Der Rote Mond

Schon in den frühen Morgenstunden, als das Tageslicht seinen Siegeszug gerade erst antrat, erwachte der General des Roten Mondes nach einer sehr unruhigen Nacht. Direkt vor ihm auf dem Boden saß sein Schüler im Schneidersitz und blickte ihn besorgt an.
     „Guten Morgen, Meister. Alles in Ordnung?“
     Der dritte Heerführer fühlte sich wie gerädert, hielt sich den Kopf und erwiderte leise knurrend: „Hm, Morgen.“
     Durch leichtes Massieren der Schläfen versuchte er, das höllische Pochen dahinter zu lindern. Unzählige alte Erinnerungen waren in der vergangenen Nacht wahllos und ohne jeden Zusammenhang durch seinen Kopf gerast und ließen ihn selbst jetzt noch schmerzen und dröhnen. Sobald er die Augen auch nur um Haaresbreite öffnete, fachte die morgendliche Dämmerung diese Pein noch um ein Vielfaches an, und zu allem Überfluss konnte er sich auch kaum bewegen, ohne dass jeder einzelne Knochen im Leib schmerzte. Alles in Allem fühlte er sich wie das Lynchopfer eines wütenden Mobs, der ihn die ganze Nacht hindurch gejagt, verprügelt und ihm sämtliche Gebeine gebrochen hatte. Einfach schrecklich! Und alles nur, weil er einmal seinen Gedanken nachgehangen hatte.
     Kopfschüttelnd antwortet er: „Ja, ja, alles bestens, Inor.“
     „Wie lange“, murmelte sein Schüler vor sich, „soll das noch so gehen? Hoffentlich bist du bald wieder du selbst.“
     „Was? Hast du etwas gesagt?“, sah er den Jungen fragend an.
     „Nein, nein, nichts“, winkte dieser ab, sprang auf die Beine und reichte ihm einen Becher Wasser zur Erfrischung. „Ich werde mal die Pferde satteln und die Männer antreten lassen. Wird eine Weile dauern. Sieh zu, dass du unten bist, bevor die ganze Bande vom Hafer gestochen wird.“
     Verknittert saß der General noch immer auf seiner spärlichen Bastmatte und blickte seinem Zögling fragend hinterher. Dann führte er den Tonbecher an den Mund, kippte ihn leicht an, sodass das klare, frische Nass seine Lippen gerade so benetzte, und stellte ihn wieder neben sich auf den Boden, ohne einen Schluck genommen zu haben. Müde rieb er sich die noch halb geschlossenen Augen und bemerkte erst jetzt, dass er sich weit außerhalb des Lagers befand und offensichtlich auf kaltem Felsboden geschlafen hatte. Auch wenn er im Moment nicht mehr wusste, was ihn hierher verschlagen hatte, war das eine äußerst plausible Erklärung für seine gelinde gesagt großväterliche körperliche Verfassung.
     Mit einem Satz sprang er beherzt auf die Beine und ließ die dadurch verursachte Schmerzwelle geduldig von Kopf bis Fuß durch seinen Körper rollen. Dann öffnete er die Augen mit einem tiefen Atemzug und verharrte noch eine kleine Weile, bis die Landschaft aufhörte, sich um ihn herumzudrehen. Etwas mühselig klopfte er seine verstaubten Beinkleider aus, rollte die dünne Matte zusammen und ging zum Rand der Klippe, auf der er genächtigt hatte.
     Wie weit man von hier aus doch über das Land blicken konnte! Das Heerlager befand sich etwa hundertfünfzig Mannslängen unter ihm am Fuße des Felsens. Friedlich und ruhig wirkte es im frühen Morgengrauen. Etliche seiner Männer hatten die laue Nacht wie er außerhalb ihrer Zelte verbracht und die vielen glimmenden Feuerstellen verrieten ihm, dass der Großteil seiner Truppe bis kurz vor Tagesanbruch am Feuer gesessen haben musste. Wahrscheinlich waren sie aus Vorfreude unfähig gewesen, zu schlafen, und hatten die Zeit wie in den letzten Nächten mit Erzählungen, Armdrücken und Glücksspiel totgeschlagen. Mit Sicherheit war kaum einer im Lager wesentlich munterer als er. Es war daher abzusehen, dass ihr Aufbruch sich um Einiges verzögerte, obgleich sein Schüler sich redlich mühte, Bewegung in den verschlafenen Haufen zu bringen, wie er auf Grund des freien Geländes sehr gut erkennen konnte.
