Der Fluch

Regungslos stand der schwarz gekleidete Magier an der Balustrade des Balkons und starrte mit düsterer Miene hinab auf den trüben Sumpf. Feiner Regen verfing sich in seinem Haar und tropfte ihm ins Gesicht. Egal, er war ohnehin durchnässt. Wie so oft in den letzten Jahren hallten seine Gedanken im Schädel wider. Sie schienen lauter zu werden, als wollten sie ihn in den Wahnsinn treiben.
Hör auf an dir zu zweifeln, Leo! Du bist stark und mächtig! Mit eiserner Hand regierst du dein Volk und bald die ganze Welt. Du hungerst nach Wissen. Sprach die innere Stimme. Dann nimm es dir! Nimm dir, wonach du dich sehnst. Alles ist in greifbarer Nähe, du musst es nur wollen! Lass ab von alten Werten, das Gute und das Böse gibt es nicht. Es gibt nur das, was möglich ist. Lass los, und wenn du tust, was ich sage, wirst du der mächtigste Magier, den diese Welt je gesehen hat!
Leo ballte die Hände, hart schlug er auf den kalten Marmor des schwarzen Turmes ein. Dass seine Haut aufplatzte und er zu bluten begann, bemerkte er nur unterschwellig.
Leonyo richtete den Blick in die Weiten seines Reiches. Halof war nicht groß, doch wurde es durch seine einzigartige Lage geschützt. Das Saryna Gebirge umarmte die Region wie ein Hufeisen, nur ein unwegsamer Pass verband dieses Land mit dem nächsten. Eine schmale Wasserstraße zum Sophastischen Ozean reichte aus, um mit anderen Völkern Handel zu treiben. Kein fremder Herrscher war in den letzten Jahren auf die Idee gekommen, Halof anzugreifen. Verbittert lachte Leonyo auf, es gab auch nicht viel, was des Angriffs wert gewesen wäre. Gedankenverloren hob Leonyo den Kopf und ließ mit geschlossenen Augen den Regen das erhitzte Gesicht kühlen. Es drängte ihn hinaus in die Welt, leider war er noch nicht mächtig genug, um seinen Feinden die Stirn zu bieten. Zähneknirschend dachte er an Xhylena und Xhylanto, das königliche Geschwisterpaar aus seiner alten Heimat Lohem. Bitter erinnerte er sich an den Moment, als sie ihn für vogelfrei erklärten und ihn zur Jagd freigaben. Verraten von Kasheena, der Frau, nach der er sich so verzehrt hatte. Heiß brannte die Glut der verlorenen Liebe, fraß sich auf den Grund seiner Seele, um dort als Asche auf ewig zu verweilen und ihn stumm zu verhöhnen.
Der Tag der Rache würde kommen.
Leonyo atmete schwer, als er versuchte seine Wut unter Kontrolle zu bringen.
Beinahe hätte er das leise Klopfen an der Schlafzimmertür überhört. Gereizt verließ er den Balkon und ging zurück in sein Gemach. »Was?«, brüllte er.
»Herr«, sprach eine scheue Stimme durch das dicke Holz, er musste sich anstrengen, um sie zu verstehen. »Die weiße Magierin trug mir auf, Euch von ihrer Ankunft zu unterrichten.«
Die junge Magd zuckte erschrocken zusammen, als Leo die Tür aufriss und direkt vor ihr stand.
»Kasheena ist hier?!«, fragte er überrascht und genervt. Jetzt erzähle mir nicht, sie hätte deine Gedanken aufgefangen, flüsterte seine innere Stimme gereizt, bevor er antworten konnte. »Geh wieder hinunter, Myola, und bring die Lady in den Sternensaal, ich bin gleich unten.«
Myola nickte; demütig wandte sie sich ab, um zurückzugehen, als Leonyo sie am Arm festhielt, und musterte die einen Kopf kleinere Frau von oben herab. Anzüglich glitt sein Blick über ihre Rundungen, die sich durch die enge Kleidung deutlich abzeichneten.
»Komm heute Abend zu mir, Hasenfuß. Du darfst mir das Bett wärmen«, wies er sie an und ließ die Finger sanft über den Ausschnitt ihres Kleides gleiten. Er beobachtete, wie sich ihr Atem beschleunigte und lächelte. »Keine Angst, ich werde nett zu dir sein.«
»Wie Ihr wünscht, Herr«, hauchte sie tonlos und zitterte am ganzen Körper. Er genoss ihre Angst wie einen guten Wein, bevor er sie losließ und sie den Flur zurück zur Treppe lief.
Leonyo griff nach einem Tuch, das gefaltet neben seiner Waschschüssel lag, und trocknete sich das Haar. Kasheena. Der Gedanke an sie fraß sich wie Säure durch seinen Verstand. Die einst so geliebte, einzige Person, der er ohne darüber nachzudenken sein Leben anvertraut hätte. In Lohtas, der blutroten Stadt, hatten sie damals Seite an Seite gestanden, aber als es darauf ankam und er sie brauchte, gab sie ihn auf. Gebrochenen Herzens floh er ohne sie. Vor einigen Jahren war sie in Laflof aufgetaucht, ausrechnet in seiner Hauptstadt hatte sie sich niedergelassen. Natürlich suchte sie das Gespräch mit ihm, aber er hatte keine Lust ihr zuzuhören, wollte nichts von ihren Ausflüchten und Lügen wissen. Seit dem letzten Zusammentreffen waren Jahre vergangen. Hin und wieder hörte er etwas von ihr, wenn sie den Menschen der Stadt half. Um nichts auf der Welt hätte er zugegeben, dass es immer noch schmerzte, sie verloren zu haben. Er schnaubte verächtlich, während er sich trockene Kleidung anzog. ›Die gute Seele, das Herz der Stadt‹ nannte man sie hinter seinem Rücken. Es war ihm egal. Ein wenig Hoffnung konnte dem Volk nicht schaden, schließlich hatte er nichts von Kasheena und ihren geringen magischen Fähigkeiten zu fürchten. Oh sicher, ihr Potential eine mächtige und große Magierin zu sein war groß. Sie verschloss sich nur vor gewissen Zaubern und weigerte sich somit die unglaublichen Facetten anzunehmen, zu der Magie fähig war. Sei es drum. Sie hätte sich zwar hervorragend als Herrscherin an seiner Seite gemacht, doch er brauchte sie nicht. Er besaß alles, was er benötigte, um sein Ziel bald zu erreichen. Doch wenn dem wirklich so war, warum ließ sich die Leere, die sie hinterlassen hatte, einfach nicht füllen? Sie tat gerade so, als wäre er das Urböse. Ja, er wusste, dass die Menschen ihn als Schwarzmagier bezeichneten, weil er sich selber keinerlei Grenzen auferlegte. Das war stumpfsinnig, denn Magie war weder schwarz noch weiß, sie war bunt, mit allen Farben, die es auf der Welt gab. Magie steckte in jeder Pore dieser Erde, man musste nur bereit sein, sie für die eigenen Zwecke zu nutzen, denn dafür war sie da.
Leonyo war nicht dumm, es war klar, dass Kasheena nicht aus reiner Herzensgüte und weil sie ihn so vermisste, zu ihm kam, diese Zeiten waren vorbei. Vermutlich wollte sie etwas von ihm, er konnte sich auch denken, um was es ging. Das liebe, ach so gemarterte Volk. Schlechtgelaunt gab er der schweren Eichenholztür seines Kleiderschranks einen Stoß, sodass sie krachend ins Schloss fiel, und verließ das Zimmer durch die Seitentür, die direkt auf die Treppe zum Sternensaal führte.

