Die Brücke des schlafenden Drachen

                                                         ***Keeda***

"Das kann lustig werden", immer wieder murmelte Keeda diesen Satz vor sich hin, während sie mit Harbek und Wilfred durch die Trümmer einer Burgruine kletterte, um zu der Brücke des schlafenden Drachen zu kommen. Zu der Brücke, auf der schon etliche Monster warteten.
"Entspann dich Drow! Ein guter Kampf ist immer der Abschluss eines guten Tages, vor allem wenn er die Möglichkeit bietet diese widernatürlichen Geschöpfe in ihr Grab zu bringen", versuchte Harbek sie zu ermutigen. Erfolglos.
"Und wir sollen all diese widernatürlichen Geschöpfe zu Dritt erledigen? Sehr optimistisch!" lautete ihre bissige Antwort, wobei sie sich hinter Wilfred an einem der größeren Gesteinsbrocken hinauf quälte. Wilfred war bereits oben angekommen und sprang vorsichtig wieder nach unten, wo er auf sie wartete und ihr seine Hand als Stütze bot.
"Am Tor wartet noch jemand auf uns", erwiderte er. Keeda verharrte auf der Spitze des Brockens und sah den Gefreiten skeptisch an.
"Wir sind zu Viert? Ein Glück, dann sind all meine Sorgen unbegründet", fauchte sie ihn sarkastisch an und ignorierte seine ausgestreckte Hand, als sie nach unten sprang und lautlos auf den Sohlen landete.
Wilfred seufzte verärgert, ließ ihre Verbissenheit aber unbeantwortet und bot auch Harbek seine Hilfe an, der sie wie Ria mit einem beleidigten Grunzen ablehnte. Der Soldat ließ entnervt den Arm sinken und beobachtete wie der Zwerg ungeschickt von dem Brocken purzelte.
"Die Soldaten im Lager fürchten sich vor den Untoten, sie glauben ihre Fähigkeit weder Schmerz noch Furcht zu empfinden sei ein Vorteil, doch fehlt ihnen auch der Mut, den Furcht mit sich bringt, und auch die Stärke, die man erst durch Schmerz und Entbehrungen erlangt.
Wir können diese Bestien zurück drängen! Wir sind schlauer, schneller und wir haben ein Ziel für das es sich zu kämpfen lohnt!", Wilfred beendete inbrünstig seine feurige Rede und sah sie erwartungsvoll an.
Sie hatten die Ruinen hinter sich gelassen und standen am Fuß einer gewaltigen Steintreppe, die zu einem hohen und massivem Tor führte, aus dessen Schatten eine schmale Gestalt trat.
"Außerdem sehen wir besser aus, als diese halb verwesten Eierköpfe", ergänzte die Gestalt und lächelte die drei Neuankömmlinge freundlich an. Wilfred grinste sie erfreut an und seine Augen begannen bei ihrem Anblick zu leuchten. Selbst Harbeks Augen weiteten sich einen Moment, bevor er wieder seine übliche, grimmige Miene aufsetzte.
Keeda verdrehte bei ihrer Reaktion die Augen, auch wenn sie sie nur zu gut verstand. Jedem Mann hätte es bei der Frau, die ihnen entgegen trat, für einen kurzen Moment die Sprache verschlagen. Mit ihren himmelblauen Augen, der mondblassen Haut und den feurig roten Haaren, wäre es eine Untertreibung sie als schön zu beschreiben. Atemberaubend, zauberhaft, prachtvoll ... das waren schon eher Wörter mit denen man ihre Schönheit beschreiben konnte.

"Ich dachte schon du kämst nicht mehr wieder!" begrüßte die rothaarige Frau den Soldaten und lächelte ihn kokett an. Jetzt erst erkannte Keeda in ihr die Frau vom Strand und hätte über die Ironie des Ganzen fast gelacht.
"Ich habe Verstärkung mitgebracht."
"Dann dürfte Valindra keine Chance mehr haben", grinste die Frau und wandte sich den beiden anderen zu.
"Mein Name ist Alice! Ich hoffe ihr freut euch ebenso auf den Kampf wie ich", begrüßte sie sie und streckte ihnen ihre schlanke Hand entgegen. Selbst ihre Finger waren perfekt und elegant.
Harbek ergriff sie sofort. "Man nennt mich Harbek! Ich kann es kaum erwarten."
Keeda verzichtete darauf Alice Hand zu nehmen und neigte lediglich leicht den Kopf als sie ihr antwortete: "Nennt mich Keeda."
"Ich kann mich an euch erinnern! Ihr wart da, als ich am Strand erwacht bin. Ihr und Wilfred habt mir das Leben gerettet, vielen Dank!" Alice ignorierte Keedas verblüfftes zurückzucken, und umarmte sie kurz.
Keeda blieb wie erstarrt stehen, zu erstaunt um sich zu rühren.
Ihr das Leben gerettet? fragte sie sich, beschloss aber ihre Gedanken für sich zu behalten. Betreten blickte sie zu Boden, als sie daran dachte, wie sie vor ihrem regungslosen Körper gestanden und überlegt hatte sie auszurauben.
"Verzeiht. Ich bin manchmal etwas stürmisch", lachte Alice und gab die Drow wieder frei.
Wilfred räusperte sich leicht, es klang fast schon verärgert. Er wartete bereits am Tor auf sie.


