Der Mut von Helden

„Womöglich weiß der andere etwas‟, mischte sich Cedrik kleinlaut ein. Er trat einen Schritt vor und knetete unablässig die Hände zu Fäusten. Der Anführer sah irritiert zu ihm und runzelte fragend die Stirn. Er hatte seine Anwesenheit scheinbar beinahe vergessen.
„Der andere?‟, fragte er verwundert und sah zu Dorian, in dessen Gesicht sich Schrecken ausbreitete.
„Naja …‟, sprach Cedrik weiter, „Sein Freund. Ich hab ihn erst einmal getroffen, aber der schien nicht besonders helle zu sein. Eigentlich ein richtiger Feigling.‟ Er grinste freudlos und trat schnell wieder in den Schatten der Regale.
„Ein Freund …‟, Dorians Angreifer stand breit grinsend auf und sah heimtückisch auf ihn hinab, „Was glaubst du Junge? Kennt er die Zusammensetzung?‟
„Nein‟; antwortete Dorian prompt und schüttelte entschlossen den Kopf.
„Wer glaubt noch, dass diese Antwort ein bisschen zu schnell kam?‟. Das heimtückische Grinsen wurde breiter. „Ich glaube, ich muss mir davon ein eigenes Bild machen. Bringt ihn her.‟ Er sah zu dem Hünen hinüber der knapp nickte und seine Jacke überzog.
„Nein wartet!‟; rief Dorian hektisch und stand schwankend auf. Er runzelte die Stirn, wusste aber bei bestem Willen nicht, wie er sich und Josh aus dieser Situation herausreden sollte. Er hatte seinen Cousin an der Treppe gesehen, glaubte er zumindest, und wünschte sich inständig, dass der Idiot abhauen würde. Wenn der Riese jetzt ging, würde Josh ihm bei seinem Glück direkt in die Arme laufen. Warum war er ihm auch nachgeschlichen? Konnte er sich nicht einmal, um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, anstatt ihm wie ein Klette am Bein zu haften. Wenn er nicht gleich verschwände, würde er durch Dorians Fehler zu Schaden kommen, aber leider kannte er seinen Cousin zu gut.
Josh würde nicht einfach Leine ziehen, er würde etwas vollkommen verrücktes tun, sich in Gefahr bringen und wie bei jedem Kampf den Kürzeren ziehen.

„Wer sagst denn? Der Kleine will reden!‟
„Leider werdet ihr mir kein Wort glauben‟, entgegnete Dorian und sah verstohlen zur Luke hinauf.
„Lass mich das entscheiden.‟
„Ähm‟, überlegte Dorian laut und versuchte es mit einem feixenden Lachen, „Es begann vor ein paar Jahren …‟
„Komm auf den Punkt, Junge. Zeit schinden wird dir nicht helfen.‟
Dorian seufzte und rieb sich durch die wirren Haare. Was konnte schon schiefgehen? Schlimmer als jetzt, konnte es ohnehin nicht mehr werden und wenigstens war seine Geschichte lang und verwirrend genug, um Josh einen kleinen Vorsprung zu geben, wenn er wieder allen Erwartungen verschwände.
„Ich will keine Zeit schinden, aber ihr müsst die Geschichte von Anfang an hören, um sie zu verstehen.‟
„Was zu verstehen?‟
„Die Auren …‟, erklärte Dorian und begann seinen Geiselnehmern so ausführlich wie nie zuvor die Geschichte von Joshs Gabe und der Magie dahinter zu erzählen. Am Ende würden sie ihm ohnehin nicht glauben, aber so konnte er in seinen letzten Momente auf Erden in alten, glücklicheren Erinnerungen schwelgen.


