Muhammad Karim Yusuf Ben Nasreddin Ibn Nasreddin al-Mawardi at-Tawīl, war nicht mehr der Jüngste aber noch recht frisch im Kopf. Vor vielen Jahren lebte er in Bagdad und hatte nahe der Stadtgrenze ein kleines Haus, ja, wenn man seinen Worten Glauben schenken darf, so ist es eher eine bescheidene Hütte. Muhammad Karim Yusuf war ein gottesgläubiger Mann, ganz im Sinne Mohammeds.

»Gott segne ihn und schenke ihm Heil, dem Gottesgesandten«, waren steht‘ s seine Worte.
Vor nicht allzu langer Zeit war er noch ein hoch angesehener Mann, der im Palast des Kalifen ein und aus ging und jedermann respektierte, ach was, verehrte ihn. Er war der Prophet schlechthin, denn seine astronomischen Weissagungen waren Gebot und das nicht nur beim Landesherrscher.
Von überall her kamen die Menschen, manche pilgerten viele Kilometer weit, nur um seinen Rat einzuholen. Er las die Zukunft aus Palmenblättern, beherrschte das Pendel, sagte das Wetter oder Krankheiten voraus, war belesen in Politik und Wirtschaft, löste mit viel diplomatischem Geschick selbst die finanziellen Probleme seiner Kunden und warnte vor Habgier und Spekulationen. Ja, er predigte Bescheidenheit. Es gab kaum jemand im Lande der seinen Namen nicht kannte ohne sich vor Ehrfurcht zu verneigen.
Doch das Leben des allseits beliebten Propheten geriet aus den Bahnen als Allah beschloss sein geliebtes Weib zu sich zu rufen. Eine kurze aber tödlich endende Krankheit riss sie ihm geradezu aus den Armen, von denen aus sie den direkten Weg zu Allah fand.
Das warf den gottesgläubigen Mann völlig aus der Bahn. Nichts aber auch gar nichts war mehr für ihn von Interesse. Da ihnen Kinder nicht beschieden waren, zog er sich zurück und ward künftig für niemand mehr zu sprechen. Nur Karim, ein Junge aus der Nachbarschaft, den er sehr liebte, hatte noch Kontakt zu dem alten, im Herzen gebrochenen Mann. Er war es der ihm die alltäglichen Dinge des Lebens besorgte, so, dass er nicht selber zum Markt gehen musste, wo die Menschen ihn mit für ihn lästige Fragen nervten.

Am Anfang war Muhammad Karim Yusuf erzürnt, hatte ihm Allah doch das Liebste genommen, was er auf Erden besaß. In seinen fünf täglichen Gebeten, das erste am Morgen bevor die Sonne aufgeht, das zweite wenn die Sonne am höchsten steht, das dritte am Nachmittag wenn dein Schatten größer ist als du selbst, das vierte am Abend wenn die Sonne untergegangen ist und das fünfte in der Nacht wenn es dunkel ist, drückte er immer und immer wieder sein Unverständnis aus. In all seinen Gebeten fragte er: »Oh, Allah, was habe ich falsch gemacht, dass Du mich so hart bestrafst. Ich war dir immer ein treuer Diener. Woran liegt es, das Du dich gerade meiner derart erzürnst.«

Woche um Woche das gleiche, bis er müde des Fragens wurde, denn eine Antwort hatte er eh nicht erhofft. Irgendwann begann er um Verzeihung für seinen Unmut zu bitten. Im Gegenteil er bedankte sich bei Allah, dass er seine geliebte Fatima nicht Wochen und monatelang hat leiden lassen. Er bedankte sich für all die schönen Jahre die er mit seinem Weib ohne Krankheit und Gebrechen erleben durfte und er bedankte sich dafür,  dass es ihm gegeben sei noch weiter auf Allahs wunderschöner Erde zu leben, mit der kleinen Einschränkung doch Kinderlos und Einsam zu sein.

Eine Einschränkung die nach sehr vielen Gebeten sogar Gehör fand.

Eines Abends, Muhammad Karim Yusuf glaubte schon er sei nicht ganz richtig im Kopf, bildete sich ein, nach seinem Gebet zur guten Nacht eine Stimme zu hören. Das kann nicht sein. ich fantasiere, werde langsam senil, dachte er.

Doch dann hielt er inne, denn er hörte die Stimme ein zweites Mal oder war es vielleicht nur eine Eingebung. Was auch immer, denn er bildete sich ein, dass die Stimme jetzt direkt zu ihm sprach: » Muhammad Karim Yusuf Ben Nasreddin Ibn Nasreddin al-Mawardi at-Tawīl, begib dich zur Ruh und folge am Morgen deinem nächtlichen Traum«, mehr konnte er nicht vernehmen.

