Die Bibliothek des Götterdoms

„Du glaubst tatsächlich, dass wie hier auf Antworten stoßen?“, fragte Keeda skeptisch und blickte sich in den endlosen Bücherreihen um. Nachdem sie gemeinsam beschlossen hatten, die Wahrheit hinter Neverembers Vergangenheit, dem Krieg und dem Tod des Königs herauszufinden, waren sie gleich am nächsten Morgen auf der Suche nach Antworten aufgebrochen. Jeder von ihnen hatte allerdings eine andere Idee, wo diese zu finden seien, doch da Harbek von ihnen derjenige war, der an ihrem Vorhaben den meisten Zweifel hatte, wurde beschlossen seiner Idee als Erste nachzugehen.
„Selbstverständlich. Wenn es einen Ort gibt, an dem die Vergangenheit noch immer am Leben erhalten wird, dann in der Bibliothek des Götterdoms. Hier finden wir die Aufzeichnungen zahlloser Jahre, aus zahllosen Kulturen und Religionen“, antwortete Harbek pikiert und strich im Vorbeigehen über die in Leder gebunden Buchrücken.

Er führte sie durch die schachbrettartig aufgestellten Bücherreihen, in die Mitte der Bibliothek, wo sich auch das Zentrum des gewaltigen, steinernen Kuppeldachs über ihnen befand. Der Boden war mit von Hand verlegten Mosaiken geschmückt, die verschiedene Göttersymbolen zeigten, die weißen Säulen waren von Blumenfresken verziert und die Brüstungen der verschiedenen Stockwerke, die hier, durch kreisrunde Öffnungen übereinander lagen, waren geschmückt mit Bannern, Talismanen und Inschriften.

Harbek blieb an einem der Studientische stehen, an denen selbst zu dieser frühen Stunde, Männer und Frauen in Roben stillschweigend und tief gebeugt über Schriftrollen und Papieren saßen.

„Ich schätze, das Problem wird eher sein, sie die Richtigen zu finden. Hier müssen tausende von Büchern stehen, unmöglich sie alle zu lesen, oder auch nur einen Bruchteil von ihnen“, warf Alice ein und sah sich leicht überfordert um.

„Außerdem werden wir wohl kein Buch mit der Aufschrift Die Wahrheit hinter Neverembers Absichten und dem Tod des Königs finden, mit dem Anhang Wie man Valindra besiegt!“, ergänzte Keeda zynisch und lehnte sich an den massiven Tisch.

„Ihr Kleingläubigen“, brummte Harbek genervt, „Wir müssen uns schlicht aufteilen. Sucht nach allem was im Entferntesten mit unseren Fragen zu tun hat. Bücher über die adligen Stammbäume, Beschreibungen, die Geschichte Neverwinters, möglichst neue Auflagen, oder meinetwegen auch über das Böse. Ganz gleich. Sucht einfach, wenn die Götter es wollen, werden wir findig werden.“

Alice sah ihn zweifeln an, blickte sich jedoch suchend um, während Keeda die Augen verdrehte. Doch letztlich verschwand auch sie zwischen den schattigen Regalen.


                                                   ***Alice***


In der Bibliothek, geschützt unter der Steinkuppel, die die wärmenden Strahlen der Sonne fern hielt, bemerkte man nicht wie diese immer höher stieg und die Zeit verging. Es blieb kühl und dämmrig zwischen den Bücherreihen, auch wenn sich mit Fortschreiten des Tages immer mehr Menschen zwischen Regalen umher trieben.

Alice seufzte tief, und zog einen mit Büchern beladenen Handkarren hinter sich her, den sie gefunden hatte. Suchend fuhr sie mit den Fingerspitzen die, meist in Gold, eingeprägten Titel auf den Buchrücken nach, in der Hoffnung auf irgendetwas nützliches zu stoßen. Die Bände, die sich in ihrem Karren befanden, hatte sie bereits überflogen, doch der Weg zurück, zu ihrem richtigen Platz war ihr zu weit, also zog sie sie weiter mit sich durch die dämmrigen Reihen.

Wenn es doch nur so einfach wäre, wie Keeda gescherzt hatte, dachte sie frustriert. Bisher hatte sie jedes Buch über die königliche Familie überflogen, dass sie in die Finger bekam, doch immer wieder fand sie nur die gleiche Erklärung: Der König sei an den Strapazen des aufkommenden Krieges zerbrochen, die Last wäre zu schwer geworden und er sei durch ein allzu bekümmertes Herz gestorben.

