Der Raum, der alles versteckt

Langsam stieg Hermine die Stufen hinab. Das Gespräch mit Dumbledore war kurz gewesen, und dennoch hatte es ihre Welt stärker verändert, als sie zuvor erwartet hatte. Er hatte es gewusst, er hatte es die ganze Zeit gewusst. Nicht nur, dass er einen gefährlichen Todesser in seiner Schule hatte gewähren lassen, nein, auch Harry gegenüber hatte Dumbledore sich nicht anständig verhalten. All jene, denen gegenüber Harry seinen Verdacht über Malfoy mitgeteilt hatte, hielten ihn zunehmend für verrückt und besessen. Statt dass Dumbledore ihm zu Hilfe kam und ihn verteidigte, blieb er stumm und schaute einfach nur zu.

Er schaute einfach nur zu.

Am Ende der Treppe angekommen, blieb Hermine stehen. Dumbledore schaute also einfach nur zu. Schön. Sie war sich sicher, dass er einen Plan hatte, doch dieser Plan schien offensichtlich zu bedeuten, dass er nicht gegen Draco einschreiten würde. Er wusste mehr, als er ihr gegenüber zugeben würde, und genau deswegen würde er den Dingen ihren Lauf lassen. Das konnte sie nicht. Sie war Hermine Granger, und Hermine Granger würde nicht tatenlos daneben stehen und zuschauen.

Dumbledore hatte ihr gesagt, dass sie für Harry da sein sollte. Und dass sie Draco nicht aufgeben sollte. Exakt das würde sie tun. Sie würde von jetzt an alles daran setzen, Draco zu zeigen, dass es einen Menschen gab, der das Gute in ihm sah – und der bereit wäre, ihm zu helfen, wenn er die Seiten wechseln wollte. Sie würde nicht zulassen, dass Draco auf der Seite von Voldemort in sein Verderben rannte. Und sie würde ebenso nicht zulassen, dass Harry blindlings alles um sich herum vergaß, weil er zu fokussiert auf Draco war.

Nachdenklich setzte sie ihren Weg fort. Am besten sie erzählte Draco, dass sie doch nicht mit Dumbledore gesprochen hatte. Das war die einzige Möglichkeit, um seinem Verdacht zu entkommen. Gleichzeitig würde das die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte, wieder schließen, denn es würde ihm zeigen, dass sie ihm genug vertraute, um auch nach dem schrecklichen Vorfall auf ihren besten Freund noch zu ihm zu stehen. Nach all den unverzeihlichen Dingen, die er zu ihr gesagt hatte.

Noch immer in Gedanken versunken bog sie in den nächsten Gang ein – und blieb abrupt stehen. Vor ihr saß Draco auf dem kalten Steinboden, die Ellbogen auf seinen Knien abgestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Sie konnte seinen hektischen Atem hören und das Zittern seiner Schultern sehen. Er saß genau dort, wo sie ihn vor nicht einmal einer halben Stunde zurückgelassen hatte. Und er war offensichtlich tief in den dunklen Abgrund der Panik gefallen.

Langsam, um ihn nicht zu erschrecken, ging Hermine neben ihm in die Hocken. Behutsam legte sie eine Hand auf seine Schulter. Und trotzdem zuckte er zusammen, fiel beinahe um von dem Schock, dass so plötzlich jemand neben ihm aufgetaucht war.

„Hey“, sagte Hermine sanft, ohne ihre Hand von ihm zu nehmen.

Dracos Gesicht war schneeweiß, die Pupillen geweitet, auf seiner Stirn glänzte Schweiß. Er sah so dermaßen erbärmlich aus, dass sie sich fragte, wie sie auch nur einen Moment lang so kalt über ihn hatte denken können. Er war ein Mensch, ein junger Mensch, genau wie sie. Schüchtern lächelte sie ihn an: „Alles ist gut.“

„Gut?“, stammelte Draco, nachdem er sie für einige Sekunden nur weiter angestarrt hatte: „Was ist gut? Du warst gerade bei Dumbledore und …“

Sofort unterbrach sie ihn: „Nein. Nein, war ich nicht.“

Wieder starrte er sie nur wortlos an, doch dann, von einem Moment zum nächsten, änderte sich seine Stimmung. Wie ein in die Enge getriebenes Tier stürzte er vorwärts und riss sie zu Boden. Mit seinem gesamten Gewicht presste er sie nieder, während eine seiner Hände sich unerbittlich um ihre Kehle legte: „Schwachsinn! Du warst bei ihm! Und jetzt bist du hier, um mich an meiner Flucht zu hindern. Darauf falle ich nicht rein. Du kannst mir keine Falle stellen!“

Panik stieg in Hermine hoch. Dieser Draco über ihr war nicht der schwache, hilflose Junge, für den ihr Herz schlug. Hier war der Todesser Malfoy, kalt, berechnend und zu allem bereit. Hastig tasteten ihre Hände nach ihrem Zauberstab, doch soweit ließ er es nicht kommen.

