Der Gesang ist nur das Kleid des Todes


Ich sprang von meinem Stuhl auf: „Was? Warum denn?“

„Ich weiß es nicht. Mir hat es nur gerade ein Soldat mitgeteilt. Was er wohl möchte?“

Erzählte mir Jahn.

Ich steckte mir meine Pistole in die Halterung, lief an Jahn vorbei und stampfte die Treppen herunter.

 

Ich öffnete Die Tür des Hauses und überquerte umgehend die Straße, auf denen die Kettenfahrzeuge hin und her rasten. Ich lief an den immer noch wie wild fluchenden Pionieren und deren kaputtem Motorrad vorbei und bog in eine sehr breite Gasse ab, in denen sich immer noch einige meiner Männer befanden.

Ich lief an der Rationen Ausgabe vorbei, an der man seit Ewigkeiten keine ordentliche Mahlzeiten bekam und daraufhin passierte ich die Poststelle, an der wie immer die Hölle los war, weil jeder entweder seine Briefe von zu Haus abholen oder welche verschicken wollte.

 

Ich ging auf die Herzkammer unseres Postens zu, das Koordinationszentrum.

Ein ehrmaliges Gasthaus, das uns mit Befehlen versorgte und Munition, Waffen, Fahrzeuge und Rationen anforderte. In diesem, für uns heiligen Schrein, befand sich im Erdgeschoss der Konferenzsaal, in denen sich die vor Ort anzutreffenden Generäle und Offiziere über weitere Maßnahmen austauschte und entschieden.

Ich öffnete die Tür an denen zwei Wachen mit 98 Karabinern ihren Wachdienst hinter sich brachten.

Nachdem ich diesen meine Lage erklärt hatte und ich erwähnt hatte, dass ein Feldwebel vor ihnen Stand konnte ich endlich in die gute Stube eintreten.

Dieses Gebäude war mit recht feinem Holz eingerichtet worden. Die ehemalige Bar diente nun als eine Art Rezeption an der ich mich wie in einem Hotel erst anmelden musste, bevor ich zu Göhrer gehen konnte um mir wohl aus irgendeinem Grund wieder eine Breitseite abzuholen.

An dieser Stelle muss wohl nicht mehr erwähnt werden, dass Göhrer ein ziemlich hochnäsiger und verdammt strenger Befehlshaber war.

 

„Guten Tag. General Göhrer hat mich herbestellt. Feldwebel Lange mein Name.“

Erklärte ich dem Soldaten in Schwarz hinter der Theke.

„Genau, General Göhrer erwartet Sie bereits. Sie können schon reingehen.“

Antwortete er mir und zeigte auf die Tür den Gang hinunter.

Ich verabschiedete mich mit einem kurzen Nicken und begab mich auf den Weg in den Saal.

„Er erwartet mich bereits… Hört sich gar nicht gut an.“ Dachte ich mir als ich bemerkte, dass ich nur noch eine Nasenlänge vor seiner Tür stand.

 

Ich trat einmal auf der Stelle und klopfte zweimal stark gegen die Holztür.

„Kommen Sie herein.“ Sprach Göhrer mit seiner zwar starken aber dieses Mal leiseren Stimme. Ich öffnete die Tür und trat ein.

Der Raum war riesig, dafür aber bis auf einige Tische, Stühle, Karten und Gemälden zugegeben leer.

„Sie haben mich gerufen Herr General?“ Fragte ich stramm stehend und mit geradeaus gerichtetem Blick.

 

Er stand mit dem Gesicht zu seinem Kamin, der herrlich knisterte.

„Das habe ich, aber keine Sorge, Sie sind nicht in Schwierigkeiten.“

Dort fiel mir bereits eine Last von den Schultern.

Die raschelnden Flammen ließen seine Halbglatze rötlich erscheinen, was aber auch auf einen seiner geliebten Wutanfälle zurückzuführen währe. Er hielt ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit in seiner rechten Hand, etwa auf der Höhe seiner Hüfte. Das wird wohl wieder sein guter Konjak gewesen sein. Er hätte uns wahrscheinlich all unsere Munition und Rationen abbestellen, nur um seinen geliebten italienischen Brandwein schwenken und schlucken zu können.

