Der Rote Mond

Nach dem langen, ermüdenden Ritt durch die Braune Steppe des Westens brauchte Inor Kívíako, der junge Vizegeneral des dritten lanoischen Heeres, erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang. An das ewige Sitzen hoch zu Ross hatte sein Hintern sich auch nach mehr als drei Wintern noch immer nicht gewöhnt. Dem eindeutigen Befehl seines Anführers zum Trotz entfernte er sich daher in einem unbeobachteten Moment vom Lager, das gerade zu den Füßen einer felsigen Anhöhe am Rande der Steppe aufgeschlagen wurde. Die letzte Nacht unter freiem Himmel stand bevor, versetzte jeden Krieger in mehr oder weniger helle Aufregung und er machte da keine Ausnahme. Gedankenverloren streifte er ziellos durch den nahe gelegenen Wald und fand sich plötzlich auf einer kargen Plattform wieder, auf der nur dürres Gras und einzelne trockene Büsche wuchsen. Irritiert blickte Inor sich auf der Ebene, die wie das verkehrte Spiegelbild einer Oase in der Wüste wirkte, um. Langsam schritt er zu ihrem Rand und staunte erneut. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, auch nur einen Schritt bergauf gegangen zu sein, doch von hier aus konnte er nicht nur das Lager, sondern einige Tagesritte weit bis in das Hinterland sehen. Die Anhöhe war wesentlich größer, als es von unten den Anschein gemacht hatte, und der Abhang äußerst steil, wie er bei einem vorsichtigen Blick über die Felskante feststellte.

Zu seiner Linken, am anderen Ende des Plateaus, lag fern im Westen die weitreichende Hügellandschaft von Lemorin, die sich an die durchquerte Steppe anschloss und am Horizont in die schroffen Gebirgszüge der Nachbarreiche Cooh und Rooc überging. Noch weiter dahinter, außerhalb seiner Sichtweite, befand sich Coohan, das dicht besiedelte und bis vor Kurzem noch hart umkämpfte Grenzgebiet der Viborianer, aus dem sie kamen. Zu seiner Rechten im Osten und direkt vor ihm erstreckten sich dagegen grüne Wiesen und goldene Felder, soweit das Auge reichte, und am Horizont, noch hinter dem Shinra-Tal, das sie morgen durchquerten, vermochte er, die Serçeburg von Yara zu erahnen. Ein warmes, vorfreudiges Lachen erhellte die Gesichtszüge des Adjutanten, als ihm bewusst wurde, was ihn dort erwartete. Besser gesagt wer. Mit versonnenem Lächeln schlenderte er der untergehenden Sonne entgegen zur Mitte der Ebene und löste währenddessen das straffe Band seines Pferdeschwanzes.

Inor war gerade rechtzeitig gekommen, um dem Schauspiel der versinkenden Abendsonne beizuwohnen. Diesen Teil des Tages mochte er schon immer besonders gern, denn anders als viele seiner Mitstreiter, die in solchen Momenten sentimental oder schwermütig wurden, blühte der junge Mann kurz vor Einbruch der Dunkelheit noch einmal auf. Sein Gesicht im vergehenden Sonnenschein badend drehte er sich mit erhobenen, ausgestreckten Armen mehrmals um die eigene Achse und nahm das warme Licht tief in sich auf. Aus weit geöffneten Augen sah er zum immer dunkler werdenden Blau des Himmels hinauf, ließ seine langen, mahagonibraunen Haare offen im lauen Abendwind wehen und summte eine dunkle Melodie. Ein Ritual, das er seit frühester Kindheit pflegte und trotz seines mittlerweile adulten Alters auch beibehielt, denn die letzten Lichtstrahlen eines Tages gaben ihm Kraft für einen neuen und Ruhe für die Nacht.