Leonyo stieg die letzte Stufe hinunter und betrat den Saal, als schon die sanfte Stimme Kasheenas erklang.
»Wirst du es eigentlich nie leid dein Volk zu quälen? Du nimmst und nimmst, aber es ist nichts mehr da, was sie dir geben können. Du gibst nicht genug Ackerland frei und in deinen Wäldern jagen dürfen sie auch nicht, sogar den Fischfang hast du reglementiert. Sie hungern und sterben jämmerlich an Krankheiten, weil sie sich keinen Heiler leisten können. Ich kann nicht überall sein und ich kann ihnen nicht allen helfen. Dein Volk stirbt und bald wird niemand mehr da sein, den du regieren kannst.« Ihre Stimme klang traurig und hoffnungslos.
Leos Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen, ihre Worte waren ihm egal, aber das sie ihm den Rücken kehrte, war beleidigend und respektlos.
»Du wagst es, dein Gesicht beim Sprechen abzuwenden? Ich bin dein Herrscher!«, brüllte er mit dröhnender Stimme.
Kasheena stand an der Glastür, die zur Balustraden umsäumten Terrasse führte. Sie schien den Regen selbstvergessen zu betrachten. »Du hast Recht, es tut mir leid.« Sie drehte sich zu ihm um. Erstaunt stellte er fest, wie sehr sich die Zauberin verändert hatte.
»Was ist mit dir geschehen?«, fragte er misstrauisch, während er auf sie zuging. Kasheena seufzte und fuhr sich über das stumpfe Haar, ihre Augen, einst voller Leben, waren dunkel umrandet und eingefallen. Ihre Haut wirkte fleckig vom Alter und völlig verbraucht.
»Es ist einfach zu viel.« Hilflos zog sie die Schultern hoch und ließ sie erschöpft fallen. »Ich habe alles versucht, was in meiner Macht steht, aber ich bin am Ende. Dein Volk leidet unsägliche Qualen, die Menschen sterben mir unter den Händen weg, und ich kann nicht das Geringste dagegen tun! Deine Gier nach Macht hat dich so überheblich werden lassen, dass du alles um dich herum vergisst. Dein Volk will dir dienen, dein Volk will dich lieben, aber du lässt es nicht zu. Hilf ihnen, nur du bist im Stande dazu. Lass mich für sie sprechen, lass mich für sie bitten.« Bei ihren letzten Worten war sie auf die Knie gesunken und hielt sich mit ihren ausgemergelten Armen flehend an seinem Beinkleid fest.
Angeekelt riss Leonyo sich los, ging einen Schritt zurück und musterte sie voller Abscheu. Ja, sie war alt, genau so alt wie er, aber Magier alterten anders als das gemeine Volk. Er würde auch in hundert Jahren noch jung aussehen und sie sollte das eigentlich auch. Er verzog die Mundwinkel nach unten, als betrachtete er einen stinkenden Kadaver. War sie tatsächlich so schwach, dass die Magie sie von innen heraus aufzehrte, oder hatte sie einen magischen Schein über sich gelegt? Er hätte es herausfinden können, aber es interessierte ihn nicht genug, um so einen Aufwand zu betreiben.
»Kasheena, du weißt genau, wie ich denke. Nur der Stärkere hat das Recht zu überleben. Ich dulde keine Schmarotzer in meinem Reich«, sagte er ruhig. »Ich verstehe dich nicht. Du hast so viele Möglichkeiten vertan. Ein Leben an meiner Seite, als meine Königin und mächtigste Magierin hast du ausgeschlagen. Sieh dich doch an, du bist so erbärmlich. Die einst stolze und schöne Frau liegt wimmernd zu meinen Füßen und bettelt um das Leben von Würmern. Das ist lächerlich. Du bist lächerlich.« Leonyo sprach langsam und betonte die beleidigenden Silben, als hätte er eine Schwachsinnige vor sich. »Ich kann dir nicht helfen, Kasheena. Die Menschen da draußen sind wie Unkraut, sie vergehen nicht. Und wenn sie den Gürtel enger schnallen müssen, wird es nicht schaden. Verschwinde jetzt. Ich kann dein Gebettel nicht länger ertragen, du bereitest mir Übelkeit.«
Mit diesen Worten war sie entlassen und er ging wieder in Richtung der Treppen. Bevor er den Fuß auf die erste Stufe setzen konnte, hörte er Kasheena hinter sich seinen Namen rufen. Gereizt drehte er sich zu ihr um. »Was?!«
Schimmernd, als hänge schwarzer Kristallstaub über ihr, veränderte sich die Luft um Kasheena, eine Dunkelheit, die alles Licht schluckte, umgab sie. Inmitten dieser Düsternis leuchteten die Augen der Magierin wie glühende grüne Kristalle und das Echo ihrer hallenden Stimme erfüllte den Raum. »Nahaam salavet kot po nahaam! Nahaam salavet kot kusech tuhnaam. TUHNAAM KOT KUSECH!« Es waren Worte uralter Macht, die Worte der Weltenwächter.
Leos Augen weiteten sich vor Unglauben. Er erstarrte einen Augenblick, als fürchtete er, die Wände würden über ihm zusammenbrechen, doch es geschah … nichts.
»Was hast du getan, Weib? Bist du völlig von Sinnen?! Ein Fluch?! Du weißt genau, dass du mein Schicksal teilen wirst. In dem Moment, wenn ich sterbe, stirbst auch du. Du bist nicht mächtig genug, um das zu ändern. Aber soll ich dir etwas verraten? Ich bin es. Du kannst dir nicht annähernd vorstellen, wie viel Macht ich besitze. Ich habe keine Angst vor deinen jämmerlichen Flüchen. Sprich sie nur aus, ich werde jeden, der mir zu nahekommt, wie eine Fliege zwischen meinen Fingern zerquetschen. Und nun verschwinde aus meinem Turm, bevor ich mich besinne und dich auf der Stelle töte!« Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, rannte er wie ein Besessener die Stufen hinauf und verschwand.

