Der Pestlöwe

Yalhan rieb sich kurz den Oberschenkel. Ein Stück Stoff fehlte an der Stelle, an welcher er die Wunde gespürt hatte. An seiner Haut war aber nichts zu sehen, als wäre nie etwas passiert.
Er war verärgert, dass er seinen Auftrag nicht richtig ausführen konnte. Er schien mehr Arbeit zu machen als Probleme zu beseitigen.
"Du hast ihnen ordentlich was verpasst!", hörte er Shanoras aufmunternde Stimme neben sich, "Ich wünschte ich könnte mit einem Schwert so umgehen wie du!" Yalhan lächelte und klopfte ihr auf die Schulter: "Auf unserer Reise nach Osilia werden wir das ein oder andere Mal üben können!"
Alpha hatte sich in der Zwischenzeit einen Überblick über die Verluste beider Seiten gemacht: "Wir haben 23 Jäger verloren! 3 schweben noch in Lebensgefahr, der Rest wurde bereits von Allister behandelt!"
"Der Feind hat höhere Verluste, man kann kaum zählen wie hoch ihre Zahl war", stellte Sassy fest.
Church schlich durch die unzähligen toten Kreaturen und schien weiter beunruhigt zu sein: "Habt ihr es nicht begriffen?"
Seine Stimme klang ungewöhnlich harsch und ernst.
"Das sind niedere Kreaturen aus den Unterlanden, wir nennen sie dort Kobolde oder Goblins. Ich konnte sie zuvor durch all den Rauch nicht erkennen. Sie leben in Scharren in den Wäldern wo es modrig und versumpft ist, friedlich, greifen höchstens die Lager von Reisenden an. Aber die hier waren durch finstere Magie verändert und aggressiv, genau wie der Bergtroll und die Kreischer!", Church starrte in Richtung der Leichen und bemerkte wie still es um den Tempel geworden war. 
"Aber es gibt Karten und Aufzeichnungen über die Unterlande!", Shanora hatte noch nie von diesen Wesen gehört, was sie bei all den Büchern die man ihr aufs Auge gedrückt hatte nicht fassen konnte.
Church tat das mit einem lachen ab: "Nur ein Bruchteil meiner Heimat ist darauf zu finden. Klar, niemand wäre so dumm sich weiter in diese verseuchten Gebiete vor zu wagen. Die Schatten bewachen sie, und die Schatten halten ihre Grenzen. Kein Elensarien wird diese je passieren!" 
"Einem ist es gelungen!", Shanora stemmte die Hände in die Hüften, "Finn war mit dir im neunten Kreis!"
Allister gesellte sich nun wieder zu ihnen, ihm stand die Anstrengung der vergangenen Stunden deutlich ins Gesicht geschrieben. 
"Julopatra und ungefähr 40 Jäger sind noch da draußen um die Katapulte zu zerstören. Da wir nicht mehr beschossen werden schätze ich, dass sie Erfolg hatten!", er sah erwartungsvoll in Richtung des Waldes. 
Aus dem Tempel kam Kyra ihnen entgegen. Ihr Blick verhieß nichts gutes, es schien als wäre sie sehr verärgert. 
Sassy zog sich sofort ein Stück zurück und Alpha schien ebenfalls der Situation entkommen zu wollen.
"Ihr kommt hier her und die Hölle bricht über uns herein", stellte Kyra fest.
"Das wirft bei mir die Frage auf ob man euch trauen kann!", ihre Stimme klang wutgeladen, sie hatte einige Schrammen abbekommen, schien sich aber relativ guter Gesundheit zu erfreuen. 
"Das ist nicht die Zeit für Zweifel!", Allister deutete auf die Leichen vor dem Tempel, "verbrennt die Toten, ich weiß nicht welcher Fluch auf diesen Gestalten lag, aber die werden nicht tot bleiben!" 
Shanora dachte an die lebenden Toten, die sie in Elensar überfallen hatten.
Ob es sich um Treplews Werk handelte? 
