Die 1. Taverne: "Der winkende Lurch"

Haeverflox und Meister Feldren hatten nicht zu viel versprochen. Dank des Magiers Zauber gelang es Alaru und dem Altwächter tatsächlich, den Wächtertempel ungesehen zu verlassen. Dabei waren weder das steinerne Tor, die in dessen direkter Nähe postierten Wachen noch sonst jemand ein Hindernis, sodass Feuerstochter und Hassenichgesehn sich bereits wenig später an einem gepflegten Stallgebäude an der äußeren Nordseite der Stadtmauer wiederfanden, wo sie ein reisefertiger Karren erwartete. Die zwei eingespannten, etwa einen Meter an Schulterhöhe messenden, sehnig gebauten Wollochsen begrüßten ihre Passagiere mit ungeduldigem Hufscharren und nahmen es sichtlich zufrieden zur Kenntnis, dass man sogleich Eile walten ließ. Kaum aufgebrochen, machten die Tiere dem ihrer Art anhaftenden Ruf, gleichermaßen ausdauernde wie schnelle Zugtiere zu sein, alle Ehre, indem sie in geschmeidigem Galopp über die rote Ebene hinwegpreschten, das zottige, lange Fell einer weiß-braun gescheckten Fahne gleich hinter ihnen her wehend. Entsprechend schnell schrumpfte die Silhouette des Wächtertempels zu einem winzigen Fleck am Horizont zusammen, bis sie vollends mit der Nacht verschmolz und der Karren schließlich von den nördlichen Wäldern verschluckt wurde.

Auf den schmalen, sich zwischen Dickicht und Bäumen entlang schlängelnden Wegen zügelte Haeverflox die Ochsen zu einem gemächlichen Trab, während die neben ihm auf dem Kutschbock sitzende Feuerstochter gebannt ihre Umgebung betrachtete. Inzwischen trug sie eine der des Altwächters ähnelnde leichte Jagdkleidung, welche er aus dem Lager im Wächtertempel stibitzt hatte. Sie bestand aus einem hellen Hemd, dessen lange Ärmel Alaru bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt hatte, einem dunkelbraunen, dünnen Brustharnisch sowie dazu passend eingefärbten ledernen Hosen und Stiefeln. Ihre üblichen steingrauen und eher knapp bemessenen Kleider hatte sie in der Obhut der Wächter zurücklassen müssen, um den Schein zu wahren, dass der Besuch der Hüterin der Dimensionen wie gewohnt vonstattengegangen war. Sie dazu zu bringen, ebenfalls ohne ihre getreue Waffe Occludo aufzubrechen, hatte Haeverflox indes einiges an Überredungskunst gekostet. Letztendlich waren seine Bemühungen jedoch von Erfolg gekrönt worden, als er Alaru vorschlug, auf dem Weg zur Stadtmauer nochmals einen Abstecher ins Lager zu machen, damit sie sich dort ein Ersatzschwert aussuchen konnte. Eine Idee, welche die Feuerstochter hinreichend zu besänftigen vermochte, sodass sie Meister Feldren - wenngleich widerwillig - auch ihre Klinge ausgehändigt hatte.

Alaru war in der Tat eine Kriegerin durch und durch. Und solche wie sie reisten nunmal nicht gern ohne eine Waffe an ihrer Seite, selbst wenn der angestrebte Ausflug lediglich dem reinen Vergnügen diente. Etwas, das der Altwächter nur zu gut verstand.

 

Die folgenden Stunden gingen vorüber wie im Flug. Zum Morgengrauen wurde Alaru von ihrer Müdigkeit übermannt und schlief neben dem Hassenichgesehn im Sitzen ein, welches ihr später erzählen sollte, dass auch seine Lider für geraume Weile zugefallen waren. Da die beiden Wollochsen den von ihm geplanten Weg allerdings beileibe nicht zum ersten Mal bestritten, hatte sich ihre einzige Reaktion auf die tief und fest schlafende Last darin gezeigt, dass sie vorsichtig vom Trab in Schritt verfallen und in aller Seelenruhe die Straßen entlang marschiert waren. Erst unweit des Ziels waren die Ochsen wieder munter geworden, hatten das Tempo angezogen und dem Karren einen ordentlichen Ruck versetzt, welcher Altwächter wie Feuerstochter unsanft aus ihren Träumen riss. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits Mittag gewesen, Orcumorras drei Sonnen standen hoch im Zenit und wärmten mit ihren weichen Strahlen das Herz des langsam lichter werdenden Waldes. Gute zehn Minuten darauf eröffnete sich der uralte Bewuchs zu einer gewaltigen Lichtung, welche eine kaum minder große, von einem breiten Wassergraben umspannte Stadt beherbergte. Hinter dem Wassergraben ragte eine etwa drei Meter hohe Stadtmauer aus dem Erdreich hervor, welche über und über mit bunten Malereien und kunstvollen Steinmetzarbeiten verziert war. Damit bot sie dem Betrachter einen dezenten Vorgeschmack darauf, welch ausschweifende Formen- und Farbenfreude ihn auf der anderen Seite des Walls erwartete.

Doch ‚groß’ und ‚bunt’ bildeten nicht die einzigen hervorstechenden Merkmale dieses Ortes, denn ‚laut’ zählte ebenfalls dazu. Wie eine Glocke hing die Mischung aus Musik, Gelächter, dem typischen Gebrüll irgendwelcher Marktverkäufer und einem auf- und abschwellenden Stimmengewirr über den spitzen Dächern der zahllosen, eng beieinander stehenden Häuser. Hin und wieder schlich sich das unverkennbare Klappern aufeinandertreffender Schaukampfwaffen oder das leise Klirren mit ihren Krügen anstoßender Trinkender darunter, während der verführerische Duft süßer wie würziger Speisen sich dazu anschickte, des geneigten Genussfreundes Sinne zu verwöhnen.

Still vor sich hin schmunzelnd lenkte das Hassenichgesehn den Karren über die steinerne Brücke, welche auf das einzelne, die Mauer durchbrechende Tor zuführte. Schon jetzt konnte Alaru ihr Staunen ob der sich darbietenden Aussicht nur schwerlich verbergen. Aber sobald sie in die Stadt eintauchten, war es um ihre Selbstbeherrschung geschehen. Glänzenden Auges und mit einem solch strahlenden Lächeln auf den Lippen, wie der Altwächter es nur selten zuvor gesehen hatte, saugte sie die unzähligen Details ihrer Umgebung gierig in sich auf, sodass es ihn beim besten Willen nicht gewundert hätte, wenn sie unvermittelt vom Bock gesprungen und laut lachend durch die Straßen getanzt wäre.

