollte sich wie ein Hund unter meinem Herzen zusammen. ›Niemand stirbt heute Nacht. Du musst rennen, wenn er dich jagt. Verstehst du?‹
Natürlich verstand ich, aber der pulsierende Reiz in meinem Gehirn hatte mich längst alle Zweifel abschütteln lassen. Ich machte Jagd auf einen Dämon, der nicht aus diesem Jahrtausend stammte.
Da Dämonen mit zunehmendem Alter Fertigkeiten erlernten, die ihnen im Laufe ihres langen Lebens zur Anpassung, zur Flucht oder zum Angriff dienten, besaß ein Krieger in diesem Alter schier unendliche Möglichkeiten.
Durch Kadras Anwesenheit besaß ich ebenfalls Fähigkeiten, die mich übermenschlich machten. Eben jene, die sie damals als Dämon besessen hatte. Keine großen Fertigkeiten, doch hin und wieder nützliche Gaben. So beherrschte ich dann und wann die Gabe, meine äußere Hülle zu verändern. Kadra selbst war ein Gestaltwandler gewesen und hin und wieder gelang es mir, auf diese Fähigkeit zuzugreifen. Leider ausschließlich in tierische Formen. Sie ließ nicht zu, dass ich die Gestalt eines Menschen annahm, weil Dämonen niemals in die Gestalt eines Menschen schlüpften, aus Angst, dass der verfallende Körper, sie mit in den Abgrund riss. Und da ich nicht genau wusste, wie viel Dämon in mir steckte, bestand stets die Gefahr, dass ich meine Kräfte überschätzte. Die Dämonenwelt hatte einen Namen für mich gefunden. Obwohl ich kein geborenes Halbblut war, akzeptierten sich mich als Halbdämonin, denn niemand wusste um mein Geheimnis. Sie alle registrierten lediglich, dass ich sowohl menschlich, als auch dämonisch war.
Ich machte mir keine Sorgen vor meinen Wandlungen. Zu jeder Zeit und in jeder Gestalt wusste ich, wer ich war.
Plötzlich blieb ich stehen. Eine Sternschnuppe zog vor dem Sternenhimmel dahin und erhellte für einen kurzen Augenblick das Feld. Ein Blitz inmitten des Regenbogens. Und als es über den weißen Flächen wieder dunkler wurde, zeichnete sich am Horizont ein seltsames Bild ab. In der Ferne hoben sich die Konturen eines gewaltigen, blätterlosen Baumes gegen den Nachthimmel ab. Zweige tanzten im Wind und auf einem der Äste, einem starken, kurzen, saß eine große, finstere Gestalt mit wehendem Haar. Inmitten eines Strudels aus grünen, wechselnden Lichtern.
Eine Welle schlug mir entgegen. Der Geruch elektrisierte meinen Körper und zauberte Gänsehaut auf meine Arme. Selbst unter dem Mantel, unter T-Shirt, Hose und Mantel fror ich. Auf haarigen Spinnenbeinen kroch die Furcht durch meine Venen und versetzte meinen Körper in die gewohnte, grollende Ekstase.
Der Dämon war ein Schatten, ein Umriss, noch viele Meter entfernt von mir und dennoch zog mich seine Aura augenblicklich in ihren Bann. Ich trat einen Schritt näher, dann noch einen und seine Gegenwart prickelte auf meiner Haut. Was ich bereits in weiter Ferne wahrgenommen hatte, prasselte nun wie ein Feuerwerk auf mich nieder. Er lebte, er atmete - ich spürte über die Entfernung seinen Blick auf mir ruhen, aber selbst jetzt, nachdem ich mich unfreiwillig für ihn zur Beute gemacht hatte, bewegte sich die Kreatur nicht von der Stelle.
›Sei vorsichtig!‹
Ein Zischen erklang, dann erhellte ein blassgelbes Licht für Sekunden die Zweige des Baumes und kurz darauf drang eine weitere Geruchswolke zu mir hinüber. Der Gestank von Tabak und Feuer verklebte meine Riechzellen.
