Der Tag danach

Wie zum Teufel war ich nach Hause gekommen? Langsam kamen meine Erinnerungen der letzten Nacht wieder und damit auch die verschiedensten Emotionen. Ich war wütend, ängstlich, verunsichert und irgendwie froh, dass ausgerechnet Professor Payne mich gefunden hatte. Ich spielte die ganze Nacht in meinem Kopf nochmal durch, kam aber einfach nicht darauf, warum Professor Payne überhaupt da war.
Jetzt brauchte ich erstmal einen dunkelschwarzen Kaffee bevor ich mir noch mehr Gedanken machen konnte. Zu meiner Erleichterung war Sarah nirgends zu sehen, ich hatte jetzt echt keine Lust mich mit ihr zu streiten, weil sie gestern einfach abgehauen ist.
Wie konnte das Alles nur passieren? Ich beschloss erstmal Sarah die Schuld dafür zu geben, schließlich habe ich mich nur betrunken, weil sie weg war. Gott tut mir der Kopf weh, das muss wohl dieser Kater sein, von dem immer alle gesprochen haben.
Aber es nützt alles nichts, ich habe heute Vorlesung und danach kann ich immer noch weiter vor mich her grübeln. Ach du Schreck, wie spät ist es eigentlich? Es war tatsächlich schon halb 9, um 9 beginnt die erste Vorlesung bei meinem Lieblingsprof.
Im Eiltempo ging ich duschen, steckte die Haare hoch und zog mir frische, nicht nach Rauch stinkende, Klamotten an. Ich sprintete den Weg entlang und kam gerade noch rechtzeitig in der Uni an.
Zu meinem Glück fand ich auch gleich den richtigen Hörsaal und ging geradewegs durch die große Tür. Da ich aber selten so ein Glück habe, starrten mich dahinter rund 200 genervte Studenten an einschließlich meines Professors. „Sie sind ziemlich spät dran, Miss Wilson!“, begrüßte er mich und fuhr fort: „Zu meinen Vorlesungen ist man pünktlich oder man taucht gar nicht erst auf. Und in letzter Sekunde zu erscheinen, zählt für mich nicht zu Pünktlichkeit. Aber da es erst der zweite Tag ist lasse ich Gnade walten, sie dürfen sich hinsetzen.“. Ich wusste nicht ob ich dankbar sein sollte, weil er mich trotzdem teilnehmen ließ oder sauer über seine überhebliche Arroganz, mit der er seine „Gnade“ zum Ausdruck brachte.
In der Menge entdeckte ich Jamie, sie hatte mir sogar einen Platz freigehalten. Ich setzte mich zu ihr, begrüßte sie mit einem flüchtigen: „Hey“ und hörte Professor Payne zu. Die Vorlesung verging nur langsam und ich musste mich zwingen ihm richtig zu folgen. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu den Geschehnissen der letzten Nacht. Ich war so unfassbar sauer auf Marco, das werde ich ihm nie verzeihen können. Hoffentlich hatte er ein fettes blaues Auge davongetragen. 
Unweigerlich wanderten meine Gedanken weiter zu Prof Payne und ich wusste nicht was ich von der Rettungsaktion halten sollte. Zum einen ist er ein arroganter Idiot und hat es wahrscheinlich auch noch genossen den Retter in der Not zu spielen, das hat seinem Ego bestimmt gut getan. Andererseits wirkte er im ersten Moment tatsächlich besorgt um mich. Ich war ratlos. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass er mich zweimal gerettet hatte, beim zweiten Mal fing er mich auf, damit ich nicht zu Boden fiel. Aber wie hatte er das verdammt nochmal gemacht? Er stand mindestens drei Meter entfernt und auf einmal war er neben mir, um mich aufzufangen. Plötzlich gab Jamie mir einen Schubs und schaute mich mit großen Augen an. „Miss Wilson, ich hatte sie etwas gefragt.“, dröhnte es auf einmal zu mir durch. Verdammt, ich hatte überhaupt nicht zugehört. „Da Miss Wilson offensichtlich mit etwas Besserem beschäftigt ist, geht die Frage weiter an sie Mister Scott.“, sagte er mit einer unüberhörbaren Abfälligkeit in der Stimme.
Den restlichen Tag versuchte ich so gut es ging den Vorlesungen zu folgen und mich zu konzentrieren. Jamie war zum Glück in der Mittagspause auch nicht sonderlich gesprächig und stellte mir keine unangenehmen Fragen, sie hatte wohl gestern auch ein paar Gläschen zu viel getrunken.
Auf dem Heimweg bereitete ich mich schon mal auf die bevorstehende Diskussion mit Sarah vor. Als ich die Tür aufschloss hörte ich sie schon im Wohnzimmer fernsehen und ging ohne zu zögern zu ihr. „Wo warst du gestern?“, war meine erste Frage an sie. „Komm mal runter Hailey, ich bin noch mit zu einem Typen gegangen, du bist ja wohl kein Kleinkind mehr, dass nicht alleine klarkommt oder?“, antwortete sie zornig. In diesem Moment konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen, ihre Worte hatten etwas in mir ausgelöst, dass ich nicht mehr aufhalten konnte. Ich fing an zu schluchzen und Tränen liefen über meine Wangen. Ich war wütend und traurig zugleich und musste es einfach rauslassen. Sarah verstand meinen plötzlichen Gefühlsausbruch nicht, kam aber sofort zu mir, um mich zu trösten. Als ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, fragte sie was denn los sei und ich erzählte ihr alles. Nachdem ich fertig war, war sie so wütend, dass sie beinahe den Stuhl an die Wand gepfeffert hätte. „Was bildet der sich nur ein, einfach ein junges Mädchen zu bedrängen? Der eine Schlag war längst noch nicht genug, der verdient eine viel härtere Strafe. Willst du nicht zur Polizei gehen und ihn anzeigen?“, schrie sie schon fast durch das Zimmer. „Ich weiß nicht ob ich zur Polizei gehen soll, immerhin war er genauso betrunken wie ich und wahrscheinlich wusste er gar nicht was er da macht. Ich will das Ganze einfach nur vergessen.“, machte ich ihr klar.
Was sie allerdings noch mehr überraschte, war die Tatsache, dass Professor Payne der Retter war.
Wir philosophierten stundenlang über die letzte Nacht und zerlegten jedes noch so kleine Detail in seine Einzelteile.
Ich war froh mit ihr darüber sprechen zu können, vielleicht werden wir ja doch noch gute Freundinnen..

