Des einen Pech, ist des anderen Glück

Bereits von Weitem sah Igor, dass sich die Türen schlossen. In seiner Eile schlitterte er mit seinen Schuhen die letzten paar Meter über den Boden und donnert gegen die Glasscheibe. Ohne dem groß Beachtung zu schenken, rüttelte er an den Türgriffen. Verschlossen. Wer hätte das gedacht.

Gehetzt trat er an den Kontrollschalter. Der Flughafenangestellte ignorierte ihn und klopfte die Tickets an jeder Ecke zu einem gleichmäßigen Stapel zurecht. Fragend hob er die Augenbrauen, als Igor keine Anstalten machte zu verschwinden.

„Entschuldigen Sie. Ich habe mich verspätet“, sagte der Brünette kurzatmig. „Wie komme ich jetzt in das Flugzeug?“

„Gar nicht“, lachte der Mann humorlos. Er hielt Igor für einen Clown, wie jeden anderen, der zu spät kam. Als ob sich die Flugzeiten nach den Schlafmützen richteten. „Es sei denn, Sie können fliegen.“

„Wie bitte?“, fragte Igor zwischen zwei schnellen Atemzügen.

„Er ist-“, der Mann hob demonstrativ die Hand und sah auf seine billige Armbanduhr. „Ja, er ist schon abgeflogen.“

20 Tore waren zu viel. Igor fluchte leise. Er hoffte, dass auch Sasha zu spät gekommen war. Aber für den Blonden war das nicht so fatal, wie für ihn.

Schelmisch grinsend ging der Flugangestellte an ihm vorbei. Der Fußballer konnte schwören, ein böses, leises Lachen gehört zu haben. Wütend warf er seine Reisetasche zu Boden und trat mit aller Kraft gegen den Pult, dass es schepperte.

Unbeeindruckt dreht sich der Mann zu Igor um. „Hättest lieber gestern so nach dem Ball gekickt und ein paar Tore geschossen.“

Ungläubig blickt Igor ihm hinterher, bis sein Rücken in einer Traube von Menschen verschwand. Eine helle Tonabfolge drang durch die Lautsprecher.

„Noch so einer“, schimpfte er und ließ den Kopf hängen.


Igor beschloss zu den beiden Übeltätern, denen er das ganze Schlamassel zu verdanken hatte, zurückzukehren.

Missmutig trat der Brünette an den Albtraumschalter des gesamten Moskauer Flughafens. Mit seinem Pass klopfte er gegen die Scheibe, um die Aufmerksamkeit der beiden zu erlangen. Sasha war ganz in einem Telefonat vertieft und ignorierte ihn. Erst als Igor den Pass mit einem peitschenden Knall auf die kurze Ablage warf, schielte der Blonde zu ihm herüber.

„Oh“, überrascht hob dieser die Augenbrauen. „Warte mal eine Sekunde“, sagte er in die Sprechmuschel des Telefons.

„Warum bist du noch hier?“, wandte er sich wieder dem Fußballer zu.

„Hör zu“, grimmig zogen sich Igors Brauen zusammen. Seine Augen waren klein und müde. Er hatte viel Ähnlichkeit mit einem quengeligen Kind, das zur Strafe in die Ecke gestellt wurde. „Setz einfach den Stempel. Ich will endlich nach Hause.“

Wut kochte in Igor, wie ein bald explodierender Vulkan. Und obwohl er Sasha liebend gern die Meinung gesagt hätte, besann er sich eines Besseren. Er wusste, dass der andere ihn wieder mit einem dummen Spruch abschmettern würde. Doch dafür war Igor zu fertig und zu gestresst.

„Willkommen zurück im Heimatland“, lächelte der Blonde den Star an. Theatralisch verdrehte Igor die Augen. Ob dieser Idiot sich je ein Kommentar verkneifen könnte?

„Hast du Gepäck abgegeben?“

„Selbstverständlich.“

Sasha kniff die Lippen aufeinander und legte den Pass mit dem Ticket zurück vor Igors verkrampfte Hände.

„Dann ist es noch zu früh für die Heimat.“

Igor blinzelte ein paar Mal, als würde ihm das über sein Unverständnis hinaus helfen.

„Inwiefern?“, fragte er.

Sasha ließ sich nicht im geringsten von Igors Wut einschüchtern. Lässig legte er den Hörer ans Ohr, wobei er sein Gegenüber emotionslos anschaute, und setzte das Telefonat fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Während Igor auf eine Erklärung wartete, ignorierte Sasha ihn einfach. Stattdessen diskutierte er über belanglose Dinge mit seinem Kollegen am anderen Ende des Apparates.

Resigniert nahm Igor seine Papiere an sich und trat an Mashas Pult. Sie wich seinem Blick aus. Lieber blätterte sie in ihrer Zeitung, als sich mit seinen Problemen zu beschäftigen.

Arbeitete hier überhaupt jemand?

