Mild und klar ging die Nacht zu Ende, wich einem erwachenden Tag, der mit seinen sanften morgendlichen Winden rosa Wolken über einen lichter werdenden Himmel schickte, während sich die letzten nächtlichen Schatten still in einem lebendig werdenden Tag verloren.

Mit einer Decke über den Schultern, saß Marco van Raiss auf der Terrasse seines Hauses und verfolgte das lebhafte Spiel der sich mehrenden Wolken. Eine ganze Herde Schafe zog an ihm  vorbei, dort ein Elefant, auf der anderen Seite grinste ihn eine Satans Fratze an die sich ganz langsam, fast wie in Zeitlupe, in einen Frosch verwandelte. Marco lächelte. Wenig später erschienen die Umrisse einer Frau und, es war echt kurios, da kam wahrhaftig ein Reiter auf einem weißen Schimmel daher geritten. Hingerissen, ja beinahe fasziniert vom Spiel der Natur musste Marco aber auch den ganz allmählichen Verfall der mitunter so perfekt inszenierten Gebilde hinnehmen, die sich peu à peu vor seinen Augen, einer nach dem anderen vom Wind beeinflusst auflösten oder einfach wie ein undefinierbares Nichts verschwanden.

Obwohl nicht kalt, fröstelte es Marco und er begab sich ins Haus.

Ein Ei im Glas, ein Schälchen Marmelade, zwei Scheiben Toaste, eine wenig Butter und die obligatorische Tasse Kaffee zählten zum morgendlichen Ritual von Marco van Raiss, doch sein essenzielles Interesse galt momentan nicht seinem Frühstück, sondern den Spalten für Heim- und Nebenverdienst in seiner abonnierten Tageszeitung, die sich wie gewöhnlich jeden Morgen in seinem Briefkasten befand.

Er musste sich etwas einfallen lassen, denn das Haus in dem er lebte, es war sein Elternhaus, zählte nicht mehr den Jüngsten.

Seine Großeltern, sie waren gebürtige Holländer, daher auch das berühmte van in seinem Namen, hatten dieses Good-Old-Germany, wie es Vater gerne bezeichnet hat, nie kennen gelernt. Sie hatten sich beide der Fischerei verschrieben und sind auch während eines schnell aufziehenden Unwetters zusammen auf dem Meer geblieben. Eines der Gründe, warum seine Eltern vor über dreißig Jahren nach Deutschland kamen.

Mit der Zeit bröckelte es hier an allen Ecken und Enden. Der Keller müsste trocken gelegt und isoliert werden, einige Balken auf dem Dachboden sollten auch dringend ersetzt werden, na und vom Dach selbst ganz zu schweigen. Hier gab es einige Stellen die schon sein Vater noch vor seinem Tod notdürftig ausgebessert hatte und dass war nun auch schon vier Jahre her. Seine Mutter hatte er leider schon im Jahr davor durch Krebs verloren und der Herzinfarkt seines Vaters war letztlich der Grund, warum er jetzt hier allein leben musste. Das alles wäre kein Problem für Marco, denn handwerklich war der junge Mann sehr geschickt, nur was nutzte das – Marco war an einen Rollstuhl gefesselt.

Knapp ein Jahr nach Vaters Tot geschah es – an einem Freitagnachmittag – er war mit dem Rad unterwegs, denn radeln war seine Leidenschaft. Ein alkoholisierter Lieferwagen Fahrer hatte ihn beim Abbiegen übersehen. Noch bevor die ärztlichen Untersuchungen beendet waren stand fest, dass er seine Beine nie wieder bewegen würde.

Natürlich folgte ein Prozess, den er folgerichtig für sich entscheiden konnte, doch leider handelte es sich bei dem Unfallverursacher um eine Aushilfskraft, jetzt ein Hartz IV Empfänger. Demzufolge konnte man sich einen Zivilprozess von der Backe schminken, da finanziell von dem Mann nicht viel zu erwarten war. Dagegen waren die Arztkosten schnell angewachsen und das Schmerzensgeld eins drei fix aufgebraucht, na und mit seiner kleinen Frührente, Marco war ja gerade mal 27 Jahre alt, konnte er keine großen Sprünge machen. Eine Umschulung sollte den wirtschaftlichen Ausgleich bringen, nur stritten sich die Behörden schon seit Monaten um die Kostenübernahme.