     Doch da die vergangene Nacht auch ihm noch spürbar in den Knochen steckte, sah er keinen Grund, seine Krieger zur Eile anzutreiben. Sie hatten Zeit. Yara lag weniger als einen halben Tagesritt entfernt. Und was machte es schon für einen Unterschied, ob sie nun wie angekündigt zum Morgen oder doch erst zum Abend dort ankamen? Dem Befehl des Rates zufolge waren sie ohnehin längst überfällig und bereits beim letzten Neumond zurückerwartet worden. Auf ein paar Sandgläser oder gar Tage mehr kam es nun also auch nicht mehr an.
     „Sollen sie warten“, murmelte der General und fuhr sich beiläufig durch den silbernen Irokesenhaarschnitt mit dem feinen, langen Zopf im Nacken.
     Während er am Rande des Vorsprunges stand und seinen Blick über das ihm zu Füßen liegende, frühmorgendliche Land schweifen ließ, erwachte die Natur um ihn herum langsam zu neuem Leben. Die ersten Vögel stimmten zarte Melodien an und begrüßten den nahenden Tag. In der Ferne konnte er eine Herde Schafe ausmachen, die dicht aneinander gedrängt schliefen und einem ungeübten Auge wie ein einziges, großes Wollknäuel erscheinen mussten. Eine Koppel dahinter waren die meckernden Laute einer Ziege zu vernehmen und noch ein Stück weiter entfernt, auf dem vordersten der sechs kleinen Hügel, über die ihr heutiger Ritt führte, entdeckte er mehrere Pferde, die teils im Stehen schlafend aneinanderlehnten, als würden sie sich mit ihren Hälsen umarmen, teils zugsicher unter Bäumen lagen.
     Nach der langen Zeit des Kampfes kam ihm das alles so seltsam vor. Diese Ruhe war beinahe gespenstisch. Kein klirrendes Metall, kein Geruch kalter Leiber und trocknenden Blutes, keine Rauchschwaden noch brennender Ruinen und keine Schmerzenslaute aus dem viel zu oft überfüllten Verwundetenzelt. Wie lange war es her, dass ihm sich solch ein friedlicher Anblick geboten hatte? Er wusste es nicht mehr. Wann immer er in den letzten drei Wintern von einer Anhöhe auf das Gebiet um sich herum geblickt hatte, war es stets dasselbe Bild gewesen: Tod, Zerstörung und ein Feld voller Leichen. Wie anders, wie unwirklich war dagegen der Anblick dieser unberührten Landschaft zu seinen Füßen.
     Unwillkürlich folgten seine Augen dem sandigen Weg, der gen Yara führte. Dieser schlängelte sich am Ufer des Nia, der hier noch ein kleiner, gut zu durchquerender Fluss war, durch die Landschaft. Am Rande des Waldes von Thenoc vorbei ging er durch große Wiesen und verlor sich dann zwischen Koppeln und Feldern in der weiten Ferne, wo soeben der Tagesstern über den Horizont kroch. Ohne zu blinzeln, blickte der Heerführer jetzt geradewegs in das grelle Orangerot und weit gen Osten.
     Bereits nach wenigen Augenblicken verspürte er ein nervöses Kribbeln in der Magengegend und dieselben Gefühle, die ihn am Abend zuvor aus dem Lager und auf diese Klippe getrieben hatten, stiegen erneut sanft in ihm auf. Allmählich lüftete sich auch der Schleier seiner verworrenen Traumbilder. Mit einem stummen Seufzer erinnerte er sich, wie er bis in schwärzeste Nacht hinein einfach nur dagesessen und wehmütig in die Ferne gestarrt hatte, innerlich dabei aber so aufgewühlt gewesen war, dass es ihn selbst jetzt noch erschreckte.
      „Verflucht noch eins, was für eine beschissene Nacht“, knurrte der General, schnaubte und fuhr sich erneut durchs seidig glänzende Haar.
     Nicht einen klaren Gedanken hatte er fassen können, geschweige denn dass er begriffen hatte oder in Worte fassen konnte, was in ihm vorgegangen war. Als hatte er irgendein übles Kraut geraucht oder von bewusstseinsverändernden Pilzen genascht, war er wirren Hirngespinsten und eigenartigen Empfindungen ausgeliefert gewesen. Auch jetzt, im Lichte des neuen Tages und wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, konnte er sich noch immer nicht erklären, was diesen akuten und überaus gefährlichen Schwächeanfall ausgelöst hatte. Also hielt er sich an das Nächstliegende.