~~*~~

Kasheena beeilte sich auf ihrem Weg zurück. Die Kapuze ihres schwarzen Umhangs tief ins Gesicht gezogen huschte sie unerkannt durch die Sümpfe, die Leonyos Schloss von der Stadt abschotteten. Seine harschen Worte begleiteten sie auf jedem Schritt. Sie schmerzten wie die Schnitte scharfer Klingen. Mochte auch noch so viel Zeit vergangen sein, es fiel ihr schwer zu begreifen, wie grausam der Mann geworden war, der ihr heute gegenüberstand. Wie dumm war sie gewesen, auf einen letzten Rest Menschlichkeit in ihm zu hoffen, zu glauben, er könnte noch Mitleid empfinden. Doch in einem irrte er sich. Ja, sie war schwach, doch nicht so schwach, wie sie es ihm vorgespielt hatte. Und sie war lange genug dumm gewesen.
Es war höchste Zeit etwas gegen seine Macht zu unternehmen, wenn es nicht schon zu spät war. Johulas war ihre letzte Hoffnung.

~~*~~

Johulas hatte sich zurückgezogen, um mit sich selber und der Natur in Einklang zu kommen. Er hatte, wie die meisten Magier, die Gabe des Gedankenlesens, doch war sie bei ihm ausgeprägter. Die Gedanken derer, die magisches Blut in sich trugen, konnte man im Allgemeinen nicht, oder nur unter großer Kraftanstrengung lesen, da sie eine natürliche Barriere in ihren Köpfen aufbauten. Johulas war stark und manchmal konnte er diese Schranke umgehen. Er hatte Leonyo nur einmal in die Augen gesehen, um zu wissen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Seither sah er etwas Schlimmes auf das kleine Land zukommen.
Immer wieder deutete er die Zeichen der Zeit, um herauszufinden, was das Volk erwartete. Immer wieder sagten sie seinen eigenen Tod voraus, sollte er Leonyo jemals entgegentreten. Doch er durfte nicht sterben, bevor er nicht wusste, wie man ihn besiegen konnte. Um Zeit zu gewinnen und sich selbst zu schützen, hatte er beizeiten einen Schutzzauber ausgesprochen, der ihn vor diesem Mann verbarg. Und tatsächlich, nach Jahren, hatten ihm die Sterne einen anderen Weg gezeigt. Alles, was er brauchte, war etwas Geduld.
Er war nicht überrascht, als Kasheena eines Tages telepathisch Kontakt zu ihm aufnahm.
»Johulas, die Zeit ist gekommen. Wir müssen etwas gegen Leonyo unternehmen. Ich bin auf dem Weg zu dir. Die Sterne stehen günstig wie nie. Öffne mir die Schleuse«, sprach die Stimme in seinem Geist.
Bedächtig nickte er. »Ja, Kasheena, die Zeit ist gekommen. Sei willkommen, reite auf dem Flemy, das vor dem Feld auf dich warten wird, zu mir. Es kennt den Pfad.«