Vor seinem Unfall hatte Marco den Beruf des Schreiners erlernt und auch ausgeführt. Da er aber gut mit Computern konnte, hatte Marco eine Umschulung als IT- Systemkaufmann mit dem Hintergedanken später Informatiker zu werden beantragt. Bis zur endgültigen Klärung jedoch, blieb ihm nichts anderes übrig als sich mit Heimarbeit etwas dazu zu verdienen.

Anfänglich hatte er Glück, denn über ein Schreibbüro bekam er Briefe, Kurzgeschichten und einmal sogar einen ganzen Roman zum Abschreiben. Damit ließ sich gutes Geld machen, denn er wurde nach so genannten Normseiten bezahlt. Eine Regelung bei der der Schreibende mit 60 Anschlägen und 30 Zeilen, also 1800 Zeichen pro Seite entlohnt wurde. Leider konnte sich das Büro nicht halten, wurde Insolvent und so war Schluss mit dem guten Verdienst. Da war guter Rat teuer, denn mit den üblichen Heimarbeiten war kein Geld zu machen.

Angeregt durch das Schreiben anderer Leute Kurzgeschichten, fing Marco selbst mit dem Schreiben an. Es wurden Geschichten aus den Bereichen Fantasie und Krimi die er zu Papier brachte. Beim jeglichem Anflug von Depressionen oder wenn es darum ging, dass er nicht in der Lage war die vielen Kleinigkeiten die es im Haus zu reparieren galt nicht selbst zu erledigen, schrieb er sich den aufkommenden Frust vom Leibe. Nach jeder Geschichte ging es im wieder gut und zufrieden mit sich und der Welt legte er die beschriebenen Blätter irgendwo ab, da lagen sie dann – vergessen und aus dem Sinn.    

Im Augenblick jedoch, erregte ein kleiner Artikel Marcos Aufmerksamkeit. Es handelte sich wieder um  ein Schreibbüro aber diesmal war es die Zweigstelle einer Schreibbüro Kette.

Sie offerierten eine  leichte Schreibtätigkeit mit gutem Verdienst. Die momentane Schwierigkeit dabei war, das Inserat enthielt lediglich eine Postadresse mit dem Hinweis, dass die Telefonanlage für die neu angemieteten Räume leider erst in vierzehn Tagen freigeschaltet wird. Wer sich allerdings die Mühe machen möchte und uns persönlich besucht, kann vorab schon einige wichtige Aufträge in Empfang nehmen – so hieß es weiter in der Anzeige.

Na so eine Bürokette, wird ja wohl nicht auch wieder in Konkurs gehen, dachte Marco und suchte sich die in der Zeitung angegebene Adresse aus seinem Stadtplan heraus.

Dass ist ja ganz in der Nähe, bemerkte er freudig und entschloss sich gleich mal vorbei zu schauen.

Durch das rechtsseitige Absenken der Busse, war es auch behinderten Menschen, wie Marco möglich, öffentliche Verkehrsmittel ohne fremde Hilfe zu benutzen.

Nach vier kurzen Stationen mit dem großen Gelben verließ der junge Mann den Bus und fuhr mit seinen Rollstuhl bis an die nächste Ecke. Dachstein Straße stand auf dem Straßenschild, doch als er die Straße entlang blickte, wurde ihm ganz anders. Sie hatte eine enorme Steigung und die Adresse des Schreibbüros wies die Hausnummer 63 aus.

Das wird viel Kraft und Schweiß kosten, dachte Marco und fuhr trotz allem entschlossen drauf los. Anfänglich war der Weg noch eben, doch nachdem er die ersten drei Häuserblocks passiert hatte, ging es recht zügig Berg auf. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte Marco gelernt mit dem Gefährt umzugehen. Er wusste nicht warum, aber irgendwie kam ihm der Tipp aus einer Zeitschrift der so genannten Yellow Press in den Kopf, worin es hieß: Rollstuhl Fahrer sollten eine Anhöhe nach Möglichkeit in Schlangenlinien hinauf fahren, der Weg wird zwar etwas länger aber damit wird auch ein eventuelles zurück rollen vermieden. Die Bewältigung einer Anhöhe auf diese Art ist außerdem weniger Anstrengend.    