 

„Eine wichtige Nebenstraße soll bewacht werden, an der wie einen Angriff vermuten. Diese befindet sich neben der Straße B22, die etwa zwei Häuserblocks von der Hauptkreuzung 2. Entfernt ist. Wachsoldaten sind bereits an der Stellung anzutreffen, jedoch wird ein Feldwebel benötigt, um im Falle eines Angriffs den Soldaten genaue Anweisungen geben zu können.

Eine Eskorte wird sie mit ein paar anderen Soldaten zu dieser Stellung bringen.

Ich möchte, dass diese Straße bis zur letzten Granate, bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Tropfen Blut verteidigt wird. Jeder der sich diesem Befehl entziehen möchte, wird umgehend standrechtlich Erschossen. Verstanden?“

Fragte er mich während er seinen Blick immer noch auf die raschelnden Flammen konzentrierte.

„Jawohl Herr General!“ Antwortete ich Ihm.

„Gibt es noch weiteres zu wissen? Sonst mache ich mich umgehend auf den Weg.“

Er blieb still, also dachte ich er wäre fertig und ich könnte aus seiner Höhle fliehen.

 

„Eine Sache gibt es noch.“

„Verdammte Mist!“ Dachte ich mir.

 

„Wenn Sie diese Stellung nicht halten und Sie von einem dieser Russen über den Haufen Geschossen werden, werde ich ihnen selbst noch im Tod die Hölle heiß machen!

Haben Sie verstanden?“ Schrie er auf mich ein.

„Jawohl Herr General, habe verstanden!“ Antwortete ich Ihm.

 

 Als er mich erneut ansprach, befand sich meine Hand bereits an der Türklinken:

"Herr Feldwebel, die Kettenfahrzeuge währen für solch eine Aufgabe zu auffällig und auch zu schade, also werden Sie zu Fuß das Ziel erreichen." Ich nickte:

"Jawohl Herr General. Ich mache mich sofort auf den Weg!“

 

"Und wenn Sie wieder da sind, Herr Feldwebel, dann möchte ich Sie nochmals sprechen." Befahl mir diese unnatürlich ruhige Stimme.

Man konnte Göhrer in etwa mit einem Gorilla vergleichen, schaut er dir direkt in die Augen und es befindet sich keine schützende Wand zwischen euch, bringt er dich wohlmöglich um.

Ich nickte nur als Antwort, drückte die Türklinke mit voller Kraft nach unten und lief umgehend aus dem Zimmer. Ich dachte in diesem Moment noch über meinen gerade erhaltenen Befehl nach. Ich hörte im Hintergrund das Stampfen meiner Stiefel auf den edlen Holzdielen, die mich schnell wie der Ostwind, aus der Höhle des Löwens entkommen ließen.

Ich schnappte mir mein Gewehr 41, das ich dem Meldegänger hinter dem Tresen anvertraute und öffnete die Eingangstür.

Der eiskalte Wind kam mir wir eine Peitsche ins Gesicht, woraufhin ich meine Augen schließen musste. Ich öffnete sie und dort stand auch schon meine Eskorte.

Einige Schützen mit Mp40s ausgestattet empfingen mich bereits. Der Truppenführer trat vor:

"Feldwebel Lange, Truppenführer Kassel macht Meldung: Trupp ist ausgeruht, hat nachgeladen und ist bereit für ihre Eskorte zur Frontgrenze."

Der brünette Mann sah für mich wie eine Art "Mustersoldat" aus. Stramm stehend, eine perfekt und schnell gemachte Meldung und sich noch auf zwei Beinen haltend. Mehr Anforderungen gab es zu diesen harten Tagen, von meiner Seite aus, an die Soldaten nicht.

"Verstanden, jetzt aber vorwärts, bevor sich die Russen noch mitten in unserer Strecke eingraben." Gab ich dem Truppenfrüher zu verstehen.

