Der Jäger

Ungeduldig sah er zu der Frau hinüber, die am Nebentisch saß und in aller Ruhe ihren Cappuccino schlürfte und irgendeine dieser Frauenzeitschriften las. Sie wartete offenbar auf jemanden, und so war er selbst zum Beobachten verdammt.

Irgendwann jedoch musste sie zur Toilette gehen und dann würde sie unbeobachtet von anderen sein. Und damit allein mit ihm und der Spritze Insulin, die er für sie parat hielt. Rastlos spielte er mit dem Zuckerstreuer. Er brachte Dinge gern zum Abschluss und dieses kichernde, ohne Frage herausragend hübsche Weibsbild langweilte ihn allmählich. Er schielte zu ihr herüber. Irgendetwas Lustiges musste in dem Schundblatt stehen, denn sie lächelte vor sich hin, strich sich eine Strähne ihres langen, rotblonden Haars aus dem Gesicht und blätterte um.

Die Tür ging auf und die junge Frau hob erwartungsvoll den Kopf. Ein fröhliches Grinsen überzog ihr Gesicht, als sie die andere Frau erblickte, die sich noch suchend umsah. Gleich würde es losgehen, befürchtete der Mann, ein plärrendes überschwängliches Begrüßungsgetue in aller Öffentlichkeit. Doch die beiden Frauen umarmten sich nur herzlich und deutlich länger, als das oberflächliche Annähern der Oberkörper, das gemeinhin als Umarmung gelten mochte, und machten ihm als Beobachter klar, dass die beiden sich sehr gut kennen mussten. Dann würde wenigstens eine Person ehrlich um die bald Verstorbene trauern, sollten seine Informationen sich als falsch erweisen, überlegte er und trank einen Schluck seines Kaffees. Ob die neu angekommene Frau ahnte, wer ihre beste Freundin möglicherweise war? Vermutlich nicht.

Die andere Frau war groß, so groß, dass die Umarmung ihrer deutlich kleineren Freundin etwas ungelenk wirkte. Sie war ganz hübsch, soweit er das von seinem Platz aus beurteilen konnte.

»… heute Abend?«, hörte er die dunkelhaarige Frau laut ausrufen und hörte Überraschung und Ablehnung heraus. Er konzentrierte sich stärker auf das Gespräch der beiden und lauschte amüsiert, wie die Rothaarige ihre Freundin davon zu überzeugen versuchte, mit ihr abends auf eine Party zu kommen.

Das wird nichts, stellte der Mann lautlos fest und seufzte. Was folgen würde, gefiel ihm nicht besonders, aber es war unumgänglich. Manchmal nahm ihnen auch das Schicksal diese Aufgabe ab, doch darauf konnte man sich nicht verlassen. Bei solch jungen Leuten ohnehin nicht. Wenn er Zeit hatte, inszenierte er tödliche Unfälle mit größter Sorgfalt und musste den Dingen nur noch ihren Lauf lassen. Sämtliche Pathologien der Stadt waren von seiner Gesellschaft durchsetzt, so dass sie die Frau in die Hände bekommen würden, sollte sie wieder aufwachen. Falls nicht, waren sie Fehlinformationen aufgesessen.

Doch er hatte es im Gefühl, und nicht nur er, sondern sein gesamter Verbund spürte es – hier im Norden der Republik braute sich etwas zusammen. Seit einigen Monaten hatten sie immer mehr Übernatürliche hier in der Gegend aufgegriffen, selten wirklich potent, aber es wurden mehr, als würden sie von etwas angezogen. Seit zwölf Tagen war er in Hamburg und hatte bereits zwei Unfälle eingefädelt und beide waren Treffer gewesen. Wieder keine Vertreter der Spezies, die er jagte, aber immerhin Begabte.

Je länger er hier saß, desto unruhiger wurde er. War das die Rothaarige, die die Luft auflud? Er hasste das Übernatürliche, ekelte sich davor, hatte, auch wenn er nicht gern zugab, Angst. Doch ohne diese wäre er schon längst von einem seiner ins Visier Genommenen am Boden zermatscht worden oder wäre im Trank einer Hexe gelandet. Angst machte ihn umsichtig.

Schon seit er denken konnte, hatten ihn Geschichten über Dämonen, Gestaltwandler, Vampire, Wiedergänger, Hexen und Zauberer fasziniert – doch er hatte nie einer von ihnen sein wollen, nein, er hatte immer zu denen gehört, die das normale Leben ohne übernatürliche Störungen liebten und alles, was davon abwich, als Bedrohung betrachteten. Ganz im Sinne seiner Familie hatte er sich dementsprechend auch beruflich orientiert und war schließlich – nach einer selbst gewählten Auszeit – ein Jäger der Adicten geworden. Seitdem suchte und jagte er Begabte, die über die Stränge schlugen oder jene, die ein zu starkes Potential aufwiesen und nicht länger frei herumlaufen sollten. So hielten er und seine Kollegen die Waage und sorgten dafür, dass normale Menschen ein ruhiges, von Übernatürlichem unbehelligtes Leben führen durften.

»Widerliches Pack!«, zischte er tonlos in seine Kaffeetasse hinein und trank das schwarze Gebräu in einem Zug aus.