~~*~~

Kasheena stockte der Atem, als sie Johulas Worte in sich wahrnahm. Ihre Knie zitterten, als sie sich zu Fuß auf den Weg zu ihm machte. Am frühen Abend erreichte sie das Feld der Verwirrung, die Hälfte ihres Weges war geschafft.
Der Vierbeiner stand wie verabredet da, wartete auf sie, während er unruhig mit den schwarzen, gespalteten Vorderhufen in der feuchten Erde scharrte. Sein Fell wirkte auf den ersten Blick zottig, doch es war flauschig, braun-gelbe Wellenmuster zogen sich über Rücken und Flanke des Tieres. Die schwarzen nach hinten gebogenen Hörner waren gestutzt, sodass man sich ohne Verletzungsgefahr gut daran festhalten konnte. Die blauen, intelligent wirkenden Augen sahen sie aufmerksam an. Es knickte in den Vorderläufen ein und sank somit tiefer, damit Kasheena leichter aufsteigen konnte.
»Du braves Flemy, sagte sie, als sie oben saß und dem Tier den flauschig, zotteligen Hals tätschelte. Ich danke dir. Und nun lauf, trage mich sicher des Weges bis zu Johulas Haus.«

Kasheena war tief in Gedanken versunken, während das Flemy sie durch das gefährliche, hohe Stachelgras trug. Man nannte es Gras, doch eigentlich war es mehr ein langstieliges Gestrüpp, das vereinzelt mit langen, nadelartigen Stacheln versehen war. Sie kanalisierte einen Schutzschild um sich herum, denn wenn das Gras einen stach, entstanden widerliche, schmerzhafte Beulen. Diese Verletzungen mussten innerhalb eines Tages versorgt werden, denn sonst führte das Gift zu paranoiden Wahnvorstellungen, bis man den Verstand verlor. Nur die Flemys waren dagegen immun.
Nach einigen Stunden fühlte sie eine Vibration in der Luft, als eine Schleuse in der Schutzhülle zu Johulas Haus entstand und sie hindurch ritt.
Kaum hatte sie das unsichtbare Portal passiert, erblickte sie auch schon das rundliche, aus orangefarbigen Steinen erbaute Haus des Magiers, das sie stets ein wenig an einen Kürbis erinnerte. Schmunzelnd stieg sie vom Flemy und ging Johulas entgegen, der sie bereits mit offenen Armen empfing.
Den Alterungszauber, in den sie sich bei Leonyo gehüllt hatte, um an sein Mitgefühl zu appellieren, hatte sich als nutzlos erwiesen. Stattdessen hatte sie damit das Gegenteil erreicht. Alle Gefühle waren aus seinem Herzen gerissen und nichts erinnerte mehr an den ehrgeizigen, neugierigen und herzlichen jungen Mann, dem einst ihr Herz gehörte. Unbehaglich schüttelte sie den Gedanken ab, wie den Umhang, den sie sich nun von den Schultern zog.
»Kasheena, du hast dich in den letzten Jahren kein bisschen verändert, meine Liebe. Deine Schönheit lässt mein Herz jubilieren und dein Haar erinnert mich stets an einen feurigen Sonnenuntergang. Du bist noch immer eine wahre Augenweide.«
Sie lachte geschmeichelt und umarmte ihn herzlich.
»Du alter Charmeur. Es tut so gut, dich wieder zu sehen. So wie du dich hier vergraben hast, habe ich schon nicht mehr damit gerechnet, dich jemals wieder zu Gesicht zu bekommen. Ich wünschte nur, wir hätten uns zu einem glücklicheren Anlass getroffen.«
Ihr Magen zog sich zusammen, Johulas war alt geworden, stellte sie betroffen fest.
»Ja, ich wünschte auch, es wäre anders gekommen, aber die Sterne lügen nicht. Nun endlich ist der Augenblick der Wahrheit gekommen und wir können zum Gegenschlag ausholen.«
Kasheena atmete bedrückt tief ein und aus und sie betraten gemeinsam das einfach eingerichtete Haus.
»Die Magie, derer wir uns hier bedienen wollen, ist nicht unsere. Das muss uns klar sein. Ich habe mich zurückgezogen, war im Einklang mit den Dimensionen und hatte ein Zwiegespräch mit dem Wächter der Natur. Er ist zu seinen Bedingungen damit einverstanden. Wir werden nur das Medium sein. Er wird uns seine Magie leihen, wenn wir das Resultat des entstandenen Zaubers an ihn weitergeben, wenn alles überstanden ist«, sagte Johulas.
Kasheena wurde blass. »Der Wächter der Natur?! Du hast Kontakt zu einem Wächter?! Und was meinst du mit Resultat? Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinaus willst. Wir wissen doch noch nicht einmal, wie wir die Magie einsetzen, oder was daraus entstehen wird. Wie kannst du dem Wächter nur Versprechungen machen, von denen du selber noch nicht weißt, wie sie sich auswirken werden?« Sie sah ihn entgeistert an, doch Johulas lächelte geheimnisvoll.
»Langsam, ich weiß schon, was ich tue. Die Magie, die uns zur Verfügung gestellt wird, hat eine völlig eigene Richtung. Wir haben nicht sehr viel Einfluss auf das, was geschehen wird«, er machte eine kleine Pause. »Du hast einen Fluch ausgesprochen, nicht wahr?«
Kasheena blickte zu Boden und nickte.
»Du weißt, was das heißt. Du hast es in vollem Bewusstsein ausgesprochen, so gut kenne ich dich. Der Wächter hat nur darauf reagiert. Was nun folgt, ist nichts weiter, als der Lauf der Dinge. Unser Schicksal wird sich bald erfüllen. Ich weiß nicht, was auf uns zukommen wird, aber was geschehen soll, wird auch geschehen.«
Kasheena schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. »Ich wusste mir nicht mehr zu helfen.«
»Ich weiß, Kasheena. Und nur durch diesen Fluch war es möglich, einen Wächter zu erreichen, aber deswegen haben wir auch unser Bestimmungsrecht verloren. Doch ohne diesen Fluch hätten wir niemals diese Macht und den Bund zum Weltenwächter aufbauen können. Alles kommt, wie es kommen soll. In drei Wochen wird eine besondere Sternenkonstellation unsere magische Kraft verstärken, das ist die Chance, auf die wir warten.«