Nach einer Weile hielt er inne und schloss die Augen. Still und regungslos stand er da, spürte den Dingen nach, die ihn umgaben, und atmete zwölfmal tief ein und aus. Als er die Arme senkte und gestärkt seine Augen wieder öffnete, hatte der dunkle Grat der Dämmerung sich bereits bis zur Hälfte vor den Tagesstern geschoben, der den Himmel in die schillerndsten Violett- und Rottöne tauchte. Andächtig lief der Jüngling auf den westlichen Rand der Hochebene und die untergehende Sonne zu, da nahm er plötzlich einen undeutlichen Schatten vor sich wahr. Er kniff die Augen zusammen und erkannte unweit der Felskante einen kleinen Findling, hinter dem sich ein weiterer Schemen verbarg. Vielleicht ein Wildtier, das Schutz suchte oder graste? Vorsichtig verlangsamte Inor seine Schritte, um es nicht zu verschrecken. Doch als er näherkam, erkannte er in dem vermeintlichen Tier eine Person und hielt inne.

Die Verwunderung war groß, als er feststellte, dass es sich dabei um seinen Anführer handelte. Hatte Yo nicht allen Kriegern klar und deutlich verboten, das Lager zu verlassen? Der Jüngling grinste. Sich nicht an seine eigenen Befehle zu halten war dermaßen typisch für seinen Ziehvater, dass es mittlerweile schon charakteristisch für dessen Führungsstil war und kaum noch Verwunderung bei den Männern hervorrief. Insofern überraschte ihn weniger, dass sein Freund und Meister sich ebenso davongestohlen hatte wie er, sondern vielmehr dass es ihn ausgerechnet an den gleichen Ort verschlagen hatte.

Regungslos saß der bleiche Mann mit geöffnetem Hemd an den Findling gelehnt da und wirkte von Ferne wie eine Statue, das in Stein gehauene Abbild eines großen Feldherrn. Ein ungewohnter Anblick für Inor, schließlich konnte sein Mentor selten länger als einen Wimpernschlag stillhalten. Gerade spielte er mit dem Gedanken, Yo einfach Gesellschaft zu leisten, da wurde er plötzlich der Aura seines Anführers gewahr. Hell und aufgeregt zuckte sie um die reglose Schattengestalt herum und zeichnete ein gänzlich anderes Bild von ihrem Innenleben. Selbst die Flammen eines prasselnden Feuers konnten nicht unruhiger flackern und mit einem Mal war der junge Mann sich auch nicht mehr sicher, ob diese Wärme, die er fühlte, tatsächlich nur von der untergehenden Sonne herrührte.

Irgendetwas stimmte nicht, das spürte Inor. Daher zog er sich hinter zwei vereinzelt stehende, verdorrte Gebüsche zurück, um seinen Ziehvater eine kleine Weile zu beobachten, ohne dass dieser ihn bemerkte. Anderenfalls konnte das ungeachtet ihrer Freundschaft eine sehr handfeste Strafe nach sich ziehen. Obgleich er bezweifelte, dass sein Anführer momentan überhaupt irgendetwas von dem, was um ihn herum vor sich ging, wahrnahm. Mit verwegen zerzausten Haaren saß Yo im dunklen Halbschatten des einzigen Baumes gefährlich nahe der Felskante und schien in eine andere Welt entrückt. Unbeirrt hielt er den Blick direkt auf die pralle, tiefrote Sonnenkugel, die vergebens gegen ihren unvermeidlichen Untergang ankämpfte, gerichtet und regte sich noch immer nicht. Ein sanfter, warmer Windhauch kam auf und umspiele den dritten General, was dieser offenbar genoss.

Sichtbar wölbte der bleiche, nackte Oberkörper sich unter einem tiefen Atemzug, dann schloss sein Ziehvater die Augen und legte den Kopf weit in den Nacken. Sein linker Arm hing schlaff an der Seite herab und die Hand ruhte unweit der Wunde, die ihm auf bisher ungeklärte Weise kurz vor Kriegsende zugefügt wurde, vorsichtig auf der Bauchdecke. Der rechte Arm lag mit dem Handgelenk auf dem aufgestellten Bein auf und die herabhängenden Finger zuckten leicht. Hin und wieder schossen gar kleine feurige Blitze aus Yos Fingerspitzen. Ein deutliches Zeichen, das der Heermeister immens angespannt war, und üblicherweise ein Grund zu besonderer Vorsicht. Andererseits schien Yo dieser Nervenanspannung kaum Raum zu geben, was ausgesprochen untypisch für ihn war. Vielmehr erweckte die bemerkenswerte äußere Ruhe seines Anführers den Eindruck, dass dieser offenbar die Kontrolle über seinen Körper aus der Hand gegeben hatte. Inor war ehrlich erstaunt, denn gewöhnlich ließ sein Mentor so etwas höchst selten zu.

