Der erste Tag

Ich machte mich bereits sehr früh auf die Suche nach meiner neuen Schule. Es war schlimm genug mitten im Schuljahr aufzukreuzen, dazu noch zu spät zu kommen käme ADHS gleich; und darauf konnte ich logischerweise getrost verzichten. Ich war bereit für den vertrauten Auftritt der Neuen, die erst einmal nichts Anderes zu tun hatte als ihren Namen zu nennen und Schularbeiten zu leisten. Das was unweigerlich danach kommen würde, daran versuchte ich gar nicht erst zu denken – vor allem weil ich nicht genau wusste, ob es an diesem Ort eher später oder früher zu erwarten war.

Mit düsterem Emo-Rock im Ohr, fuhr ich mit dem Bus vor meiner Haustür einige Stationen in die Innenstadt, von wo aus ich mithilfe eines Stadtplans die für ein solches Örtchen wie Hogsville typisch eigenartigen und angestaubten Straßennamen ablief – in der Hoffnung, bei den anderen wenigen frühen Vögeln nur die minimale Aufmerksamkeit zu erregen. Heute morgen hatte ich zu diesem Zweck in der Wahl meiner Kleider besonders streng darauf geachtet, meinem neuen Umfeld nicht unnötig viel Grund zu geben, mich als Freak und Störenfried abschreiben zu können: unter meiner dunkelroten Lederjacke trug ich einen schwarzen Pullover zu einer schwarzen Cordhose. Nur meine Punker-Stiefel, deren Schäfte sich unter den weiten Hosenbeinen versteckten, konnten bei Belieben als Provokation aufgefasst werden – neben meinem Makeup natürlich, aber selbst das war heute nicht ganz so ausladend und mystisch, wie ich es sonst gern trug. Komisch kam es mir schon vor, wie sehr ich mir aus bloßer Angst vor Ablehnung ein Bein ausriss und mich verbog. Da war ich mal ich und konnte doch nicht ganz ich sein. Vielleicht war ich einfach nicht mehr in der Lage, zu Hundert Prozent ich zu sein; vielleicht musste immer irgend ein Teil an mir falsch sein. Wenn es nicht mein Name war, dann eben mein Outfit und mein Makeup. Eine Art unheilbare und bis dato unterbewusste Selbstverleugnung.

Diese meine jüngste Erkenntnis verlor jedoch sofort an Bedeutung und Gewicht, als ich den ersten Fuß durchs Tor und auf das Schulgelände setzte. Denn ich konnte an nichts Anderes mehr denken, als daran, wie und ob ich diesen Tag bloß hinter mich bringen konnte. Es war Ende September, die Schüler meiner Stufe hatten die letzten zwei Monate damit zugebracht, sich aufeinander einzustellen und vom Neubeginn wieder zur gewohnt langatmigen Routine zurückzukehren. Und mittendrin nun ich. Neu. Brandheiß. Außenstehend, und daran – so wahr mein Name Sera Knockwood war – würde sich so schnell nichts ändern. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend marschierte ich über den Hof, auf dem um Viertel nach sieben schon die ersten Schülergrüppchen herumstanden, und betrat das braune Gebäude, von dem ich glaubte, dass es das Hauptgebäude war. Im Foyer erwartete mich bereits ein überaus grimmig dreinschauender, dürrer Mann mit grau meliertem Bart und einer Kaffeetasse in der Hand. Die Arme hatte er wie ein Türsteher vor der Brust verschränkt. Ich schluckte.