~~*~~

Kasheena hatte die Wochen bis zu dieser Nacht genutzt, um alle Brücken hinter sich abzubrechen. Sie hatte Fläschchen mit Medizin und wirksame Kräuter an ihre Helfer verteilt, die sich von nun an um die Menschen kümmern mussten und die Bewohner der Stadt versorgen würden.
Tief durchatmend schaute sie sich ein letztes Mal in ihrer kleinen Hütte in Laflof um und strich traurig über einige Erinnerungsstücke. Wenn alles so lief, wie sie vermutete, war sie heute das letzte Mal in der Stadt. Mit einem Grummeln in ihrem Unterleib schloss sie ihre Wohnungstür von außen und versiegelte das Häuschen mit einem Zauber.
»Auf dass nur der die Hütte betritt, der Gutes im Schilde führt«, flüsterte sie mit hoffnungsvoller Stimme und machte sich auf den Weg. Johulas würde am Waldrand südlich des Feldes der Verirrung auf sie warten, damit sie gemeinsam zur Waldlichtung laufen konnten.

~~*~~

In dieser besonderen Nacht hing der Mond in seiner vollen Größe am Himmel und beleuchtete ihren Weg mit seinem kühlen, blauweißen Licht. Die Zeit drängte, Kasheena und Johulas liefen eiligen Schrittes durch den dichten Wald. Sie mussten die kleine Lichtung erreichen, bevor die helle Scheibe ihren höchsten Stand erreichte. Einer der wenigen Orte, an denen die Membran, welche die Welt von den Wächtern trennte, besonders dünn war.
Die Waldwiese lag einsam und verlassen da, eingehüllt in kühles Mondlicht und feuchten Nebelschwaden. Seltsam still war es hier, selbst die Tiere hatten sich zurückgezogen, als wollten sie das bald beginnende Ritual nicht stören.
Kasheena und Johulas stellten sich barfuß auf das Gras und warteten ab, bis der Mond die richtige Position erreichte. Von Angesicht zu Angesicht berührten sie sich an den Händen und hielten einander fest, als sie diese dem Himmel entgegen streckten. Die Augen geschlossen legten sie ihre Köpfe in den Nacken und setzten zu einem fremdartigen, beschwörenden Gesang an. Es war die Sprache der Wächter, die in dieser Gegend noch nie jemand vernommen hatte.
Es schien, als verdunkelten sich der Mond und die Sterne für einige Sekunden, nur um dann um ein Vielfaches heller zu erstrahlen.
Kasheena und Johulas lösten sich voneinander und gingen einige Schritte zurück, die Arme weit geöffnet, als warteten sie auf eine Umarmung. Ihr Gesang war nun zu dumpfem Beschwörungsgemurmel gewechselt.
»Sahla en vert mo seterto, Shilahm, feheley! Vaha en vert mo kerrimo, Shilahm, feheley! Basehet’lah en vert mo guhsturr, Shilahm, feheley! Shilahm, Shilahm, Shilahm, FEHELEY!«
Sie wiederholten diese Sätze immer und immer wieder. Es war die Beschwörungsformel, um den Weltenwächter Shilahm zu rufen.
Nie durfte er außerhalb einer magischen Anrufung beschworen werden. Allein sein Erscheinen barg so viel Energie und Magie in sich, dass ein Sterblicher, der ihn erblickte, oder auch nur seine wahre Stimme hörte, einen tödlichen Schock erleiden konnte.
Die Beschwörungsrufe der beiden wurden immer lauter und rhythmischer. Zwischen ihnen begann die Luft zu knistern, der Boden unter ihnen bebte, wurde weich und zähflüssig. Brodelnd stiegen Blasen empor und zerplatzten zischend. Die Bäume, welche die Lichtung einrahmten, verdichteten sich und bildeten eine undurchdringliche Mauer. Die beiden Magier rissen ihre Arme empor und die Atmosphäre explodierte schier, als eine große Kugel aus Blitzen und blauem Licht in ihrer Mitte entstand.
Eine tiefe donnernde Stimme sprach aus der Kugel und antwortete majestätisch auf die Beschwörungsformel: »Sahla, Vaha mo Basehet’lah en vert mo seterto, kerrimo mo guhsturr po fehelem. Ust a Shilahm.«
Riesige gelbe Augen starrten auf Kasheena. Der Klang fuhr ihr in die Knochen, schien sich dort einzunisten, krallte sich in ihrem Inneren fest und ließ sie nicht los. Wie hypnotisiert starrte sie zurück.
»Kasheena, Magierin aus der verlorenen Stadt.« Die Stimme des Geistes hallte in ihrem Kopf und brachte ihre Seele zum Vibrieren. »Dein Fluch hat mich gerufen und ich habe beschlossen, ihn zu erhören. Du kennst die Konsequenzen und bist bereit zu akzeptieren, was auf dich zukommen wird. Ich erkenne deinen Mut an und hoffe, dass die Sterblichen, für die du so viel auf dich nimmst, es wert sind. Nun also höre den Preis für meine Hilfe: Dein Leben und Leonyos Leben. Außerdem die Frucht der gemeinsam erzeugten Magie, die hieraus erfolgt. Es steht fest und ist nicht verhandelbar.
Ich werde den Großteil deiner Lebensenergie nehmen, um das Wesen zu erschaffen, das in der Lage ist, Leonyo zu vernichten. Und mit ihm seine Macht und Herrschaft. Dein Licht wird in dem Moment erlöschen, wenn sich dein Fluch erfüllt und Leonyo gefallen ist und stirbt.«
Kasheenas Blick war furchtlos, als sie ihm antwortete: »Dann handle jetzt und tue, was nötig ist, damit sich unser Schicksal erfüllt.«
Die gelben Augen schlossen sich. Gleißende Tentakel, geformt aus purer Energie, schossen aus der Lichtkugel hervor, umschlangen die Magierin und zogen sie ins Innere.
Der markerschütternde Schrei Kasheenas hallte durch die Nacht und ließ alles und jeden aufschrecken, der den Schrei vernahm. In den Dörfern fingen die Kinder im Schlaf an zu weinen, als würden sie Kasheenas Schmerzen selber erdulden müssen.
Johulas brach zusammen und hielt sich verzweifelt die Ohren zu. Es half nichts, der Schrei war in seinem Kopf und in seiner Seele. Er spürte Kasheenas Schmerzen und er hatte das Gefühl sterben zu müssen. Johulas wandte sich im Laub des Waldes, er fühlte die Finger des Wahnsinns in sich emporkriechen und nach seinem Verstand greifen.
Seine Schreie vermischten sich mit denen der Magierin, wurden eins, dann wurde es dunkel um Johulas.