Josh wählte mit zitternden Händen die Nummer der Polizei, vertippte sich und wählte erneut. Er senkte die Stimme zu einem dunklen Flüstern und hoffte inständig, dass ihn die Kriminellen nicht hörten. Jede Sekunde die er hier draußen war, war ein Moment, in dem er nicht bei Dorian war und indem ihm … Nein, wies er sich selbst zurecht, Dorian wird nichts geschehen! Wir werden alle wohlbehalten nach Hause kommen.
Eine Frauenstimme meldete sich am anderen Ende der Leitung und stotternd erklärte er ihr die Situation. Natürlich ließ er aus, dass sein Cousin absichtlich von verrückten Mafiabossen entführt worden war, aber als er sagte, dass Dorian als Geisel gefangen genommen wurde und er ihnen die Adresse, oder vielmehr eine grobe Beschreibung, nannte, wurde ihm sofortige Hilfe zugesichert.
Er ließ das Handy sinken und rieb sich müde die Augen. Sein Herz schlug ihm bis zu Hals, seine Hände zitterten und sein Magen spielte verrückt. Ihm war schlecht vor Aufregung und Angst und die fremden Gefühle, die ihm aus dem Keller entgegen strömten waren allgegenwärtig.
Brennende Wut, kalte Kontrolle, Verwirrung, Furcht. Der Zorn überlagerte fast alles andere, doch die Angst lag wie ein kalter Schleier in der Luft. Dorians Angst.
Schwankend schlich Josh zurück in den Keller, um gegen die Anweisungen der Polizei, die Geschehnisse weiter zu beobachten. Er fühlte sich elend, wie ein Feigling und ihm tat es unbeschreiblich leid, dass er nicht mehr tun oder sich nicht überwinden konnte. Dorian würde nicht zögern den Helden zu spielen und was tat Josh? Derjenige von ihnen mit Superkräften? Er hatte sich oft gewünscht ein Held zu sein, wie Superman, Batman oder all die Anderen aus seinen Comics. Aber welcher Held saß allein im Zwielicht und beobachtete, wie ein Freund bedroht und verletzt wurde ohne einen Finger zu krümmen?

Leise hockte er sich wieder auf die Gittertreppe und spähte durch das Geländer in den dämmrigen Keller. Dorian stand nun aufrecht und sah schweigend zu Boden. Der Mann ihm gegenüber sah ihn verständnislos an, während Cedrik die Arme eng um den Körper schlang und jedem Blick auswich. Der Hüne neben ihm starrte mit kalten Blick in den Raum und zuckte mit keiner Wimper als sein Anführer in wildes Lachen ausbrach.
Dorian wich zurück, sah aber nicht auf. Stattdessen murmelte er so leise, dass Josh es kaum hörte: „Ich sagte doch, ihr würdet mir kein Wort glauben.‟
„Ich soll dir glauben, dass die Flaschen mit magischen Gefühlen gefüllt sind?‟ Erneut brach er in Lachen aus und sah fassungslos zu den anderen zurück. „Das ist die dümmste und mutigste Geschichte, die ich je gehört habe. Meinen Respekt Kleiner, du hast Mumm mir solchen Mist zu erzählen und noch dazu eine blühende Fantasie.‟ Er schüttelte den Kopf und schmunzelte als er die Waffe erneut hob. Dorian zuckte zusammen und seine Stirn warf tiefe Falten, als er ergeben zu Boden schaute und die Lippen fest zusammen kniff. „Es ist fast schade um dich, fast. Aber ich vermute dein Freund wird einschichtiger sein, wie hat Cedrik ihn genannt? Einen Feigling? Du hättest nur reden müssen, um ihn zu beschützen, aber wer bin ich dir deinen Egoismus vorzuwerfen? Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen, nicht wahr? Irgendwelche letzten Worte, Kleiner?‟ Er hob die Waffe und es klickte als er sie mit mit geübter Lässigkeit entsicherte.
Dorian hob den Kopf und sah seinem Gegenüber fest in die Augen. „Verschwinde‟, sagte er mit bestimmter Stimme, „Rette deine Haut und lauf.‟ Josh erstarrte bei diesen Worten und hätte schwören können, dass die Augen seines Cousins kurz zu der schattigen Treppe herüber huschten.
„Eine Drohung?‟, fragte der Bewaffnete belustigt und ließ die Pistole ein Stück sinken, „Deine Dummheit kennt auch keine Grenzen oder?‟ Entschlossen drückte er Dorian den Lauf an die Stirn und lächelte diebisch. „Stirb mit dem Wissen, dass dein Tod vergebens ist.‟

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