Mit einer langsamen Geste hob der Dämon die Zigarette an seine Lippen. Grauer Rauch stieg aus seiner Lunge auf und vermengte sich in fast undurchdringlicher Finsternis mit den Schatten der Nacht. »Ich kann deine Angst riechen.« Samtweich schmiegte sich die fremde Stimme um meine Brust, um mit derselben Klarheit, mit der sie mein Bewusstsein erreichte, meinen Atem einzuschnüren. »Ich konnte dich riechen, draußen in der Stadt, am Fluss und hier, in der Leere des Raums.« Ein kühles Lächeln, welches meinen Augen beinahe verborgen blieb, zog seine Mundwinkel nach oben und kurz darauf veredelte er seine Drohung mit einer weiteren Rauchwolke, die dem Himmel entgegen stieg.
Mein Herz raste, schlug schneller als je zuvor. Er, der Gejagte, lauerte in den Schatten und war zum Jäger geworden, mit Geduld und Reglosigkeit. Eine düstere Bedrohung entstieg seinem Duft; ein Hauch von Schwere und Düsternis. Er lächelte nicht mehr, als sich sein Leib langsam straffte. Doch zu meiner Verwunderung bewegte er sich noch immer nicht. Und dann spürte ich eine Wirklichkeit, hart wie einen Stich in meine Brust. Was ich roch, neben seinem Alter, seiner Kraft und seinem Leben, war ein schwer metallischer Duft, der wie ein Untier in seiner Nähe lauerte.
»Verschwinde von hier«, knurrte er mich an. »Bevor ich vergesse, welchen Eid ich mir geschworen habe.«
Aber seine Drohung vermischte sich mit dem beißenden Geruch und so fasste ich neuen Mut, machte einen Schritt auf ihn zu und betrachtete lange Zeit stumm seine Gestalt. »Welchen Eid hast du geschworen?«
»Du tust besser daran, nicht zu bleiben, bis ich es dir verrate.«
In den Halbschatten der Nacht sah ich seine Umrisse klarer und machte einen weiteren Schritt in seine Nähe. Die langen, schwarz gekleideten Beine des Dämons waren angewinkelt und ruhten mit leichtem Druck auf demselben, schneeverhangenen Ast, auf dem er saß. Sein Rücken lehnte am Stamm und selbst in der Finsternis sah ich, dass sein Haar unendlich lang zu sein schien und unter silbernen Schneeflocken glänzte, wie Silber.
Sein Blick folgte mir mit jedem Schritt. Wenige Meter vor dem Baum blieb ich stehen. Eine Woge aus Kühle schoss auf mich zu und ließ mich mit beiden Armen meinen Leib umklammern.
»Bist du..«, begann ich leise, schluckte meine Angst hinunter und versuchte es wieder. »Ich meine, haben Menschen dir das angetan?«
»Mir was angetan?«, feixte die Kreatur und verschwand hinter einer Wolke aus dichtem Nebel.
Ich zögerte. Das Spiel, das er spielte, war gefährlich und ich konnte nur noch jetzt die Beine in die Hand nehmen und laufen, ehe ich an seinen Geruch verloren war und ihm so nahe sein musste, dass er nur noch die Hand zu heben brauchte, um mich auszulöschen.
»Ich rieche dein Blut«, wisperte ich und kniff die Augen zusammen, um sein Gesicht besser sehen zu können, aber Haare verbargen mir die Sicht auf seine Augen. »Du bist verletzt.«
»Das«, griff der Dämon mit samtweicher Stimme und brachial hartem Unterton meine vorangegangene Frage wieder auf, »haben keine Menschen getan.«
Er lachte und kurz darauf wurde der Geruch intensiver. Ich kniff die Augen zusammen und bemerkte beiläufig, dass er sich noch immer nicht rührte; nichts bewegte, außer seinem Arm. Ich war nicht sicher, ob er zu schwach war, oder ob ihm der Schmerz weitere Bewegungen unmöglich machte, aber mein Jagdtrieb erschlaffte und plötzlich empfand ich eine andere, bedrohliche Furcht.
