Die ,,Bellestern"

Ein strahlend blauer Himmel, ein Schwarm Möwen, die kreischend ihre Kreise ziehen. Manche bleiben hoch oben in der Luft, andere gehen in den Tiefflug und gleiten mit respektablen Abstand über die Wasseroberfläche. Das Meer glitzert wie ein Juwelenmeer im Schein der Sonne. Eine Möwe fliegt über ein Schiff, welches im Hafen anliegt, und sucht mit ihrem Blick gierig nach etwas Fisch. Doch sie hat kein Glück, das Schiff hat zwar einige Güter an Bord, aber darunter scheint kein frischer Fisch zu sehen. Mit einem enttäuschten Schrei fliegt die Möwe zum nächsten Schiff und dabei dicht über die Köpfe von beschäftigten Seemännern, welche Schiffe beladen oder entladen. Etwas weiter tummeln sich noch mehr Menschen. Es sind Passagiere, die teils geduldig und müde und teils ungeduldig und genervt warten.  Die Möwe fliegt auch über ihre Köpfe hinweg und steuert auf das größte Schiff im Hafen zu.

Es ist ein wirklich großes Schiff, in goldenen Buchstaben steht auf ihm  ,,Bellestern” geschrieben. Neugierig umsegelt die Möwe den großen Mast und lässt sich schließlich bei diesem nieder um das weitere Geschehen zu beobachten. Ein Mann mit Kapitänsmütze erteilt seiner Crew Befehle und achtet darauf, dass alles glatt läuft, während er mit stolzer Haltung sein Schiff mustert. Er zieht eine Kettenuhr, eine schlichte aber robuste aus Metall und Holz, verziert mit einem Totenkopf. Wüsste man es nicht besser, würde man jetzt vermuten es mit einem Piraten zu tun zu haben. Doch Kapitän Moffat ist keiner mehr, in der Vergangenheit ja, aber nun gefiel ihm die Arbeit als tüchtiger Kapitän eines Handels- und Passagierschiffes wesentlich besser, die wilden Zeiten waren für ihn im weitesten Sinne vorbei. Mit einem flüchtigen Blick prüft er die Uhrzeit und steckt die Kettenuhr wieder weg. Dann sucht er mit seinem Blick nach seinem ersten nautischen Offizier, früher sein erster Maat, aber immer noch bester Freund. Doch er kann ihn soweit nicht finden. Verwundert geht er über das Deck. Wo konnte der Faulenzer nur stecken? Schließlich findet er ihn, allerdings ist er gerade gar nicht faul, im Gegenteil, er scheint mit dem leitenden Ingenieur Gatiss zu diskutieren.

»Gibt es ein Problem? Moers, wir sollten jetzt die Passagiere an Bord lassen und begrüßen.«, unterbricht er das Gespräch der Beiden.

»Keine Probleme, im Gegenteil, wir sollten prima durchkommen. Der Wind liegt günstig.«, antwortet Gatiss mit einem Nicken zum Kapitän.

»Gut.«, seufzt nun Moers und nickt zum Abschied Gatiss zu, dann dreht er sich weg und geht schon einige Schritte voraus.

Kapitän Moffat folgt ihm mit hinterm Rücken verschränkten Armen.

»Wie gesagt, wir sollten keine Probleme auf unserem Weg haben. Keine Unwetter Ankündigungen, dafür ruhiger Seegang und auch Nebel soll es keinen geben.«, Moers unterbricht kurz und wirft einen Blick auf die Passagierliste und fährt dann fort,  »Viele Gäste haben wir auch nicht, darunter scheint auch niemand Zwielichtiges zu sein. Zu dem ist die Fracht sicher verstaut und die Besatzung bei voller Gesundheit.«

Moers hebt nun seinen Kopf und schaut den Kapitän von der Seite an. Dieser nickt zufrieden, sein Blick ist auf das strahlend blaue Meer gerichtet. Vor dem Schiff tummelt sich nun eine überschaubare Menge an Leuten, die das große Schiff bestaunen. Kapitän Moffat winkt ein Besatzungsmitglied ran und gibt ihm das Zeichen, die Leute an Bord kommen zu lassen. Er und Moers stellen sich neben die Planke. Moers atmet einmal tief ein und wieder aus, dann straft er seine Haltung. Etwas belustigt lächelnd nimmt nun auch Moffat seine beste Haltung ein. Dann ruft er laut:

»Alle Mann, herkommen!«, sofort kommen alle Besatzungsmitglieder heran und stellen sich fein geordnet gegenüber von Moffat und Moers auf, zuletzt stellt sich Gatiss neben Moers. Dann kommen auch schon die ersten Passagiere die Planke hoch und Kapitän Moffat beginnt jeden freundlich zu begrüßen. Nach einigen Minuten kommt der letzte Passagiere die Planke hochgelaufen, gerade als der Kapitän die Aufreihung aufheben und die Segel setzen lassen wollte. Moers betrachtet den Spätling etwas misstrauisch. Moffat zückt seine Kettenuhr.