Marco war ein Kämpfer, in dieser Situation jetzt machten sich seine täglichen Übungen mit der Hantel bemerkbar. Kraftvoll bewegte er seinen Rollstuhl die Anhöhe hinauf und er hatte das Gefühl, dass sich dieser Tipp aus der Zeitschrift bemerkbar machte. Jedenfalls kam es ihm leichter vor, als er anfänglich dachte. Doch die Strecke zog sich hin, wurde länger und länger und so blieb es nicht aus, dass er nach der Hälfte des Weges doch ein wenig außer Atem  war und ins Schwitzen geriet.

Plötzlich ging ein Ruck durch den Rollstuhl. Marco sah sich verwirrt um und blickte hoch über seine Schulter in das Gesicht einer jungen Frau. Er schätzte sie ungefähr in seinem Alter, mit einem äußerst sympathischen Gesicht und einem netten Lächeln.  

»Entschuldigung, falls ich Sie erschreckt habe«, sagte sie: »aber, da wir allem Anschein nach den gleichen Weg haben, dachte ich, wir könnten ihn auch gemeinsam gehen.«

Marco war immer noch leicht irritiert, doch dann fing er sich und sagte mit unsicherer Stimme: »Sie, äh … Sie müssen das nicht machen. Ich komme auch allein zurecht.«

»Ich weiß, nur ist es so etwas angenehmer und wir können noch ein wenig Plaudern«, antwortete Sie, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Vielen Dank, meine Dame, ja natürlich ist es so angenehmer aber…«, Marco wurde unterbrochen.

»Oh, bitte, bitte nennen Sie mich einfach Simone. Alles andere klingt so schrecklich erwachsen. Ich wäre aber so gerne für immer ein Kind geblieben – so wie Peter Pan – kennen Sie Peter Pan, der Junge der nie erwachsen werden wollte?« Sie sprühte förmlich in ihrer Erzählung.

»Natürlich, wer kennt Peter nicht und Wendy und Kapitän Hook?« entgegnete Marco, schon etwas aufgeschlossener.

»Oh, ich seh schon, ich habe einen Spezialisten vor mir. Das gefällt mir. Ich bin nämlich Kinderbuch Autorin und auf dem Weg meinen ersten eigenen Verlag zu gründen. Aber wir Plaudern und Plaudern, wo müssen Sie hin. Verbleiben Sie hier in der Straße oder müssen sie noch weiter?« fragte Simone.

»Ich wollte zur Dachstein Straße 63, auch ein Verlag, aber einer der Schreibaufträge vermittelt«, verriet Marco der jungen Frau.

»Ach, das ist ja interessant! Sie schreiben auch«, stellte Simone fest.

»Nicht so ganz, es ist kompliziert. Eine etwas längere Geschichte und hat mit meinem Unfall zu tun«, begann der junge Mann zögerlich.

»Warten Sie einen Moment. Hier beginnt der Park und da vorn sind einige Bänke, wenn es Ihre Zeit erlaubt, würde ich mir ihre Geschichte gern einmal anhören … natürlich nur wenn es Ihnen nichts ausmacht«, betonte Simone und Marco lenkte nach kurzem zögern ein.

Nachdem die junge Frau einen Einblick in einen kleinen Teil seines Lebens erhalten hatte, Marco hatte ihr vom Tod seiner Eltern, dem Unfall und seiner wirtschaftlichen Enge, sowie dem guten Verdienst durch fremde Schreibaufträge erzählt, war sie ein wenig enttäuscht. Ihr Hintergedanke war, wenn dieser junge, sympathische Mann, der ja ganz offensichtlich unverschuldet in diese Notlage geraten war, selbst eine Art Autor wäre, hätte sie ihn gerne in Ihrem gerade neu gegründeten Verlag beschäftigt.  

»Ach, dann schreiben Sie gar nicht selbst, sondern nur im Auftrag!« Ihre Antwort zu Marcos Lebensbericht, hörte sich etwas enttäuscht an.

»Das ist richtig. Ich glaube nicht, dass meine Geschichten, die ich irgendwann einmal geschrieben habe, irgendjemand interessieren würden«, erwiderte er, mit einem eher mitleidvollen Lächeln.

»Also Sie schreiben doch oder wie muss ich Ihre Andeutung jetzt verstehen?« fragte Simone jetzt leicht irritiert.