„Na, na, böses Mädchen!“, hauchte er ihr eiskalt zu, während er ihre Hände packte und über ihrem Kopf zusammenführte. Ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, erschien auf seinen Lippen: „So leicht gibst du deine Maske auf? Du solltest mal bei einem Todesser in die Schauspiel-Schule gehen. Meine Tante Bella wäre sicher entzückt, dir ein wenig Unterricht zu erteilen.“

Eine Gänsehaut machte sich auf Hermines Körper breit. Sie wusste, das hier war nicht der echte Draco, aber das bedeutete nicht, dass er seine Worte nicht ernst meinte. Mühsam zwang sie sich zur Ruhe: „Ich bin ehrlich zu dir, Draco. Glaub mir. Bitte. Ich konnte es nicht tun.“

„Oh, Granger“, lachte Draco hämisch: „Hältst du mich für so naiv? Du vertraust mir nicht, verlangst aber, dass ich dir glaube?“

Er hatte Recht, und das wusste Hermine. Sie hatte ihm nicht vertraut. Sie war sich immer noch nicht sicher, doch gerade eben, während sie die Stufen von Dumbledores Büro hinunter geschritten war, hatte sie sich geschworen, alles zu tun, um ihm wirklich vertrauen zu können. Und um ihm zu helfen, auch ihr zu vertrauen.

„Ich vertraue dir“, flüsterte sie, ihre Augen geradewegs auf seine gerichtet: „Ich vertraue dir und deswegen bin ich hier. Was muss ich tun, damit du mir glaubst?“

Sein Ausdruck veränderte sich nicht, im Gegenteil, wenn es möglich gewesen wäre, wurde sein Blick nur noch intensiver. Und plötzlich ließ er von ihr ab. Stand auf, fuhr sich durch sein Haar, trat von ihr zurück.

„Wenn du willst, dass ich dir glaube, dann komm mit. Folg mir. Ohne Widerworte.“

Stöhnend stemmte Hermine sich vom Boden hoch. Ihr war kalt, ihre Schultern schmerzten dort, wo sie gegen den Steinboden gepresst worden waren, und ihre Handgelenke fühlten sich taub an. Doch sie widersprach nicht. Nickte einfach nur stumm und setzte sich in Bewegung, nachdem Draco sich umgedreht hatte und losgegangen war. Sie lief hinter ihm her, schweigend, folgte ihm in jeden Gang, jede Treppe hinauf, bis ihr aufging, wohin er sie führte.

Als er schließlich in jenem Gang dreimal auf und ab gegangen war, die Tür erschien und er sich erwartungsvoll zu ihr umdrehte, nickte sie ein weiteres Mal. Der Raum der Wünsche. Natürlich. Es war hier gewesen, dass ihre Beziehung an Fahrt aufgenommen hatte. Es war nur passend, dass sie hier versuchen würden, die Scherben aufzusammeln und neu zu beginnen. Sie öffnete die Tür und trat ein.

Vor ihren Augen breitete sich ein unendlich erscheinender Raum aus, der so vollgestopft war mit Zeug, dass ihr schwindelig wurde. Bis unter die hohe Decke türmten sich alle nur erdenklichen Gegenstände.

„Willkommen im Raum, der alles versteckt“, verkündete Draco.

Verwirrt schaute sie zu ihm: „Ist das nicht einfach nur der Raum der Wünsche?“

„Oh, gewiss“, bestätigte er, doch das kalte Lachen, das danach erklang, machte ihr Angst. Herablassend fuhr er fort: „Ich habe diese Form des Raums vor langer Zeit entdeckt. Der Raum, der alles versteckt. Es ist eine ganz besondere Form dieses Ortes. Im Gegensatz zu allen anderen Formen, die der Raum annimmt, entspringt das hier nicht den Vorstellungen des Suchenden. Diese Form ist für alle gleich. Wenn du im Raum der Wünsche etwas verstecken willst, sieht er für dich genauso aus. Und wenn ich danach diesen Raum erschaffe, kann ich das von dir versteckte finden, wenn ich zufällig drüber stolpere. Das hier“, erklärte er und breitete die Hände aus, „das hier ist das wahre Aussehen des Raums der Wünsche.“

Mit offenem Mund starrte Hermine ihn an. Wie konnte ausgerechnet Draco, der letztes Jahr noch nicht einmal von diesem Raum gewusst hatte, dieses Geheimnis finden, wenn selbst Harry es noch nicht kannte? Ohne Harry und ihre heimliche Armee hätte Draco den Raum nicht einmal gefunden.