„Lächerlich“, schnaubte Alice und marschierte weiter durch die Regale. Sie hielt kurz inne, als sie die Worte Die Geschichte hinter der Krone erblickte, doch als sie den staubigen Wälzer hervorzog und die erste Seite durchlas, erkannte sie, dass es sich lediglich über die Biographie eines in Größenwahn verfallenen Königs handelte. Nichts über Neverember, den letzten König, oder auch nur über den Fluch.

Sie wollte das Buch schon wieder zurück stellen, als sie jedoch zögerte und die nächste Seite las. In die Wörter vertieft ging sie den Gang entlang.


Ein Aufkeuchen riss sie aus den Gedanken und noch bevor sie stehen bleiben konnte prallte sie schon mit einer Gestalt zusammen. Reflexartig fuhren ihre Finger zu ihrem Gürtel, doch beim betreten der Bibliothek hatte sie ihre Waffen abgeben müssen.

Fluchend rappelte sie sich auf und ging in Abwehrstellung, doch der Mann, der vor ihr noch immer auf dem Boden lag, starrte sie ängstlich, doch voller Faszination an. Augenblicklich entspannten sich ihre Muskeln und ein entschuldigendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

Diesen Blick kannte sie. Jeder betrachtete sie so seit ihrem Kampf auf der Brücke und im Blacklake-Viertel. Die Geschichten über sie und ihre Freunde wurden noch immer leidenschaftlich in allen Tavernen erzählt und dass der Mensch Angst hatte, konnte man ihm nicht verübeln. Laut den Erzählungen war sie eine Art Kriegsgöttin und ihre Reaktion bei dem Zusammenprall trug nicht dazu bei dies zu widerlegen.

„Verzeihung“, schmunzelte sie, als der junge Mann noch immer keine Anstalten machte sich zu bewegen, „Ich war in meine Gedanken vertieft.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er mit offenem Mund ergriff, mit einem Ruck zog sie ihn wieder auf die Beine.

Noch immer starrte er sie sprachlos und mit weit aufgerissenen Augen an. Alice zog amüsiert eine Braue nach oben und ließ seine Hand los.

„In Ordnung“, fügte sie gedehnt hinzu und trat einen Schritt zurück, „Wie gesagt, es tut mir Leid. Machs gut.“ Sie ergriff wieder den Griff ihres Karren und wollte sich an ihm vorbei schieben, doch er rief ihr mit rauer Stimme nach.

„W-Wartet! Ihr Buch“, er bückte sich und hob Die Geschichte hinter der Krone auf. Mit zitternden Händen streckte er es ihr entgegen und Alice lachte auf, sie hatte den Schund schon wieder vergessen.

Der Mann, er war kaum älter als sie, auch wenn er bei näherem Betrachten eher wie ein kleiner Junge wirkte, steckte ihr das Buch noch immer entgegen, warf nun jedoch einen Blick auf den Titel.

„Danke, fast hätte ich den Unsinn vergessen“, lachte Alice und nahm es entgegen.

„D-Der Unsinn?“, stotterte der Junge und wurde rot als sie ihn fragend anlächelte. Scheint als würde er nicht nur mein Kampfgeschick bewundern, stellte sie amüsiert fest und hob fragend eine Braue.

„D-Das ist die erste A-Abschrift der Memoiren von König Brectan, dem Vereiniger“, stammelte er weiter und wurde bei Alice Blick noch röter, „Es erzählt wie er die ersten Elfenkriege beendet hat.“

„So? Auf mich wirkt es wie das Manifest eines Größenwahnsinnigen, der sich in einem Buch verewigt sehen möchte. Allein die ersten Seiten zeigen für wie wertvoll er sich selbst hielt“, erwiderte Alice und sah zweifelnd auf das Buch in ihren Händen.

„A-An sei-seinen Taten ändert das jedoch n-nichts.“

Alice legte den Kopf schräg und betrachtete ihr Gegenüber genauer. Er war groß, spindeldürr und biss sich verlegen auf die Unterlippe, während er versuchte ihrem Blick stand zu halten. Um seinen Hals hing eine Kette mit einer halbmondförmigen Sichel, unter der sich Drei Sterne eng zusammendrängten. Es war das gleiche Zeichen, wie sie es schon oft an den Enden der Bücherreihen ins Holz geschnitzt sah.

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