»Knapp. Sie sollten sich merken immer pünktlich an Bord zu sein.«, tadelt er erst, doch dann lächelt er freundlich, »Dennoch, sie haben es ja noch geschafft. Willkommen auf der ,,Bellestern” und sie sind?«

Etwas außer Atem vom Rennen, hebt der Gegenüber seinen Kopf und blickt ihm geradewegs mit mysteriös grünen Augen an und Moffat bemerkt einen freudigen Funken Abenteuerlust in diesen.

»Verzeihen sie bitte die Verspätung, es kommt nicht wieder vor. Mein Name ist Luan T. Nexi, ich bin auf dem Weg nach Belletristica.«, dabei streicht Luan sich eine verirrte Locke aus dem Gesicht.

Moers prüft die Liste und nickt schließlich.

»Luan T. Nexi, gebucht haben sie die Fahrt nach Belletristica. Ihr Zimmer hat die Nummer 13.«, Moers wirft einen Blick hinter Luan. »Ist das Alles an Gepäck?«, fragt er und deutet auf den blauen, im Retro Stil gehaltenen Reiserucksack.

»Durchaus Sir. Im Rucksack befinden sich meine liebsten Stücke, mehr brauche ich nicht.«,entgegnet Luan mit einem strahlenden Lächeln.

Moffat weiß nicht wieso aber Luan ist ihm sofort sympathisch, vermutlich lag es an dieser noch unverbrauchten, jugendlichen Energie.

»Dann hoffe ich doch sehr, dass sie ihre Fahrt mit uns genießen werden. Was haben sie denn auf Belletristica vor? Etwas Urlaub, ganz alleine, Miss...Mister Nexi?«, fragt Moffat und gibt seinen beiden Offizieren das Zeichen zum Aufbruch. Die Planke wird sofort von einem Besatzungsmitglied entfernt und der Anker eingeholt. Moffat geht einige Schritte und bedeutet Luan zu folgen.

»Oh ich bin mir sicher, dass ich es genießen werde, die ,,Bellestern” ist ein schönes Schiff und es ist ja tolles Wetter. Und nein, ich will keine Ferien machen. Ich will auf Belletristica als Bellologe anfangen. Und ob sie mich als Miss oder Mister bezeichnen ist mir egal, es wäre mir nur lieber, wenn sie mich duzen würden.«, antwortet Luan und folgt dem Kapitän zügig.

»Gut, dann werde ich… Mich einfach auf Miss Luan festlegen, falls es recht ist.« Luan nickt nur als Antwort, während sie neugierig das Schiff bestaunt und die Tätigkeiten der Besatzung verfolgt.

»Aber wie kommt es, dass jemand noch so jung, als Bellologe anfangen will? Viele suchen sich erstmal einen Ort zum studieren oder einen Beruf, bevor sie als Bellologe anfangen. Oder verschätze ich mich jetzt bei deinem Alter?«

Luan lacht kurz und wendet dann ihren Blick dem Kapitän zu.

»Also ich denke nicht, dass sie sich irren. Ich bin 17 Jahre alt, seit neustem. Aber dennoch ich habe schon zuvor gearbeitet. Meinen Abschluss habe ich einfach früh gemacht und dann als Barkeeper Drinks in einem Restaurant gemischt. So habe ich etwas Geld angespart, damit ich jetzt als Bellologe durchstarten kann. Naja, manchmal habe ich mich auch in die Vorlesungen zu Archäologie, Biologie und Geologie geschlichen, in der örtlichen Universität. Auch wenn mein größter Traum der vom Autor werden ist, so will ich eben als Bellologe anfangen in Belletristica zu lernen.«, erzählt Luan und läuft dann einige Schritte voraus.