»Willkommen in Vigiswalde, meine Liebe«, grinste er, und in diesem Moment wusste Haeverflox, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

 

Nachdem sie die Wollochsen in einer der örtlichen Stallungen untergebracht hatten, waren Feuerstochter und Altwächter eine Zeitlang durch die Stadt geschlendert, während Letzterer seine Vigiswalde betreffenden Kenntnisse zum Besten gab. So erfuhr Alaru, dass die überwiegende Anzahl der Bewohner dieses Ortes dem Volk der Zhintai angehörte. Deren Erscheinungsbild war jenem der Menschen recht ähnlich, wobei die Zhintai sich jedoch eher kleinwüchsig zeigten (der größte Mann in der Geschichte dieser Sippschaft hatte es seinerzeit zustande gebracht, auf sage und schreibe einen Meter zweiundsechzig heranzuwachsen). Zudem wies ihre Hautfarbe ein sanftes Goldbraun auf, in ihren Augen wiederum glomm es ausschließlich Grün, welches in den verschiedensten Schattierungen zu finden war, und die Haare präsentieren keine andere Farbe als Schwarz. Männer taten sich derweil mit vollständig fehlendem Bartwuchs hervor, und auch ein weniger schönes Detail hatte Haeverflox nicht verschwiegen, besaßen die Zhintai doch eine Lebenserwartung von bloß etwa vierzig Jahren. Nicht umsonst hatten die Angehörigen dieses Volkes es sich zum Vorsatz gemacht, im Verlauf ihres kurzen Daseins so viel wie nur irgend möglich zu erleben, weshalb sie über die Jahrhunderte hinweg zu den wohl genusssüchtigsten Bewohnern Orcumorras geworden waren.

Eben diese Eigenschaft spiegelte sich in Vigiswalde nicht nur an jedweden Straßenecken, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auf jedem Zentimeter freien Bodens wider. Überall tummelten sich kleine Musikantentrüppchen. Jongleure, Akrobaten, Feuerschlucker und dergleichen versuchten einander mit ihren Darbietungen zu übertrumpfen. Der ganzjährig offene Markt quoll über von allen nur denkbaren Waren - seien es nun Schmuck, Spielzeuge, Waffen, Stoffe in den ausgefallensten Farben, Musikinstrumente, berauschende Getränke, exotische Speisen und mehr - und dazwischen zogen zahlreiche Barden ihre Kreise, zupften geübten Fingers die Saiten ihrer Lauten und trugen fröhliche, lustige oder gar Herzschmerz verbreitende Balladen vor. Es gab keine einzige Straße, die nicht mindestens ein Gasthaus oder eine Taverne beherbergte, und sämtliche der sich dicht an dicht zusammendrängenden Häuser waren entweder bunt angestrichen, mit fantasievollen Holzschnitzereien vertäfelt oder aufwändigen Steinmetzarbeiten bestückt.

Wahrlich, ein Zhintai fand immer einen Grund zum Feiern, und selbiger Umstand lockte tagtäglich mengenweise Besucher der verschiedensten Völker des Landes an. Hier und da tauchten einige der dunkelhäutigen, orangehaarigen Sha’Lhee auf. Viele Menschen mischten sich unter die hiesigen Anwohner, und auch manche Sureiljer, die mit ihrer fischähnlichen, regenbogenfarben schimmernden Haut deutlich aus der Menge stachen, nahmen die weite Reise vom östlichen Teil des Meeres her auf sich, um ein paar Tage in Vigiswalde die Seele baumeln zu lassen. Mit etwas Glück bekam man sogar einen Angehörigen des Volkes der Minkh zu Gesicht. Nur weilte ein solcher nicht der mannigfaltigen Freuden wegen in der Stadt, sondern allein aus jenem kühnen Grunde, dass er sich an den regelmäßig stattfindenden Schaukämpfen beteiligen wollte, die auf einem geräumigen Platz an der Nordseite der Stadtmauer abgehalten wurden.

»Was haltet Ihr von diesem kleinen Schmuckstück, Alaru?«, fragte Haeverflox, als die Abenddämmerung sich anschickte, das letzte Glühen der Sonnen vom Himmel zu wischen, und deutete auf ein ebenso flaches wie breites Gebäude, das sich zwischen zwei Wohnhäuser zwängte. Die Außenwand der Taverne trumpfte mit einer besonders realistisch anmutenden Malerei auf, welche die Inneneinrichtung der Wirtschaft exakt widerspiegelte - nur ohne die dazugehörenden Gäste.

Neugierig betrachtete die Feuerstochter die Abbildung einer sich an der linken Seite der Stube entlangstreckenden, aus hellen Hölzern gezimmerten Theke mitsamt den sie säumenden Hockern. Sie fand gemütliche Nischen in den Ecken, deren Sitzgelegenheiten mengenweise dicke, bunte Kissen trugen. Große, runde Tische, die hoch genug waren, um bequem daran zu stehen, und niedrige, rechteckige, zu denen je vier bis sechs weich gepolsterte, gelbe Sesselchen gehörten. Am anderen Ende des Raumes befand sich eine Bühne, welche der Künstler mit einer mannsgroßen, auf zwei Beinen stehenden, schlanken Echse versehen hatte, die grüßend einen ihrer kleinen, feingliedrigen Vorderfüße in die Luft streckte. Und darüber prangte der in geschwungenen Lettern geschriebene Name der Taverne: „Der winkende Lurch“.

»Ich verlasse mich ganz auf Euer Urteil, Altwächter«, gab Alaru schließlich zurück, woraufhin sie an sich herunter blickte und die Hände prüfend über ihre Arme gleiten ließ. Dank einer magischen Tinktur, die Meister Feldren ihr gegeben hatte, war von den goldenen Ornamenten auf ihrer Haut keine Spur mehr, weshalb sie seither aussah wie ein gewöhnlicher, sonnengebräunter Mensch. Zwar hatte der Magier Alaru versichert, dass die Wirkung seines Zaubers die folgenden sieben Tage überdauern und sie somit während ihres Aufenthaltes in Orcumorra unerkannt bleiben würde, doch noch vertraute sie Feldrens Worten nicht vollends. Allerdings zog sie es vor, diesen letzten Funken des Zweifels für sich zu behalten.

»Dann ist es also beschlossen«, verkündete Haeverflox derweil. »Heute ist der Wochendritte, da gibt es im „Lurch“ immer ein Maskenfest. Ich verwette meine Dolche drauf, dass Euch das gefallen wird.«

Sprachs, schenkte der Feuerstochter ein fröhliches Grinsen, öffnete die Tür der Taverne und bedeutete ihr, einzutreten.