"Wird gemacht! Schützengruppe, marsch, marsch auf der ausgemachten Strecke!"

 

Wir verließen Lehrenbach über einer Nebenstraße, die uns direkt zur Zielposition führte.

Wir entschieden uns dazu, durch die Trümmer und Ruinen der Häuser zu marschieren, um wenigstens nicht frontal in ein Kreuzfeuer zu laufen.

Auch wenn der Bereich als "gesichert" galt, konnte man sich nie sicher sein, ob ein Scharfschütze dich nicht gerade im Fadenkreuz hat. Der Spruch traf tatsächlich zu: "Scharfschützen sind wie Ratten. Wo einer ist, da sind noch mehr."

 

Eine gesamte Häuserzeile, die nur noch aus einigen Ziegelsteinen, Holzsplittern und Erdlöchern bestand, war unsere bevorzugte Strecke. Auch wenn der Schnee nur einige Zentimeter hoch war, war mir bei diesem Male schneller kalt als sonst. Das fühlte sich wie ein böses Omen an, ich sprach zur meiner Eskorte:

„Schützengruppe, im Laufschritt nach vorne. Los, los!“ Man konnte es wohl ehr mit Geflüster als einen lauten Befehl vergleichen.

Ohne Einwende oder Fragen setzte sich der Trupp in Bewegung. Ich hatte das knarrende Geräusch von Stiefeln die den Schnee fest eindrücken in den Ohren.

Im Normalfall habe ich immer versucht etwas „Small-talk“ zu halten, um mich mit den Kameraden und teilweise noch jungen Knaben vertraut zu machen, nur war mir in dieser unpassenden Lage nun wirklich nicht danach.

 

„Die Sonne geht schon unter!“ Teilte mir ein Soldat rechts von mir mit.

Darauf der Truppenführer: „Stimmt, wir sollten jeden Moment da sein, seht dort!“

Er streckte seinen Arm auf ein Gebäude etwa 100 Meter von uns entfernt, wo das Sonnenlicht im Zielfernrohr eines unserer Gewehre schimmerte.

„Wir sind da. Herr Feldwebel, der Stützpunkt befindet sich dort vorne. Es war mir eine Freude Sie hierhin begleiten zu dürfen.“ Ich wünschte einige Kameraden würden sich ein Beispiel an diesem Truppenführer nehmen.

„Ganz meiner Seits. Machen Sie und ihr Trupp es gut.“ Ich verabschiedete mich mit einem festen Händedruck von dem netten Mann in der feldgrauen Uniform und ging im Laufschritt auf den Spähposten zu.

 

 

Ein Soldat mit einem zerbeulten Helm öffnete mir Tür des Hauses, aus dem ein Schütze nach uns und dem Feind Ausschau hielt.

 

„Kommen Sie herein, wir warten schon aus Sie!“

„Jetzt bin ich ja da. Hallo Feldwebel Lange mein Name, guten Abend.“

Ich schüttelte die Hand des Soldaten.

„Zeigen Sie mir bitte die Straße die es zu verteidigen gilt.“ Bat ich dem Soldaten mit einer monotoneren Stimme.

„Aber gerne! Hier entlang.“

Wir öffneten die Tür und es war eine Überraschung, und zwar eine negative.

Die Straße war keine 7 Meter breit, die Verteidigungsmaßnahmen waren gelinde gesagt miserabel und die Angst der Männer konnte man förmlich riechen.

 

„Das soll sie also sein?!“ Rief ich zu dem Soldaten in Ohr.

Die Straße bat keinerlei gute Verteidigungsmöglichkeit. Nur einige Krater der Artillerie und so manche Schutthaufen konnten den Wachsoldaten Deckung bieten.

„Das ist keine Verteidigungsstellung, das ist den Russen doch nicht mal ein Splitter im Zeh! Also gut hören Sie, lassen sie alle Männer die gerade nichts zu tun haben Sandsäcke errichten. Von dieser Laterne bis zu diesem Wagen. Alle Wachsoldaten mir Karabinern sollen hinter diesen in Stellung gehen, je 100 Zentimeter Abstand.