Als sie an der Reling des Bugs ankommt, bleibt sie stehen und genießt die frische Brise im Haar. Moffat folgt ihr gemütlich, stellt sich dann neben sie und genießt ebenfalls den Wind. Da kommt Moers heran.

»Kapitän, wir sind bereit die Segel zu setzen, Wir warten nur noch auf sie und ihren Befehl.«

Moffat verabschiedet sich seufzend von Luan und geht mit Moers. Nach nur wenigen Minuten spürt Luan wie sich das Schiff erst langsam, aber dann zügig in Gang setzt. Für einen Moment schaut sie noch kurz nach hinten und lehnt sich dabei über die seitliche Reling. Eine Möwe fliegt kreischend davon, erst knapp über Luans Kopf hinweg und dann zurück zum Land.

»Uff, fast eine Kamikaze-Möwe.«, seufzt Luan und schaut mit hochgezogener Augenbraue jener beinahe Kamikaze-Möwe hinterher.

Dann widmet sie sich wieder dem weiten Horizont, welchem sie nun endlich entgegen fährt. Zufrieden setzt sie sich hin und fängt an in ihrem Rucksack zu kramen. Schließlich findet sie, wonach sie sucht. Luan zieht ein azurblaues, mit goldenen Schnörkeln verziertes Notizbuch hervor. Eine kleine Schnalle hält es zu und ein Stück vom roten Lesezeichen ragt raus. Sie hatte es sich zu ehren ihrer Reise gekauft und es soll überwiegend als Ideenbuch funktionieren. 

Als nächstes holt sie, nach erneutem Kramen, eine kleine, längliche Box aus dunklem Holz hervor. In dieser befinden sich zwei schwarze Kalligraphie Stifte, beide haben ein dickes und ein dünnes Ende. Zwar hat Luan nur wenig Ahnung von Kalligraphie, aber die Stifte haben sich als am handlich bequemsten herausgestellt. Sie löst die Schnalle und öffnet fast schon ehrfürchtig das kleine Buch. 

Zweihundertvierzig Seiten, die nur so darauf warten endlich beschrieben und mit Ideen und Entdeckungen gefüllt zu werden. Geistesblitze, Tagtraumideen, Schnapsideen, spontane Einfälle, Eingebungen, kunstvolle Ideen, wilde Ideen, traurige Ideen und schließlich DIE Ideen, jene die genial und voller Potenzial sind und noch ganz selten dazu.

Vertieft in ihren Gedanken verbringt Luan die ersten Stunden, damit einfach vorne am Schiff zu sitzen, den blauen Himmel zu betrachten und von ihrem kommenden Abenteuer zu träumen. Tatsächlich schafft sie es aber nicht auch nur eine einzige Idee aufzuschreiben, lediglich die erste Seite beschrieb und verzierte sie und die dient nur um klarzustellen wem das kleine Buch gehört. 

Nach knapp vier Stunden wird es zu unbequem und sie verstaut Buch und Stifte wieder im Rucksack. Mit dem Rucksack wieder auf dem Rücken sucht sie zunächst ihr Zimmer. Als sie schließlich die Nummer 13 findet, schmeißt sie vorsichtig ihren Rucksack auf das kleine Bett, schenkt dem Zimmer ansich nur einen flüchtigen Blick und verschwindet sofort wieder auf eine Erkundungstour. Immerhin hat sie das ganze große Schiff noch gar nicht richtig angeschaut. Doch bei der Erkundungstour bekommt das Schiff weniger Aufmerksamkeit, als die Besatzungsmitglieder und ihre Tätigkeiten. Oft unauffällig in einem Schatten stehend, beobachtet Luan jeden Handgriff und jeden Befehl und schnappt dabei mit spitzen Ohren jedes unbekannte Wort auf. Damit schlägt sie immerhin weitere fünf Stunden der Fahrt tot. 

Ganz unbemerkt bleibt Luans aufmerksame Haltung natürlich nicht. Schließlich sieht Kapitän Moffat, wie Luan alles aufmerksam studiert und lädt sie ein mit auf die Brücke zu kommen. Das Schiff ist zwar von außen altmodisch, aber aus sehr robustem Holz und die Innenausstattung modern, es ist ein interessanter Mix aus altem Segelschiff und moderner Passagierfähre.