Ich war hier, unendlich weit entfernt von irgendwelchen Menschen, die mich finden und mir zur Hilfe kommen konnten, mutterseelenallein mit einem Dämon, der verletzt, schwach und möglicherweise absolut nicht wählerisch war, was seine Beute betraf. Und der bereit war, Stunde um Stunde auf sie zu warten. Ein Tier, das in die Enge getrieben war, war zu allem fähig und ich hatte ihm im Notfall nichts entgegenzusetzen.
Allmählich wurde meine Lage bedrohlich. Ich brauchte Zeit, um nachzudenken und solange er mit mir sprach, würde er mich nicht angreifen.
»Wer dann? Wer hat dir das angetan?«
»Was kümmert dich, wer mir irgendetwas angetan hat? Du bist umsonst gekommen, Kleine. In mir ist noch immer genug Leben, um dir jeden Knochen zu brechen, bevor du auch nur eine Hand nach mir ausgestreckt hast.«
»Wäre das nicht längst geschehen, wenn du es gewollt hättest?«
Mit einem Grinsen schüttelte der Dämon sein langes Haar und unter der glatten Mähne kamen zwei funkelnde Augen zum Vorschein, so seltsam, so schön, so alt wie die Mysterien der Welt. Das Nordlicht über uns zauberte die ganze Farbenpracht des Regenbogens in seinen Blick.
Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Augen, in denen man sich verlieren und sterben konnte. Unendlich schön, wahrhaft tödlich. Der Werkzeuge eines geschickten Jägers.
Er strahlte etwas Majestätisches aus, namenlos finster; eine Kraft, für die es in der modernen Welt keine Worte, für die es keine Beschreibung gab, und doch schwebte es unsichtbar um seine Gestalt. Aus seinen Haaren fielen Schneeflocken. »Kluges, kleines Dämonenmädchen. Wahrscheinlich wäre es so.« Eine weitere Rauchwolke vernebelte seine Gestalt und dann fiel der Glimmstängel zu Boden und glühte langsam aus. Im Schein der zu Boden sinkenden Flamme, fiel ein Schatten auf sein Gesicht und enthüllte ein Detail, das mir bislang verborgen geblieben war: Etwas steckte in seiner Brust.
»Aber du bist das erste Geschöpf, das ich seit Tagen sehe und selbst wenn der Gedanke, dein Blut im Schnee glitzern zu sehen, absolut verlockend ist, bin ich an diesen Baum gekettet und blute hier langsam vor mich hin, so lange, bis es vorüber ist. Bist du hier hergekommen, um den Tod in mir zu finden? In diesem Fall muss ich dich leider enttäuschen. Ich werde dir diese Last nicht abnehmen können.«
»Nein.« Ich seufzte.
Kadra erwachte. Mit Nachdruck schob sie mich den letzten Schritt an den Baum heran. Mit dem Rücken sank ich gegen den Stamm und blickte zu Boden. Der Dämon über mir regte sich, aber selbst, als ich dachte, er würde mich angreifen, neigte er sich nur ein wenig vor, um mich besser sehen zu können.
»Hast du einen Namen?«
»Ich heiße Kira.« Ich hatte die Hand gehoben und knabberte mit den Zähnen ein Stück Haut von meinem Nagel. Diese Szenerie wirkte so bizarr, dass ich nicht wusste, was nun richtig gewesen wäre. »Welchen Eid hast du dir geschworen?«
»Mein Gegenüber ausreden zu lassen, bevor ich es töte.« Er lachte leise, aber es klang nicht böse, sondern aufrichtig amüsiert. Ein wenig zynisch, verloren. Etwas stimmte nicht mit ihm.
»Kann ich irgendetwas tun, um dir..« Zu helfen? Ihm? Einem Dämon, der so viel Macht besaß, dass er mich wie ein Streichholz zerbrechen konnte?
Ein Schnauben erklang in den Ästen über mir. »Nein.« Die Kleider des Dämons raschelten und kurz darauf fiel etwas von hoch über mir zu meinen Füßen in den Schnee und wirbelte ihn auf.