„Einlass erst um Dreiviertel Sieben“, informierte er mich kurz angebunden und so streng, dass alle Widerrede ausgeschlossen war. Anstatt ihm also zu erklären, dass ich neu war und mich im Sekretariat melden sollte, ging ich wieder nach draußen, stellte mich auf die paar Stufen davor und wagte es, mir das Gelände etwas genauer anzusehen. Ein offener und spärlich mit Bänken und Bäumen bestückter Hof – erinnerte etwas an den eines Gefängnisses, nur ohne meterhohe Umzäunung und Überwachungskameras. Keine Versteckmöglichkeiten oder einfach nur ein Ort, an dem ich meine Ruhe hatte und außer Sichtweite war. Wo würde ich wohl die nächsten Wochen meine Frist absitzen? Auf einer der Bänke? Hier auf den Treppenstufen? Ich seufzte innerlich und zwang mich von diesen Gedanken weg und hin zur unauffälligen Musterung meiner neuen Mitschüler. Trotz des hinterwäldlerischen Gesamteindruckes der Stadt, schienen technische Neuerungen und Trends im Allgemeinen nicht komplett an ihr vorüberzuziehen. Im Gegenteil: Die Jugendlichen, die so früh schon eintrafen, waren allesamt auf dem aktuellen Modestand und mit Kopfhörern und den neuesten Handys ausgestattet, mit denen sie sich auch zu meinem Glück konzentriert beschäftigten. Ganz so stark musste ich meinen Stil also nicht abmildern – wenn sie Internet und Kabelfernsehen hatten, sollten sie in solchen Dingen eigentlich ja so tolerant wie Großstädter sein. Trotzdem, nach vergleichbaren Punks wie mir suchte ich vergebens. Kein Goth, nicht mal ein Skater in Sicht; aber es war ja auch noch früh.

Gerade als ich diesen Gedanken verabschiedet hatte, tänzelte – anders konnte man diese leichtfüßige, unbekümmerte Art zu gehen einfach nicht nennen – die Ironie höchstpersönlich in Gestalt eines jungen Mädchens durchs Schultor. Es war als beträte sie eine Bühne und alle Scheinwerfer wären mit einem Mal auf sie gerichtet, denn alle Anwesenden drehten regelrecht ehrfürchtig, wie es mir schien, ihre Köpfe in ihre Richtung, bevor sie schnell wieder wegsahen, enger zusammenrückten und zu tuscheln begangen. Okay, ich nehme das mit dem „Ehrfürchtig“ mit sofortiger Wirkung wieder zurück, es handelte sich hierbei bloß um gewöhnliche Ausgrenzung der Andersartigkeit. Dieses Mädchen zeigte mir kostenlos, was mir blühte, sollte ich mich der Schule in voller Goth-Montur präsentieren.

Die Kleine sah schon aus dem Grund verrückt aus, weil sie ihre Haare in einem grellen Neongrün gefärbt hatte. Außerdem saß ein riesiger Campingrucksack auf schmalen dünnen Schultern, der fast so groß war wie sie selbst und in der Schule etwa so deplatziert wirkte, wie ein ausklappbares Bettgestell. Was hatte sie da bloß drin? Ein Zelt? Ihre Klamotten nahmen ihr allen Rest der eventuell vorhandenen Ernsthaftigkeit: ein roter Kragenpulli mit einer schielenden und die Zunge herausstreckenden Kuh darauf, gepunktete Leggings und uralte Musketier-Stiefel. Der Gipfel ihrer Verrücktheit war jedoch die Tatsache, dass sie ununterbrochen grinste – und was für ein Grinsen sie hatte. Breit, sorglos und mit derart pompösen Zahnlücken, dass ihre etwas spitz geratenen Zähnchen an ein Haifischgebiss erinnerten. Alles in allem, ein irritierend ansteckendes, aber irgendwie auch angsteinflößendes Lächeln, auch weil es so unbekümmert war, so als scherte sie sich einen Dreck darum, was die Anderen dachten oder taten, als könnte nichts und niemand ihr etwas anhaben. Am furchterregendsten war für mich jedoch dieses mit den Händen zu greifende Selbstbewusstsein, das sie wie eine Aura aus quietschendem Gummi umgab. Dieses Mädel war der krasse Gegensatz zu mir und ich fühlte mich augenblicklich schwach, heuchlerisch und beschämt, ob meiner Feigheit. Ich war eine Schande für alle Andersartigen, dass ich mich davor fürchtete, zu dem zu stehen, wer und was ich war.

