Katrin nervte mich schon seit geraumer Zeit damit, dass wir eine Bergwanderung unternehmen sollten. Ehrlich gesagt mag ich Berge nicht sonderlich, lieber liege ich am Strand und lasse mich wie Speck brutzlig braun braten. Aber wie es so ist, bekommt Frau, mit ihren Methoden, ihren Willen. Jedenfalls brachte mich mein Schatz dazu unseren nächsten Winterurlaub nicht an der karibischen Atlantikküste, sondern im norwegischen Bergmassiv zu verbringen. Zwar waren die Wälder und der gut einen Meterhohe Schnee sehr ansehnlich, aber mir wären 30 °C Lufttemperatur, ohne ein Minuszeichen, deutlich lieber gewesen. Dementsprechend missmutig verbrachte ich die ersten Tage in unserer Pension, während Katrin allein durch die Ortschaft Roros pilgerte. Ein abgelegenes Kaff in einer Talsenke umringt von meterhohen Bergen. Am dritten Tag unseres Urlaubs stellte mir Katrin Olsen vor. Olsen war der klassische Nordmann: Blond, blaue Augen, groß und insgesamt gut aussehend. Dass sie für den wortkargen, aber deutschkundigen, Biathleten Sympathie empfand, war kaum zu übersehen, andersherum schien es nicht weniger Sympathie zu geben. Als Olsen meiner Katrin, zwei Tage später, vorschlug den höchsten der Berge zu besteigen, um ihr die Aussicht auf Roros zu zeigen, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, mich anzugliedern. Der Aufstieg war mühselig, doch ich hatte erkannte, dass Katrins Herz mit dieser Wanderung an einen von uns beiden vergeben werden würde. Ich wollte sie unter keinen Umständen verlieren!

Roros war aus der Bergperspektive ein malerischer Anblick und doch konnte ich die kleinen Häuser und die Marktkirche mit ihren Puderzuckerdächern nicht ganz genießen, wie leicht wäre es gewesen Olsen verschwinden zu lassen, doch das hätte Katrin zur Komplizin gemacht...

Einem Impuls folgend, wollte ich Katrin beweisen, dass ich agiler und fitter, als der sportliche Olsen war. Eine Felsspalte erschien mir geeignet zu sein, mein Weitsprungtalent zu präsentieren. Noch warnte mich Olsen, dass es leichtsinnig wäre über die Spalte zu springen, schon stürzte ich hinab...

Nach kurzem Fall, landete ich Schmerzhaft auf einem Felsvorsprung, was in einem Gebrüll meinerseits endete. Mein rechtes Bein hatte ich mir gebrochen und konnte so ganz sicher nicht aus der Spalte klettern. Damit war es mein Schicksal von Olsen gerettet zu werden, was für mich wohl schlimmer als ein tödlicher Sturz gewesen ist. Es dauerte eine Stunde bis ich wieder auf Augenhöhe zu Katrin stand und mich für mein unreifes Verhalten entschuldigen musste. Während meiner Rettung hatte ich ein ohrenbetäubendes Grollen und betretendes Schweigen meiner Gefährten erleben müssen, nun verstand ich, was geschehen war: Roros, der kleine Ort im Tal, war unter einer gewaltigen Lawine begraben. Die kleinen Häuser, selbst der Kirchtum, waren unter einer weißen Decke vollends begraben. Zu allem Überfluss kündigte sich nach Olsens Beobachtung ein Schneesturm an. Nur mit Mühe und einer Portion Glück erreichten wir die Baracke, ehe der Sturm uns in ein eisiges Grab gezogen hätte.

An unserem ersten Abend in der Hütte versuchten wir uns gegenseitig klar zu werden, was an diesem Tag geschehen war. Mein Schmerz machte mich noch dünnheutiger und es dauerte nicht lange, da griff ich Olsen verbal an, was für eine geniale Idee doch dieser Ausflug gewesen sei. Olsen entgegnete mir ruhig, dass ich mich nicht beschweren sollte, schließlich sei ich mit meiner Freundin noch am Leben geblieben. Seine komplette Familie und all seine Freunde seien an diesem Tag gestorben, wären wir nicht auf die Bergtour gegangen, so wären wir ebenfalls mit ihnen unter den Schneemaßen begraben worden. Das Katrin ihm betreten zustimmte, führte bei mir zu akutem Missmut und trotzigem Schweigen. An diesem Abend wurde ich im einzigen Bett einquartiert, da ich die hilfsbedürftigste Person sei, im Normalfall hätte ich dagegen protestiert, doch mir war jede Kraft verloren gegangen. Das schmerzende Bein hinderte mich daran morgens aufzustehen und so verblieb ich Tag um Tag; Nacht um Nacht bettledrig.