„Und weißt du, was das Beste ist?“, fuhr Draco fort, nachdem er sich zu ihr umgedreht hatte, ein hinterhältiges Grinsen auf den Lippen: „Es kann zwar jederzeit jemand hier reinkommen, doch wenn derjenige, der zuerst hier war, sich im Raum, der alles versteckt, aufhält, kann er dem Raum befehlen, jeden anderen Eindringling rauszuschmeißen. Niemand kann hier rein, solange ich drin bin, verstehst du, Hermine? Hier kann mich niemals jemand finden.“

Verständnislos starrte sie ihn an. Warum sagte er das, als hätte es irgendeine Bedeutung?

„Ah, ich sehe, du verstehst mich nicht“, spottete er: „Welch seltener Anblick, die nimmermüde Besserwisserin ist sprachlos. Soll ich es dir ausbuchstabieren? Solange ich hier drin bin, ist es unmöglich, mich zu fassen. Deine kleine Falle, sie funktioniert nicht. Weil Dumbledores Männer, die du in der Hinterhand hast, hier nicht reinkönnen. Und du hast ebenfalls keine Macht über mich. Wenn du mir etwas antun willst, braucht es nur einen Gedanken von mir und der Raum schmeißt dich raus.“

Traurig ließ Hermine die Schultern sinken. Also glaubte er ihr noch immer nicht. Was musste sie noch tun, um ihn von ihrer Aufrichtigkeit zu überzeugen? Was war nötig, um den wahren Draco wieder hervorzuholen? Was musste sie tun, um diese Maske aus Kälte und Hass zu durchbrechen?

„Okay“, sagte sie langsam: „Und … und nun? Was willst du von mir?“

Als Antwort zog Draco nur eine Augenbraue hoch. Sie verstand sofort. Natürlich. Genau damit hatte er sie am tiefsten getroffen. Offensichtlich hatte er vor, weiter in die Wunde zu bohren. Als wollte er provozieren, dass sie ihn verließ. Als wollte er sie dazu zwingen, ihn von sich zu stoßen. Sie wandte den Blick ab und begann, den Raum zu erkunden.

„Weißt du noch?“, fing sie an, während sie langsam die Reihen von Gerümpel entlangschritt: „Damals … nach dem Quidditch-Spiel. Ich habe auf dich gewartet, um dich aufzumuntern. Ich wollte für dich da sein, obwohl ich damals noch nicht wusste, dass du tatsächlich ein guter Mensch bist. Ich habe das Gute in dir gesehen, obwohl du es mir noch nicht gezeigt hattest. Ich hatte allen Grund, dich zu hassen. Aber ich habe trotzdem gewartet. Für dich. Glaubst du wirklich, dass ich so leicht zu verscheuchen bin? Du hast mir deine guten Seiten gezeigt. Du hast mir deine schlechten Seiten gezeigt. Denkst du wirklich, mit deiner kleinen Todesser-Nummer hier kannst du mich noch beeindrucken? Bist du so naiv, dass du denkst, dass ich dich jemals wieder in Ruhe lassen werde? Dass ich jemals aufhören werde, an das Gute in dir zu glauben?“

Draco war ihr gefolgt, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, den Blick stur auf den Boden gerichtet. Nun blieb er stehen: „Granger … ich kann meine Worte von damals nur wiederholen. Das ist unfair.“

Überrascht drehte sie sich zu ihm um: „Unfair?“

Noch immer schaute er sie nicht an: „Ja, unfair. Du weißt genau, wie es um mein Herz bestellt ist. Ich habe … ich habe dir alles gezeigt, was in mir ist. Und du hast es genommen und … zerstört. Wieso verlangst du jetzt, dass ich dich noch einmal hereinlasse? Ist das ein Spiel für dich? Glaubst du, ich lasse noch einmal zu, dass du … dass du …“

Er brach ab und drehte sich weg. Seine kalte Maske war weg, doch was sie nun sah, bereitete Hermine nur noch mehr Schmerzen. Sie wusste, dass sie Draco verletzt hatte, doch sie hatte keine Ahnung gehabt, wie sehr. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wie er wirklich über sie dachte.