"Marbas", stellte Church fest, "der Nekromant! Einst war er ein Schutzgeist der Magier und Gelehrten, Krankheiten waren sein Spezialgebiet. Doch dann verriet er die Schattenfürsten der Unterlande und wurde verdammt. Er erscheint in der Gestalt eines mächtigen Löwens mit dunkler moosgrüner Mähne. Jetzt ist er der Nekromant und lehrt seine Schüler den Fluch der Wiederkehrer. Dieses Gift sorgt dafür, dass sich die Toten erheben! Und er kann sie kontrollieren! Er hat Tränke die sich Alchimisten hier nicht einmal vorzustellen wagen!"
Shanora erschrak. Alles was hier geschah kam aus den Unterlanden.
Aus den Teilen die nie jemand erforscht hatte.
Keiner wusste welches Grauen sie als nächstes heimsuchen würde.
"Marbas also", Allister runzelte die Stirn, "wenn er unser Gegner ist sollten wir einen kleinen Suchtrupp zusammenstellen der nach dem Verbleib der restlichen Jäger ausschau hält!"
"Wer hat dir das Kommando übertragen?", wies Kyra ihn zurecht.
Shanora beschloss, dass es an der Zeit war sich einzumischen: "Du solltest ihm dankbar sein! Er und Church haben mehr Gegner besiegt als sonst einer hier! Und Allister hat alle Verletzten versorgt obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten kann! Was hast du geleistet?"
Kyra verzog keine Miene. Im Grunde hatte die Prinzessin recht, der Elf hatte nicht nur den riesigen Bergtroll erlegt und dabei noch alle Kreischer vom Himmel geholt. Er hatte auch alle Verwundeten behandelt. 
"Ihr unterstandet dem Befehl meines Bruders!", Shanora stellte sich auf die Treppe des Tempels damit alle sie sehen konnten, "Und ich war der Grund warum er die Jäger gegründet hat! Aber Finn ist verschwunden, und bis ich ihn zurück gebracht habe werdet ihr auf das hören was Allister sagt! Das ist mein Wunsch!" 
Shanora wurde unsicher, Stille hatte sich sowohl unter den Jägern, als auch unter ihren Freunden breit gemacht. Es dauerte noch einen Moment, dann aber knieten die Jäger vor ihr nieder.
Kyra tat es ihnen gleich: "Wenn das euer Wunsch ist, Prinzessin!" 
Allister stellte sich zu Shanora und legte ihr die Hand auf die Schulter, er würde sie nicht enttäuschen.
"Gut, hört mir zu! Alpha und alle, die fit genug sind, werden die Leichen verbrennen! Die der Feinde getrennt von denen, die wir verloren haben. Sassy wird mit den Verwundeten eine Krankenstation im Inneren des Tempels aufbauen, es werden noch mehr verletzt werden wenn der Feind die nächste Welle einläutet! Kyra und ihre Leute bewachen alles, beobachtet die Himmel und schießt alles ab was sich uns nähert!", Allister wandte sich nun Yalhan und Church zu, "Und wir werden nach den übrigen Jägern suchen, zusammen mit Shanora!" 
Alpha machte sich sofort daran mit den weniger verletzten Jägern die Leichen zu bergen und einen Platz für die Verbrennung einzurichten. 
"Warum diese Leute?", wollte Sassy noch von Allister wissen, "Warum Shanora?"
Allister lächelte zufrieden: "Weil es keine besseren für diese Mission gibt. Der Plan ist ganz einfach! Church wird vor uns alles absichern, er ist am robustesten und seine Fäden können Gegner die frontal auf uns zukommen abhalten. Ich werde ihm folgen und den Himmel beobachten, dahinter wird Shanora die Seiten im Auge behalten. Yalhan bildet den Schluss und wird uns vor möglichen Angriffen von hinten schützen, er ist sehr mutig und wird uns nicht hängen lassen. Aber du willst wissen warum ich Shanora dabei haben möchte? Sie hat mehr Recht darauf ihre Beschützer zu verteidigen als wir alle hier. Außerdem kann sie mir hervorragend assistieren wenn es darum geht Verwundete zu versorgen. Und sie wird alles über unsere Gegner festhalten, sodass wir sie später leichter bekämpfen können!"
Sassy starrte Allister und Shanora mit weit aufgerissenen Augen an, beide schienen so zuversichtlich zu sein.