~~*~~

Als der alte Magier erwachte, fühlte er sich zum ersten Mal in seinem Leben wie ein uralter Mann. Seine Glieder waren steif und unbeweglich. Jede Faser seines Körpers brannte und schmerzte wie nach einem Bad in siedendem Öl.
Wo war Kasheena? Konnte sie das überlebt haben? Es war so ruhig und - verdammt, es war bereits früher Morgen. Wie lang hatte er hier gelegen?
Wenige Schritte vor ihm sah er ein Knäuel aus zerfetzter Kleidung, der entfernt an Kasheenas Umhang erinnerte. Sie hockte da, hatte sich über etwas gebeugt, dass sie beschützend in den Armen hielt. Als er näher an sie herankroch, wollte er seinen Augen keinen Glauben schenken. Kasheena hielt eine junge Frau in den Armen. Ein bläulicher Schimmer ging von der zierlichen Gestalt aus, die anscheinend nicht bei Bewusstsein war. Wie der Inbegriff von Makellosigkeit lag sie da, vollkommen nackt. Ihre zarten Brüste hoben und senkten sich zitternd vor Kälte unter ihren Atemzügen.
Erst da fiel ihm Kasheena auf und er wollte aufschreien. Sie war so furchtbar alt geworden. Sie erinnerte ihn an ein Skelett, dass man mit zerknittertem Pergamentpapier überzogen hatte. Kasheenas Haare waren so grau wie der Himmel des beginnenden Tages, der über ihnen hing und die Aura der Magie war von ihr genommen.
Ihre Augen wanderten ziellos umher. »Johulas?«, erklang ihre zittrige Stimme. Sie war blind. Das einst so kristallklare Grün ihrer Iris hatte sich in eine milchig, trübe Schicht verwandelt, die sich um ihren Augapfel zog. »Johulas? Siehst du sie? Dieses Wesen ist es, was er uns gegeben hat. Sie ist unsere Waffe. Sie ist mein Fleisch, mein Blut und mein Herz. Auch wenn ich sterben werde, werde ich in ihr weiter leben. Johulas? Das ist Yva.«
Johulas stolperte mit unsicheren Schritten näher und sank neben Kasheena zu Boden. Erst als die Tränen in seinen Bart tropften, merkte er, dass er weinte. Tränen der Erschöpfung und der Angst. Es war das erste Mal, dass er Zweifel über seine Tat hegte. Er hatte gewusst, dass die Magierin sich opfern musste und sterben würde, sobald auch Leonyo starb. Doch erst jetzt traf ihn diese Erkenntnis mit voller Wucht.
Er umarmte die bebende alte Frau und schluchzte in ihr struppiges Haar. »Es tut mir so leid, Kasheena. Bitte verzeih mir, dass ich keinen anderen Weg finden konnte und du all dies aufgrund meiner Feigheit durchmachen musst.«
»Schhhh, sei nicht dumm, alter Mann. Ich wusste, was ich tat und es ist gut. Sei nicht besorgt um mich, ich bereue nichts. Stell dir vor, ich werde als die erste Magierin in die Geschichte eingehen, die ein Kind hat. Verstehst du nicht? Magier sind unfruchtbar. Aber sieh sie dir an, sie ist mein Kind, sie ist aus mir gemacht. In ihrer Brust schlägt die Hälfte meines Herzens. Ihr Körper besteht zur Hälfte aus meinem Fleisch und zur Hälfte aus Magie. Deshalb ist sie so mächtig. Oh Johulas, ich ertrinke vor Liebe zu dieser jungen Frau. Wenn ich sie berühre, habe ich das Gefühl, als hätte ich sie in meinem Bauch getragen. Ich fühle mich mit ihr verbunden, als hätte ich mein Leben mit ihr verbracht und ihr zugesehen, wie sie aufgewachsen ist. In meinem Herzen ist sie meine Tochter.« Die Augenbrauen über ihren stumpfen Augen zogen sich düster zusammen. »Doch wir müssen Acht auf sie geben, denn Macht kann verderben. Wir müssen aufpassen, dass Yva auf unserer Seite bleibt, Johulas. Es wäre unmöglich, sie zu besiegen.«
»Habe keine Angst, Magiermeisterin«, sagte Johulas. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wenn sie auch nur die Hälfte von deiner Liebe zu den Menschen hat, hat sie mehr Gutes in sich, als alle Bewohner in diesem Reich.«
»Danke mein Lieber. Aber du hast dich nicht geändert, du neigst immer noch maßlos zu Übertreibungen«, sagte sie und lächelte schwach.
