Der Mantelturm

„Euch wird ein ehrenvoller Tod erwarten.“ Kragmar Deepscar schlug sich sechs mal gegen die bemalte Brust. Er und seine beiden Wächter hatten sie durch einen versteckten Ausgang hinaus eskortiert, um die zahlreichen Fragen der Orks zu vermeiden. Sie wichen den Patrouillen innerhalb des Ork Territoriums aus, bis sie in das Einzugsgebiet des Mantelturms kamen. Hier war es, wie schon Hauptmann Jarson prophezeit hatte, unmöglich ungesehen zum Turm vorzudringen.
Kragmar kam aber, als einer der Hordenführer problemlos hindurch.
Er führte sie bis zu den Toren des Mantelturms, die am Ende einer steilen, zerfallenen Treppe lagen. Die Wachen hinter der Tür blickten ihnen argwöhnisch entgegen, sahen aber schnell zu Boden, als sie dem drohenden Blick Kragmars begegneten.
„Richtet der Kommandantin aus, dass sie wichtige Besucher erwartet“, schnauzte er einen von ihnen an, der augenblicklich seinen Posten verließ und im Inneren des Turmes verschwand. Kragmar wandte sich zu Harbek, Alice und Keeda. „Unsere Kommandantin wird euch anhören, doch gehört ist nicht verstanden und es bedeutet auch nicht euer Überleben. Vermutlich sind dies eure letzten Momente in dieser Welt.“ Er nickte ihnen knapp ohne ein Zeichen des Bedauerns zu und deutete zu einer Treppe die sich in großen Bogen nach oben durch die Turmmitte wandte. „Folgt ihr bis zum Ende, dort wird euch unsere Kommandantin Vansi Bloodsar erwarten.“
Harbek neigte respektvoll den Kopf und Alice lächelte den großen Ork freundlich an.
„Danke“, verabschiedete sie sich und folgte Habek und Keeda zum Fuß der Wendeltreppe. Die Drow blieb kurz stehen, sah misstrauisch zu Kragmar zurück und kniff verdrossen die Lippen zusammen. Der Hordenführer erwiderte ihren prüfenden Blick fest und blickte ihr nach, als sie sich kopfschüttelnd von ihm abwandte und ihren Freunden folgte.

Sie folgten dem kurvigen Verlauf der Treppe immer höher, bis sie unter und über sich nur noch Schatten erkannten. Manchmal brachen ein paar Sonnenstrahlen durch Risse in den Wänden und sie konnten einen atemberaubenden Blick über das Turmviertel werfen, bis ihre Sicht nach Westen hin durch nebligen Dunst verschwamm.
„Wer glaubt noch, dass das hier eine Falle ist?“, durchbrach Keeda die angespannte Stille und kletterte über eine umgefallene Statue, die die Treppe versperrte. Alice folgte ihr und nahm die ausgestreckte Hand der Drow dankbar als Hilfe an.
„Deine Vorsicht grenzt an Paranoia“, erwiderte sie, als sie wieder festen Stein unter den Füßen hatte. Harbek verzichtete auf Keedas Hilfe und hievte sich allein über die Barrikade.
„Ich bin mir nicht sicher, was uns am Ende dieser Treppe erwarten wird.“
Keeda verdrehte die Augen, „Wir werden bald sehen, ob ich paranoid bin. Spätestens wenn uns die zwei Orks die uns entgegen kommen zu ihrer Herrin geschleppt haben.“
Im nächsten Moment sprangen zwei Orks die Stufen vor ihnen hinab und knurrten bedrohlich. Alice schrie vor Schreck kurz auf und sprang rücklings mit gezogenen Klingen auf die Statue.
„Waffen runter. Bloodscar erwartet euch“, knurrten einer von ihnen zornig und zog seinerseits eine lange Stielaxt aus seinem Gürtel. Keeda beobachtete seine Bewegung mit hochgezogenen Brauen und zuckte ergeben mit den Schultern.