Erschrocken sprang ich zurück, bis ich bemerkte, dass es nur die halbvolle Schachtel Zigaretten war, die ihm aus der Hand gefallen sein musste.
Ich hörte ihn seufzen. Das Schicksal konnte hinterhältig sein. Besonders an Tagen wie diesen. »Jetzt«, begann er leise, »kannst du etwas für mich tun.«
Ich hob die Schachtel auf, fasste all meinen Mut zusammen und wandte mich dem Baum zu. Für einen Rückzug war es ohnehin zu spät. Und William mich gelehrt, niemals vor einem Wesen wegzulaufen, das schneller war, als ich.
Geschickt, wie es für Dämonen üblich war und mit unmenschlicher Leichtigkeit, krabbelte ich Ast für Ast hinauf, bis mich nur noch wenige Zentimeter vom Körper des Dämons trennten und sein Geruch wie ein Urbiest in meinen Adern brüllte. Ich wollte es nicht, wollte seinen direkten Blick vermeiden, aber als ich mich mit den Armen auf den Ast zog, auf dem der Fremde saß, hoben sich meine Augen wie von selbst und blickten in Augen, die Jahrhunderte gesehen hatten. Der Mann, der vor mir auf dem Holzgrund saß, war groß, langhaarig und, wie ich nun deutlich erkannte, von seltsam wilder Schönheit. Sein langes Haar war glatt und braun, möglicherweise auch blond. Es war hell und schimmerte sanft im kühlen Mondlicht. Sein Gesicht war schmal geschnitten, wie auch der Rest seiner Gestalt, die unter einem schwarzen Umhang verborgen war, der seinen Körper unter sich verschlang. Das Seltsamste an ihm waren seine Augen. Wolfsaugen. Und die Tatsache, dass ich diese Augen bereits tausend Mal im Traum gesehen hatte.
Animalische Augen. Das rechte Auge, grün wie Efeu, hart und überirdisch, während das linke von Zartem hellbraun war und mich an die klugen Perlenaugen eines Rehs erinnerte. Er war zweifelsohne wunderschön und von einer Aura der Stille umgeben, die mich frösteln ließ. Frösteln, wie der Speer, der quer durch seinen Leib gestoßen worden war und auf der Rückseite des Baumstammes wieder zum Vorschein kam.
Träge streckte er die Hand so weit vor, wie die Waffe in seinem Herzen ihm zugestand und ich ließ, noch immer gebannt von seiner Anmut, die Zigaretten hineinsinken.
»Mein Name ist Varek«, raunte er mir zu, nahm einen Glimmstängel aus der Schachtel und schob die anderen wieder unter seinen Umhang zurück. Sofort protestierte der Stahl, mit dem seine Handgelenke umschlossen waren, und sprühte Funken. Aber der Dämon ignorierte den zickigen Bann und wandte sich mit ganzer Hingabe der Zigarette zu.
In meiner Brust horchte eine neugierige Stimme auf. Kadra bewegte sich. Aus ihrer Isolation wurde ein wachsames Ruhen und dann überfiel sie mich mit einem Gefühl, das ich nicht kannte.
Varek hob die Hand und von seiner Fingerspitze sprang ein Funken über, der den Tabak in der Zigarette mühelos entflammte. Sein Gesicht verschwand hinter einer Wand aus Nebel und bitter riechendem Dunst.
Als es wieder zum Vorschein kam, verzog Schmerz seine Mundwinkel. Ich senkte meinen Blick hinab zu jener Stelle, an das verschneite Ende des Speers aus seiner Brust ragte. Auch wenn ich kein Blut sehen konnte, verrieten mir meine geschärften Sinne, dass es floss. Dass sein Hemd sich damit vollgesogen hatte, und er bereits genug davon verloren hatte, um sich müde und kraftlos zu fühlen.
Der Speer hatte sein Herz durchbohrt. Und er lebte dennoch. Ich kannte Dämonen. Ich wusste, eine Verletzung wie diese hätte ihn töten müssen. Wieso war er nicht gestorben?