In diesem Moment regte sich die Gestalt in Kasheenas Armen. Yvas Augen begannen zu flattern und öffneten sich zaghaft.
Johulas stockte der Atem. Das Geschöpf mit dem Körper einer sehr jungen Frau war einfach perfekt. Ihre Augen waren unglaublich. Es schien, als würde sich das gesamte Universum mit all seinen Lebewesen in ihnen finden. Welche Farbe hatten sie? Es war unmöglich, dies genau zu definieren. Sie schimmerten wie Opale, blau und grün und doch so viel mehr. Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen. Ohne Angst sah sie sich um, bewegte sich vorsichtig und etwas schwerfällig. Sanft löste sie sich aus Kasheenas Umarmung.
»Es geht mir gut, Kasheena. Ich würde gerne versuchen, mich aufzusetzen. Mir ist noch etwas schwindelig, aber ich fühle mich wohl.«
Zögernd ließ Kasheena sie los. Ihre Stimme zitterte. »Willkommen in unserer Welt, meine Tochter.«
Yva lächelte und Johulas war überzeugt, die Sonne wäre aufgegangen.
Die junge Frau sah zu ihm herüber. »Du bist Johulas. Ich freue mich auch dich kennenzulernen. Ich bin Yva, Tochter des Wächters der Natur und Tochter der Menschen.«
Johulas schluckte trocken und reichte ihr helfend seine Hand. Sie nahm sie dankbar entgegen und richtete sich auf. Sie empfand keine Scham, bedeckte somit auch nicht ihre Blöße. An ihr haftete die Unschuld eines neugeborenen Kindes. Rekelnd streckte sie ihre Arme dem Himmel entgegen und atmete die erdige, feuchte Waldluft ein. Ihre Bewegungen waren voller graziler Anmut, die anfänglich leicht plumpe Art war von ihr abgefallen.
»Ich fühle, ich atme, ich lebe. Ich wurde geboren, um zu kämpfen. Oh Vater, gib mir die Kraft meine mir bevorstehende Aufgabe zu erfüllen. Gib mir den Mut und die Weisheit zu tun, was getan werden muss.«
Johulas schwieg beeindruckt. Sie wusste, was auf sie zukommen würde und sie wusste um die Aufgabe, die fest und unauslöschlich in ihrem Innern verankert war. Sie spürte die Gefahr und die Macht, die von ihr ausging.
Kasheena, die immer noch auf dem Boden saß, sah in die Richtung, aus der Yvas Stimme klang. »Es tut mir leid, Yva. Ich ahnte nicht, was der Wächter vorhatte. Ich ahnte nicht, dass er ein menschliches Wesen erschaffen wollte, um Leonyo zu vernichten. Ich wusste es nicht, sonst …«
»Sonst was, Kasheena?«, fiel ihr Yva leise ins Wort. »Ich bin nur zum Teil menschlich und ich bin eure einzige Möglichkeit, die einzige Waffe. Niemand anderer hat eine Chance gegen ihn anzutreten. Außer dir vielleicht, Johulas.«
Johulas sah beschämt zu Boden, er wusste, dass sie Recht hatte. Er ging zu Kasheena und half ihr beim Aufstehen. Gebückt vor Schmerzen stützte sie sich auf ihren guten Freund.
»Hab keine Angst Kasheena. Ich weiß, warum ich hier bin, ich habe dein Wissen und das Wissen meines Vaters. Ich bin ein Teil von dir und ich bin ein Teil von ihm. Ich bin, was ich bin. Es war Vorsehung«, sagte Yva.
Kasheenas Schultern sackten noch etwas mehr in sich zusammen. »Ja, du hast Recht. Es ist, wie es ist. Also lass uns unseren Weg gehen.«
Yva schüttelte ihren Kopf. »Nein, Kasheena. Ihr beiden seid den mühevollen Weg bis hierhin gegangen. Ab jetzt ist es mein Weg. Und ich muss ihn allein gehen. Du bist zu schwach und ich brauche deine geistige Unterstützung von einem Platz aus, an dem du dich ausruhen kannst, bis Leonyo vernichtet ist.« Zärtlich strich sie mit ihrer weichen Hand über das Gesicht der alten Frau. »Bitte versteht das. Ihr habt genug getan. Der Rest liegt nun an mir, ihr werdet sehen.«
Blind tastete Kasheena nach Yvas Hand und schloss sie ganz fest. »Ich habe Vertrauen in dich und in dein Wesen. Du wirst wissen, was Du tun musst, wenn es so weit ist.«