Das beeindruckende Persönchen mit den grünen Haaren kam derweil direkt auf mich zu gesteuert und strahlte dabei weiterhin übers ganze Gesicht, während sie mich mit ihren großen blaugrünen Glubschaugen musterte. Je näher sie kam, desto deutlicher konnte ich die zahlreichen Sommersprossen auf ihrer Nase erkennen. Verlegen nestelte ich an meiner Tasche herum, konnte aber aus irgendeinem Grund nicht so schnell den Blick von ihr abwenden. Sie grinste immer noch, als wir uns auf der Treppe fast gegenüber standen. Es kam mir vor, als wartete sie auf irgendetwas seitens mir – eine Geste etwa oder ein Wort. Doch eingeschüchtert und asozial wie ich war, senkte ich den Blick und trat beiseite, um sie vorbeizulassen. Was sie auch hinnahm, nicht aber ohne zuvor ein unappetitliches Schnaken von sich zu geben. Ich brauchte einige Sekunden, um zu kapieren, dass das ein Lachen gewesen war. Mein letztes Bisschen Selbstbewusstsein war damit im Abfluss verschwunden – auf Nimmerwiedersehen.

Dennoch wagte ich es, ihr hinterher zu blicken. So als wollte sie mir erneut zeigen, wie man es richtig machte, stellte sie sich dem griesgrämigen Aufsichtslehrer gegenüber, der sie mit verschränkten Armen streng taxierte, und redete solange auf ihn ein, bis er sie verstört vorbei ließ. Bevor sie triumphierend lächelnd um die Ecke in den angrenzenden Flur entschwand, sah sie noch einmal zu mir zurück – der Idiotin, die sich selbst im Weg stand – und wackelte mit den gegen den Strich gekämmten Augenbrauen.

Wie geflasht stand ich eine geraume Zeit da und versuchte, diese Begegnung zu verarbeiten. Ich kam zu keinem gescheiteren Schluss, außer jenem, dass ich mich von diesem Mädchen prinzipiell fernhalten würde.


Ich konnte es kaum glauben. Es war bereits Nachmittag und bisher hatte ich diesen ersten Schultag ohne weitere Ausschreitungen hinter mich gebracht. Nachdem die Lehrer meinen Mitschülern mitgeteilt hatten, dass sie von nun an eine Neue in ihrem Kurs hatten, musste ich mich nur kurz und lasch vorstellen – „Hallo, ich heiße Sera Knockwood und wir mussten wegen der Firma meines Vaters umziehen“ (okay, für eine Vollblutstotterin war das schlimm genug) – und durfte mir dann einen Platz aussuchen, auf welchen ich mich dann unendlich erleichtert und mit hochrotem Kopf setzte und für den Rest der Stunde versuchte, mich unsichtbar zu machen, so gut ich konnte. Die starrten ja jetzt schon alle wie sonst was – okay, nicht anders als woanders – aber nicht auszudenken, wie die geglotzt hätten, wäre ich in Bondage-Pants und Gothic-Lolita-Shirt hier aufgekreuzt. In den meisten Fällen gab es nur einen komplett freien Tisch in der hintersten Reihe für mich, den ich bereitwillig bezog. In Mathe jedoch hatte ich das große Pech, dass der Kurs so überfüllt war, dass es nur noch einen Platz neben einem Typen gab, der keine Anstalten machte, mit mir zu sprechen. Vielleicht lag es auch an dem kleinen Lehrer, Mr. Edmundson, der meinen Namen grundsätzlich falsch aussprach und – ganz der Mathelehrer – Angst und Schrecken verbreitete. Aber ansonsten hätte es meiner Meinung nach schlimmer laufen können. Zu meiner Überraschung war ich dem grünen Monster nicht noch einmal begegnet und mit etwas Glück blieb das auch so. Auch die Mittagspause verlief ruhig. Ich konnte in der großen Cafeteria einen abseits gelegenen, leeren Tisch mit Blick zur Wand ergattern, den ich nutzte, um meine neuen Schulbücher darauf auszubreiten und zu ordnen. Die Lunchbox, die mir Rick gestern in den Kühlschrank gepackt hatte, bestehend aus Salatsandwiches und geschnittenem Obst, verputzte ich vollständig und ich fühlte mich mit so gutem und gesundem Essen im Bauch schon wieder gewappnet für die nächste Runde. Nach meinem Stundenplan hatte ich als nächstes Kunstunterricht bei einer Ms. Brown. So weit, so gut.