Mühsam folgte er meinen wachsamen Augen, ließ den Kopf gegen den Stamm zurücksinken und nahm einen tiefen Tabakzug. »Bestrafung«, beantwortete er träge meine unausgesprochene Frage und blies mir ungehalten den Rauch ins Gesicht. »Immer weiter bluten, ohne daran zu sterben. Der Stoff, aus dem Märchen gemacht werden, nicht wahr?«
»Du kannst ihn nicht ziehen?« Meine Worte bebten. »Du kannst mir alle Knochen brechen, ohne mich zu berühren, aber bist nicht im Stande, diesen Speer zu ziehen und dich von dieser Qual zu befreien?«
»Ich wollte es. Ich habe es versucht, und als es nicht funktionierte, wollte ich den verfluchten Baum niederbrennen.« Sein Lächeln versiegte, aber der Schmerz darin nagte so beharrlich an seinem Inneren, dass ich ihm nach wie vor in seinen Augen nachspüren konnte. »Aber manche Bannsprüche sind hartnäckig und dieser ist so gewoben, dass ich ihn unmöglich alleine zerbrechen kann.«
»Wer hat dir das angetan?«
»Du und ich«, begann er müde, »wir wissen beide, dass ich dir nicht sagen muss, für welches Vergehen ich bestraft wurde, oder von wem. Und ich weiß, dass du nicht gekommen bist, um dir meine Geschichte anzuhören, die ich, nebenbei, auch nicht erzählen möchte. Welche Rolle spielt noch, wer mich hier festhält, solange es ihm gelingt?«
Als Kadra sich regte und zuckend ein vertrautes, warmes Gefühl in meinen Leib entließ, fühlte ich eine seltsame Vertrautheit in mir aufsteigen. Ein Gefühl, das mich entspannte. Sie sagte mir durch ein Wissen, dem ich trauen konnte, dass im Augenblick keine Gefahr von diesem Dämon ausging.
Dann plötzlich nahm er einen tiefen Zug von seiner Zigarette und kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Sind wir einander vertraut? Möglicherweise aus einem anderen Leben?«
In meiner Seele regte sich die unruhig gewordene Dämonin. Etwas war nicht in Ordnung. Ganz und gar nicht in Ordnung. So wild gebärdete sie sich niemals. Nie. Beschämt blinzelnd sah ich fort.
»Nein.« Ich zog mich zurück von ihm, Zentimeter für Zentimeter, bis meine Hände ins Leere stießen und ich verstand, dass es kein Weiterkommen mehr gab. »Nein, ich denke nicht«, sagte ich prompt. »Also?«
Ich nahm all meinen Mut zusammen und streckte ihm die Hand entgegen, berührte den Speer. Varek zuckte, bewegte sich aber nicht. Er konnte nicht. Gefesselt und gebunden war er schwächer, als sein Mundwerk erahnen ließ und ich bezweifelte, dass er in seiner Situation fähig dazu war, ungeheure Kräfte zu entwickeln. Er spannte sich, hob den Blick zu dem meinen herauf und sein Atem versiegte lautlos.
Ich sah ihm an, dass er nicht dumm war. Naiv genug, mir zu drohen, vielleicht. Einfältig genug, mich zu provozieren, möglicherweise. Aber nicht dumm genug, nun irgendetwas zu sagen oder zu tun, das mich dazu veranlassen könnte, ihm durch den Speer in meiner Hand Schmerzen zuzufügen.
Er erstarrte, kaum dass meine Hand die Waffe streifte. Und in diesem zerbrechlichen Augenblick begriff ich, dass ihn zu töten keinen Sinn machte. Wenn er hier blieb, starb er ohnehin früher oder später. Und irgendetwas an ihm sagte mir, dass es falsch wäre, in den Lauf der Dinge einzugreifen.
Plötzlich wendete sich das Blatt und nun war ich diejenige, die ihm mit einer einfachen Handbewegung die Hölle auf Erden bereiten konnte. Ich wollte es nur nicht mehr.