 

Im ersten Moment fühlte Alaru sich an das Durcheinander auf einem Schlachtfeld erinnert. Wie Fische in einem prall gefüllten Korb drängten sich die Leiber in der Stube zusammen, schoben sich mal mehr, mal weniger grob aneinander vorbei und vermengten ihre Stimmen, ihr Grölen und Lachen zu einem unverständlichen Brei aus Geräuschen, während ein auf der Bühne platziertes Herrentrio die ganze Szenerie mit einem Konzert frohlockender Melodien beglückte. Was dem Krieger seine Waffe war, zeigte sich hier in Gestalt von Krügen, Bechern und Kelchen. Das Klirren von Stahl auf Stahl ersetzten Prositrufe gepaart mit dem Scheppern gegeneinander prallender Trinkgefäße. Und wo auf freier Flur vom Kampf gezeichnete Rüstungen vorgeherrscht hätten, fand Alaru unter dem hiesigen Dach die verrücktesten Kostüme, die sie je gesehen hatte. Wie zum Beispiel eine Frau, welche in einem über und über mit zartrosafarbenen Blüten bedeckten, hellblauen Kleid umherstolzierte und einen in die Form eines Seerosenblattes gebrachten, dunkelgrünen Hut auf dem Kopf trug. Die Feuerstochter vermochte sich des Eindrucks nicht zu erwehren, es mit einem wandelnden Teich zu tun zu haben, was ganz offensichtlich so beabsichtigt war.

Auch konnte sie einen Mann ausmachen, der sich in einen hautengen, ledrig anmutenden Stoffschlauch gezwängt hatte, dessen penibel aufgemaltes Schuppenmuster dem einer im Wald der weisen Weiden zu findenden Würgeschlange glich. Sein aus einer ebenso eng anliegenden, den gesamten Kopf umspannenden und mit langen Holzzähnen versehenen Haube schauendes Gesicht schuf indes ein Gesamtbild, als wäre der Gute soeben von seiner eigenartigen Robe größtenteils aufgefressen worden. Manchmal zog er sogar entsprechende Grimassen und erntete damit reichlich Gelächter.

Wieder ein anderer hatte sich bloß in eine Menagerie aus schmalen, bunten Leinenlappen gehüllt, die einem zottigen Fell gleich an ihm herabbaumelten. Eine junge Frau war von Kopf bis Fuß grün angemalt, steckte in der Imitation einer ledernen Rüstung und trug einen aus Stroh gewickelten, holzfarben angestrichenen Stab auf dem Rücken. Die unter einer dünnen, ebenfalls grünen Lederkappe versteckten Haare sowie das fein säuberlich auf die Stirn gemalte dritte Auge deuteten darauf hin, dass sie sich an diesem Abend als Angehörige des Stammes der Minkh ausgab.

Ein eisiger Schreck fuhr Alaru durch die Knochen, als sich plötzlich ein Rhu’Wharakk an ihr vorbeidrückte. Jedoch vermochte Haeverflox sie rasch zu beruhigen, indem er sie auf das zwar täuschend gut nachgemachte, aber zweifellos künstliche zweite Paar Arme aufmerksam machte und ihr in Erinnerung rief, dass ein echtes Exemplar jener Dämonenart freilich um einiges größer wäre - und um Längen schlimmer stinken würde.

Trotz der nahezu unüberschaubaren Menge an fantasievoll gekleideten Gästen fanden Altwächter und Feuerstochter eine der kissenbestückten Nischen leer vor und nahmen sie sogleich in Beschlag. Sie saßen noch nicht ganz, da tauchte bereits eine Bedienung in Gestalt einer als Stachelkatze verkleideten Zhintai auf, und ohne lange nachzudenken, orderte Haeverflox zwei große Krüge Met. Inzwischen wusste er, dass Alaru zwar ihren Hunger nicht durch Nahrung, sondern durch Flammen stillte, aber einem wohlschmeckenden Getränk in all den vergangenen Jahrhunderten niemals abgeneigt gewesen war.

Was glaubt Ihr, wie ich die Tage im Tempel sonst überstehen würde?, hatte sie lachend erklärt, nachdem er sie am Nachmittag fragte, ob sie das Trinken von Flüssigkeiten überhaupt vertrug. Manchmal bewahrt mich nur noch ein kleiner Rausch davor, hinter den Mauern nicht verrückt zu werden. Und solange ich nicht im Regen stehe oder man mich ins Wasser wirft, ist mir eigentlich alles recht.

»Bitte sehr, zwei Krüge von unserem feinsten Met«, flötete es plötzlich neben des Hassenichgesehns Ohr, woraufhin das Stachelkatzenmädchen vor ihm und Alaru die angekündigten Getränke abstellte. Anschließend drückte sie jedem von ihnen eine Gesichtsmaske in die Hand, auf deren weißer Grundfarbe verschlungene, türkis und orange schimmernde Ornamente aufgemalt waren. »Im „Lurch“ ist Maskenfest, Altwächter«, fuhr sie fort, wobei sie mahnend den Zeigefinger hob und Haeverflox mit einem scherzhaften Zwinkern bedachte. »Verkleidungspflicht für alle. Keine Ausnahmen. Ihr wisst es doch.«

»Eigentlich hatte ich gehofft, unser beider Aufzug würde dafür reichen«, erwiderte er grinsend.

»Wächter ist Wächter«, gab die Zhintai zurück. »Was Ihr da tragt, ist Arbeitskleidung und kein Kostüm. Und jetzt die Masken auf die Nasen, wenn ich bitten darf. Der Herr Tilzien besteht darauf.«

»Ich geh mal davon aus, dass er nicht vergessen hat, was ihn das kostet.«

»Da geht Ihr richtig.« Abermals zwinkerte die Bedienung dem Hassenichgesehn zu, pflückte einen kleinen, metallenen Schnapsbecher von ihrem Tablett und gesellte ihn zu seinem Krug. »Cirdabeerenbrand. Kellerkühl, wie Ihr ihn am liebsten mögt. Und weil er ein netter Mann ist, hat der Herr Tilzien sogar Eure Mitwächterin bedacht.«

Sprachs, platzierte ein zweites Becherchen auf dem Tisch, fuhr auf dem Absatz herum und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Menge.