»Ja schon, bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich habe schon vor einiger Zeit oder wenn mir halt danach war, immer mal wieder eine Geschichte geschrieben –  aber nur so für mich. Ich hoffe Sie verstehen wie ich das meine. Ich bin bestimmt kein Autor, da gäbe es viele die ich regelrecht bewundere. Nein, ich habe mich, nur so zum Spaß, ab und an hingesetzt und meine Gedanken zu Papier gebracht, was man wahrlich nicht als schreiben bezeichnen kann. Diese Geschichten, also mir persönlich haben sie zwar gefallen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie für eine Veröffentlichung reichen würden«, gestand er ein wenig Kleinlaut.

»Haben Sie diese Geschichten mal jemand zum Lesen gegeben?« wollte Simone wissen.

»Gott bewahre, nein. Ich kann doch mein Geschreibsel keinem anderen zumuten. Das war rein intuitiv«, betonte Marco.

»Aber sollte sie doch etwas taugen, kann das nur ein Lektor entscheiden. Haben Sie diese Geschichten noch und wie viele sind es, wenn Sie mir die Frage erlauben?« dabei sah sie ihn interessiert an.

»Ich weiß nicht genau, vielleicht zwölf oder fünfzehn Geschichten unterschiedlicher Länge«, war seine geschätzte Antwort.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, machen wir das so. Sie schicken mir in den nächsten Tagen ihre Kurzgeschichten an diese Adresse – sie gab ihm eine Visitenkarte – und ich entscheide ob man ihr  Geschreibsel, wie Sie es nennen, publizieren kann. Einverstanden?« Sie hielt ihm die Hand hin, die er nach kurzem Zögern, immer noch skeptisch entgegen nahm.

Die beiden plauderten noch eine Weile, dann brachen sie auf und Simone ließ Marco vor der Hausnummer 63 allein.

Das Haus war ein älterer Bau, zirka zehn Blocks hinter besagtem Park. Gott sei Dank, gab es im Inneren einen Fahrstuhl, denn das neu angemietete Büro, wie es in der Zeitungsannonce beschrieben war, befand sich in der zweiten Etage.

Die Sekretärin, ein nicht mehr ganz junges Semester, war sehr freundlich und fragte nach seinen Begehr. Nachdem die üblichen Vormalitäten geklärt waren, schickte sie Marco zwei Räume weiter zu einem sehr seriös wirkenden Herrn.

Marco hatte Glück. Er konnte mehrere Unterlagen, die er später auf CD brennen musste mitnehmen, die ihm ein gutes Übergangseinkommen versprachen.  

Zuhause angekommen, er wollte sich eigentlich gleich an die Arbeit machen, viel im das Gespräch mit Simone wieder ein. Er legte das zu bearbeitende Material neben seinen PC und sucht seine kleinen Geschichten zusammen, dabei stellte er fest, dass es doch weit über zwanzig an der Zahl waren. Nachdem er sie sortiert hatte, kam er auf elf Fantasie und vierzehn Kurzgeschichten aus dem Krimibereich. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass es so viele waren, dachte er. Egal, soll sich Simone doch damit amüsieren, war sein nächster Gedanke und er machte sie zusammen mit einem kleinen Anschreiben festig um sie am nächsten Morgen zur Post zu bringen.

Drei Wochen vergingen und der Brief an Simones neugeründeten Verlag war ihm längst aus dem Sinn geraten. Ach, die Post, dachte er, die Mittagszeit war schon vorbei, da rollte er hinaus zum Briefkasten. Drei Briefe, seine Zeitung, die er heute früh vergessen hatte und die übliche Reklame waren die Ausbeute. Marco fuhr auf die Terrasse, er hatte sich eine Flasche Bier mitgenommen und wollte eine kleine Pause einlegen. Das Schreibbüro, jetzt hatten sie auch eine Telefonnummer, deckte ihn gut mit Arbeit ein, so, dass er schon seit sechs Uhr  an seinem Computer zu Gange war. Reklame interessierte ihn nicht und auch die Zeitung legte er fürs erste auf die Seite.

Der Brief von der Dachdecker Firma, die er für einen Kostenvoranschlag bemüht hatte, erweckte als erstes seine Aufmerksamkeit. Na, die sind doch wohl nicht ganz richtig im Kopf, für knapp sechseinhalb Tausend Euro krieche ich lieber selbst aufs Dach, dachte er empört und legte das Schreiben aus der Hand.