      „Wenn ich Lamorte, diesen miesen Koch, zu fassen kriege, kann er was erleben! Von dem Fraß kriegt man ja Wahnvorstellungen.“
     Der aufkommende Morgenwind vertrieb den Ärger des bleichen Mannes und ließ ihn frösteln. Steif und regelrecht kalt war die Brise. Kein Vergleich zu dem Luftstrom der letzten Nacht, der so seltsam warm gewesen war. Fast so, als ward er von jemandem bewusst gesandt, um ihn willkommen zu heißen. Ein sehr unwahrscheinlicher Gedanke, das wusste er, dennoch wurde er schlagartig erneut von dieser unerklärlichen Sehnsucht erfasst. Mehrere Augenblicke lang blieb er bewegungslos am Rand der Klippe stehen, während der Wind die aufwallende Hitze in seinem Inneren kühlte, ihm die Haare ins Gesicht schlug und seine Frisur zerzauste.
     Sanft strich er sich eine silberne Strähne aus dem Gesicht und flüsterte gedankenverloren: „Nach drei Wintern sehen wir uns also wieder.“
     Ein flüchtiges Lächeln lag auf seinen schmalen, blassen Lippen und überspielte die Unsicherheit, die in diesen Worten mitschwang.
     „Ob er wohl auf mich wartet?“, schoss es ihm aus heiterem Himmel durch den Kopf, doch eine laute Stimme riss ihn aus den Gedanken, noch ehe er über eine Antwort nachsinnen konnte.
      „General Valkja! Wir sind dann soweit!“
     Dem Ruf folgend blickte er hinab ins Lager, wo sein Schüler und Stellvertreter stand und ihn durch Winken dazu aufforderte, zu ihnen herunterzusteigen. Unwillkürlich knurrte er missmutig, dann klaubte er die Bastmatte vom Boden.
Ein letztes Mal blickte er in die jetzt knallrote Sonne und dachte in einem plötzlichen Anflug von Schwermut: „Ich werde es schon bald erfahren.“
     Dann wandte er sich ruckartig ab und kletterte in der Hoffnung, all die wirren Gedanken und befremdenden Emotionen hier oben zurücklassen zu können, flink die Klippe hinab.

Unten angekommen blickte er in die erwartungsvollen Gesichter seiner Männer, denen die durchzechte Nacht deutlich anzusehen war. Matte Augen blinzelten müde aus schmalen Lidern umrahmt von Ringen in allen Farbschattierungen und die Hälfte der Krieger hatte ihre Morgentoilette vernachlässigt oder gleich ganz vergessen. Einige seiner besten Leute waren verdächtig wackelig auf den Beinen und das als absolut trinkfest geltende Trio Gynar, Fehn und Kristan musste sich gar gegenseitig stützen, um sich aufrecht zu halten. Der Anführer des Roten Mondes rollte mit den Augen und schnaubte. Wenn er so reihum sah, dann gab es kaum einen Krieger, der erholt, frisch oder wenigstens annähernd so aussah, als hatte er die Nachtruhe zur selbigen genutzt. Alles in Allem gaben seine Mannen einen ziemlich erbärmlichen Anblick ab und an jedem anderen Tag hätte er hinreichend viele und gemeine Strafaktionen gekannt, um diesen verlotterten Haufen ordentlich wachzurütteln.
     Doch an diesem Morgen sah er ausnahmsweise darüber hinweg. Sein Kommando war sowieso nur noch Makulatur und er selbst gab mit Sicherheit auch kein wesentlich besseres Bild ab. Wozu auch? Das Ziel ihres heutigen Rittes war nah und allseits bekannt. Ob trunken oder nicht, dieses letzte Stück des Weges fand jeder Krieger selbst blind und im Tiefschlaf. Und nachdem ihm der Zeitpunkt ihrer Ankunft schon herzlich egal war, war es die Aufmachung seiner Männer erst recht. Wenn sie wie Landstreicher heimkehren wollten, dann sollten sie doch!
     Noch während der dritte General seine übernächtigte Truppe kritisch musterte, trugen zwei Krieger sein Kettenhemd und seinen Panzer aus dem Kommandozelt, das gerade abgebaut wurde.