»Man möchte fast meinen, Ihr kämt öfter hierher«, kicherte Alaru, nahm ihren Schnaps und hielt ihn zum Anstoßen in die Höhe. Natürlich ließ auch Haeverflox sich nicht lumpen und griff nach seinem Becher. Bevor die beiden Trinkgefäße jedoch zusammentreffen konnten, zuckte er zurück und hob Einhalt gebietend die Hand, wonach er andächtig mit der Maske in der Luft herumwedelte.

»Zuerst die Pflicht, meine Liebe. Wir wollen doch nicht riskieren, dass man uns des Hauses verweist.«

Flinken Fingers streifte er sich das dünn gepolsterte Stück Stoff über das Gesicht und band die seitlich daran befestigten Lederbändchen am Hinterkopf zusammen, was die Feuerstochter ihm sogleich nachtat. Ob des albernen Anblicks des jeweils anderen mussten beide unweigerlich lachen, lenkten ihre Aufmerksamkeit aber alsbald wieder auf den Cirdabeerenbrand. Jenen klaren, starken Schnaps der aus den namensgebenden, wildwachsenden Beeren gewonnen wurde, nach feiner Minze mit einem Hauch Apfel schmeckte und der vom Wirt beileibe nicht für jeden Gast herausgerückt wurde.

»Eins noch, bevor wir anfangen«, sagte der Altwächter, während er abermals die Finger um seinen Schnapsbecher legte. »Ich hab es mir zur Gewohnheit gemacht, bei allen, mit denen ich trinke, diese lästigen Formalien fallen zu lassen. Einerseits, weil ich sowieso nur dann mit jemandem gemeinsam meinen Krug hebe, wenn ich ihn leiden kann, und andererseits ... säuft es sich so wesentlich hemmungsloser.«

Bei den letzten sechs Worten umspielte ein keckes Grinsen seine Mundwinkel, das deren Bedeutung als Scherz enttarnte. Alaru für ihren Teil konnte nicht anders, als es zu erwidern, woraufhin sie neuerlich ihren Becher hob.

»Dagegen habe ich nicht das Mindeste einzuwenden, mein Freund«, erwiderte sie feierlich.

»Wo du es gerade erwähnst, Liebes ...« Haeverflox’ Grinsen wurde noch etwas breiter, als sie miteinander anstießen. »Freunde nennen mich Flox.«

Gutgelaunt nickten beide einander zu. Dann stürzten sie den Schnaps hinunter und knallten die Becher auf den Tisch, dass das Holz zitterte.

»Uh, das Zeug ist scharf«, befand Alaru schaudernd, wobei sie sich mit der Hand Luft zu fächerte und demonstrativ den Kopf schüttelte.

»Wenn du Gefahr läufst, dich spontan selbst zu entzünden, sei so gut und warn mich vor, ja?«, lachte das Hassenichgesehn. »Ich hänge nämlich sehr an meinem Fell, musst du wissen.«

»In deinem Mundwerk poltert eine ziemlich lose Zunge, Altwächter«, brummte die Feuerstochter, vermochte ihre gespielt beleidigte Miene allerdings nicht lange aufrecht zu erhalten. Das in ihrer Kehle kitzelnde Kichern war schlichtweg stärker als sie, sodass sie ihm schließlich freien Lauf ließ. Unterdessen konnte sie sich getrost die Mühe sparen, laut kundzutun, wie sehr ihr Haeverflox’ Art gefiel. Denn dank des Funkelns in seinen Augen sah sie, dass er es längst wusste.

»Auch wenn ich erst ein paar Stunden hier bin, scheint Vigiswalde eine Stadt nach meinem Geschmack zu sein«, erklärte sie, nachdem ihre Blicke eine Weile durch die Taverne gewandert waren und sie ausgiebig an ihrem Met genippt hatte. »Sag, Flox, kommst du oft hierher?«

»Normalerweise zweimal im Jahr«, antwortete er. »Dreimal, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, funktioniert aber in den meisten Fällen nicht. Manchmal hab ich den Eindruck, dass diese tausendfach verfluchten Dämonenviecher mir so viel Spaß nicht gönnen und oftmals absichtlich gerade dann besonders viel Druck auf unser Land ausüben, sobald ich auch nur an einen dritten Besuch denke

Er nahm einen großen Schluck aus seinem Krug (selbstredend handelte sich dabei längst nicht um den ersten) und betrachtete den verbliebenen Inhalt, durch welchen er den Boden des Tongefäßes deutlich erkennen konnte. Als hätte sie es geahnt, schlenderte just in diesem Moment eine Bedienung an ihrem Tisch vorbei, die sich in ein hellgraues, mit nachträglich kurzgeschorenem Wollochsenfell besetztes, hautenges Stück Stoff gehüllt hatte. In gewisser Weise erinnerte sie den Altwächter an eine halb gerupfte Aasratte, und er fragte sich, ob das Absicht war, oder ob ihr mit diesem Aufzug etwas gänzlich anderes im Sinn stand. Er beschloss, dass es ihn nicht kümmerte, schwenkte lediglich vielsagend seinen Humpen und hob zwei Finger. Die Bedienung nickte ihm lächelnd zu und zog ihrer Wege. Haeverflox erwiderte ihre Geste, wohlwissend, dass es nicht lange dauern würde, bis sie mit frischen Getränken zurückkehrte. Begleitet von diesem Gedanken setzte er den Krug an, um ihn zu leeren - es war eher weniger die feine Art, Nachschub zu verlangen und nicht ausgetrunken zu haben, wenn dieser den Tisch erreichte -, führte die Bewegung allerdings nicht mehr zu Ende.

Abrupt sowie ohne bewusstes Zutun versteifte sich seine Haltung, während er nun scharf gespitzten Ohres den Blick über das wogende Durcheinander kostümierter Gäste schweifen ließ. Zugleich verfluchte er im Stillen die geliehene Maske, welche seine Sicht weitaus mehr einschränkte, als ihm gefiel. Aber obwohl er sie am liebsten im hohen Bogen davongeschleudert hätte, verzichtete er darauf. Wenn er jetzt ein zu großes Aufhebens machte, würde er bloß allgemeine Panik auslösen, die in einer dermaßen gut besuchten Taverne wie dem „Lurch“ fatale Folgen hätte. Etwas, das er auf gar keinen Fall verantworten wollte, ihn jedoch gleichzeitig zu promptem Handeln zwang.

»Stimmt was nicht?«

Haeverflox wunderte sich kein bisschen über den besorgten Tonfall in der Stimme der Feuerstochter. Immerhin wusste er, dass man es ihm deutlich ansah, wenn seine Sinne in Alarmbereitschaft verfielen. Außerdem hatte er ohnehin nicht vorgehabt, ihr gegenüber aus dem letzten Gast, der den „Lurch“ betreten und des Altwächters Argwohn auf sich gezogen hatte, ein Geheimnis zu machen.