"Wir ...", Wilfred räusperte sich, als er mit blassem Gesicht auf das Chaos unter sich starrte, "Wir müssen die Tore am anderen Ende der Brücke schließen, sodass die Untoten nicht bis hierher vorrücken können. Das Metall wurde gesegnet, es würde Valindras Monster verbrennen, wenn sie es wagen würden, es zu berühren."
Sie standen auf einem erhöhten Podest hinter dem massiven Eingangstor und hatten freie Sicht auf die chaotische Zerstörung die sich ihnen bot. Der Weg zu und über die Brücke, war teilweise versperrt von provisorisch aufgestellten, angespitzten Barrikaden, dunkle Brandflecken hatten den hellen Steinboden stellenweise schwarz gefärbt und die Dunkelheit, die mittlerweile herrschte wurde nur durch die Feuer erhellt, die alle paar Schritt brannten.
Alice war die Erste, die einen Schritt vor trat und vorsichtig die Treppe zu dem breiten Weg hinab stieg, in jeder Hand hielt sie einen Dolch. Wilfred folgte ihr mit gehobenem Schwert, danach Keeda mit bereits gespanntem Bogen und Harbek, der die Umgebung aus kleinen, aber scharfen Augen betrachtete.
Mit einem Schrei sprang Alice zurück und wich einem Feuerball aus, der sie nur knapp verfehlte und den Steinboden zum bersten brachte.
Instinktiv gingen alle in Deckung und Wilfred schrie ihnen über das Pfeifen weiterer Luftgeschosse zu: "Rote Magier! Sie müssen uns entdeckt haben!"
Keeda biss sich auf die Lippe, um eine sarkastische Bemerkung zu unterdrücken, als sie über den Lärm hinweg das bekannte, knirschende Geräusch von aufeinander reibenden Knochen hörte und stieß einen kurzen Warnlaut aus, bevor schon der erste Skelettkrieger auf sie zustürzte.
Alice sprang vor, wich dem ersten Schlag aus, bevor sie mit einem geschickten Schnitt die Wirbelsäule des Untoten durchtrennte und den Schädel mit einem Tritt nach hinten schoss.
"Weiter!", schrie sie ihnen zu, und übernahm die Führung ihrer kleinen Gruppe. Wilfred folgte ihr auf dem Fuß, als sie hinter einer Biegung hervor stürmte und in eine ganze Gruppe von Untoten rannte. Die ersten fielen ihrer Überraschung zum Opfer, doch die unzähligen danach verschwammen vor Keedas Augen.
Zu schnell wechselten ihre Feinde, und ein Pfeil nach dem anderen verließ surrend ihren Bogen. Alice stürzte sich furchtlos von einem Kampf in den nächsten, bis sie endlich am Anfang der Brücke standen, die durch die Geschosse der roten Magier etliche Risse und Löcher aufwies, durch die man in den bodenlosen Abgrund blicken konnte.
"Seid vorsichtig", flüsterte Wilfred und trat einen Schritt auf die Brücke. Keeda hatte erwartet ein Knirschen zu hören oder wenigstens ein paar Steine in die Tiefe stürzen zu sehen, doch nichts geschah. Alice folgte dem Gefreiten und blies sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht, dass ihr schweißnass auf Nacken und Stirn klebte.