Der Schneesturm endete erst am fünften Tag unserer Berggefangenschaft, Olsen nutzte die Gelegenheit um Hinweise anzubringen, die unsere Entdeckung ermöglichen sollten. Ein Hoffnungsschimmer keimte in uns auf, doch mit stetiger Abnahme des Proviants verschwand das kleine Flämmchen so schnell, wie es gekommen war. Katrin besuchte mich anfangs drei Mal täglich über mehrere Stunden, gab mir zu essen und Schmerzmittel. Berichtete mir was Olsen und sie machten und ich hörte meist stumm zu. Sie wusste nicht, dass durch den Schmerz und meine Bewegungsunfähigkeit mein Gehör sich in der kurzen Zeit von einer Woche erheblich verbessert hatte. Jedes Wort, was die beiden im gegenüberliegenden Zimmer sprachen, selbst Katrins ruhigen Atem hörte ich durch die dünne Holzwand, welches uns trennte. Davon, dass sie täglich weinte, sprach sie nie. Sie erwähnte nicht mit einem Wort wie sehr ihr mein Unfall Kummer bereitete oder wie sehr sie Angst hatte in diesem Berggrab zu sterben. All ihr Leid verschwieg sie mir und ich spielte mit. Unser Vorrat an Schmerzmittel war am neunten Tag der Gefangenschaft endgültig aufgebraucht gewesen und schon davor hatte die rationierte Dosierung keine besondere Wirkung bei mir gezeigt. Ich spielte mehr eine Linderung um Katrins Willen, als das sie wirklich eintrat. Sie freute sich darüber, besser gesagt sie spielte Freude, denn an den Abenden hörte ich sie mit Olsen über mein Laienspiel berichten. Am zwölften Tag war unser streng rationiertes Essen auch aufgebraucht und die Verzweiflung dem Tode nah zu sein mehrte sich stündlich. Ich hatte schon seit dem zehnten Tag auf jegliches Essen verzichtet, weil die Schmerzen mir allen Appetit und Hunger genommen hatten. Zudem war das einzige was für mich galt, Katrins Wohlbefinden, was auch immer das für mich bedeuten mochte...

Zwei Wochen saßen wir schon auf dem Bergkamm fest, eine Rettung war nicht in Sicht. Ob überhaupt jemand bereits das Verschwinden von Roros bemerkt hatte? Oder war die Talstadt aus dem Gedächtnis der Welt verschwunden? Irgendwann würde es jemandem auffallen, nur wann war das genau? Würde jemand merken, dass Katrin und ich noch keine Postkarten geschrieben haben? Oder würden alle denken, wir würden unseren dreiwöchigen Urlaub noch immer genießen? Langsam begriff ich wie ausweglos unsere Situation sich gestaltete. Zwei Wochen waren schon vergangen, die täglichen Besuche von Katrin waren kürzer und weniger geworden, die Tuscheleien mit Olsen ausgiebiger und mehr. Manchmal schaute sie nachts herein in der Vorstellung ich würde schlafen. Wenn ich auf ihre nächtlichen Besuche reagierte, verließ sie mit einer Floskel schnell den Raum. Tat ich so als ob ich schliefe, betrachte sie mich ausgiebig musternd. Was sie wohl dachte, wenn sie mich sah? Den Freund aus der Schule, ihren Verlobten? Gar Geliebten? Einen Verletzten? Oder doch, etwas ganz anderes?

Ab und an meinte ich in der Ferne Hubschrauber zu hören, doch schienen sie alle viel zu weit weg zu sein um unser Refugium zu entdecken. Immer wieder malte ich mir aus, wie Katrin und ich der Eishöhle entkommen würden und uns in der karibischen Sonne aalten. Nur um am Ende dieser Träume festzustellen, dass die Rettung noch immer nicht erschienen war.

In der sechzehnten Nacht kam mich Katrin wieder besuchen. Wortlos betrat sie den Raum - Ich stellte mich wieder schlafend. Gestern Abend hatte sie wieder mit Olsen getuschelt...

Ob sie mir, von dem was sie sprachen, berichten würde? Wohl kaum: 

Sie werden mich essen.

 

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