Die beiden Orks führten sie weiter die Treppe entlang, wobei sie ihnen immer wieder mit den Äxten in den Rücken stießen und zur Eile trieben. An ihrem Ende wurden sie in die Mitte des großen, runden Raumes geführt, der sich dort vor ihnen öffnete.
In den Boden waren Runen und Symbole eingraviert und durch das teilweise eingestürzte Kuppeldach konnten sie beobachten, wie die untergehende Sonne den Himmel in grellen Farben erstrahlen ließ.
„Boten Neverwinters, von eurer Sorte hatte ich schon lange keine mehr hier oben“, die krächzende Stimme einer Frau ließ sie zusammen zucken und instinktiv nach ihren Waffen tasten. Augenblicklich hoben die Orks, die sich in einem lockeren Kreis um sie versammelt hatten, ihre Waffen und richteten sie drohend auf die Boten.
Keeda zwang sich, wie Alice dazu, die Arme sinken zu lassen und versuchte sich zu entspannen. Harbek ließ ebenfalls sein Zepter sinken und trat devot der Kommandantin entgegen, die betont langsam auf sie zu schlenderte.
Sie war viel kleiner, als ihre männlichen Artgenossen und weit weniger bullig. Wie Menschenfrauen besaß auch sie ausgeprägte Rundungen, die sie mit einer knappen Rüstung noch betonen wollte. Die nackten, grauen Beine, hatte sie, wie auch das Gesicht mit wilden Malereien verziert, die die gleiche eisblaue Farbe hatten wie ihre leuchteten Augen. Ihr schwarzes Haar was kurz geschoren und zusammen mit den zahlreichen Stacheln und Knochenketten an ihrer Rüstung das einzige Anzeichen ihres militärischen Ranges.
Harbek lief es kalt über den Rücken, als er in ihre glühenden Augen blickte, versuchte aber seine Furcht zu unterdrücken. Leicht gebeugt trat er der Kommandantin entgegen und verneigte sich. Ihr starrer Blick ließ ihn erzittern.
„Wir sind Boten eines Angebots Neverwinters. Hauptmann Jarson schickt uns, um euch ein Friedensangebot zu unterbreiten.“ Er stammelte die Worte hervor und biss sich verärgert auf sie Wangen. Spätestens jetzt mussten die Orks seine Furcht bemerkt haben und nicht nur sie, auch Alice und Keeda sahen ihn zweifelnd an.
Vansi Bloodscar lachte laut und schallend auf, „Jarson möchte Frieden schließen? Welch Narr muss er sein, um zu hoffen, ich würde dieses Angebot annehmen und ihn oder einen seiner Männer verschonen. Ganz zu Schweigen von seinen Boten, deren Leben er so leichtfertig geopfert hat.“
„Sind in diesem Krieg nicht schon genügend Leben geopfert worden?“, antwortete Alice an Harbeks Stelle, der mit offenem Mund dastand, aber keinen Ton hervor brachte. Sie sah ihn besorgt an, doch er schüttelte schnell und nachdrücklich den Kopf. Es gab wichtigeres als sein Wohlbefinden.
„Nein“, antworte Vansi breit lächelnd und schüttelte höhnisch den Kopf, „Es werden nie genug sein, um die Vergangenheit zu rächen.“ Sie sah Alice schräg an und brach erneut in schallendes Gelächter aus, „Und wenn der Preis für Rache mein eigenes Leben und das meiner Soldaten bedeutet, so werde ich ihn bezahlen, und mich danach mit den großen Vätern an euren Knochen laben.“
„Eure Männer werden dieses Glück aber nicht haben, oder irre ich mich?“ warf Keeda tückisch ein und sah zu den Orks, die sie drohend umstellten. Sie senkten nicht die Waffen, doch manche hatten ihre Worte zum Nachdenken angeregt. „Soldaten sterben, damit ihre Kommandanten zu Helden werden.“
„Die Treue der Orks kann nicht durch deine einfältigen Worte gebrochen werden, tückische Drow“, zischte Vansi zornig und zog ihre Waffen, zwei kurzstielige Äxte, mit zweiseitiger Schneide. Finster trat sie in den Kreis der Orks, die sie umstellten. „Ein Frieden mit den Menschen ist undenkbar, sie wollen vielleicht ihre Waffen niederlegen, aber nicht zerstören. Der Waffenstillstand hätte nur eine kurze Dauer und ich möchte nicht herausfinden wer ihn brechen wird.“ Sie ragte düster über Keeda auf und schaute ernst auf herab. Langsam wandte sie sich von ihrer Gruppe ab und verließ den runden Saal. Im Weggehen drehte sie kurz den Blick und schaute zu ihren Orks zurück, die ihr abwartend nachschauten.
„Tötet sie.“