Also nickte sie ihnen zu und lächelte ebenfalls: "Gut, kommt heil zurück und bringt die anderen mit!" 
Shanora stemmte wieder die Hände in die Hüften: "Klar, wir sind im Handumdrehen wieder hier!" 

Die verbrannten Stämme der ehemals prachtvollen Bäume um Illutia qualmten noch, die Erde war warm unter ihren Füßen und bei jedem Atemzug konnte Shanora die Asche, welche durch die Luft wirbelte, förmlich schmecken.
Immer wieder kamen sie an kleinen Kratern und glühenden Felsbrocken vorbei, was aber am eigenartigsten klang war die Stille.
Der ganze Wald schien trostlos und tot.
Church legte ein schnelles Tempo vor, sie musste sich konzentrieren alles im Blick zu behalten und dabei nicht den Anschluss zu verlieren.
Auch Allister wurde immer wieder langsamer, Shanora war besorgt um seinen Zustand. 
"Stop", zischte Church und beendete seine Hast abrupt.
Shanora wäre beinahe in Allister hinein gelaufen, der aschige trockene Boden gab ihr wenig Halt. 
"Da vorne ist etwas!", erklärte Church und deutete ihnen sich hinter einem dicken alten Baum zu verstecken.
Langsam pirschten sie sich von Baum zu Baum bis zu der Lichtung, auf der ein Katapult stand. Es brannte, konnte somit keinen Schaden mehr anrichten.
Auf der Lichtung war aber mehr, eine Menge toter Jäger zierten den Boden. Riesige groteske Gebilde die Shanora an Frankensteins Monster erinnerten tobten und zerstörten den umliegenden Wald.
Ihr süßlicher Verwesungsgestank wehte zu ihnen hinüber. 
"Bleibt in Deckung!", befahl Allister Church und Yalhan, welche schon losgestürmt wären, "Wir haben noch zu wenig Übersicht!" 
Als sich eines der wahrscheinlich einem Bergtroll an Größe kaum unterlegenen Leichengebilde hinter das brennende Katapult zurück zog sahen sie Julopatra.
Ein unnatürlich groß gewachsener Mann in einem zerfetzten Umhang mit Kapuze hielt sie an der Kehle nach oben. Ihr blondes Haar wehte um seine Arme, die sie mit ihren Händen umklammerte um nicht zu ersticken.
"Hast du gedacht du und deine Jäger können es mit mir aufnehmen?", die Stimme des Wesens war nicht aus der Welt der Lebenden, da war Shanora sich sicher.
"Ihr selbst werdet im Untot verweilen und euren geliebten Tempel angreifen!", sprach es weiter.
Das reichte Shanora, mehr brauchte sie nicht zu hören.
Ohne auf die anderen zu warten stürmte sie auf die Lichtung um das Monster zu stellen.
"Lass sie los", schrie sie verzweifelt und hoffte, dass Julopatra noch ein wenig durchhalten konnte. Tatsächlich stieß der riesige Maskierte die Jägerin von sich, sodass sie auf den Boden prallte. Dann nahm er die Kaputze ab und Shanora schluckte schwer. Darunter verbarg sich nicht der Kopf eines Menschen, sondern der eines Löwen mit moosgrüner Mähne. 
"Marbas", stellte Shanora fest und schluckte schwer, die Augen des Löwen schienen zu glühen und funkeln wie unheimliche Smaragde.
"Du kennst meinen Namen", der Löwe schälte sich aus seiner Verkleidung und landete schließlich auf vier Pfoten vor ihr.
Seine Schultern waren so hoch wie Shanora, er war unnatürlich groß.
"Ich schenke euch das Leben der Jägerin, aber ob mein Meister das selbe tut ist fraglich!", verkündete der Löwe, dann schien er sich mit dem nächsten Windstoß einfach in grünen Rauch zu verwandeln und verschwand. 