»Du musst was für mich erledigen, Liebes«, antwortete er leise, ohne sich vom Schankraum abzuwenden. Zwar konnte er von seinem Platz aus nicht viel mehr erkennen, als fremde Rücken, Bäuche und Beine, doch das machte keinen Unterschied. Der ihm in die Nase stechende Geruch reichte vollkommen aus, um den Grund seiner Besorgnis im Auge zu behalten. »Geh zum alten Tilzien. Du findest ihn hinter der Theke. Bring ihn irgendwie dazu, dass er den Keller aufschließt, aber pass auf, dass dabei keine Unruhe entsteht. Wir haben hier drin einen Jhurdji, und wenn das einer der Gäste merkt, dann können wir nur noch auf die Gnade der Ältesten hoffen.«

»Woher ...«

»Ich hab das Vieh gerochen«, unterbrach er sie schärfer als beabsichtigt. »Und jetzt tu mir den Gefallen und mach, was ich gesagt hab. Ich werde das Ding inzwischen zum Keller locken und erwarte eine offene Tür, wenn ich da ankomme.«

Sprachs, trank den letzten Schluck Met, sprang bar jedes weiteren Wortes auf und tauchte in der Menge unter.

 

Für den Bruchteil eines Herzschlages beherrschte Alaru das dringende Bedürfnis, dem Hassenichgesehn ein paar derbe Nettigkeiten hinterher zu rufen, denn eine derart ruppige Behandlung war sie nicht unbedingt gewohnt. Doch einen Atemzug später besann sie sich eines Besseren. Immerhin war sie eine Kriegerin und kein empfindliches Frauenzimmer, und abgesehen davon ging es hier um das Leben rechtschaffener Bürger Orcumorras. Zudem wurde ihr bewusst, dass Haeverflox einzig deren Wohl im Sinn gehabt hatte, als er sie gerade so harsch angegangen war. Daher blieb es im Grunde völlig egal, wie er mit ihr sprach, solange sie nur die Beine in die Hand nahm und ihre Pflicht tat. Schließlich hatten die Ältesten sie allein zu diesem einen Zweck geschaffen: Das Land mitsamt seiner Bewohner zu schützen - und das galt nicht nur für die Pflege eines uralten Siegels.

Im Gegensatz zu dem Altwächter würdigte die Feuerstochter ihren restlichen Honigwein keines Blickes mehr, sondern verließ nunmehr eilends ihren Platz und bahnte sich einen Weg in Richtung Theke. Dabei versuchte sie gleichzeitig Ausschau nach Haeverflox und etwas, dessen Gestalt der eines Jhurdji-Dämons entsprach, Ausschau zu halten; allerdings vergeblich.

Derweil erwies sich wenigstens ihre flüchtig erwachte Befürchtung, den Wirt wohl niemals zu erreichen, als unbegründet. Natürlich war es nicht ganz einfach, sich zwischen den überall herumwuselnden Gästen und Bedienungen hindurch zu schlängeln. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz schaffte sie es, einigermaßen zügig an ihr Ziel zu gelangen. Dort angekommen, stellte sie fest, dass vor Herrn Tilziens Schanktisch ein noch schlimmeres Gedränge herrschte, als im Rest der Taverne. Zu ihrem Glück bestand die hier versammelte Menge allerdings zum Großteil aus Männern, denen eine ziemlich gute Erziehung vergönnt gewesen war, sodass sich die letzten Schritte bis zum Tresen in ein reines Kinderspiel verwandelten. Bereitwillig räumten die Herrschaften Alaru den Weg, sobald sie ihre Anwesenheit bemerkten, während manch einem unaufmerksamen Zeitgenossen seine Nachlässigkeit durch einen aufmerksameren solchen mal mehr, mal weniger grob ausgetrieben wurde. Und so fand die Feuerstochter sich schließlich einem dürren Mann gegenüber wieder, der nur unmerklich größer war als sie und dessen schütteres schwarzes Haar seinen Kopf wie ein Schattenkranz umrahmte. Geschäftig polierte der Wirt mit einem schneeweißen Tuch frisch gespülte Becher und Krüge, was aber keineswegs hieß, dass er Alaru übersehen hätte. Fast schien es, als hätte er längst mit ihr gerechnet, dermaßen erwartungsvoll betrachtete er sie jetzt aus moosgrünen Augen. Dabei umspielte ein mildes Lächeln seine Lippen, das den sein Gesicht zierenden Altersfalten diverse Verrenkungen abverlangte.

»Womit kann ich dienen?«, fragte Tilzien, stellte den inzwischen blitzblanken Krug zur Seite und griff zum nächsten Becher - dies alles, ohne den Blick auch nur ansatzweise von der Feuerstochter zu lösen.

»Mit einem Moment Eurer Zeit«, antwortete sie. »Unter vier Augen.«

»Ha! Ihr seid mir goldig. Ich habe zu tun, Teuerste. Der „Lurch“ platzt aus allen Nähten, und wenn ich nicht will, dass meine Kundschaft vertrocknet, bleibe ich besser, wo ich bin. Außerdem habe ich keine Geheimnisse vor meinen Gästen.« Er bedachte Alaru mit einem Zwinkern und senkte verschwörerisch die Stimme. »Wenigstens keine, von denen sie wüssten.«

»Ich würde nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre«, blieb sie beharrlich. »Wirklich wichtig.«

»Hm«. Für wenige Sekunden hielt Tilzien inne und rieb sich mit der Hand den Hinterkopf. Dann polierte er ungeniert weiter. »Wenn diese Sache Euch tatsächlich so arg beschäftigt, frage ich mich, warum Ihr so lange um den heißen Brei herumtanzt.«

»Weil ich doch gerade eben sagte, dass wir das unter vier Augen bereden müssen. Dringend«, knurrte die Feuerstochter. Ihr Geduldsfaden begann sich bereits bedenklich zu spannen. Tatsächlich stand sie sogar kurz davor, den Wirt einfach beim Kragen zu packen und in eine stille Ecke zu zerren.