Kunst gehörte nämlich nicht unbedingt zu meinen glücklichsten Schulfächern – wenn die Sterne besonders günstig für mich standen, schaffte ich gerade mal eine Vier mit Neigung abwärts. Ich weiß auch nicht, wieso. Ich gehörte weder zu den Wissenschaftsfreaks noch zu den künstlerisch begabten oder gar zu den Sprachgenies. Ich war totaler Durchschnitt – und selbst der duldete mich mehr als dass er mich wirklich zu sich zählen wollte. Schwer zu sagen, wo meine wahren Talente lagen. In der Schule zeigten sie sich jedenfalls nicht.

Als wenn Ms. Brown schon geahnt hätte, mit wem sie es hier zu tun hatte, gab sie mir bereits vorne am Lehrerpult einen Riesenstapel vereinfachter Grundlagenpapiere, die ich bis zum nächsten Donnerstag alle durchgepaukt haben sollte, weil wir da die erste Klausur schrieben. Das fing ja gut an. Dabei hatte ich noch nicht mal geblickt, welches Thema wir gerade durchnahmen. Zur Krönung wurde ich neben einem typischen Mädchen-Mädchen platziert: blonde Locken, buntes Makeup, viel Schmuck und tief ausgeschnittenes Paillettentop. Sie hieß Sabina Montgomery und war genauso begeistert wie ich angesichts unserer jüngst erzwungenen Sitznachbarschaft.

Was sie mir auch sofort verklickerte: „Dass du mich aber ja nicht zuquatscht. Ich hab echt keinen Bock, schon wieder ´ne Note schlechter zu kriegen, nur weil da jemand seinen Schnabel nicht zukriegt. Das hatte ich letztes Jahr schon.“ Dabei sah sie betont abweisend auf ihr A3-Zeichenblatt, auf dem sie bereits fleißig herumradierte und schraffierte, und verzog zickig ihre Lippensstiftschnute.

Aha. Da wusste ich ja, woran ich bei ihr war. Zum Quatschen gehörten immer noch zwei und ich würde bestimmt keinen Ton an sie verlieren.

Ms. Brown ging die Anwesenheitsliste durch. „Sera Knockwood, da. Keine Sorge, Sie werden sich sicher schnell eingelebt haben.“ Sie lächelte mir flüchtig zu und ich spürte, wie ich zum hundertsten Mal heute rot wurde, als alle Anderen im Raum ebenfalls zu mir hingafften. „Wo ist denn wieder Mr. Lawrence?“, hörte ich wie aus weiter Entfernung Ms. Brown sagen, sie klang etwas verärgert. „Bei allem Talent – aber selbst ein Genie hat Anwesenheitspflicht. Weiß jemand, was mit ihm ist?“ Sie blickte pro forma in die Runde, schien aber über die Gleichgültigkeit der Anwesenden nicht sonderlich überrascht zu sein, im Gegenteil, sie nickte in ihrer Vermutung bestätigt und machte weiter mit der Liste.

„Also, Pippi Langstrumpf ist jedenfalls da“, hörte ich Mädchen ein paar Reihen hinter mir flüstern. „Läuft wieder herum wie ´ne komplett Irre. Und niemand sagt was.“ Die Rednerin erhielt von ihrer Lästergenossin ein zustimmendes Kichern. „Der Bruder genauso. Da kriegt man richtig das Gruseln. Da kann man nur von Glück reden, dass die Eltern tot sind – wenn man bedenkt, dass die noch mehr von diesen Psychos in die Welt setzen könnten.“