»Also was?«, hakte er nach, reglos, völlig starr, solange ich das Werkzeug seiner Qual berührte. Der Speer durchdrang sein Herz und ich hörte es nur sehr schwach schlagen. Es ließ den Speergriff vibrieren. Wie tief war der Riss in seiner Brust und wie schwer waren die Verletzungen seiner Organe? War dieser Stich möglicherweise selbst für ihn absolut tödlich? Ahnte er, dass sein Leben endete, wenn man den Fremdkörper aus seiner Brust entfernte?
»Wer hat dich bestraft und hier zurückgelassen?«
»Eine verschmähte Frau?« Er schmunzelte zynisch, aber ich war mit sicher, dass seinen Worten eine gewisse Wahrheit innewohnte. »Es spielt keine Rolle, wer. Du wirst dein Leben behalten. Ist das nicht genug Glück für einen miserablen Abend?«
Ja, das war es wohl.
»Liegt der Bann, von dem du gesprochen hast, auf diesem Speer?«, wechselte ich das Thema und musterte mit zusammengekniffenen Augen den Speer. Und wieso interessierte mich das überhaupt? Ich kannte ihn nicht. Ich wollte ihm nicht helfen. Wieso kümmerte mich sein Schicksal plötzlich?
Ich neigte den Kopf leicht zur Seite, bewegte ihn hypnotisch. Für einen Moment war mir, als hätte ich einen Schein auf dem Holz wahrgenommen, der sich wie Schriftzeichen auf meiner Netzhaut abgezeichnet hatte. Doch sobald ich versuchte, den Schimmer klarer zu erkennen, verschwand er wieder. Und doch fiel mir, während ich die Waffe taxierte, etwas an ihr auf. Sie bestand nicht aus Holz. Sie war aus einem langen, hohlen Knochen gefertigt, der zu seinem Ende hin spitz zugeschliffen war. Eine perfekte Arbeit. Etwas Altes, das man so heute gar nicht mehr fertigte.
Ein düsteres Funkeln trat in seine heterochromatischen Augen und verlieh ihnen einen nahezu unbestechlich reinen Glanz. In ihnen spiegelte sich das Himmelstreiben hinter mir wie auf der Oberfläche eines Flusses. »Möglicherweise.«
»Ist diese Wunde tödlich?«
»Vielleicht. Wer weiß das schon?«
»Oh.« Abrupt ließ ich die Hand vom Speergriff sinken und lehnte mich zurück. Plötzlich schämte ich mich beinahe, einen Sterbenden so auszufragen. Aber in seiner Nähe empfand ich eine schier unfassbare Neugier. Er war zweifelsohne das älteste Wesen, dem ich je begegnet war, und vielleicht je begegnen würde. »Das tut mir leid.«
»Das muss es nicht. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich diesen Ort nicht lebend verlassen werde und je näher der Zeitpunkt rückt, desto leichter fällt es mir, endlich loszulassen. Für jeden von uns kommt eine Zeit, in der wir uns verabschieden müssen. Niemand lebt ewig.« Ich sah, wie er mich anblinzelte und spürte, wie sich binnen Sekunden etwas in seinem Blick veränderte. Als hätte er sich eine unausgesprochene Frage selbst beantwortet. »Es sei denn …«
Etwas packte mich, obwohl er sich nicht bewegte. Eine Macht, so viel größer als ich selbst, hielt mich wie in einem Schraubstock gefangen. Das Blut in meinen Ohren rauschte und in diesem Moment wusste ich, dass etwas zwischen uns war, das ich nicht bekämpfen konnte. Etwas, das so alt war, dass es keinen Namen besaß und keine Macht der Welt dagegen ankämpfen konnte.
