Dezember 2014


Ich war noch nie ein Freund von Entscheidungen, deswegen fiel es mir sehr schwer, mich für oder gegen einen Brief auszusprechen. Einerseits hatte ich nichts zu verlieren. Andererseits würde ich es nicht ertragen, keine oder gar eine negative Reaktion zu erhalten. Es ist die eine Sache, Dinge in der Luft hängen zu lassen und eine andere, sie endgültig und unwiderruflich zu beenden. Diesen Gedanken ertrug ich nicht. Genauso wenig wie den Gedanken, schon ersetzt zu sein. Jeder ist ersetzbar, und ich hatte das Gefühl, ganz besonders leicht zu ersetzen zu sein. Was konnte ich ihm schon geben? Manchmal überlegte ich, ob ich ihn nicht einfach buchstäblich aus meinem Leben löschen sollte. Seine Kontaktdaten, seine Bilder. Denn das war zu der Zeit alles, was unsere Leben miteinander verband. Wie einfach muss die Zeit gewesen sein, in der man sich ohne Computer und Handys verliebt hat.

Der Tag der Tage war gekommen: Leo meldete sich! Der Moment, in dem ich fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. 

"Alles okay bei dir?" 

Nein, natürlich nicht, aber das durfte er ja nicht wissen. Das Schöne an Nachrichten ist, dass man Menschen so leicht täuschen kann. Der Anstand verlangte natürlich, mich zu versichern, ob auch bei ihm alles okay wäre. Als er mir sagte, dass es ihm schlecht ginge, war ich kurz davon überzeugt, dass er mir diese Frage überhaupt nur gestellt hatte, um mir zu erzählen, dass es ihm nicht gut ging. Aber halt. Männer denken nicht so weit. Es war eine ganz normale, unverbindliche Frage. Was im folgenden Gespräch dann allerdings im Mittelpunkt stand, war, dass er nicht wollte, dass ich mir Sorgen mache. Ich versicherte ihm, es zu versuchen, aber mein Gott; was dachte er denn eigentlich? Das war, wie jemandem zu sagen, dass man alles unter Kontrolle hatte, während man versehentlich ein Haus abbrannte.

Im Dezember als der Schnee die Landschaft in ein Wunderland verwandelte, dachte ich sehr viel nach. Manchmal kam mir die Beziehung zu Leo so vor, als wären wir Freunde, dann mehr als Freunde, aber letztlich doch nur Fremde. Hätten wir uns nicht über das Internet kennengelernt, hätten wir nie zueinander gefunden. Ganz ehrlich, ich bin mir nicht sicher, ob das besser oder schlechter gewesen wäre. Aber wenn wir uns überhaupt jemals hätten begegnen sollen, wir hätten uns nicht gesehen, uns übersehen. Wir sind beide unscheinbar, in einer Welt voller Oberflächlichkeit ist das nicht gerade kontaktfördernd. Das merkte ich aber erst, als mir auffiel, dass wir nie Zeit für Oberflächlichkeiten hatten. Das war wiederum das Schöne am Online-Dating: Sofern man es richtig anstellte, zählten die inneren Werte, Ansichten, Gedanken. Man konnte sich voll und ganz auf den Charakter eines unbekannten Menschen einlassen, ohne dabei von äußerlichen Störfaktoren abgehalten zu werden. Wenn wir keine Chance haben auf Oberflächlichkeiten zu achten, sehen wir jemanden, den wir nicht sehen können, ganz anders. Gern hätte ich ihm, nach dem ich nun sein Inneres kannte, auch ins Gesicht geschaut, seinen Körper gesehen, seine Narben berührt.

Es verletzte mich, zu sehen, zu spüren, wie egal ich ihm war. Ich dachte, es wäre etwas besonderes. Wir wären etwas besonderes. Aber wie sooft bemerkt man erst, was man hatte, wenn es nicht mehr da ist. Liebe ist eine Illusion, der wir unbeschreiblich viel Aufmerksamkeit widmen. Doch warum? Wenn ich sage, "Ich liebe Leo“, liebe ich ihn dann wirklich? Oder liebe ich nur das Bild, das ich von ihm habe? Was nennen wir Liebe? Die Einheit von Vertrautheit, Nähe und dem Gefühl, man selbst zu sein? So viele Fragen, so wenig Antworten.

An Weihnachten wurde mir klar, dass ich mich gegen den Brief entschieden hatte, und das war auch gut so. Ich fragte Leo abends, was wir denn nun wären. Und seine Antwort darauf war die absolut niederschmetterndste und verletzendste Nachricht, die ich je bekommen habe. Er meinte, er würde versuchen, sich eher auf Personen in seinem direkten Umfeld zu konzentrieren, sich keine Gedanken um entferntere Menschen zu machen. Okay. Danke. Ich war eine entfernte Person. Nicht würdig, Teil seines Lebens zu sein. Es war okay, es war vollkommen okay. Ich erinnerte mich an einen Tag, an dem er mir schrieb, dass er nicht wegliefe, als ich enttäuscht war, keine Zeit zu haben, mit ihm zu reden. Doch er schrieb es, als er schon am Gehen war. Als er kein aktiver Teil meines Lebens mehr war, oder sein wollte, weil ich ebenfalls in keinster Weise zu seinem Leben gehörte. Die Antwort damals erklärte vieles. Auch heute noch verletzt es mich zutiefst, daran zu denken. Manche Dinge lassen uns wohl nie los.

Zu Silvester ging es mir dementsprechend mies, aber da wir immer mit zwei befreundeten Familien feierten, versuchte ich, es mir nicht anmerken zu lassen. Für blöde Kommentare hatte ich einfach keine Nerven. Und der Abend stellte sich sogar als ziemlich schön heraus. Es wurde getanzt, viele Photos gemacht und unsere "Horror"-Silvesterparty war ein voller Erfolg. Wie selten waren die Momente geworden, in denen ich mich nicht unvollständig fühlte, aber dieser Tag war einer von ihnen. Kaum einen Gedanken verschwendete ich an mein kleines Liebes-Desaster.

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