Autsch. Es war nicht schwer zu erraten, über wen sie sprachen, und Mitleid stieg in mir auf. Gleichzeitig empfand ich Ekel und ich fühlte mich kurz wieder nach Texas zurückversetzt, wo sich Ähnliches abgespielt hatte. Wie konnte man nur so über Andere reden? Was musste man für ein Mensch sein? Wenn das die hochgelobte Normalität war, die einem allgemeine Akzeptanz einbrachte, dann konnte ich eigentlich froh darüber sein, dass ich mich nicht dazu zählen musste. Besser ein gutmütiger Freak, als ein schlechter Mensch, oder? Gut, Menschen vom Schlag dieser Tussen hatten später meistens viel Macht, viele Männer und viel Geld und Erfolg im Beruf – so rein karrieremäßig gesehen, aber was waren schon materielle Werte? Ich konnte jedenfalls nur beten, dass ich nicht so schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit dieser Zicken geraten würde, sonst konnte ich meine Sachen gleich wieder einpacken.

Beim Rausgehen nach Unterrichtsschluss, wagte ich noch einen Blick auf die beiden, schließlich musste ich ja wissen, wer mein Feind war. Die eine, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Boss war, war groß und schlank, hatte schwarze geglättete Haare mit akkuratem Pony und trug einen seltsam freundlichen Gesichtsausdruck – affektiert und falsch. Ihre Freundin war kleiner, aber genauso aufgetakelt und dauergehässig. Schrecklich.

Ich machte mich so schnell wie möglich daran, zu meinem nächsten und letzten Kurs für heute zu kommen. Je eher dieser Tag sein Ende fand, desto besser.


Sport für Nullies – also, denen, die in keinem speziellen Club oder gar einer Sportmannschaft waren – ging überraschend schnell zu Ende, und ich freute mich regelrecht, dass ich an meinem ersten Tag keinen Ball an die Birne bekommen hatte. Ohne Sportsachen hatte ich bloß auf der Bank gesessen und zugesehen, wie meine Klassenkameraden von Coach Butch, einem Mensch gewordenem Pitbull, durch die Halle gejagt wurden. Ein Schicksal, das ich ab morgen teilen würde, wenn ich nicht vorzeitig verendete. Hm. Durchaus verlockend.


Mit den Gedanken bereits bei der Frage, ob ich mir den Weg nach Hause denn auch wirklich gemerkt hatte, lief ich später als Erste die steile Wendeltreppe hinunter, die vom Sportgebäude auf den Hof führte. Ich wollte bloß schnell nach Hause und essen und schlafen und nie wieder …

„Hallidalli!“

Wie vom Blitz getroffen, machte ich einen Satz in die Höhe, rutschte mit meinen Stiefeln ab und schlitterte wie von einer Lawine mitgerissen mehrere Stufen nach unten, bevor ich mit der linken Hand das Geländer neben mir zu fassen bekam. An der Unterseite meiner Oberschenkel spürte ich bereits die Schrammen und blauen Flecken. Von der grünen Hexe hörte ich nur ein freches Schnaken, garniert mit Gegacker. „Ups!“ Ich sah zu ihr nach oben, wo sie doch tatsächlich – als wäre es ganz normal – im Schneidersitz auf dem Geländer hockte und sich im Schielen übte. Wie war sie dahin gekommen und wieso hatte ich sie nicht schon im Vorbeilaufen bemerkt? Und warum musste ich ausgerechnet ihr jetzt noch begegnen?

„Nichts passiert“, sagte ich ungefragt; reine Gewohnheit, um die Aufmerksamkeit von mir zu lenken und in Ruhe verduften zu können. Funktionierte nur leider nicht.

„Bist du auch bei Butcher Knife?“, fragte mich das Mädchen, während ich mir noch unauffällig die Hose abklopfte.

Widerstrebend sah ich wieder zu ihr nach oben; sie starrte mich aus weit aufgerissenen Kuhaugen an und wartete ernsthaft gespannt auf meine Antwort. „Du meinst, Coach Butch? Ja. Seit heute.“

„Schnieke, ich auch!“, rief sie wie aus der Pistole geschossen und grinste mich so breit an, dass ich unwillkürlich zurücklächeln musste.

„Ich hab dich aber gar nicht da drin gesehen“, fügte ich hinzu.