Die hinzugekommene Frau stand auf. Er fuhr sich seufzend durch die dunklen kurzen Haare, denn die Falsche war aufgestanden – und er war zu weiterem Warten verdammt. »Ruhig, Callahan, ruhig!«, murmelte er fast lautlos und stellte irritiert fest, dass er wirklich nervös war.

Die Dunkelhaarige näherte sich ihm, sah ihn flüchtig an und ihre Blicke kreuzten sich für einen Sekundenbruchteil. Sie blickte sofort weg und er bildete sich ein, dass sie rot wurde. Wenn sie wüsste, dass er ihre Freundin umbringen würde, hätte sie sicher etwas anderes als den nicht unattraktiven, etwas verschlossen wirkenden Mann um die Dreißig in ihm gesehen. Vielleicht hätte sie ihn als Psychopathen abgestempelt, der Hirngespinsten hinterher jagte, als Serienkiller – was er, wenn er es streng nahm, auch war. Dass es auf der Erde viel üblere Gestalten als ihn gab, konnte die hübsche Brünette ja nicht wissen. So wie sie auch von ihm und seinen Absichten nichts ahnte.

Resigniert lehnte sich der Mann zurück in seinen Stuhl. Er tat, was getan werden musste, ein stiller Held in seinen Augen, der die Welt versuchte zu schützen. Dass er damit nicht prahlen und bei Frauen landen konnte, war durchaus zu verschmerzen.

Die Frau kehrte wenige Minuten später zurück, ging an ihm vorbei und er konnte den schwachen Duft eines frischen Parfums wahrnehmen. Es gefiel ihm, das und ihr Duft. Seine Lenden zogen vielsagend und er riskierte einen zweiten Blick. Vielleicht sollte er sich bei der gegebenenfalls stattfindenden Beerdigung blicken lassen und der Dame seine starke Schulter zum Ausweinen anbieten? Er musste grinsen bei der Vorstellung, eine Frau auf einer Beerdigung anzubaggern, die er selbst quasi verursacht hatte. Seine Gesellschaft wäre mit einiger Sicherheit nicht allzu amüsiert darüber, doch die große Brünette könnte es wert sein. Die beiden Frauen tuschelten und er spürte mit einem Mal ihre Blicke auf sich ruhen. Verdammt, das war nicht, was er brauchte. Er sah hoch und blickte direkt in die hellen Augen der dunkelhaarigen Frau. Sein Herzschlag kam ihm mit einem Mal zu laut vor, seine Kehle zu trocken. Irgendetwas hatte sie an sich, das ihn aus dem Konzept brachte, ihn unruhig werden ließ und das sollte einfach nicht so sein.

Ein leises Schwindelgefühl waberte durch seinen Kopf und als er wieder klar sah, packten die beiden Frauen zusammen. Für zwei Sekunden war ihm die Situation entglitten und schon hatte sich alles geändert.

Missmutig verfluchte er die Brünette, die ihrer Freundin unabsichtlich das Leben gerettet hatte. So etwas passierte ihm sonst nie! Er gestattete sich einen Anflug von Ärger, ballte die Fäuste und beobachtete, wie die Rotblonde in ihren alten Bundeswehrparka und die Brünette in einen dunkelblauen Trench schlüpfte. Noch immer konnte er sich nicht erklären, woher die plötzliche Aufbruchsstimmung herrührte und aus einem Gefühl heraus schrieb er sie der dunkelhaarigen Frau zu.

Nun, dann würde die Party, auf die die Rothaarige wohl unbedingt wollte, eben einen für sie unschönen Ausgang haben. Oder der Weg dorthin. Oder zurück, so ganz sicher war er sich da noch nicht. Ein Großteil seines Jobs bestand darin, auf den passenden Moment zu warten – oder den Moment beherzt zu erschaffen.

An der Tür blickte sich die unabsichtliche Lebensretterin noch einmal um und diesmal war der Mann sich sicher, dass sie ausdrücklich ihn anstarrte. Fragend – oder warnend? Hatte er sich durch irgendetwas verraten? Hatte sie einen Tipp bekommen? Irgendetwas? Sie war ein unbeschriebenes Blatt, soweit er wusste. Eine kribbelige Ungeduld brandete durch seine Adern. Diese Sache musste dringend geklärt werden.

Leise fluchend erhob er sich und war letztlich froh, dass seine Sitzwache ein Ende gefunden hatte. Er schlang sich einen Schal um den Hals, schlüpfte in seine Cordjacke, setzte seine Schiebermütze auf und trat auf die Straße. Mit diesem Outfit sah er aus wie so viele hier: Bemüht lässig und in ihrem Bestreben nach Individualität doch auf eine seltsame Art und Weise uniformiert. Ihm war es egal – er war gern einer unter Vielen. Das machte so einiges einfacher.

Das Schanzenviertel war belebt und erschwerte es ihm, die beiden Frauen im Auge zu behalten. Minuten später gaben die beiden Frauen ihm Anlass zum Durchatmen. Sie hielten an einem Obst- und Gemüseladen, suchten sich einige Exemplare aus und schienen plötzlich wieder alle Zeit der Welt zu haben. Dann war vielleicht doch nicht er der Grund gewesen, warum sie kaum zehn Minuten nach Ankunft der Freundin aus dem Café geflüchtet waren?

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