Muhammad Karim Yusufs Glaube war schon recht groß aber das Allah, der größte Gott unter der Sonne, nun direkt zu ihm sprach, daran zweifelte er dann doch. Oh Allah, was bin ich doch für ein Narr, jetzt bin ich schon so wirr und höre deine Stimme, schalt er sich in Gedanken und begab sich des Abends zu Bett.

Die Nacht war ruhig, er schlief tief und fest, doch er hatte einen seltsamen Traum, nämlich den, dass er eine Truhe – eine Art goldenen Schrein – in seinem Schuppen fand.

Am nächsten Morgen erwachte er frisch und ausgeruht und er ging, wie jeden Morgen zuerst in den Schuppen um Holz für seinen Tannur, einem speziellen Ofen in dem er, sein tägliches Chubz, ähnlich einem Fladenbrot, zu backen gedachte. Nachdem er einen Arm voll Holz genommen hatte, wanderte sein Blick unweigerlich in die Ecke in der seine alte Bücherkiste stand. Durch einen kleinen Spalt der Tür fiel ein winziger Sonnenstrahl auf die mit einer wollenen Decke verhüllte Kiste und nur um seinen eigenen Unglauben zu befriedigen ging er hin und zog das Tuch herunter.

Muhammad Karim Yusuf war fast zu Tode erschrocken. Der winzige Strahl der Sonne erzeugte ein gleißendes Licht und so stand der alte Mann Geblendet vom edlen Metall da und starrte auf einen goldenen Schrein.

Demütig sank er zu Boden und bat Allah um Vergebung: »Oh Allah, verzeih deinem unwürdigen Diener, dass er an dir gezweifelt hat«, rief er.

Doch nun war guter Rat teuer, was um alles in der Welt sollte er, ein alter, in armen Verhältnissen lebender Mann, mit so einem kostbaren Gegenstand anfangen.

Verkaufen? Niemals! Jeder würde mich für einen Dieb halten und am Ende käme ich noch ins Gefängnis, war sein denken.

Die Unruhe verließ ihn den ganzen Tag nicht und als er sein Nachtgebet sprach empfand er sich selbst als zu minderwertig um mit seinem Gott ein Gespräch zu beginnen. Doch Allah sandte ihm seinen Willen auf seine weise, indem er seinem Diener die richtigen Gedanken  initiierte.

Nacht für Nacht erträumte Muhammad Karim Yusuf  nun eine Geschichte. Tags darauf setzte er sich, wie unter einem höheren Zwang hin, schrieb die erträumte Geschichte auf ein Blatt Papier und legte sie in den goldenen Schrein.

Dieser Vorgang wiederholte sich Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat, so vergingen Jahre. Das Haar des Alten wurde langsam weiß und sein Bart lang und länger. Seltsamer Weise, blieb jedes beschriebene Blatt Papier fest in seinem Gedächtnis verankert, sobald er es in die Truhe gelegt hatte und diese verschloss.
Ganze sieben Jahre blieb der alte Mann verschwunden, dann tauchte er plötzlich in einem öffentlichen Park auf, setzte sich auf eine Wiese, wo um ihn herum noch andere saßen und ohne jegliche Scheu fing er an eine Geschichte zu erzählen. Erst sahen ihn die Menschen verwundert an, doch ganz langsam so peu à peu, wandten sie sich ihm zu und lauschten. Abends ging er nach Hause, doch am darauffolgenden Tag saß er wieder an der gleichen Stellen und erzählte neue Geschichten. Mit der Zeit kamen immer mehr Leute, Kinder sowie Erwachsene und lauschten seinen Erzählungen.
Niemand wusste woher, doch er kannte sie alle, die Geschichten des Morgen- und Abendlandes. Die des Königs Shahriar dem Besitzer einer ungenannten Insel, der schockiert von der Untreue seiner Frau alle Jungfrauen nach nur einer Nacht umbringen ließ, bis Scheherazade, die Tochter des Wesirs kam um das grässliche Morden zu beenden.

Sie begann ihm Geschichten zu erzählen; am Ende der Nacht ist sie an einer so spannenden Stelle angelangt, dass der König unbedingt die Fortsetzung hören will und die Hinrichtung aufschiebt. In der folgenden Nacht erzählt Scheherazade die Geschichte weiter, unterbricht am Morgen wieder an einer spannenden Stelle usw. Nach tausendundeiner Nacht hat sie ihm drei Kinder geboren, und der König gewährte der Schönen Erzählerin Gnade.
Aber auch die „alf laila wa-laila“, eine Sammlung morgenländischer Erzählungen um den historischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd aus dem 11. und 12. Jahrhundert, kannte Muhammad Karim Yusuf.

Irgendwann, niemand wusste es genau, rief man ihn nur noch “Alrrawi“, das heißt „der Erzähler“, denn niemand konnte so schön Geschichten erzählen wie er. Von Stund an war der alte Mann nie mehr allein und das verdankte er einem goldenen Schrein.

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