Langsam und so leise wie möglich schlichen die Vier über die Steinbrücke, sie hatten bereits die Hälfte ohnen einen weiteren Kampf hinter sich gebracht, als ein neues Geräusch Keedas Aufmerksamkeit weckte und sie einen erneuten Warnruf ausstieß. Als würden sie alle schon seit Jahren und nicht erst seit einer halben Nacht miteinander kämpfen, gingen sie in Deckung.
Es hörte sich an wie ein leises Röcheln und Keeda fasste kaum genug Mut, um hinter ihrer Barrikade hervor zu blicken. Augenblicklich wandte sie sich wieder ab und sah stattdessen zu Alice hinüber, die den neuen Gegner mit geübter Konzentration einschätzte.
Ohne Vorwarnung sprang sie aus ihrem Versteck und stürzte sich mit ihren Dolchen auf den Feind. Keeda konnte nicht anders als ihren Mut zu bewundern, sich auf dieses Ding zu stürzen.
Es war ein wenig größer als Wilfred, der sich unter seinen Schlägen hinweg duckte, dafür aber auch genauso breit. Seine Haut war von einem fleischigen rosa und übersät mit Narben und Wunden. Manche frisch, manche schon alt und eitrig. Keeda schluckte ihren Ekel hinunter und richtete sich auf.
Eine Feuerkugel aus Harbeks Siegel verbrannte die zerfurchte Haut, doch das schien den Koloss nur wütender zu machen und der Pfeil, der ihn mitten in die Stirn traf betäubte ihn nur für einen Moment.
Keeda huschte eine Barrikade weiter nach vorne, um zu versuchen die Halsschlagader der Monsters zu treffen, als Wilfred seine Benommenheit ausnutzte und sein Schwert in den ledrigen Nacken rammte. Die Spitze trat kurz vor Alice Gesicht wieder aus, die das gleiche mit ihren Dolchen tat.
Sie zogen ihre Klingen gleichzeitig aus dem Körper des Monsters, das bewegunslos zusammensackte.

Alice grinste Wilfred außer Atem an und blickte schließlich auch Harbek und Keeda mit einem ekstatischen Ausdruck an. Sie standen am Ende der Brücke vor einem großen Torbogen, der Weg hinter ihnen war übersät mit Knochen und blickten sich stolz an.
"Wir haben es geschafft", stellte Keeda überrascht fest und ließ für einen Moment den Bogen sinken. Harbek lachte auf und schlug ihr kräftig auf den Rücken.
"Das du daran zweifeln konntest!"
Alice stimmte in Harbeks Lachen ein und auch Wilfred ließ sich von ihrer Freude anstecken.
"Ich habe es euch doch gesagt, wir ..." er brach jäh im Satz ab und alle Freude und Farbe wich aus seinem schweißnassen Gesicht. Ein hämischen Auflachen erschallte aus dem dunklen Torbogen und ließ Wilfred wutentbrannt aufschreien.
"Valindra!" Laut schreiend rannte er auf die Frau zu, die aus der Finsternis trat, ohne dass einer von ihnen es hätte aufhalten können.
Alice schrie laut Wilfred Namen, doch noch bevor Keeda ihren Bogen wieder heben konnte, wurde der Soldat durch eine Handbewegung Valindras in die Luft und gegen eine der Steinmauern geschleudert.
Keeda atmete geschockt aus, als er dort bewegungslos liegen blieb und Valindra in boshaftes Gelächter ausbrach.
Ihre Haut war dünn wie Pergament und spannte sich straff über ihren Schädel, man konnte durch sie die Konturen ihres Kiefers und die bleichen Knochen erahnen. Anstatt einer Nase, klaffte in der Mitte ihres bleichen Gesichtes eine schwarze Öffnung und ihre silberweißen Haare hingen in dünnen Strähnen von ihren Kopfhaut herab, auf der sie eine  goldene Krone trug. Doch das, was Keeda in ihrer Bewegung erstarren ließ, waren die eisblauen Augen der Nekromantenkönigin, die kalt leuchteten und ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Valindra betrachtete die Drei hämisch, bevor sie zurück in die Dunkelheit trat und die Erde unter ihren Füßen erbebte. Alice befreite sich als erste aus ihrem Schockzustand und rannte wie schon zuvor Wilfred laut schreiend auf die Finsternis zu.
"Alice! Nein!", schrie Keeda und hob hilflos den Bogen.

Alice rannte noch immer, doch kurz bevor sie in der Dunkelheit verschwand bremste sie jäh ab, und kam schlitternd zum stehen, wobei sie ausrutschte und auf dem Rücken landete.
Wieder schrie sie, dieses mal vor Angst und Verblüffung, anstatt vor Zorn und robbte gerade schnell genug nach hinten, um der Keule auszuweichen, die dort auf dem Boden aufschlug, wo zuvor noch ihre Beine gelegen hatten.
Noch immer auf dem Boden sitzend rollte sie sich zur Seite auf dem Bauch, um einem weiteren Angriff zu entgehen und sich auf die Füße zu stemmen. Sie wich ein paar Schritte in Richtung Harbek und Keeda zurück, die schon einen Pfeil im Anschlag hatte, doch noch nichts sah, auf das sie zielen konnte.
Unsicher ließ sie ihn dennoch von der Sehne in die Dunkelheit zischen und ein lautes Brüllen ertönte. Wieder erbebte die Erde unter ihren Füßen als eine gewaltige Bestie einen Schritt aus den Schatten trat und aus rot glühenden Augen den Schaft anstarrte, der nun aus seiner Hüfte ragte.