Eine wohlige Gänsehaut überzog den Leib des Jünglings und ließ ihn ernsthaft ins Grübeln kommen, ob er seinen Freund und Meister jemals so emotional und seelisch entblößt erlebt hatte. Und für einen Moment wünschte er sich im Stillen, diesen Moment mit anderen teilen und das Bild, das sie von dem dritten General hatten, etwas zurechtrücken zu können.

 

Inor wusste, was der Großteil der Bevölkerung Yaras von dem Anführer des Roten Mondes hielt. Demnach zählten vor allem Respektlosigkeit, Jähzorn, Aufsässigkeit und eine ausgeprägte Gefühlskälte zu den herausstechenden Persönlichkeitsmerkmalen seines Ziehvaters. Einige wenige, wie Pater Shtarys, das religiöse Oberhaupt der Stadt, bezeichneten ihn gar als böse, verdorben und dämonisch. Andere wiederum hielten ihn schlicht für einen Menschenhasser, was den jungen Adjutanten innerlich stets ein wenig schmunzeln ließ, denn so ganz falsch lagen sie mit dieser Einschätzung nicht. Fakt war, viele mieden seinen ewig missmutig dreinblickenden Meister und Argwohn war außerhalb des Heeres dessen ständiger Begleiter.

Allerdings schrieb Inor dies vor allem der menschlichen Skepsis gegenüber allem Fremden und Andersartigen zu. Die Menschen Lanois galten auf Grund ihrer Geschichte und mehrerer Vernichtungsfeldzüge gegen die Darwen, Dryas und andere Naturwesen in ihrem Reich als besonders rassenfeindlich. Selbst anderen Menschen gegenüber verhielten sie sich ebenso abweisend wie ihre Nachbarn in Æhran und Utlay. Fremde bekamen das besonders schnell zu spüren und hob man sich auch dann noch optisch von der durchschnittlichen Masse ab, wurde man sofort ausgegrenzt, beschimpft und angefeindet. Kein Wunder also, dass sie damals von dem Augenblick an, da sie das gemäßigte Wojd verlassen und die Grenzen Lanois überschritten hatten, mit abgrundtiefem Misstrauen zu kämpfen hatten. Bereits kurz nach ihrer Ankunft in Yara vor über neun Wintern hatten die wildesten Gerüchte über den bleichen Fremdling mit den silberglänzenden Haaren und seinen willfährigen Erfüllungsgehilfen, wie sie Inor insgeheim bezeichneten, kursiert. Insbesondere das impulsive, bisweilen ungezügelte Verhalten seines Meisters und dessen ausgeprägter Hang zur Gewalttätigkeit hatten fruchtbare Erde für allerlei Gerede geboten und ihr ursprüngliches Ziel, möglichst unauffällig und unbemerkt zu bleiben, in Windeseile zunichte gemacht.

Sie alle konnten von Glück sagen, dass die Stadt nicht nur das politische Zentrum Lanois, sondern gleichzeitig auch eine bedeutende Hochburg des Handels war. Unzählige Menschen verschiedenster Reiche und Länder kamen hierher, um gute Geschäfte zu machen, und verweilten in der Stadt. Die meisten blieben für wenige Nächte, einige für mehrere Mondzyklen und andere für immer. Selbst einige Mezangae, Formutas und Créae verirrten sich von Zeit zu Zeit nach Yara, in den dunklen Wäldern der näheren Umgebung hauste unerkannt so mancher Mônio und Inors Schmied des Vertrauens war ein brummiger, trinkfreudiger Darwen namens Habas. Im Gegensatz zum Rest Lanois war die Bevölkerung der Hauptstadt daher ziemlich bunt gemischt und verhältnismäßig aufgeschlossen. Quasi ein kleines Refugium für Andersartige, in dem sie gemeinhin geduldet wurden, wenn man einmal vom Hohen Viertel und stark religiös geprägten Gegenden Yaras absah.