     Missmutig rollte er erneut mit den Augen und grollte: „Das ist jetzt nicht euer Ernst?! Wollt ihr Prügel oder was?“
     Obwohl die maßgeschneiderte Rüstung aus leichtem Yrda-Stahl geschmiedet war, hasste er sie! Sie beengte ihn, machte ihn langsam und schränkte seine Bewegungsfreiheit stark ein. Wann immer er konnte, stellte er sich daher nur mit einem Lederharnisch bekleidet, am liebsten aber ganz ohne Schutz dem Kampf.
     „Seid doch nicht so, General“, versuchte der Hauptkoch des Heeres, ihm offenbar Honig um den Mund zu schmieren und seinen Stolz zu kitzeln. „Nach so einer großen Schlacht müsst Ihr doch prunkvoll, stolz und in voller Rüstung in die Festung einziehen!“
      „Pass bloß auf, Lamorte, ich bin heute nicht zu Scherzen aufgelegt. Dank deines verfluchten Fraßes habe ich die halbe Nacht halluziniert und fühle mich, als hätten hundert Viborianer gleichzeitig auf mich eingeschlagen“, knurrte der Heerführer ärgerlich und machte einen Schritt in Richtung des einen halben Kopf größeren Mannes mit der Wampe.
     Eilig wich der Koch hinter das Lastpferd, an dem er eben den letzten großen Kessel befestigt hatte, zurück und entzog sich seiner Sicht. Noch im selben Augenblick stimmten jedoch einige Waffenbrüder in Lamortes Rede ein.
     „Ja, genau! Und vor allem nach solch einem Sieg!“, riefen Jaros, der Fahnenträger, und sein Bruder Raizar in leicht zittrigem Duett.
     Irritiert drehte er sich um und fixierte die beiden Männer, die gerade sein Reittier aufsattelten, mit finsterem Blick. Da reckten unweit der Brüder vier weitere Männer von der heute Morgen eher munteren Sorte die stolzgeschwellte Brust und deuteten dann mit ausgestreckten Armen übertrieben theatralisch auf ihn.
     „Es soll doch jeder schon von Ferne erkennen, wer hier kommt: Der Bezwinger des Hauses Vîbor!“
     „Jetzt reicht es aber!“, polterte der Anführer des Roten Mondes los. „Habt ihr Schwachköpfe verdorbenes Zeug geraucht oder von Lamortes verfluchten Pilzen genascht?“
     Vorsichtig wagte er drei Schritte nach vorn und atmete den Odem des ihm am nächsten stehenden Kriegers ein. Schlagartig verzog er den Mund zu einem abschätzigen Lächeln und rümpfte die Nase. Dieser Kerl roch aus jeder Pore nach billigem Fusel.
     „Seht zu, dass ihr euch auf die verdammten Pferde schwingt und frische Luft in eure verfluchten Lungen und Köpfe kriegt, bevor eine Waffe in meine Reichweite kommt“, knurrte er seinen Männern mit verengten Augen zu. „Ihr stinkt!“
     An jedem anderen Morgen wäre seinen deutlichen Worten umgehend Folge geleistet worden, doch aus irgendeinem Grund war das Heer heute ungewohnt aufsässig. Ob es an seiner leicht derangierten Erscheinung oder dem Klang seiner Stimme lag, der ungewollt milder als sonst üblich war? Was auch immer es war, es ermutigte sie, sich in kleinen Grüppchen zusammenzurotten und die beiden Schwertbrüder mit der Rüstung in ihre Mitte zu nehmen. Langsam schritten sie nun auf ihn zu und drängten ihn in die Enge, da ihm drei Packpferde und ein beladener Wagen im Rücken den Fluchtweg versperrten.
     „Wagt es, ihr Hunde“, zischte er, ohne annähernd so drohend zu klingen, wie er gern wollte.
     „Tragt sie ein letztes Mal noch, General Valkja, und lasst uns als die stolzen Sieger heimkehren, die wir sind!“ baten die Kämpfer einstimmig.
     Der Enthusiasmus seiner Männer rührte den bleichen Mann dann doch und ein amüsiertes Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel. Fast war er versucht, nachzugeben, doch er hatte seine Gründe.
     „Nein!“, wehrte er daher weiterhin ab. „Wenn ich so herausgeputzt in Yara einreite, habe ich nicht die geringste Chance, dem Rat aus dem Weg zu gehen. Wer von euch will dafür gerade stehen?“
     Sofort verstummten die Krieger und schauten einander betreten an.