Erneut seufzte Igor auf. Auf der Titelseite prangte sein verzweifeltes Gesicht, das seine Niederlage gut verdeutlichte. An diesen Moment wollte er nun wirklich nicht erinnert werden.

Er hasste es hier zu sein. Hasste die Arbeitsmoral der Russen. Vor allem auf Flughäfen und in Behörden. Igor wünschte sich nichts sehnlicher, als in dem Flieger zu sitzen. Auf dem Weg nach Amerika. Das Land der Möglichkeiten. Ein Land, wo man ihn nicht schief ansehen würde. Den meisten dort war es völlig egal, wer er war und es würde ihnen auch egal bleiben, sobald sie seine Vorlieben kannten. Dem Chaos entfliehen, war alles, was er wollte. Doch keiner ließ ihn. Langsam wurde ihm das lästig.

Endlich senkte Masha die Zeitung und blickte ihn an. Sein böses Lächeln animierte sie endlich zum Antworten.

„Solange Ihr Gepäck nicht in den Staaten landet, können wir Sie nicht aus dem Terminal lassen.“

„Aber der fliegt 14 Stunden“, lachte Igor, obwohl er das Theater alles andere als witzig fand. Wild gestikulierte er mit den Armen. „Warum soll ich so lange hier bleiben?“

„Verstehen Sie doch“, sie blickte sich Hilfe suchend zu Sasha um. Ihr Kollege dachte aber nicht daran mit dem Verlierer zu reden.

„So sind die Regeln.“ Reue zeigte sich in ihren Augen. Vergeblich versuchte sie Igors Blick stand zu halten.

„Schließlich wissen wir nicht, was in Ihrem Gepäck drin ist. 14 Stunden Flug. Dann die Kontrolle. Der Flughafen in den Staaten ist ziemlich groß. Außerdem muss das Flugzeug aufgetankt werden. Das Gepäck muss danach wieder verfrachtet werden. Mit allem Hin und Her könnten es“, sie überlegte und sah erneut zu Sasha. „18 bis 20 Stunden werden?“

Ihre Worte wurden immer unverständlicher und leiser. Sasha hatte das Ganze herausgefordert. Es war nicht fair, dass sie die Situation ausbaden musste. Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu, den er nicht so leicht ignorieren konnte. Seufzend fuhr der Blonde mit seinem Bürostuhl an ihre Seite.

 „Könnten auch 24 Stunden oder mehr werden“, sagte Sasha nüchtern. Weder Mitleid, noch Reue hallte in seinen Worten wieder.  

Igor entglitt vollkommen das Gesicht. Mit offenem Mund starrte er die beiden an. Dieser Tag war der reinste Albtraum. Verkatert aufgewacht. Zur Dusche geschleppt. Ausgerutscht und die Ellenbogen an den Kacheln aufgeschlürft. Kaffee über sich geschüttet. Sein Frühstücksei war viel zu hart. Er hasste hart gekochte Eier. Und jetzt das.

Lachend beugte er sich vor.

„Und was soll ich jetzt machen? Die ganze Zeit hier rumhängen? Auf dem Flughafen?“

Entrüstetet verzog Sasha das Gesicht. Glaubte er etwa, dass der Flughafen dem Star keine guten Dienste leisten würde?

„Wir haben hier allen Luxus“, erklärte er voller Ernst. „Die Böden werden hier öfter gewaschen, als in jedem Hotel. Ich habe heute Dienst und stehe dir jederzeit zur Verfügung.“

Verwirrt hoben sich Igors Augenbrauen. Bis er das ganze Ausmaß seiner Situation begriff. Ungläubig richtete er sich auf. Sein Mund stand offen. Hoffentlich würde das nicht zu einer schlechten Angewohnheit werden.

„Mit mir verfliegt die Zeit im Nu“, fügte Sasha hinzu. Verständnislos beobachtete er, wie der Fußballer immer blasser wurde.

Seine Reaktion war übertrieben. Der Flughafen war schön. Sasha liebte es hier zu arbeiten. Ständig gab es Neues zu entdecken. Vor allem neue Menschen. Igor sollte sich nicht anstellen.

Wohin wollte er schon gehen? Er schuldete Sasha sowieso ein Essen. Durch den verpassten Flug konnte er immerhin sein Versprechen einhalten. Bevor er den Brünetten darauf ansprechen konnte, hatte dieser sich bereits seine Papiere geschnappt und war davongegangen.

Gemeinsam mit Masha blickten sie ihm hinterher. Seine Schultern waren eingesackt. Der Gang schleppend.

Sashas Gedanken kreisten nur um das Essen. Vom bloßen Gedanken begann sein Magen zu grummeln. Seine Augen glänzten wie die einer hungrigen Hyäne und das hatte überhaupt nichts mit Igors knackigem Hintern in seinen dunklen Jeans zu tun. Wirklich. Überhaupt nichts.

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Fairy Dust

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