Den meisten Menschen blieb daher zunächst verborgen, dass es sich bei Yo nicht um einen er Ihren handelte. Im Gegensatz zu Cru, der mit seiner blauen Haut und den langen Ohren sofort als nichtmenschliches Wesen auffiel, war sein Meister einem Menschen nämlich zumindest äußerlich sehr ähnlich. Yos jungenhafte Gestalt ließ dessen wahres Alter in keiner Weise erahnen und ihn kaum älter als dreißig Lenze erscheinen. Die spitze Wölbung am oberen Ohrbogen war klein genug, um nicht sofort ins Auge zu stechen, die Aura für Wesen ohne Magiebegabung unsichtbar und mittlerweile hatte sein Ziehvater glücklicherweise gelernt, auch bei spontanen Wutanfällen seine Krallen nicht auszufahren. Das Einzige, was ihn augenscheinlich von einem Menschen unterschied waren der bleiche Hautton und die mondschimmernde Haarfarbe, was bei all den fremdländischen Gestalten, die Yara beherbergte, jedoch keinen größeren Verdacht erregte. Mit Sicherheit war das der Hauptgrund für das überraschende Funktionieren ihrer Tarnung, die vor allem für seinen Anführer überlebenswichtig war. Denn die, die seine Andersartigkeit doch bemerkten, hielten ihn glücklicherweise für irgendein Mischblut menschlicher Abstammung und rechneten ihn gemeinhin den Mezangae zu. Doch was Yo Valkja wirklich war, das durfte niemand erfahren: Ein unberechenbares und gefährliches Wesen aus der Zeit ihrer Vorväter und der Einzige seiner Art, soweit Inor zu sagen wusste.

Im Gegensatz zu Forso und ihm, die üble Nachreden stets zu entkräften suchten, war es seinem Freund und Meister allerdings schon immer herzlich egal gewesen, was andere über ihn dachten. Auch dass man ihn für herzlos und grausam hielt, ihn manche hinter vorgehaltener Hand einen ungehobelten Barbaren, einige eine Missgeburt nannten und wieder andere ihn gar für verflucht hielten, scherte ihn nicht und war für ihn noch eher Kompliment denn Beleidigung. Und zugegeben, Yo war auch nicht gerade das emotionalste Wesen, das Inor kannte. Selten sprach er über Empfindungen, zumindest nicht über positive. Auch handelte er oft ohne Rücksicht und in den meisten Fällen ließ er jegliches Taktgefühl missen. Im Laufe seiner langen Lehrzeit hatte der junge Mann allerdings den Eindruck gewonnen, sein Mentor war auch deshalb so kühl und schroff, da er andere Gefühle als Wut und Zorn lange Zeit einfach nicht gekannt hatte und ihnen zumeist recht hilflos gegenüberstand.

 

Umso mehr verwunderte Inor das Geschehen, das sich nun vor seinen Augen abspielte. Und obgleich er sich fühlte wie ein kleines Kind, das Verbotenes tat, diese ihm bisher kaum zugängliche Seite seines Mentors faszinierte ihn so stark, dass er sich nicht losreißen konnte und einfach bleiben musste. Auch auf die Gefahr hin, dass Yo ihn zweifellos einen Kopf kürzer machte, sollte er ihn entdecken.

Lange Augenblicke vergingen, in denen die untergehende Sonne den dritten General glühend rot färbte und dann in tausend unheilvolle violett- und lilafarbene Schatten tauchte, bevor sie schließlich hinter dem letzten Hügel am Horizont verschwand und die Dunkelheit binnen weniger Augenblicke über sie herfiel wie ein Raubtier über die am Boden liegende Beute. Die Haltung seines Anführers blieb unverändert. Regungslos starrte er in die immer schwärzer werdende, nächtliche Finsternis, während die rote Aura wie ein Hexenfeuer loderte und offenbar an seiner statt gegen unzählige, unsichtbare Gegner kämpfte.

‚Wie kann jemand, der so aufgewühlt ist, so stoisch wirken?‘, fragte Inor sich.