Der zweite Brief war von der Behörde die seine Kosten für die Umschulung übernehmen sollten. Sie teilten ihm mit, dass wenn er die Umschulung zum IT- Systemkaufmann aufrechterhalten wolle, er mit einer Kosten Selbstbeteiligung rechnen muss. Die haben sie wohl nicht alle aber was kann man von denen schon erwarten. Sobald es ans zahlen geht, zieh‘ n die doch eh den Schwanz ein. Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, jetzt werde ich einen Anwalt einschalten. Wir werden schon sehen, wer hier was bezahlt, dachte der junge Mann und legte auch diesen Brief beiseite.

Marco trank einen Schluck Bier und griff zum letzten Brief, er war vom Klett Verlag. Klett Verlag? Kenn ich nicht, war seine erste Überlegung. Erst nach dem Öffnen, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen … das ist Simones Verlag. Auf den ersten Blick, war es ein formloses Schreiben, doch einige Zeilen später schrieb sie und er konnte es erst gar nicht glauben –  habe ich mit großem Interesse feststellen müssen, dass deine Geschichten die besten sind, die ich in den letzten Jahren zu lesen bekommen habe. Dein Einverständnis vorausgesetzt, werde ich aus diesen Geschichten zwei unabhängige Bücher aus dem Bereich Fantasie und Krimi machen, die dann als Anthologien publiziert werden. Natürlich geht das nicht von heut auf morgen, sie müssen noch ins Lektorat, ins Korrektorat, die Cover müssen erstellt werden und, und, und. Es gibt also noch viel zu tun. Darum möchte ich dich Bitten, setzte dich, wenn es deine Zeit erlaubt, in den nächsten Tagen zwecks Vertragsunterzeichnung mit mir in Verbindung. Unterschrieben war das Schreiben mit Simone Klett.

Marco war baff. Er wusste einfach nicht was er dazu sagen sollte. Hatte er wirklich Talent?

Wollte sie ihm nur helfen weil, ja, was war der Grund, weil er im Rollstuhl saß?

War es Mitleid, nein, Mitleid wollte er nicht.

Je länger er darüber nachdachte, je unwirklicher erschien ihm die Situation. Er, Marco van Raiss war ein Autor. Die besten Geschichten die sie in den letzten Jahren gelesen hatte, das waren ihre Worte. Er hatte sie schwarz auf weiß.

Er schauderte, eine Gänsehaut überzog ihn. Sollte das vielleicht der gerechte Ausgleich zu seiner unverschuldeten Not sein. Ein Hoffnungsschimmer glimmt in ihm auf. Seine Augen wurden feucht und ein paar ungewollte Tränen rannen ihm über die Wangen. Er schniefte, putze sich die Nase, wischte sich die Augen trocken und trank sein Bier aus.

Autor Marco van Raiss, ungläubig schüttelte er den Kopf und fuhr zurück ins Haus.

Es dauerte gut vier Monate bis seine beiden Anthologien auf dem Buchmarkt erschienen. Fast auf den Tag sechs Wochen später fand man sie unter den hundert besten und ein knappes halbes Jahr nach deren Erscheinen avancierten sie zum Bestseller. Marco und Simone wurden ein Paar und verhalfen beide dem Verlag zum Erfolg.

Irgendwann, Marco wusste den genauen Zeitpunkt nicht mehr, saß er in seinem Büro und dachte über alles nach. Er sah aus dem Fenster und das erste Mal, seit seinem Unfall dachte er, mein Gott, ist das Leben schön – eigentlich in jeder Lebenslage.

Dem seltsamen Spiel der Wolken folgend glaubte er nicht was er dort oben im nächsten Moment zu sehen bekam, da war er wieder – der Wolkenreiter –  wie damals auf seiner Terrasse, einem Déjà-vu gleich, ritt ein Reiter auf seinem weißen Schimmel quer über den Himmel. Mit dieser Erinnerung, einem Lächeln auf den Lippen, und einer inneren Zufriedenheit, verfolgte er weiter das immer wiederkehrende Spiel der Natur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

Comments

  • Author Portrait

    Ja, als Rollstuhlfahrer - und überhaupt als Mensch mit einer Behinderung - ist das Leben oft eine große Herausforderung, das beschreibst du sehr gut. Ich habe aber viele kennen gelernt, die mir genau das sagten, was auch dieser Marco feststellt: Das Leben ist schön!

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