~~*~~

Yva geleitete die alten Leute aus dem Wald hinaus.
Im Hause Johulas´ angekommen, kleidete sie sich in einen seiner Umhänge. Kleider für eine Frau hatte er nicht, doch der grobe Stoff würde seinen Zweck erfüllen, bis sie sich in der Stadt angemessen kleiden konnte.
Kasheena war so erschöpft, dass Yva und Johulas sie ins Bett legten, wo sie dann auch einschlief.
Yva ließ die Magierin in der Obhut Johulas zurück und rang ihm das Versprechen ab, gut auf Kasheena achtzugeben. »Sag ihr, dass sie schon bald stolz auf mich sein wird. Ich werde gehen, solange sie noch schläft.«
Voller Unruhe sah sie zur Tür, hinter der Kasheena friedlich träumte. Sie wollte den ersten Abschied ihres Lebens nicht mit Tränen beschließen. Mit einem leicht gezwungenen Lächeln schaute sie Johulas in die tiefgründigen Augen, in denen tausend Fragen schwammen.
Er wollte gerade zu einer ansetzen, doch Yva fiel ihm ins Wort. »Nein, keine Fragen. Ich gehe jetzt meinen Weg, aber in meinem Herzen bin ich immer bei euch. Versteh mich bitte. Es wird leichter für euch, wenn ihr nicht so viel wisst. Denn wenn etwas schief geht, wenn er herausbekommen würde, dass du zur Verschwörung gehörst … Ich hätte Angst, er würde dir etwas antun. Suche nicht nach mir. Wenn es an der Zeit ist und sich die Möglichkeit bietet, werde ich zu euch zurückkehren, um euch Lebewohl zu sagen. Meine Zeit als Mensch auf Erden ist begrenzt und ich muss sie gut nutzen. Ich werde nur eine Chance haben, ihn zu töten. Eine Zweite wird er mir nicht gewähren.«
Johulas Blick verriet seine verwirrten Gedanken, seinen Wunsch, noch so viele unausgesprochene Dinge zu sagen. »Yva, dein Vater meinte, du hättest ungeheure Macht. Hast du Angst, Leonyo könnte stärker sein als du?«
»Ach Johulas, eines Tages wirst Du verstehen. Vergiss nicht, ich bin nur zur Hälfte magisch. Ich bin nicht Kasheenas Tochter. Ich bin sie. Ich habe ihr Wesen. Alles, was sie erlebt hat, was sie gedacht hat, was sie je gefühlt hat, lebt in mir«, ihre Lippen bebten, als sie weiter sprach. »Es gibt Dinge, die sie dir nie über ihre Vergangenheit erzählt hat. Du solltest sie danach fragen.«
Yva legte ihre Arme um ihn und drückte ihn für einige Augenblicke an ihr Herz. »Pass gut auf Kasheena auf. Und denkt nicht mehr in Sorge an mich. Ich werde es schon schaffen.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ Johulas Haus.

Comments

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    Gratuliere zu Monday-Gewinn. :D Sehr toll geschrieben. Natürlich all Sternchen. :D

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    Bester Zeitvertreib beim Warten auf einen Termin: Die neuen Belle-Mitglieder durchforsten und blieb gleich mal bei dir hängen. Habe zwar erst das erste Kapitel geschafft, aber ich finde deine Geschichte jetzt schon wunderbar vom Erzählstil her und auch die Personen, der Hauptcharakter ist sehr gut beschrieben und man kann sich gut hineinversetzen in die gesamte Welt, die du da erschaffen hast. :) Freue mich schon, wenn ich auch den Rest lese (was eventuell etwas dauern wird bei mir xD Ich hab zu viel auf der Merkliste und wenn, dann will ich nicht schnell durch, sondern wirklich genießen können, um so ein Werk zu würdigen). 5/5 und <3

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