»Meiner treu, Herr Tilzien«, mischte sich einer der den Tresen belagernden Männer ein. Er war ausgesprochen beleibt und trug ein weites, gelbes Gewand, das über und über mit ebenso gelben Federn bedeckt war. Über den Kopf hatte er sich eine enge gelbe Kapuze gezogen, auf der die Nachbildung eines orangefarbenen Hahnenkamms prangte, welcher bei jeder Bewegung hin und her wackelte. So auch jetzt, als er seinen Becher ansetzte und ihn ruckartig leerte, ehe er fortfuhr: »Lasst dem Mädel doch ihren Willen. Ich kümmre mich solange um den Schanktisch, wenn’s recht ist.«

»Natürlich, Fromwold«, lachte der Wirt und hieb mit der flachen Hand vor sich auf die vom vielen Ausschenken und Spülen feuchte Holzplatte. »Damit Ihr Euch selbst bedient und nichts davon auf Eure Rechnung findet. So weit kommt es mir noch!«

»Hab zu helfen versucht, junge Dame«, wandte Fromwold sich schulterzuckend an Alaru. »Aber wenn der Herr Tilzien nicht will, dann will er nicht.«

Er zuckte ein zweites Mal mit den Schultern, nahm vom Wirt einen neuen Krug stark duftenden Bieres entgegen und verschwand. Unterdessen spürte die Feuerstochter, wie eine brodelnde Mischung aus Wut und Hektik in ihr hochzukochen begann. Damit einhergehend machten sich die langsam heißer werdenden goldfarbenen Ornamente auf ihrer Haut bemerkbar, deren stetig stärker werdendes Glühen sie wahrscheinlich alsbald verraten würde. Zumindest war sie wenig überzeugt davon, dass Meister Feldrens magische Tinktur sich dem ihr innewohnenden Feuer dauerhaft widersetzen könnte, sobald es erst einmal richtig in Wallung geraten war.

Nicht zuletzt um ihrer Tarnung willen klammerte Alaru sich krampfhaft an das bisschen Selbstbeherrschung, das sie noch besaß, und strengte statt ihrer Muskeln lieber ihren Kopf an. Es lag auf der Hand, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen bleiben würde, Tilzien zu einem Gespräch im Stillen zu bewegen, also musste sie die Sache anders angehen.

Während sie sich jetzt mit den Unterarmen auf den Tresen stützte, sich hochstemmte und weit genug vorbeugte, um einen hervorragenden Ausblick auf dessen andere Seite zu erhaschen, kam ihr die Frage in den Sinn, warum sie nicht gleich so vorgegangen war. Womöglich war sie nach all den Jahrhunderten des Nichtstuns schlichtweg eingerostet, was derlei Dinge betraf. Statt jedoch weitere Gedanken darauf zu verschwenden, winkte sie den Wirt heran. Selbiger reagierte prompt, sodass sie ihm ihr Anliegen schließlich ins Ohr flüstern konnte. Tilzien bekam große Augen, als sie redete, und kaum dass sie geendet hatte, legte er Lappen und Becher beiseite, rief nach einem seiner Mädchen und wies es an, den Ausschank zu übernehmen. Bereits wenige Augenblicke später standen sie vor der Kellertür, wo Alaru erleichtert das leise Klicken des aufspringenden Schlosses vernahm.

 

Unter dem Vorwand, dringend austreten zu müssen, schob Haeverflox sich so schnell es eben ging durch die brabbelnde, grölende Menge, wobei ihm der widerwärtige Gestank des Jhurdji immer heftiger in der Nase brannte. Der Spur nach zu deuten, streunte das verdammte Biest scheinbar ziellos zwischen den Gästen umher, der Altwächter allerdings wusste es besser.

Dämonen wie dieser suchten sich in der Regel irgendwelche finsteren Ecken, in denen sie so lange lauerten, bis eine lohnenswerte Beute des Weges kam. Oftmals hatte ein solch bedauernswertes Geschöpf bloß noch wenige Augenblicke zu leben. Aber selbst wenn ihm die Flucht gelang, war die Jagd noch lange nicht vorbei. Was ein Jhurdji einmal in den Pranken gehalten hatte, gab er erst dann wieder auf, wenn ihn kalter Stahl um sein Leben erleichterte.

Demnach musste jenes sich gerade im „Lurch“ herumtreibende Exemplar seine Beute längst auserkoren haben. Für Haeverflox freilich ein Grund mehr, sich zu sputen. Unter keinen Umständen wollte er dieser widerlichen Ausgeburt einer veralgten Seeschabracke noch länger die Gelegenheit geben, seine lange, mit einem scharfen Stachel versehene Zunge in die Brust eines Bürgers dieses Landes zu bohren und sich an ihm gütlich zu tun, bis von dem armen Tropf im wahrsten Sinne des Wortes nichts weiter übrig blieb als leere, verschrumpelte Haut.

Just in diesem Augenblick teilte sich die Menge und ein hochgewachsener, unglaublich fetter Mensch, dessen gesamte Aufmerksamkeit allein dem Krug Bier in seiner Hand galt, walzte einer gelb gefiederten Lawine gleich auf den Altwächter zu. Nur zwei Schritte vor ihm schlug der dicke Federmann einen Haken nach rechts, woraufhin Haeverflox sich einer breiten Gasse gegenüber wiederfand. Kurz bevor selbige abermals zu einem Potpourri aus herumwuselnden Leibern zusammenfloss, schob sich eine gebückte, in einen zerfledderten Kapuzenmantel gehüllte Gestalt in des Hassenichgesehns Blickfeld. Witternd neigte sie den Kopf zur Seite, und schon in der folgenden Sekunde heftete sie sich dem guten alten Fromwold an die Fersen, welcher die ihm folgende Gefahr nicht einmal ansatzweise bemerkte.

Haeverflox wiederum registrierte diese sehr wohl. Sofort fuhr er herum und begann, sich parallel zu dem Jhurdji zwischen den Gästen hindurch zu wühlen. Dabei spielte ihm der unablässig den Raum verpestende Gestank des Dämons ebenso in die Hände, wie die seltsame Duftnote des gelb Verkleideten. Denn obwohl er wieder einmal außer fremden Beinen, Bäuchen und Rücken kaum etwas anderes zu erkennen vermochte, führten die beiden Gerüche ihn schnurstracks ans Ziel.

Zuerst sah er bloß Fromwolds grelles Kostüm zwischen den übrigen Gästen hervorblitzen. Bereits wenige Herzschläge später konnte er ebenfalls die schmutzig braune Kutte des Dämons im Gedränge ausmachen, der sich seinem anvisierten Opfer ausgreifenden Schrittes näherte. Derweil übermannte den Altwächter für einen ihm schrecklich lang erscheinenden Moment der Eindruck, von der wogenden, soeben in einen verrückten Gemeinschaftstanz verfallenen bunten Schar jäh in die entgegengesetzte Richtung gedrängt zu werden. Gleiches stellte sich jedoch rasch als optische Täuschung heraus, denn mit einem Mal spuckte die tanzende Horde ihn förmlich dem jagenden Jhurdji in die Arme.