Julopatra richtete sich auf und lächelte Shanora dankbar an, dann aber verwandelte sich ihr Blick in einen Ausdruck voller Qualen. Shanora schrie auf aus sie die Klauen sah, sie sich von hinten durch den Rücken der Jägerin in ihre Brust gebohrt hatten und dort hervor standen. Julopatatra keuchte, ein Schwall Blut schoss aus ihrem Mund als der, der sie mit seinen Klauen aufgespießt hatte sie wie Abfall über seine Schulter hinter sich auf den Boden warf. 
Shanoras Lippen zuckten, sie hatte mühe dem angsteinflößendem Blick der gelben Augen von Treplew stand zu halten.
"Ich schenke dir nur ihren Tod", zischte er und leckte das Blut von deinen Klauen, "das war die zweite der drei großen Jägerinnen, ich hatte gehofft du lieferst mir auch noch die Dritte!" 
Shanora spürte wie ihr ganzer Körper gelähmt war, sie hatte Angst, unheimlich große Angst.
Sie hatte gesehen wozu dieser Treplew fähig war, und seine Augen schienen ihr Bilder zu zeigen, Bilder von Dingen die er getan hatte. 
"Dummes einfältiges Mädchen, du wirst hier sterben, und deine Torheit mit dir!", Treplew schien amüsiert über den Angstzustand von Shanora zu sein, er genoss es förmlich mit ihr zu spielen.
"Jetzt wirst du lernen wie sich jene gefühlt haben die Church getötet hat", er lachte schallend auf und entblößte seine spitzen Zähne. Aus seinem anderen Arm schossen schwarze Fäden, direkt auf Shanora zu. 
Shanora konnte sich wieder bewegen, aber es war zu spät, die Fäden waren zu schnell. 
Shanora kniff die Augen zusammen und hielt ihre Hände schützend vor ihr Gesicht, dann spürte sie wie sie mit warmer Flüssigkeit bespritzt wurde. Langsam öffnete sie die Augen, ihr ganzer Körper schien zu zittern.
Dann senkte sie die Hände und stellte fest, dass sie mit Blut bespritzt war.
Vor ihr stand Allister, aus seinem Rücken kamen unzählige Fäden.
Shanora schrie auf, aber Allister deutete ihr zittrig sich zu beruhigen.
"Bruder", stellte Treplew fest, "einst habe ich mich für dich geopfert, und das ist was du aus dem Geschenk machst? Spielst Kanonenfutter für Fremde? Ein Bauernopfer?"
Allister hielt sich trotz der Verletzungen auf den Beinen: "Das wirst du nie verstehen Treplew! Ich werde mich immer vor die stellen die mir am Herzen liegen! Das ist mein Weg, er mag jemandem wie dir dumm erscheinen, aber mir bedeuten die Bindungen, die ich zu anderen aufbaue etwas! JETZT!"
Noch bevor Treplew reagieren konnte hatten ihn von hinten Churchs Fäden umschlossen.
"Was...", der Gehörnte geriet ins Stolpern und bevor er sich versah trieb Yalhan ihm seine Schwerter in den Rücken.
"Ihr seid nichts weiter als Narren!", zischte Treplew, dann schien sein Körper im selben Rauch zu entschwinden wie der Löwe davor.
Shanora sprintete zu Allister, der zur Seite gekippt war und schwer atmete.
"Hör zu, in meinem Rucksack ist eine kleine Zange und eine aufgezogene Spritze! Zieh mir so schnell du kannst die Fäden aus dem Körper und gib mir die Spritze! Sie enthält ein Gegengift welches sich aus Church Fäden gewonnen habe!", Allister krümmte sich vor Schmerzen.
Shanora wurde schnell fündig und versuchte ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bekommen. "Du schaffst das!", sprach Allister ihr Mut zu.
Shanora nickte, sie müsste es einfach schaffen.
"Yalhan, Church, ihr müsst ihn auf den Rücken drehen und gut fest halten!, rief sie den anderen beiden zu. Sie befolgten ihre Anweisungen und hielten den sich windenden Allister, sodass Shanora, schneller als sie sich selbst zugetraut hätte, die Fäden entfernen konnte. Diese lösten sich sobald sie mit keinen organischen Material mehr in Berührung waren ebenfalls auf, als hätten sie nie existiert.
"Gut", Shanora griff nun zu der Spritze, "haltet ihn noch einmal richtig fest!"

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beta
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