                                                          ***Alice***

Alice hatte ihre Fassung wieder erlangt und begutachtete das Monster konzentriert. Die Keule, mit der er vorhin nach ihr geschlagen hatte, war lediglich seine breite Faust gewesen die er nun brüllend über seinen Kopf hob.
Sie atmete tief durch, Panik war das Letzte in das sie nun geraten durfte und umfasste ihre Dolche fester, indessen sie ihren ersten Angriffspunkt auf der grauen, ledrigen Haut suchte, die bis auf einen Lendenschurz und einige grob zusammengelötete Metallplatten an seinen Schultern, ungeschützt war.
Sie schaute kurz zu der Drow und dem Zwergen hinüber die beide ihre Waffen bereit hielten und auf ihr Zeichen warteten.
Wieder brüllte der Riese und trat einen Schritt mit erhobener Faust auf sie zu, um sie damit zu zerquetschen. Nun, da sie wusste mit wem, oder besser gesagt mit was sie es zu tun hatte, fiel es ihr leichter den Angriffen auszuweichen.
Flink tauchte sie zwischen den Beinen des Riesen hindurch und erzielte dabei ihren ersten Treffer, als sie ihren Dolch durch die Kniebeuge des Monsters zog und schwarzes Blut aus der Wunde trat. Das Monster fuhr zu ihr herum und versuchte sie mit der Faust zu ergreifen, weshalb sich Alice notgedrungen auf den Boden fallen ließ. Erst jetzt bemerkte sie die unzähligen Pfeile und Brandwunden auf dem Rücken des Riesen.
Sobald die Faust über ihren Kopf ins leere gegriffen hatte, stach sie mit dem Dolch in die seine Ferse. Erneut brüllte das Monster laut und hob seinen Fuß, der nur knapp Alice Arm verfehlte, als sie sich mit einer Hechtrolle außer Reichweite und auf die Füße brachte.
Ein gewaltiges Beben riss sie alle zu Boden. Zu spät erkannte sie, dass der letzte Schlag des Riesen Teile der Brücke hatte einstürzen lassen. Keeda und Harbek wurden zurückgeworfen, während sie mit all ihrer Kraft aufsprang und nach vorne stürzte, um dem wankenden Boden unter sich zu entgehen. Der Stein unter ihren Füßen sackte schlagartig ab und mit Mühe und Glück konnte sich Alice durch einen Sprung in Sicherheit bringen.
Sie landete schmerzhaft auf der Schulter, wobei ihr Kopf ungebremst auf den harten Boden aufschlug. Benommen blickte sie nach oben und starrte in die hässliche Fratze des Monsters, das sie aus seinem gelben und übel riechenden Maul anbrüllte.
Ergeben wollte Alice schon die Augen schließen und ihren Tod akzeptieren, über den es hoffentlich etliche Lieder geben würde, doch die Faust die auf sie hinunter raste verfehlte sie, als ein brennender Pfeil genau in das linke Auge des Riesen traf.
Alice sah ihn noch immer leicht verschwommen und ihr Kopf tat höllisch weh, als sie sich mit letzter Kraft vom Boden abstieß und unter dem Arm des Monsters hinweg tauchte.
Harbek schrie ihr etwas zu, doch sie verstand ihn nicht als sie sich taumelnd aufrichtete. Neue Energie schien ihr bei der Bewegung in den Körper zu strömen und sie bemerkte wie ihre Haut begann blassgolden zu leuchten. Verwirrt bleib sie für einen Moment stehen und betrachtete das warme Licht ihrer Hände, bis Harbeks wütende Stimme sie aus ihrer Verwunderung riss. Er richtete sein Siegel auf sie und schrie sie zornig an.
Alice wandte sich von ihm ab und folgte seiner ausgestreckten Hand zu dem Monster, dass sich von Keedas Attacke erholt hatte und sich erneut auf sie stürzte. Es blutete aus hunderten von kleinen Wunden, die an ihm nagten und ihn schwächten. Doch auch Alice war verwundet und erschöpft, selbst Harbeks Heilmagie konnte ihr nicht so viel Kraft geben, wie sie in diesem Kampf bereits aufgewendet hatte.
Erneut schrie Harbek ihr zornig etwas zu, dass in dem Gebrüll des Monsters unterging und auch Keeda rief und deutete immer wieder auf die Bestie.
Nein, nicht auf die Bestie, wurde Alice klar, Auf das klaffende Loch hinter ihr.

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