Zuerst ist Moers nicht sehr begeistert, dass Luan auf der Brücke ist. Doch nach einer Weile befindet er sich ein einem ausführlichen Vortrag in dem er Luan das ganze Grundprinzip der Nautik erklärt. Sie findet es schließlich so interessant, dass sie ein schwarzes, modernes Notizbuch aus ihrem Zimmer holengeht um sich alles zu notieren. 

Während Luan geht um das Notizbuch zu holen, muss Moers sich von der grinsenden Crew auf der Brücke anhören, dass er doch keinen Grund hatte ihr gegenüber misstrauisch zu sein und einige Fachbegriffe besser erklären sollte. Zurück auf der Brücke mit ihrem Notizbuch und Gatiss im Schlepptau, welcher einen Lagebericht abgibt und sogleich wieder verschwindet, führt Moers seinen Vortrag über die Nautik fort. Nur ab und zu unterbricht jemand, um schnell einen Fachbegriff zu erläutern, ganz zu Luans Erleichterung.

So vergehen die nächsten zwei Stunden, nach Luans Geschmack, viel zu schnell. Die Nacht bricht herein und Moers hat seinen Vortrag beendet. Alle beobachten still die im Horizont versinkende Sonne. Kaum ist sie ganz verschwunden scheuchen drei Crewmitglieder Luan von der Brücke und in den Essenssaal. 

Beim Anblick des herrlich angerichteten Buffets meldet sich ihr Magen, der seit dem frühen Morgen nichts mehr gekriegt hatte. Zu Luans Freude muss sie also das Abendbrot nicht alleine verbringen, sondern hört sich gespannt und lachend die Geschichten der drei an. Sie berichten von ihren ersten Fahrten, von Stürmen denen sie einst trotzen, von tollen Inseln, von sonderlichen Gestalten und von ihrer tollen Zeit an Bord der ,,Bellestern”. Erst als die anderen Gäste schon längst den Essenssaal verlassen haben, gehen die drei wieder zur Brücke und Luan müde in ihre Kabine.

Viel zu quälend kommt ihr das Zähne putzen und Klamotten wechseln vor, aber dafür umso weicher ihr kleines Bett. Aber sie schläft nicht sofort. Mit einer Taschenlampe bewaffnet liest sie sich erst nochmal ihre Notizen zur Nautik durch. Danach verstaut sie das Notizbuch im blauen Rucksack und fischt vom Bett aus, über die Kante, nach einem anderen Buch. Nach einem Grummeln, hievt sie den Rucksack auf das Bett und sucht, fast mit dem Kopf drinsteckend, weiter. Endlich findet sie das dritte Buch. Es ist ein schon voll beschriebenes Buch mit gedruckten Wörtern. Es geht um Belletristica, genauer gesagt den Lebewesen Belletristicas.

»,,Systema Natura Belletristica”, geschrieben von Felix H.«, murmelt sie und schlägt es auf, wo sie zuletzt aufgehört hatte. Doch bevor sie anfängt in Kapitel 8 über Wesen genannt Schattenfeen zu lesen, lässt sie ihren Rucksack wieder auf den Boden neben dem Bett gleiten. Dann rutscht sie noch etwas tiefer unter ihre Decke und fängt an leise vor sich hin zu murmeln und ihre Augen huschen schnell von einem Wort zum nächsten.

Ganz vertieft bemerkt Luan die dunklen Wolken nicht, die langsam die sternenklare Nacht verjagen und der Wellengang etwas unruhig wird. Keiner auf dem Schiff bemerkt den heftigen Sturm der vom Horizont aus gefählich auf die ,,Bellestern” zu rollt.


Comments

  • Author Portrait

    Oh mein Flauschbär! Ich freue mich endlich Zeit gefunden zu haben deinen Text zu lesen und freue mich riesig auf die nächsten Kapitel. Weiter so. :D

  • Author Portrait

    Coole Idee & Geschichte... bleibt Luan "sie"?

  • Author Portrait

    Eine Geschichte über Belletristica, wie schön! :D

  • Author Portrait

    Verdammt noch eins... wirkt ja schon jetzt ziemlich komplex! ^^ Bin mal gespannt wo es hingehen wird. Die Idee sich selbst mit reinzubringen fand ich interessant, das muss ich mir merken ;) An sich hast du einen guten, flüssigen Schreibstil, vom Inhalt her führst du in eine Welt ein... Bevor ich mehr sagen kann, muss ich die nächsten Kapitel abwarten :)

  • Author Portrait

    Oh, da bin ich ja mal gespannt! :-)

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media