Seufzend schüttelte der Jüngling den Kopf und war außer Stande, diesen gewaltigen Widerspruch zu begreifen. Dabei erinnerte er sich unwillkürlich einiger Vorfälle der jüngeren Vergangenheit, die von eben solcher Gegensätzlichkeit gekennzeichnet waren.

Bis zum bitteren Ende des Krieges hatte der Anführer des Roten Mondes das Heer mit strenger Hand und ungebrochenem Siegeswillen befehligt. Klare Strukturen, eindeutige Kommandos und harte Strafen prägten von jeher seinen Führungsstil und sorgten nicht nur für den Zusammenhalt unter den Kriegern, sondern auch für deren nötige Motivation, ihre Stärke und ihren unbedingten Glauben an sich und ein siegreiches Ende jeder bevorstehenden Schlacht. Doch seit sie auf dem Heimweg waren, schien er unaufmerksam geworden zu sein. Seine Worte standen im offenen Widerspruch zu seinen Taten oder er gab absolut widersinnige Order. Da war zum Beispiel dieser ominöse Befehl an den Spähtrupp, den sein Ziehvater nach Süden geschickt hatte, während er mit den Männern weiter gen Osten gezogen war. Oder der peinliche Vorfall mit der Handelskarawane, der er ohne Inors heimliches Eingreifen den völlig falschen Weg gewiesen und sie direkt in die Wüste geschickt hätte. Auch resultierten Yos berüchtigte Wutausbrüche in letzter Zeit vermehrt aus der Befolgung seiner eigenen Order. Und wenn Inor sich ihre Rückmarschroute besah, glich diese bisweilen eher einer orientierungslosen Schlangenlinie denn einer zielgerichteten Geraden. Nicht zu vergessen die kleine Gruppe reisender Tänzerinnen, die sein Lehrmeister erst unter Androhung drastischer Strafen lautstark in die Flucht geschlagen hatte, nur wenig später eine abendliche Vorstellung derselben Damen jedoch kommentarlos duldete. Alles Beispiele für die sprunghafte Unbeständigkeit, die den Führungsstil des Generals dieser Tage prägte und die der Jüngling sich nur bedingt erklären konnte.

Glücklicherweise war den Kriegern dies bisher kaum aufgefallen, da die meisten von ihnen nur vorwärts gerichtet blickten und ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit der nahenden Heimat am Horizont schenkten. Seit drei Vollmonden waren sie nun schon auf der Heimreise und mittlerweile auf etwa ein Drittel ihrer Stärke geschrumpft, denn ein Teil des dritten Heeres rekrutierte sich traditionsgemäß aus Männern der nördlichen und nordwestlichen Regionen Lemorin, Diranda, Taquoi und Sarta. Nach erfolgreicher Überquerung des Gebirgspasses und mit Erreichen der ersten grünen Landstriche Lemorins hatten eben jene Männer sich von ihnen getrennt und waren weiter gen Norden gezogen, während ihr Weg sie gen Osten und direkt in die Braune Steppe geführt hatte. Fast einen Mondzyklus lag das nun schon zurück und seitdem zogen sie durch die Gefilde jenes Reiches, das sie mit Schwert und Blut verteidigt hatten. Und mit jedem Tag, der verging und dem sie ihrem Ziel näher kamen, wurde die Zeitspanne zwischen Unter- und Aufgang der Sonne länger und unerträglicher.

 

Mehrere Sandgläser später, es war bereits spät in der Nacht, hockte Inor noch immer grübelnd hinter dem dürren Stachelstrauch. Da entsprangen der gespenstisch schimmernden Handfläche seines Ziehvaters plötzlich helle Funken und ihr warmer Schein gewährte dem jungen Stellvertreter einen verschwommenen Blick auf das Gesicht seines Anführers. Erstaunt sah er, dass ein Hauch von Traurigkeit in ihm lag. Schwermütig starrte Yo auf die kleinen Flämmchen und ein Ausdruck, den Inor nie zuvor gesehen hatte, verzerrte die bleichen Gesichtszüge. In regelmäßigen, kurzen Abständen hob und senkte sich der Brustkorb seines Freundes, der linke Arm umschlang den Oberkörper und die Hand krallte sich an der rechten Schulter fest. Für einen kurzen Moment kam dem neugierigen Jüngling der Gedanke, Yo kämpfe mit den Tränen.