Wenn Sie mir eine Karte dieser Straße hätten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.

 

„In dem Gebäude hinter ihnen ist die letzte Patrouille mit einigen Informationen zurückgekehrt. Diese werden Ihnen bestimmt etwas über die jetzige Lage des Feindes berichten können.“ Ließ mich der Oberschütze, dessen Helm wohl bald ein ableben blüht wissen.

 

Ich trat in das Gebäude ein, in dem sich nicht mal mehr eine Tür befand.

„Letzte Patrouille zu mir!“ sprach ich in eine Hand voll Soldaten.

Der Patrouillenführer bat mich zu einem kleinen viereckigen Tisch, auf dem er eine Karte ausbreitete.

„Hier sind unsere Berichte.“ Gab mir der in einer Tarnweste gehüllte Mann zu verstehen.

 

Die Karte zeigte die Straße an der ich mich damals befand und einige markierte Punkte, die mehrere hunderte Meter entfernt sein mussten. An diesen Punkten wurden russische Einheiten vermutet, die sich an, für uns ziemlich unpassenden Stellen, eingraben sollten.

„Haben Sie Fahrzeuge, schwere MG-Schützen oder andere Unterstützungseinheiten ausfindig machen können?“ Fragte ich den vernarbten Mann, der schon viele Gefechte miterlebt haben musste.

„Bei den von uns überwachten Positionen wurden bis auf grobe Anzeichen von Feindbewegungen nichts festgestellt.“

Mir pochte der Schädel: „Das kann nicht Ihr ernst sein! Ich werde also wegen einigen groben Anzeichen in diese Todesfalle hier geschickt? Oh Mann! Also gut, da wir nur wenige Soldaten sind und wir auch nur spärlich ausgerüstet sind, sollten wir hoffen, dass Sie bei diesen Vermutungen falsch liegen, sonst könnte es ein interessanter Kampf werden.“ Ich versuchte mich zu beruhigen und es nicht mehr allzu oft zu erwähnen, dass wenn wir angegriffen werden, diese Straße niemals von uns hätte gehalten werden können.

 

 

 

 

„Wir besitzen keinerlei MG-Stellungen oder andere schwereren Waffen zur Verteidigung, wie wollen wir denn einen Angriff sonst noch abwehren?“

Wurde von einem Soldaten aus der hinteren Reihe der Patrouille gefragt.

Er wurde von dem Rest seiner Truppe wütend angestarrt, und bevor noch ein Donnerwetter von seinen Kameraden über ihn hineinbrach, gab ich ihm Recht:

 

„Sie haben Recht. Wir sind nicht gerade gut ausgestattet, das können die Russen von sich aber auch behaupten. Ich kann ihnen aber nur eines sagen: Wir verlieren eine Schlacht nicht, wegen der fehlenden Ausrüstung, sondern wegen Soldaten, die Ihre Hoffnung und das Wissen auf den Sieg einfach aufgeben. Und dies alles nur, weil es so scheint, dass unsere Chancen schlecht stehen. Wenn wir hier sterben, dann starben wir mit Ehre und dem Zwecke des Vaterlandes.

Man kann unseren stolzen Soldaten mit keiner Maschine, mit keiner Waffe und mit keinem Panzer der Welt etwas entgegen setzen!

Also, gehen Sie draußen auf Ihre Posten, ich komme sofort nach.“

Mir kam fast mein mickriges Mittagessen wieder hoch, „Und dem Zwecke des Vaterlandes“, solche Reden zu schwingen brachte mich innerlich schon immer um.

 

Ich erinnerte mich an meine Erziehung.

Mein Vater flößte mir immer ein, man solle das tun was einem gesagt wird. Alles andere führt zu unnötigen Konsequenzen und zu Leid mit Schmerz.

Welch schöne Kindheit. Keine Fragen stellen, mach es einfach bevor es wieder

„Konsequenzen“ gibt. Er musste sich ja unbedingt den mit der großen Gürtelschnalle kaufen.