Reflexartig warf sich Alice zu Boden, als der erste Ork mit seiner Axt nach ihr schlug. Die scharfe Klinge durchschnitt nur einen Fingerbreit über ihrem Kopf die Luft und sie schob sich mit Händen und Füßen zur Seite, bevor er erneut zuschlagen konnte. Er sprang jedoch auf sie und wieder verfehlte sie die Klinge nur knapp. Endlich hatte sie einen ihrer Dolche gezogen, den anderen versperrte der massige Leib des Orks und stach blindlings auf ihn ein. Sie konnte das heiße Blut auf ihrer Haut spüren und seinen zorniges Brüllen hören, ehe ihn jemand an den Haaren packte und zurück zerrte.
Augenblicklich sprang Alice auf und entdeckte Harbek, der sein Siegel wie eine Keule auf den Schädel des Orks niedersausen ließ, für weitere Beobachtungen blieb ihr keine Zeit, denn ein neuer Angreifer stürzte sich beim Anblick seines toten Kumpanen wutentbrannt auf sie. Er wollte sich schreiend auf Harbek werfen, der überrascht hinter Alice zurück wich und eine schwache Lichtkugel aus seinem Siegel schoss. Sie wartete nicht ab, welchen Effekt die Kugel auf den Ork haben würde. Fauchend stürzte sie sich auf ihn, während Harbek ihr Rückendeckung gab.
Irgendwo in dem Trubel konnte sie Keeda aufschreien hören, doch bevor sie sich sorgen konnte stand die Drow an ihrer Seite und schoss Pfeil, um Pfeil in das gräuliche Getümmel.
Die erste Welle an Feinden war überstanden, es hatten sich nicht alle zugleich auf sie gestürzt, um sich nicht zu behindern und nun, da sie ihre Überraschung über die heftige Gegenwehr überwunden hatten, hielten sie bedachten Abstand.
Rücken an Rücken stand Alice mit Harbek und Keeda in ihrer Mitte und sah jedem der Orks prüfend in die schwarzen Augen.
„Ich habe gewusst, dass es eine Falle ist“, flüsterte Keeda triumphierend und legte gleich mehrere Pfeile an. Alice sah sie scharf von der Seite an und widmete sich wieder den knurrend Orks, die sich in einem Kreis um sie scharten und lange Speere auf sie richteten.
„Harbek?“, fragte Alice leise und stieß den Zwergen an. Er nickte langsam und umschloss das kalte Metall seines göttlichen Siegels ein wenig fester. Seine Lippen bewegten sich lautlos in einem schnellen Gebet.
„Ihr müsst hier nicht sterben! Opfert euer Leben keinem sinnlosen Krieg!“ richtete sie das Wort an die Orks und deutete zu der Wendeltreppe, „Lasst uns gehen und legt die Waffen nieder.“
„Ihr Würmer seid in einer erbärmlichen Unterzahl!“, knurrte eine Stimme in der Menge und Alice seufzte enttäuscht.
„Wie ihr wollt.“

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