Da sprang sie auf ihre seltsamen Galoschen und fing an, am Geländer Primaballerina zu spielen. „Oh, ich war drin. Ihr habt mich nur nicht gesehen“, sagte sie und lächelte in sich hinein, als wüsste sie etwas, das ich nicht wusste. Ganz offensichtlich.

Zeit für mich zu verschwinden. „Gut, ich muss dann …“

„Ich bin Hayley“, kam sie mir heimtückisch zuvor.

Darauf folgte ein Schweigen, das wohl nur mir peinlich war, und ich stammelte unglücklich: „Ich … heiße Sera.“

„Ich weiß.“ Grinsen.

Das war nun wirklich zu viel des Guten – Verrückten. „Alles klar, schön, dich kennen zu lernen, aber ...“ Während ich sprach, ging ich bereits rückwärts die letzten Stufen hinunter und wunderte mich noch über Hayleys Blick, der irgendwo hinter mich wanderte, als ich auch schon in ihn hinein rannte. Ich hatte heute leider noch nicht das Vergnügen gehabt, aber ich wusste sofort, dass es sich nur um Hayleys gleichermaßen berüchtigten Bruder handeln konnte. Er hatte die gleichen blaugrünen Augen wie sie, nur nüchterner und – jetzt da sie auf mich gerichtet waren – zornig wie ein Hornissennest. Erschrocken über seine offen dargelegte Feindseligkeit mir gegenüber und der Tatsache, das mich seine Arme, die mich zuerst vorm erneuten Fallen bewahrt hatten, nun angewidert von sich stießen, machte ich mich so klein wie nur irgend möglich, in der Hoffnung das nächstgelegene Erdloch möge sich schnellstmöglich auftun; was es nicht tat; was es nie tat.

„Wartest du, dass es Kaugummi regnet?“, fragte er seine Schwester gereizt. „Ich habe gesagt, vier Uhr!“

„Karamellkaubonbons. Obwohl Gummischlangen noch besser wären“, kicherte sie.

Ich wollte hier nicht sein. Zwischen den beiden denkbar schlimmsten Freaks der Schule auf der Treppe eingekeilt und dann auch noch, wenn sich die beiden augenscheinlich nicht mal riechen konnten. So wie ihr Bruder bebte, war ich mir noch nicht mal sicher, ob ich hier und heute nicht doch noch ins ewige Land der Glückseligkeit befördert werden würde. Er schien Hayleys Theater schon viel zu lange über zu haben.

Das kleine Mädchen, das sich nun – ich wagte gar nicht hinzusehen – an einem Handstand versuchte, war jedoch kein Bisschen aus der Ruhe zu bringen.

„Du kommst jetzt sofort hier …“

„Sera, kennst du eigentlich schon Hayden? Liebenswürdig, gutaussehend, lustig. Eine richtige Spaßkanone und immer für eine abendliche Partie Schach zu haben. Nur verlieren tut er nicht so gerne.“ Als ich plötzlich wieder ungewollt mit einbezogen wurde, war ich zuerst so verwirrt, dass ich es doch tatsächlich wagte, für eine Millisekunde zu ihm aufzublicken – nur für den Fall, dass er sich doch noch eine normale Reaktion abzuringen vermochte – merkte jedoch sofort, dass es ein schwerwiegender Fehler gewesen war. Hayden machte demonstrativ einen Schritt zur Seite und bedeutete mir, auf der Stelle das Weite zu suchen und am besten nie wieder zu kommen. Nichts lieber als das. Er wusste ja gar nicht, was er mir mit diesem Freifahrtschein für einen Gefallen tat.

„Wir sind hier nicht in einer bekloppten Talkshow! Komm endlich runter, wir gehen!“, hörte ich diesen beängstigenden Jungen noch knurren, da war ich bereits um die Ecke Richtung Schultor gebogen.

Hayley hörte ich leider auch noch: „Tschüssi, wir sehen uns morgen, Sera!“

Und da nahm ich die Beine erst so richtig in die Hand.

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Fairy Dust

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