Polternd gingen Dämon und Altwächter zu Boden - auch hiervon sollte der kaum einen Meter vom Geschehen entfernte Fromwold niemals etwas erfahren - und schlitterten über helle Dielen, bei denen es jemand mit dem Bohnerwachs eindeutig zu gut gemeint hatte. Unsanft beendet wurde die Rutschpartie nach wenigen Metern durch die Holzvertäfelung einer nahen Wand, welche zu des Hassenichgesehns stillem Frohlocken in einer Entfernung von höchstens zwei Schritten durch einen Türbogen unterbrochen wurde.

Der zum Keller hinabführende Gang!

Viel günstiger hätte ihrer beider Ausflug auf dem Fußboden des „winkenden Lurchs“ beim besten Willen nicht enden können!

Hoffentlich hat Alaru den alten Tilzien dazu gebracht, die verdammte Tür aufzuschließen, schoss es Haeverflox durch den Kopf, während er sich hastig hochrappelte, herumwirbelte und dem ebenfalls gerade im Aufstehenden befindlichen Jhurdji auf den mageren Rücken sprang. Selbiger stieß ein scharfes Fauchen aus, als sich des Altwächters Krallen durch den Umhang hindurch in seine dünne, braun-grüne Haut bohrten. Er bäumte sich auf, fuchtelte wild mit den Armen und zerschnitt mit langen, in schwarzen, rissigen Nägeln endenden Fingern die Luft; seinen Widersacher vermochte er jedoch sämtlichen Bemühungen zum Trotz nicht zu erwischen. Haeverflox seinerseits hatte inzwischen die Krallen der rechten Hand in der Schulter des sich unter ihm windenden Jhurdji versenkt und schlug nun jene der linken in die neben ihm befindliche hölzerne Wandverkleidung. Dann warf er sich unter Aufbietung aller Kraft nach hinten, riss den Dämon mit sich und schleuderte ihn in Richtung Kellertreppe.

 

Ungeachtet des die Gaststube prägenden Lärms konnte die Feuerstochter das Fauchen des Jhurdji, das Knurren des Hassenichgesehns sowie deren gemeinschaftlich veranstaltetes Gepolter selbst von ihrer Position vor der Kellertür aus deutlich hören. Sie zog das geliehene Schwert - es war ein wenig schwerer und klobiger als ihr getreues Occludo -, legte die freie Hand auf den Türknauf und harrte der Dinge, welche alsbald zu passieren gedachten.

Ihre Geduldsprobe währte verschwindend kurz, denn sobald sie sich in Position gebracht hatte, flog bereits ein dunkles Etwas die Stufen herunter. Sofort stieß Alaru die Pforte zum Kellergewölbe auf und sprang gerade noch rechtzeitig aus dem Weg, um nicht von dem aus Hassenichgesehn und Jhurdji geformten Knäuel zu Boden geworfen zu werden. Letzteres rumpelte nun ungehindert an ihr vorüber, woraufhin auch Alaru in den Keller schlüpfte und hinter sich die Tür ins Schloss warf.

Schummriges, von zahlreichen an den Wänden befestigten Kerzen herrührendes Licht hüllte sie ein, als sie dem Dämon und dem Altwächter nachsetzte, und sämtliche der auf den Dochten brennenden Flämmchen neigten sich ihr wie zum Gruß entgegen, sobald sie diese passierte. Doch Alaru hatte für die Ehrfurcht der kleinen Feuer momentan kein Auge übrig. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig und allein zwei verbissen miteinander ringenden Widersachern, von denen einer eine wirre Mischung zischender und kieksender Laute von sich gab und der andere lauthals fluchte.

Haeverflox’ verbale, in der uralten Sprache seiner Sippschaft ausgestoßene Entgleisungen kamen nicht von ungefähr. Einerseits entsprangen sie dem Umstand, dass er mit den Krallen in der Kutte des Jhurdji hängengeblieben und statt zu Fuß mitsamt diesem die Treppe hinuntergestürzt war (die Prellungen, welche er sich dabei eingehandelt hatte, würden ihn zweifelsohne noch eine Weile beschäftigen). Der zweite Grund für seine unflätige Wortwahl lag in seiner derzeitigen Position begründet: Halb verheddert in dem stinkenden Kapuzenmantel, den der Dämon einschließlich seines blinden Passagiers abgeworfen hatte, und eingekeilt zwischen zwei Weinfässern lag er unter diesem tausendfach verfluchten Mistvieh und versuchte sich irgendwie gegen dessen wild nach seiner Brust schlagende Zunge zur Wehr zu setzen. Wieder und wieder packte er nach dem schleimigen, kränklich grünen Ding, das entfernt an einen überdimensionierten Rattenschwanz erinnerte und ihm jedes Mal aufs Neue unter den Krallen davonglitt, nur um erneut zum Zustechen auszuholen. Indes ertrug er gefasst den ihm aus dem weit aufsperrten Maul seines Gegenübers entgegenströmenden schalen Modergestank, der sich hinter all den widerwärtigen Gerüchen, die sämtliche der Dimensionen zu bieten hatten, keineswegs zu verstecken brauchte. Was die restliche Aussicht betraf, zeigte sich der Altwächter wenig beeindruckt. Zwar boten des Jhurdjis ameisenähnlicher Schädel, die in tiefen Höhlen liegenden, rot glimmenden Augen sowie das senkrecht in seiner Gesichtsmitte verlaufende, stumpfzahnige Maul alles andere als ein angenehmes Bild. Doch wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte - was nach über dreißig Jahren im Dienst des Wächterordens durchaus der Fall war -, nahm man die geballte Hässlichkeit der Kreaturen der Verdammnis nur noch am Rande wahr.

Gerade jetzt beschrieb das Erscheinungsbild der über ihm knienden Missgestalt für Haeverflox die wohl unwichtigste Sache der Welten. Viel zu sehr war er damit beschäftigt, das elende Vieh davon abzuhalten, ihn um einige Liter seiner wertvollen Lebensessenz zu erleichtern. Allerdings bekam er nach wie vor weder die verdammte Zunge dauerhaft zu fassen noch konnte er seine andere, zwischen dem Fußboden und einem Weinfass eingeklemmte Hand befreien, um an einen seiner rettenden Dolche zu gelangen. Gleiches galt für seine Füße, von denen der eine nach wie vor hoffnungslos in dem alten Stofffetzen festhing, während der andere dermaßen ungünstig unter einem Bein des Dämons steckte, dass ihm jede nennenswerte Möglichkeit, ihn zu bewegen, abhandengekommen war. Wenn er doch wenigstens endlich diese ekelhafte Zunge in die Krallen bekäme, dann ...