Mit leisem Raunen übergab der Heerführer die Funken alsbald dem Wind, der sie augenblicklich davontrug und ihr Licht von ihm nahm, noch ehe Inor erkannte, ob sein Meister den vermeintlichen Kampf gewann oder verlor. Noch weithin sah man die Flämmchen wie einen glühenden Schweif im Luftstrom auf und ab tanzen, bis sie hinter jenen Hügeln verschwanden, hinter denen auch ihr ersehntes Ziel lag.

‚Ob sie wohl bis zur Festung fliegen?‘, grübelte Inor.

Der Gedanke, einer ihrer Freunde, die sicher schon wohlbehalten zurück waren, konnte die Funken sehen, sie vielleicht sogar auffangen, gefiel ihm sehr. Inständig hoffte er, dass die beiden eine ruhigere Nacht verlebten, als sie hier draußen auf dem kalten, steinigen Felsplateau. Denn so fesselnd die Einblicke in die Gemütslage seines Mentors auch waren, Inor wusste, dass alles, was er gesehen hatte, für keiner Seele Augen bestimmt war. Und auf einmal lastete die dunkle Nacht schwer auf seinen Schultern.

 

Yo Valkja erwachte in den frühen Morgenstunden, als das Tageslicht seinen Siegeszug gerade erst antrat. Direkt vor ihm auf dem Boden saß sein Schüler im Schneidersitz und blickte ihn besorgt an.

„Guten Morgen, Meister. Alles in Ordnung?“

Der Heerführer fühlte sich wie gerädert, hielt sich den Kopf und erwiderte leise knurrend: „Hm, Morgen.“

Durch leichtes Massieren der Schläfen versuchte er, das höllische Dröhnen dahinter zu lindern. Sobald er die Augen auch nur um Haaresbreite öffnete, fachte die morgendliche Dämmerung den Schmerz noch um ein Vielfaches an, und zu allem Überfluss konnte er sich auch kaum bewegen, denn jeder einzelne Knochen im Leib schmerzte. Alles in Allem fühlte er sich wie das Lynchopfer eines wütenden Mobs, der ihn die ganze Nacht hindurch gejagt, verprügelt und ihm sämtliche Gebeine gebrochen hatte. Einfach schrecklich! Und alles nur, weil er ein einziges Mal seinen Gedanken nachgehangen hatte.

Kopfschüttelnd antwortet er: „Ja, ja, alles bestens, Inor.“

Ein Seufzer entfuhr dem Jüngling, dann murmelte er irgendetwas in seinen nicht vorhandenen Bart hinein.

„Was? Hast du was gesagt?“, sah er seinen Adjutanten aus schmalen Schlitzen an.

„Nein, nein, nichts“, winkte Inor ab, sprang auf die Beine und reichte ihm einen Becher Wasser zur Erfrischung. „Ich werde mal die Pferde satteln und die Männer antreten lassen. Wird eine Weile dauern. Sieh zu, dass du unten bist, bevor die ganze Bande vom Hafer gestochen wird.“

Verknittert saß der dritte General noch immer auf seiner spärlichen Bastmatte und blickte seinem Zögling hinterher. Dann führte er den Tonbecher an den Mund, kippte ihn leicht an, sodass das klare, frische Nass seine Lippen gerade eben benetzte, und stellte ihn wieder neben sich auf den Boden, ohne einen Schluck genommen zu haben. Müde rieb er sich die Augen und bemerkte erst jetzt, dass er sich weit außerhalb des Lagers befand und offensichtlich auf kaltem Felsboden geschlafen hatte. Auch wenn er im Moment nicht mehr wusste, was ihn hierher verschlagen hatte, war das eine äußerst plausible Erklärung für seine körperliche Verfassung.