„Weißt du, warum ich zu dir zurückgekommen bin?“

Draco hatte Recht. Er hatte sich ihr geöffnet und sie hatte ihn verletzt. Sie war unfair. Denn zu keinem Zeitpunkt hatte sie sich ihm wirklich geöffnet. Sie hatte immer nur so viel von sich gezeigt, wie gerade notwendig war. Sie hatte ihm geholfen, sicher, aber sie hatte nie wirklich etwas riskiert. Wenn sie wollte, dass er ihr vertraute, musste sie endlich selbst etwas riskieren.

„Falls du das überhaupt bist“, schnappte er barsch: „Ich glaube dir immer noch nicht.“

„Ich habe mein Herz an dich verloren.“

Sie sah, wie Dracos Schultern sich plötzlich anspannten, doch er rührte sich nicht. Sie wagte kaum zu atmen, während die Luft um sie herum immer schwerer zu werden schien. Warum sagte er nichts? Selbst eine höhnische Antwort, Gelächter oder irgendeine Art von Abfuhr waren besser als dieses Schweigen. Die Stille in diesem riesigen Raum war perfekt.

„Ist das eine neue Masche von dir?“, fragte Draco schließlich so leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätte.

Sie schüttelte den Kopf, ehe ihr einfiel, dass er das nicht sehen konnte: „Nein. Keine Masche. Nichts hiervon ist eine Masche.“

Jetzt erwachte Draco aus seiner Starre. So schnell, dass Hermine keine Zeit hatte, über seine Absicht nachzudenken, drehte er sich zu ihr um, packte sie und zwang sie auf den Boden. Wieder lag er über ihr, wieder hielt er ihre Hände gewaltsam über ihrem Kopf gefangen, doch seine Augen schauten nicht kalt auf sie herab. Sie loderten.

Ohne nachzudenken reckte Hermine sich vor und küsste ihn. Sie küsste ihn mit allem, was sie hatte, mit all ihren Gefühlen, mit der Sehnsucht, der Angst und der Leidenschaft, die sich in ihr angestaut hatten. Und nur einen Augenblick zögerte Draco, ehe er den Kuss erwiderte, sie zwang, ihre Lippen für ihn zu öffnen und in sie eindrang, um ihr mit seiner Zunge und seinen Lippen zu sagen, wie sehr er sie seinerseits begehrte.

„Du bist wie Gift für mich“, stöhnte er, als sie kurz voneinander abließen, um Luft zu holen.

Atemlos nickte sie: „Du auch für mich!“

Nach einem weiteren Augenblick, in dem sie sich beinahe gewaltsam aneinander geschmiegt hatten, die Lippen so energisch auf denen des anderen, dass es fast schmerzhaft war, stieß Draco hervor: „Du weckst Hoffnung in mir, die nicht da sein sollte. Ohne Hoffnung ist es leichter. Du vergiftest mich … langsam, aber sicher.“

„Hoffnung ist gut“, entgegnete Hermine ächzend: „Hoffnung heißt, dass du etwas hast, wofür du kämpfen willst.“

Seine Hände ließen ihre los und begangen, die Bluse ihrer Schuluniform aufzureißen: „Nein. Hoffnung heißt, dass man etwas zu verlieren hat. Dass man verletzt werden kann.“

Ihr Herzschlag beschleunigte sich noch mehr. Das hier war definitiv der falsche Zeitpunkt, um mit Draco Malfoy zu schlafen. Absolut der falsche Zeitpunkt. Sie sollten miteinander reden. Ihre Standpunkte klar machen. Ihre Gefühle sortieren.

Seufzend griff sie nach dem Gürtel seiner Hose und begann, ihn mit zitternden Fingern zu öffnen.

„Verletzt werden gehört dazu“, presste sie hervor, doch weiter kam sie nicht, da Draco unvermittelt ihren Slip von ihr riss.

„Ich habe keine Lust mehr darauf, verletzt zu werden!“, verkündete er, während er ihre Beine auseinander schob und sich vor ihr positionierte.

„Ich schwöre dir, Draco, ich werde dich nie wieder verletzten. Nie wieder!“

Er griff in ihre Lockenmähne und zog sie in einen weiteren, wilden Kuss: „Das hoffe ich. Bei Merlin, das hoffe ich. Ein weiteres Mal halte ich das nicht aus.“

Und damit war für die nächsten Stunden jedes Gespräch zwischen ihnen unmöglich. Hermine wusste, sie mussten reden. Sie mussten darüber sprechen, was geschehen war, wo sie standen, wie es weitergehen sollte. Doch jetzt, in seinen Armen, umgeben von Hitze und Stöhnen und Schweiß, konnte sie das alles vergessen. Und vergessen wollte sie mehr als alles andere.

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beta
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