Der Gläserne Patient

Bevor ich also zu den Schwestern und Pflegern kam, die die Patientenzimmer überwachten, erklärte die Ärztin, sie sollen ein gesondertes Auge auf mich haben, weil ich Gefühle innerer Leere kenne und emotional instabil sei (also das, was man wohl in der Psychologie als Borderline bezeichnet).
Auf dem Stuhl vor einem anderen Pfleger wurden mir dann noch einmal Fragen gestellt. Gewicht und Größe. Ich sollte am nächsten Tag ein kalorienreiches Getränk bekommen. Vermutlich um mich aufzupäppeln. Auch das war sehr ironisch, aber dazu später mehr.
Dann die Frage 'Ob ich eher das Gefühl von völliger Niedergeschlagenheit hätte und mich lustlos fühle oder, ob ich vorhätte mir etwas anzutun, sobald ich das Zimmer betreten würde?' Ich wählte erstere Formulierung, weil sie mich sonst vermutlich fixiert hätten. Und ich war mir in diesem Moment noch nie so eigenartig vorgekommen, denn ich sprach das allererste Mal offen über meine tatsächlichen Gedanken und Gefühle. Keine Beschönigungen, keine Rücksichtnahme auf meine Eltern oder irgendwen sonst. Ich hatte mich für die Ärzte sehr weit geöffnet und spielte wirklich mit dem Gedanken mich umzubringen, weil ich mich angreifbar gemacht hatte. Ich hatte meinen Selbstschutz aufgegeben und war das geworden, was ich wenig später am Whiteboard der Geschlossenen Station las: Der Gläserne Patient.

Aber die vielen Fragen und die Beobachtung hörten sofort auf als ich um halb neun in meinem kargen Einzelzimmer saß und aus dem Fenster ohne Griff schaute. Auf der anderen Seite erkannte ich eine große Kirche und einen Vorhof, durch den das Personal davon ging, um die Schichten zu wechseln, wie ich vermutete.

Nachdem ich mich auf dem Zimmer zutode langweilte und fürchtete auf dumme Gedanken zu kommen, schaute ich mich ein bisschen auf der Station um, die man hier Stephan nannte. Nun ja, ich kam nicht allzu weit, um ehrlich zu sein. Sie war nicht sehr groß und alle Türen und Fenster waren verriegelt und mit Gittern versperrt. Ich hatte regelrecht Angst vor den anderen Patienten. Auch wenn ich wusste, dass sie genauso Menschen waren wie ich, empfand ich sie nicht als solche, sondern als Bedrohung. Ich ging ihnen aus dem Weg, schaute sie kaum an, lächelte nicht einmal, wie ich es sonst bei Fremden tat, wenn ich mich nicht traute, sie zu grüßen. Und doch wusste ich ja, dass sie genauso Menschen mit großen Problemen waren, wie ich... sonst wäre ich nicht hier. Aber ich wollte das nicht. Ich hab mich emotional ganz weit von ihnen distanziert.
Ganz besonders fiel mir dabei ein Mädchen auf. Sie musste in etwa in meinem Alter sein. Sie hatte gebräunte Haut und dunkelbraunes Haar, das an den Spitzen Türkis war. Sie sah dünn aus und man erkannte große Narben an ihrem Oberarm. Ich hatte das Gefühl in einen Spiegel zu blicken, rein von der Problematik, aber mit einer Ausnahme: Sie verhielt sich wie ein Zombie. Sie schaute mich zwar an, aber sie schaute durch mich hindurch. Ihr Mund war aufgeklappt, die Augen nur halb geöffnet, verträumt geradeaus starrend, als drohte sie gleich umzukippen und wenn sie sich bewegte, dann ganz starr wie ein Roboter, der blind seinem inneren Programm folgte. Man hatte sie auf Medikamente gesetzt. Das sah ich sogar als jemand, der zuvor noch niemanden auf Psychopharmaka erlebt hatte. Glücklicherweise hatte ich mich gegen Medikamente ausgesprochen. Meine Probleme waren nun wieder nicht so groß, dass man sie mit Pillen behandeln musste. Gespräche hätten sicherlich auch gereicht...

Comments

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    Dieses komische Verhalten von diesen Mädchen sollte aber eigentlich nicht sein. Entweder ist dann die Dosis zu hoch, oder das Medikament nicht für sie geeignet. Da muss man die richtige Art und Dosis finden. Es gibt heute schon sehr gute Antdepressiva. Cipralex zum Beispiel. Damit machte ich z.B. gute Erfahrungen.

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Fairy Dust

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