     „Keiner. Das dachte ich mir.“
     „Dann schließen wir einen Kompromiss“, mischte sich plötzlich sein Adjutant ein und trat mit dem Brustpanzer in der Hand vor ihn. „Ihr tragt die Rüstung bis kurz vor die Tore der Burg, damit das Volk um Eure Rückkehr weiß, und bevor wir in die Festung einreiten, legt Ihr sie ab und kleidet Euch unauffälliger. So habt Ihr gute Aussichten, dem Rat zu entgehen, macht aber dennoch Euren Männern eine große Freude.“
     „Nein, i…“, protestierte er noch, da wurde er hinterrücks von zwei Mutigen überrumpelt.
     Bevor er wusste, wie ihm geschah, steckte er plötzlich in seinem ledernen und mit kleinen Metallplättchen dicht besetzten Harnisch, und noch ehe er sich umdrehen und die Übeltäter erkennen konnte, gingen diese hinter dem vollbeladenen Packwagen in Deckung.
     „Darüber reden wir noch!“, knirschte der Anführer des Roten Mondes und warf seinem Schüler, der ihn ob des gelungenen Ablenkungsmanövers breit angrinste, tödliche Blicke zu. Doch dann beugte er sich dem Willen seiner Männer und seufzte unter aufbrandendem Beifall resignierend: „Na schön, also gut, ihr habt gewonnen.“
     Widerwillig fuhr er in die schweren Reiterstiefel, griff nach seinen Beinschienen und knurrte in sich hinein. Vor drei Wintern wäre ihm so etwas nicht passiert. Sicher, sein Ziehsohn war ihm gegenüber schon immer etwas mutiger gewesen als andere und hatte sich im Laufe der Kriegszeit so manche Frechheit herausgenommen. Aber dass einer seiner Mannen so einen hinterhältigen Überfall gewagt hätte, das hatte es früher nicht gegeben! Doch die Schlacht war vorbei und je weiter sie den Kriegsschauplatz hinter sich ließen, desto mehr schienen seine Härte und Autorität zu schwinden.
     „Aber nur dieses eine Mal! Klar?!“, setzte er laut brummend nach, um den Schein zu wahren, und drohte den beiden unbekannten Kämpfern hinter dem Wagen mit der Faust.
     Dann gingen ihm zwei seiner Krieger zur Hand, setzten ihm den lästigen Schultergürtel auf und legten ihm seinen Gurt mitsamt den Wurfmessern und Dolchen an, während er sich in die leichten Panzerhandschuhe quälte. Anschließend fixierte er noch die Stützbänder an seinen Handgelenken, die ebenfalls eine Sonderanfertigung waren, da er eher filigrane Knochen hatte und zwar scheinbar ewig ein Schwert schwingen, sie sich aber durch zu langes Tragen der schweren Schutzhandschuhe leicht brechen konnte. Zum Schluss schnallte er sich noch das Schwert auf dem Rücken fest.
     Als jugendlicher Heißsporn hatte er sich diese Angewohnheit bei einem Hexer abgeschaut, der unglücklicherweise den Auftrag angenommen hatte, dem damaligen Fürsten von Æhran ausgerechnet seinen Kopf zu bringen. Wenngleich seine ursprünglichen Gründe lediglich die geschmackvolle Lässigkeit und die visuelle Eleganz dieser Tragweise gewesen waren, hatte diese Eigenart sich im Laufe seines langen Lebens als Glücksgriff erwiesen und seinen jungenhaften Körper vor so manch hässlicher Wunde bewahrt.
     „Aber den setz ich nicht auf!“, sagte er mit Bestimmtheit, als sein Adjutant ihm grinsend auch noch den Helm hinhielt.
     Argwöhnisch betrachtete der dritte General das leichte Blechding und klemmte es sich letztendlich einfach nur unter den Arm. Dann ging er zu seinem Rappen, doch offenbar bewegte er sich recht schwerfällig. Wie eigentlich immer, wenn er in voller Rüstung war. Zumindest ließen das all die amüsierten Gesichter ringsum vermuten. Behäbig schwang er sich auf den Rücken des Tieres und das Grinsen seiner Männer wurde breiter.
     „Der Erste, der es wagt, zu lachen, wird am nächstbesten Baum aufgeknüpft!“, drohte er.
     Und dieses Mal ließ seine finstere Miene ebenso wenig Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Worte wie der Fakt, dass er die angedrohte Maßnahme in der Vergangenheit bereits mehrmals in die Tat umgesetzt hatte. Ein kurzer Blick versicherte ihm, dass inzwischen alles gepackt und bereit war. Erleichtert atmete er auf. Dann konnte es also endlich losgehen.