 

Ich hörte auf mich gegen den verkratzen Tisch zu lehnen und begab mich nach draußen, als ich einen Schreck bekam:

„Die Sonne ist schon untergegangen? Das kann nicht sein.“ Mir war nicht klar wie lange ich an meine nachdachte, aber in diesem Loch geht zur Winterzeit die Sonne schneller unter als einem lieb ist, denn wenn die Dunkelheit kommt, reicht der beste Helm nicht aus.

 

Der Sandsackwall war bereits zur Hälfte fertiggestellt, was mich zunächst verwunderte.

Auf dem linken Bürgersteig befand sich ein alter geschlossener Zeitungskiosk, auf deren Dach sich ein Schütze in Stellung begab.

Ich lief zu Ihm und sprach ihn an:

„War das hier ihre Idee?“

Er zuckte für einen Moment zusammen drehte sich mit seinem Gesicht zu mir und nickte.

„Ja, Herr Feldwebel!“ Diese Stimme passte zu ihm. Obwohl er schon 18 sein musste hätte ich ihn auf höchstens 16 Jahre geschätzt.

 

„Eine gute Idee. Aber das Dach ist flach, das heißt sie sollte sich noch einen kleinen Wall aus Sandsäcken zulegen!“

Rief ich zu dem Jungen hoch.

„Danke sehr Herr Feldwebel! Wird sofort erledigt!“

Der Knabe wird wohl noch nie eine Waffe in der Hand gehalten haben. Den Versuch ihn etwas aufzubauen, hat wohl funktioniert, das wird wohl nicht bei jedem Klappen.

Es waren zwar nur circa 30 Soldaten, die jedoch eine Straße verteidigen sollten, die für uns von hoher strategischer Bedeutung war, da war Stress bei der Mannschaft vorprogrammiert.

 

Als die Verteidigungsmaßnahmen abgeschlossen waren und wir nur noch auf eine Reaktion des Feindes, wenn denn dort überhaupt einer war           , warteten befahl ich gut der Hälfte der Soldaten sich in den Häusern zu verschanzen.

Ich ließ die jüngeren unter ihnen extra die Stellung bemannen, Sie sollte Erfahrung sammeln und begreifen, dass es hier keinen „Welpenschutz“ oder ähnliches gibt.

Unteranderem auch den jungen Mann auf dem Kiosk.

 

Nun war es still.

 

Die Öllampen baten uns nur bedingt Licht und der Wind pfiff diese trotz des Windschutzes aus.

Die Temperatur viel in der Nacht noch weiter, jedoch wurde diese aus irgendeinem Grund in der Nacht erträglicher. Es war ein zweiter Schütze auf den Kiosk geklettert, dies brachte den Schützen dann einen deutlichen Vorteil ein.

Ich zog mir meine Paar schwarzen Lederhandschuhe über die Hände, die ich von zu Haus zugeschickt bekam und eigentlich den Soldaten der Schutz-Staffel vorbehalten war.

 

Ich überprüfte ob meine Magazine richtig geladen waren und der Kniegelenkverschluss meiner Luger reibungslos funktionierte. Es war alles in bester Ordnung, wie immer.

Ich erinnerte mich an den Ausflug nach Tirol vor einigen Jahren. Meine Mutter und mein Schwesterchen liebten es über Alles Ski zu fahren oder Eislaufen zu gehen.

Während mein Vater und ich ihnen aus sicherer Entfernung dabei zusahen und uns entweder über den Feldzug in Frankreich oder wie man die Briten zu schlagen hätte unterhielten.

 

Selbst die Stunden, die die meisten Familien als die schönsten Stunden bezeichnen würden, konnte mein Vater mit den Diskussionen welcher Panzer doch der Beste wäre oder welches Gewehr als Standardwaffe eingeführt werden sollte, ruinieren.

Am selben Abend kaufte ich meiner Schwester eine heiße Schokolade, an der sie sich gleich einmal die Zunge verbrannte. Schokolade aus Österreich, verflucht süßes Zeug.

 

Ich atmete ein und spürte das brennen der eiskalten Luft in meinen Lungen.