»Varek..«, murmelte ich, während die Furcht ihr Übriges dazu beitrug, meine Glieder zu lähmen. »Bitte nicht.«
Er schmunzelte. »Wusste ich’s doch. Das ist mein Blut in deinen Adern, mein Lebenshauch in deinem Herzen.« Er setzte sich auf, straffte jeden Muskel. »Und jetzt«, erklang seine Stimme, während sich sein Blick in meinen fraß. Ich sah, wie sich seine Iris verformte, bis sie schmal und schlank wie die im Inneren eines Katzenauges wurde und Taubheit meinen Geist gefangen nahm. »Zieh den Speer.«
Mein Magen rebellierte. Ein Keuchen entfuhr meinen Lippen. Ich beugte mich vor, ganz langsam, denn ich hatte keine Wahl. Mein Verstand kribbelte. Ich hob die Hand, versuchte, mich selbst aufzuhalten und spürte, wie es mich mehr und mehr lähmte. Ganz seinem Willen untergeordnet schlossen sich meine bebenden Hände um den Speer. Ich sah in seine Augen und wusste, dass ich den Fehler nie wieder gutmachen konnte, den ich nun begehen würde. Keuchend zerrte ich an der Waffe und der Dämon fuhr zusammen, als die Waffe knirschend aus seinem Fleisch glitt. Blut begann in Strömen über seine Brust hinab zu rinnen. Er stürzte nach vorne, bekam den Ast, auf dem er saß zu fassen und presste behutsam die rechte Hand auf die heftig blutende Wunde.
Seine Lippen kräuselten sich hinter einem seidenen Vorhang aus braunem Haar zu einem gequälten Lächeln. Was darauf folgte, geschah unglaublich schnell. Mit einem Schlag fiel der Bann von mir ab und nacktes Entsetzen flutete meine Venen. Plötzlich beugte er sich vor, und ehe ich reagieren konnte, fiel der Speer aus meinen Händen ins weiche Gras unter unseren baumelnden Füßen und er hielt meine Handgelenke in seinen Fingern. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie eine kleine, unbedeutende Flamme aus dem Inneren des Speers drang und ihn binnen Sekunden in ein kleines Häufchen Asche verwandelte. Sein Blick brannte sich in meinen und dann setzte er sich langsam auf, zupfte sein Hemd zurecht und strich sich das Haar zurück. Seine Augen wurden schmale Schlitze, seine Lippen verzogen sich zu einem bittersüßen Lächeln und dann zog sich Kadra so schlagartig zurück, dass es mir den Atem verschlug und mich beinahe vom Baum gerissen hätte.
»Was hast du mit mir gemacht?«, flüsterte ich, während ich nur mühsam die Tränen zurückhalten konnte. Ich fühlte mich schwer. Benutzt. Nie zuvor hatte ein Bann auf mir gelegen.
»Gar nichts. Du musst jetzt gehen«, fiel er mir ins Wort. »Sofort. Je weiter du dich von diesem Ort entfernst, desto größer sind deine Chancen, am Leben zu bleiben. Es war mir eine Ehre, dich kennen gelernt zu haben.« Seine undurchdringliche Miene verzog sich zu einem fast schiefen, dämonischen Grinsen. Behutsam griff er nach meiner Hand und bettete ganz flüchtig seine Lippen auf meine eiskalten Fingerknöchel. »Vertrau mir nicht. Ich weiß genau, wer du bist. Ich kenne die Energie, die du in dir trägst, weil sie aus meiner geboren wurde. Überall auf dieser Welt würde ich sie wieder erkennen. Selbst wenn ich blind wäre. Und nun verschwinde von mir, verschwinde von diesem unheiligen Ort! Du musst Kadra in Sicherheit bringen. Versprich es mir.«
Ich nickte, aber ich fühlte mich noch immer wie gelähmt. »Warte!«, fuhr ich auf, als mir klar wurde, was ich soeben getan hatte. »Du kannst doch nicht-«
Dann war er verschwunden, urplötzlich, und der Ast, auf dem er gesessen hatte, an dem noch immer sein Blut klebte, war leer.

Comments

  • Author Portrait

    Deine Story fängt wirklich interessant an. :) Bin gespannt!

  • Author Portrait

    Wow. Mich zum Lesen hinzureißen ist aufgrund meiner Zeitknappheit schwer, doch deine ersten Zeilen haben mich schon gefesselt. Ich bin nicht weit gekommen, doch ich werde wieder kommen, denn dein Dämon hat mich gebannt :) Kompliment und weiter so, das Ende wird dann auch noch ein Klacks :) Ist das hier auch eine Reihe?

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media