Mit einem Satz sprang er beherzt auf die Beine und ließ die dadurch verursachte Schmerzwelle geduldig von Kopf bis Fuß durch seinen Körper rollen. Dann öffnete er mit einem tiefen Atemzug die Augen und verharrte noch eine kleine Weile, bis die Landschaft aufhörte, sich um ihn herumzudrehen. Etwas mühselig klopfte er seine verstaubten Beinkleider aus, rollte die dünne Matte zusammen und ging dann die sechs Schritte zum Rand des Felsplateaus, auf dem er genächtigt hatte.

Wie weit man von hier aus über das Land blicken konnte. Das Heerlager befand sich etwa hundertfünfzig Mannslängen unter ihm am Fuße des Felsens. Friedlich und ruhig wirkte es im frühen Morgengrauen. Etliche seiner Männer hatten die laue Nacht wie er außerhalb ihrer Zelte verbracht und die vielen glimmenden Feuerstellen verrieten ihm, dass der Großteil seiner Truppe noch bis kurz vor Tagesanbruch am Feuer gesessen haben musste. Wahrscheinlich hatten sie aus Vorfreude keinen Schlaf gefunden und die Zeit wie in den letzten Nächten mit Erzählungen, Armdrücken und Glücksspiel totgeschlagen. Mit Sicherheit war kaum einer im Lager wesentlich munterer als er. Es war daher abzusehen, dass ihr Aufbruch sich um Einiges verzögerte. Obgleich sein Schüler sich redlich mühte, Bewegung in den übernächtigten Haufen zu bringen, wie er auf Grund des freien Geländes sehr gut erkennen konnte.

Doch da die vergangene Nacht auch ihm noch spürbar in den Knochen steckte, sah der General keinen Grund, seine Krieger zur Eile anzutreiben. Sie hatten Zeit. Yara lag weniger als einen halben Tagesritt entfernt. Und was machte es schon für einen Unterschied, ob sie nun wie angekündigt zum Morgen oder doch erst zum Abend dort ankamen? Dem Befehl des Rates zufolge waren sie ohnehin längst überfällig und bereits beim letzten Neumond zurückerwartet worden. Auf ein paar Sandgläser oder gar Tage mehr kam es nun also auch nicht mehr an. Ganz im Gegenteil.

„Sollen sie warten“, murmelte Yo und fuhr sich beiläufig durch den silbernen Irokesenhaarschnitt mit dem dünnen, langen Zopf im Nacken.

Während er am Rande des Vorsprunges stand und seinen Blick über das ihm zu Füßen liegende, frühmorgendliche Land schweifen ließ, erwachte die Natur um ihn herum langsam zu neuem Leben. Die ersten Vögel stimmten zarte Melodien an und begrüßten den nahenden Tag. In der Ferne konnte er eine Herde Schafe ausmachen, die dicht aneinander gedrängt schliefen und einem ungeübten Auge wie ein einziges, großes Wollknäuel erscheinen mussten. Eine Koppel dahinter waren die meckernden Laute einer Ziege zu vernehmen und noch ein Stück weiter entfernt, auf dem vordersten der sechs kleinen Hügel, über die ihr heutiger Ritt führte, entdeckte er mehrere Pferde, die zum Teil im Stehen schlafend aneinanderlehnten, als würden sie sich mit ihren Hälsen umarmen.

Nach der langen Zeit des Kampfes kam ihm das alles so seltsam vor. Diese Ruhe war beinahe gespenstisch. Kein klirrendes Metall, kein Geruch kalter Leiber und trocknenden Blutes, keine Rauchschwaden noch brennender Ruinen und keine Schmerzenslaute aus dem viel zu oft überfüllten Verwundetenzelt. Wie lange war es her, dass ihm sich solch ein friedlicher Anblick geboten hatte? Er wusste es nicht mehr. Wann immer er in den letzten drei Wintern von einer Anhöhe auf das Gebiet um sich herum geblickt hatte, war es stets dasselbe Bild gewesen: Tod, Zerstörung und ein Feld voller Leichen. Wie anders, wie unwirklich war dagegen der Anblick dieser unberührten Landschaft zu seinen Füßen.

Unwillkürlich folgten seine Augen dem sandigen Weg, der gen Yara führte. Dieser schlängelte sich am Ufer des Nia, der hier noch ein kleiner, gut zu durchquerender Fluss war, durch die Landschaft. Am Rande des Waldes von Thenoc vorbei ging er durch große Wiesen und verlor sich dann zwischen Koppeln und Feldern in der weiten Ferne, wo soeben der Tagesstern über den Horizont kroch.