     „Es wird Zeit! Alle Mann aufsitzen. Es geht nach Hause!“, rief er aus vollem Halse.
     Sowie er diesen Satz ausgesprochen hatte, verflog seine Wut und machte einem Hauch Vorfreude Platz. Denn für ihn bedeutete dies nicht nur das Ende einer langen Reise, sondern auch das ersehnte Ende seiner Verantwortung und Verpflichtungen. Die Ankunft in Yara sollte ihn nicht nur aus Eisen, Leder und der permanenten Gesellschaft hunderter Männer befreien, sondern auch von sämtlichen Zwängen erlösen und ihm endlich wieder sein gewohnt unstetes, eigenbrötlerisches Leben ermöglichen.
     Die Aussicht darauf legte dem blassen General wundermilde Worte in den Mund: „Der letzte Ritt, Männer. Lange, entbehrungsreiche Winter gehen heute zu Ende! Noch vor dem Abendrot werdet ihr am heimischen Hof sitzen, eine zünftige Mahlzeit genießen und eure Familie wieder in die Arme schließen! Also, worauf wartet ihr?“
     Lautstarker Jubel brach unter den Kriegern aus. Alle stürzten Hals über Kopf zu ihren Pferden und ritten wild dem Fahnenträger hinterher, der es wahrlich nicht leicht hatte, wie vorgeschrieben die Spitze des Trupps zu bleiben.
     „Tolle Ansprache, Meister. Ich wusste gar nicht, dass du so … einfühlsam sein kannst“, scherte sein Ziehsohn grinsend neben ihm ein.
     Doch er überhörte den stichelnden Unterton geflissentlich und quittierte die Äußerung schlicht mit einem breiten, provokanten Lächeln.
     „Wie gesagt, Inor, wir sprechen uns noch.“
     Den begeisterten Heimkehrern nachschauend wartete er, bis auch der Letzte auf seinem Gaul saß, dann setzte er sich mit seinem Adjutanten, dem offenbar schwante, dass sein Verhalten noch ein Nachspiel hatte, ebenfalls in Bewegung.

Eine ganze Weile ritten die beiden Männer stumm nebeneinander her, als der Anführer des dritten Heeres plötzlich beiläufig fallen ließ: „Übrigens, danke für Matte und Decke, Inor.“
     Peinlich berührt erschrak der junge Adjutant erst, doch dann antwortete er lächelnd: „Nichts zu danken, Yo.“
Unausgesprochen, doch nahezu greifbar hing die Frage, wie lange er seinen Mentor vergangene Nacht beobachtet hatte, wie ein Schwert an einem seidenen Faden über seinem Haupt und unsicher schielte er zur Seite.
     „Du warst weit nach Mitternacht noch immer nicht zurück“, begann er vorsichtig, sich zu rechtfertigen, und wählte seine Worte mit Bedacht. „Und da ich mir denken konnte, dass du unter freiem Himmel schlafen würdest, aber mit Sicherheit nichts mitgenommen hattest, habe ich dich eben gesucht. Du hast zusammengesunken am Rand der Klippe gesessen und ich war besorgt, du könntest abstürzen. Daher zog ich dich im Halbschlaf wenigstens ein Stück vom Abgrund weg, denn, nun ja, dich hinuntertragen, das wollte ich dann doch nicht.“
     Der bohrende, skeptische Blick des Generals verwandelte sich bei diesen Worten in ein schelmisches Grinsen und beruhigt stellte der junge Mann fest, dass sein Ziehvater die kleine Lüge nicht durchschaute. Was mit Sicherheit auch gesünder für ihn war. Das Heer war derweil weit versprengt und die ersten Männer schon auf der Kuppe des zweiten Hügels zu sehen, während die letzten gerade einmal den Hang des ersten hinauf ritten.
     „Ich werde die Jungs da vorne wohl ein bisschen bremsen müssen, sonst reiten die sich noch gegenseitig über den Haufen. Wir haben schon genug Verluste erlitten“, meinte sein Mentor daraufhin genervt und zog dessen Hengst aus der Reihe. „Bleib du hier und pass auf, dass keiner verloren geht!“, rief er ihm noch zu, dann gab er dem Rappen die Sporen und galoppierte davon.
     Erleichtert atmete Inor einmal tief durch und nahm sich vor, nicht weiter über den gestrigen Abend, dessen Geschehnisse er nur allzu deutlich noch vor Augen hatte, zu sprechen.

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editiert 04/17

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beta
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