Ich atmete aus und erschrak bevor ich wieder einatmen konnte.  

Ich vernahm eine glasklare weibliche Stimme die wohl zu singen schien. Zuerst nur leise, daraufhin klangen sich mehrere Frauenstimmen in den Gesang ein.

 

Die Soldaten wurden sehr unruhig.

 

 

 

 

Das Lied kam mir bekannt vor, ich hatte es zu diesem Zeitpunkt schon einmal gehört. Ich zerbrach mir den Kopf was es denn für ein Lied hätte sein können.

Auch wenn meine Überlegung von einem besorgtem Soldaten unterbrochen wurde.

 

„He…Herr Feldwebel? Was sollen wir nun tun?“ Er zitterte förmlich und das schon von einem Frauenchor.

Da rief ein älterer Soldat von der linken Flanke her:

„Ach, das sind doch nur n paar Zivilisten, sonst nichts!“

 

 

„Nein, nein. Ich glaube nicht dass das Zivilistinnen sind. Aber die rote Armee wird keinen großen Sanitätstrupp nur zur Einschüchterung unserer Truppen verwenden. Selbst wenn dieser Trupp uns angreift, wir schlagen sie zurück und das mit Leichtigkeit!“ Teile ich den Kameraden mit.

 

Meine Augen erweiterten sich als mir das Lied wieder in den Sinn kam. Ich hatte glücklicherweise lange Russischunterricht, so konnte ich mich ziemlich gut an den Text erinnern. Katyusha hieß das Lied!

 

Wychodila, pesnju sawodila

Pro stepnowo, sisowo orla,

Pro towo, kotorowo ljubila,

Pro towo, tschji pisma beregla.

Quelle: Wikipedia.org



Und es schwang ein Lied aus frohem Herzen

jubelnd, jauchzend sich empor zum Licht;

weil der Liebste ein Brieflein geschrieben,

das von Heimkehr und von Liebe spricht.

 

 

Das Lied klang tatsächlich sehr bedrohlich, wenn man die Sprache nicht beherrschen konnte. Ich sah in meinem Augenwinkel wie die Soldaten die hinter den Sandsäcken schon weiche Knie bekamen immer öfters einen Schritt zurücktreten.

Ich musste also zum Gegenangriff blasen

 

 

Ja, wer marschiert in Feindesland

und singt ein Treufelslied?

Ein Schütze steht am Oderstrand

Und leise summt er mit:

Wir pfeifen aus Unten und Oben

und uns kann die ganze Welt

Verfluchen oder auch loben,

Grad wie es ihr wohl gefällt.

 

Ich schlug rhythmisch mit dem Griff meines Gewehres geben eine alte Metalltonne.

Der Junge auf dem Kiosk fing an mit zu murmeln, dann der Soldat von der linken Flanke bis hin zu den Männern in den Häusern.

Nun war es schon eine starke Stimme, die uns mit neuer Kraft versorgte.

 

https://www.youtube.com/watch?v=UsSfTwT5EMM

Wo wir sind da ist immer vorne

Und der Teufel, der lacht noch dazu:

Ha, ha, ha, ha, ha.

Wir kämpfen für Deutschland

der Freiheit zur Ehre,

Der Gegner kommt nicht mehr zur Ruh

 

Wir übertönten das russische Liebeslied mit Gesang und dem Stampfen der Stiefel. Ein entschlossenes Lächeln wurde auf die Gesichter meiner Männer gezaubert. Der Elan ließ die Erde von ganz alleine beben. Wir setzten den Gesang fort und als das Lied zu Ende war, fingen wir nochmals an. Als uns dies zu eintönig vorkam wählten wir ein anderes. Das Panzerlied, Erika, du schöner Westerwald und alles was uns noch in den Sinn kam.

Die ganze Nacht hindurch bekamen wir keinen einzigen Russen zu Gesicht.

Das war der Ende meines 25 Tages in diesem Schutthaufen.

 

Was ich nicht wusste: Ein russischer Späher beobachtete uns. Dieser würde mir noch einigen Ärger einhandeln

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beta
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