Ohne zu blinzeln, blickte der Anführer des Roten Mondes jetzt weit gen Osten in das grelle Orangerot und bereits nach wenigen Augenblicken verspürte er ein nervöses Kribbeln in der Magengegend und dieselben Gefühle, die ihn am Abend zuvor aus dem Lager und auf diese Ebene getrieben hatten, stiegen erneut in ihm auf. Allmählich lüftete sich auch der Schleier seiner verworrenen Traumbilder. Mit einem stummen Seufzer erinnerte er sich, wie er bis in schwärzeste Nacht hinein einfach nur dagesessen und in die Ferne gestarrt hatte, innerlich dabei aber so aufgewühlt gewesen war, dass es ihn selbst jetzt noch erschreckte.

„Verflucht noch eins, was für eine beschissene Nacht“, schnaubte er und fuhr sich erneut durch das Haar.

Nicht einen klaren Gedanken hatte er fassen können, geschweige denn dass er begriffen hatte oder in Worte fassen konnte, was in ihm vorgegangen war. Als hätte er irgendein übles Kraut geraucht oder bewusstseinsverändernde Rauschmittel probiert, war er wirren Hirngespinsten und eigenartigen Empfindungen ausgeliefert gewesen. Auch jetzt, im Lichte des neuen Tages und wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, konnte er sich noch immer nicht erklären, was diesen akuten und überaus gefährlichen Schwächeanfall ausgelöst hatte. Also hielt er sich an das Nächstliegende.

„Wenn ich Lamorte, diesen miesen Koch, zu fassen kriege, kann er was erleben! Von seinem Fraß kriegt man ja Wahnvorstellungen.“

Der aufkommende Morgenwind vertrieb den Ärger des bleichen Mannes und ließ ihn frösteln. Steif und regelrecht kalt war die Brise. Kein Vergleich zu dem Luftstrom der letzten Nacht, der so seltsam warm gewesen war. Fast so, als ward er von jemandem bewusst gesandt, um ihn willkommen zu heißen. Ein sehr unwahrscheinlicher Gedanke, das war ihm bewusst, und doch wurde er schlagartig erneut von dieser unerklärlichen Wärme erfasst. Mehrere Augenblicke lang blieb er bewegungslos an der Felskante stehen, während der Wind die aufwallende Hitze in seinem Inneren kühlte, ihm die Haare ins Gesicht schlug und seine Frisur zerzauste.

Beiläufig strich er sich eine silberne Strähne aus dem Gesicht und flüsterte gedankenverloren: „Nach drei Wintern sehen wir uns also wieder.“

Ein flüchtiges Grinsen lag auf seinen schmalen, blassen Lippen und überspielte die Unsicherheit, die in diesen Worten mitschwang.

‚Ob er wohl auf mich wartet?‘, schoss es ihm aus heiterem Himmel durch den Kopf, doch eine laute Stimme riss ihn aus den Gedanken, noch ehe er über eine Antwort nachsinnen konnte.

„General Valkja! Wir sind dann soweit!“

Dem Ruf folgend blickte er ins Lager hinab, wo sein Stellvertreter stand und ihn durch Winken dazu aufforderte, zu ihnen herunterzusteigen. Unwillkürlich knurrte er missmutig, dann klaubte er die Bastmatte vom Boden und warf sie an Antwort statt hinab. Ein letztes Mal blickte er in die jetzt knallrote Sonne. Er würde es schon bald erfahren. Sehr bald. Dann wandte er sich ruckartig ab und kletterte in der Hoffnung, all die wirren Gedanken und befremdenden Emotionen hier oben zurücklassen zu können, flink den Steilhang hinab.

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Neufassung 03/18

Comments

  • Author Portrait

    Abermals voll meinen Geschmack bedient.was ist schon knallharte Aktion, wenn der Autor es schafft mitfühlend seine Charaktere zu be- wie umschreiben. Ein dickes Lob an Dich. Weitet so.

beta
Fairy Dust

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