Was in jenem Fall geschehen wäre, erwies sich als belanglos, denn des Altwächters Bedrängnis sollte dermaßen abrupt verpuffen, dass er nicht einmal mehr Pangalaja hätte sagen könnena.

Obschon er glaubte, bereits seit Stunden mit dem Jhurdji zu ringen, hatte er sich tatsächlich nicht einmal eine volle Minute in dieser brenzligen Situation befunden, welche dank Alarus beherztem Eingreifen ein jähes Ende fand. Interessanterweise hatte Haeverflox ihr Heraneilen überhaupt nicht gehört, das leise Pfeifen durch die Luft schneidenden Stahls war jedoch in wunderbarer Klarheit zu ihm vorgedrungen, und schon beim nächsten Atemzug spürte er, wie seines Gegners Angriffe übergangslos erschlafften. Instinktiv wappnete er sich dafür, dass der soeben um seinen Kopf erleichterte Dämon nun über ihm zusammenbrechen würde. Umso mehr staunte er, als nichts dergleichen geschah. Stattdessen wurde der tote Körper von dem Hassenichgesehn fortgerissen, woraufhin Alarus besorgtes Gesicht aus dem Schummerlicht auftauchte.

»Alles in Ordnung, Flox?«

»Abgesehen davon, dass ich mich gerade vor einer der größten Kriegerinnen Orcumorras bis aufs Fell blamiert hab, geht es mir ganz hervorragend.«

Mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen reichte Alaru dem Altwächter die Hand und half ihm auf die Beine, woraufhin er sich verkniffenen Blickes den zerfledderten Mantel abstreifte.

»Niemand wird gerne unter einem Jhurdji begraben«, sagte sie, und ihr Lächeln verwandelte sich in ein schelmisches Grinsen. »Aber ich kann trotzdem nicht behaupten, dass du dir einen kompletten Fehlschlag zusprechen lassen musst. Immerhin hast du es geschafft, unter den Gästen eine Panik zu vermeiden. Und euer Flug die Treppe runter mit all deinem folgenden Gefluche, also das war eindeutig reif fürs Theater.«

»Mmmmmmmh«, brummte Haeverflox und legte missmutig die Ohren an. Gleichzeitig wandte er sich ab und warf einen Blick auf die Sauerei, welche das Ableben des Dämons hinterlassen hatte. Der abgetrennte Kopf thronte wie ein morbides Dekorationsstück auf einem der Weinfässer, zwischen denen der Altwächter noch vor wenigen Augenblicken fast das Opfer seines einstigen Besitzers geworden wäre. Der Rest vom Körper lag in zwei Metern Entfernung seltsam verrenkt am Boden, wobei unter ihm eine Pfütze klebrigen, gelblichen Blutes zusehends größer wurde. Der alte Tilzien würde deswegen wahrscheinlich ein fürchterliches Gezeter veranstalten, doch ehrlich gesagt war Haeverflox das vollkommen egal. Er konnte froh sein, heute nicht allein hier unten gekämpft zu haben. Anderenfalls ... Tja, auf Nimmerwiedersehen, du ach so tapferer Wächter.

»Alaru, ich ...«

Mehr als das brachte der Altwächter nicht heraus, hielt ihn doch ein leichter, zielsicher auf seinem Oberarm landender Hieb vom Weiterreden ab. Es geschah nicht oft, dass er sprachlos war. In diesem Fall allerdings fand er für ungewohnt viele Sekunden keine Worte mehr, sondern schaute reichlich irritiert hinauf in das höchst amüsierte Gesicht der Feuerstochter. Sie grinste noch immer, biss sich gleichzeitig auf die Unterlippe und erwiderte seinen Blick mit einem solch spitzbübischen Glitzern in den Augen, dass er das plötzlich seinen Hals hinaufkriechende Lachen nur mit Mühe zu unterdrücken vermochte.

»Du freches Früchtchen«, knurrte er übertrieben finster und versetzte ihr einen Schubs mit der Schulter, welchen sie mit ebenso gekonnt geschauspielertem Taumeln einschließlich eines empörten Ausrufs kommentierte - und selbstredend durch einen passenden Konterschlag. So kam es, wie es kommen musste: Binnen eines Wimpernschlags war zwischen Feuerstochter und Hassenichgesehn eine Kabbelei im Gange, die vor Albernheit nur so strotzte. Am Ende oblag es Alaru, dem ganzen Einhalt zu gebieten. Vor lauter Lachen völlig außer Atem sank sie um Gnade bettelnd gegen eine Wand und ließ sich daran zu Boden gleiten. Haeverflox seinerseits gewährte ihr die Erfüllung ihrer Bitte mit Vergnügen. Immerhin war er wenigstens genauso sehr aus der Puste, und zudem begannen die ersten dem Treppensturz geschuldeten Prellmarken sich schmerzhaft pochend bemerkbar zu machen. Trotz dessen ließ er sich nicht sofort neben Alaru nieder. Der Inhalt eines der vielen, leicht windschiefen und überall in dem Gewölbe verteilten Regale hatte seine Neugier geweckt, sodass er rasch dorthin tappte, um sich zu überzeugen, dass seine Sinne ihm keinen Streich spielten.

»Sieh mal einer ein«, schmunzelte er, pflückte eine der bauchigen Flaschen aus der sauber auf dem Brett aufgestellten Reihe und betrachtete sie mit unverhohlener Begeisterung.

»Was ist das?«

Grinsend drehte der Altwächter sich um und präsentierte Alaru seine Entdeckung.

»Cirdabeerenbrand«, verkündete er fröhlich. »Liebes, was meinst du? Den haben wir uns doch wohl verdient, oder nicht?«

»In der Tat«, kicherte sie. »Und wehe dem, der sich erdreistet, was anderes zu behaupten.«

 

Als Herr Tilzien weit nach Mitternacht endlich den Mut fand, sich in den Keller hinunter zu wagen, er dort Hassenichgesehn und Feuerstochter selig schlafend, noch immer mit ihren Masken auf den Nasen sowie einer leeren Flasche seines kostbaren Schnapses zwischen sich wiederfand, und nachdem er dann auch noch den erlegten Jhurdji entdeckte, da hegte er freilich denselben Gedanken.


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