Der Tag neigte sich dem Ende und wir beschlossen, es uns auf dem Sofa gemütlich zu machen und zusammen einen Film zu schauen. So schrecklich dieser Tag auch gewesen ist, ich war Sarah sehr dankbar für ihr offenes Ohr . Sie schmiedete schon Pläne, wie wir Marco zur Rede stellen und wie sie ihn am besten verletzen könnte. Wir redeten zwar nur im Spaß darüber, es half aber trotzdem die Erlebnisse zu verarbeiten und nach vorne zu schauen.

Gerade als ich ins Bett gehen wollte klingelte es an unserer Tür. Ich ging hin und öffnete sie, um sie direkt wieder zu schließen. Es war Marco, der an unserer Tür stand. Ich überlegte, ob ich Sarah zur Hilfe rufen sollte, aber ich wollte diesmal allein mit ihm fertig werden. Ich öffnete erneut die Tür und blickte in ein schuldbewusstes Gesicht. „Es tut mir alles so schrecklich leid, Hailey. Kannst du mir nochmal verzeihen? Ich war nicht ich selbst, ich weiß nicht warum ich das getan habe. Bitte gib mir noch eine Chance!“, platzte es aus ihm heraus. „Ich will dich nie wieder sehen, verstanden? Verschwinde von meiner Wohnung und lass dich nie wieder blicken!!!“, mit diesen Worten knallte ich ihm die Tür vor der Nase zu in der Hoffnung ihn nie wieder sehen zu müssen.
Nach dem aufwühlenden Besuch ging ich in mein Zimmer und legte mich ins Bett. Es dauerte eine Weile bis ich eingeschlafen war, da mir ungefähr tausend Gedanken im Kopf herumschwirrten. Als ich endlich schlief träumte ich von ihm, aber es war gewiss kein guter Traum..

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