Die dunkle Krone

"Hallo?", Finn kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Er irrte durch dichten Nebel, feuchter, modriger Gestank war sein einziger Begleiter gewesen. Die Treppe hatte zu einem dunklen Gang geführt, diesem folgte er schon sehr lange. Aber die Zeit schien hier keine Rolle zu spielen, denn dieser Ort lag jenseits der Regeln einer normalen Welt. "Ein goldener Fuchs", Finn erinnerte sich plötzlich an das Ende des Traums, vor seinem Erwachen in der Firma. Die Begegnung mit sich selbst auf dem Plateau, der weiße Tiger und ein goldener Fuchs. Der Geist von Argenshire war mit Evas Tod auf ihn übergegangen. Durch seinen Schmerz hatte er diesen aber nie wahrnehmen können. Er konzentrierte sich und hörte tief in sich hinein. Sein Körper begann sich zu verändern, er fiel auf alle Viere. Dann starrte er gebannt auf seine glänzenden Pfoten, sein ganzer Körper schien zu strahlen. Er hatte die Gestalt des Fuchsgeistes angenommen. Das war also die Kraft, nach der der Dunkle all die Jahre gestrebt hatte: Die perfekte Absorption von fremden Kräften und Energien. Die Möglichkeit aus seinen Kindern eine Art Superwaffe zu erschaffen, um alle Welten zu versklaven.
Der modrige Gang begann zu verschwimmen. Finn war von diesem Prozedere nicht mehr beeindruckt. Die Realität war eine weit dehnbare Angelegenheit hinter dem Weltenriss. Eine wunderschöne, wenn auch düstere, Halle formte sich um ihn. Die langen Säulen erinnerten an einen griechischen Tempel, die hohen Spitzbögen eher an eine gotische Kirche. Das alte Gestein war dunkel und kalt, die Kronleuchter beinhalteten hunderte Kerzen, welche sich sofort entzündeten. Der Boden hatte ein Schachbrettmuster, dunkelgraue und schwarze Fließen glänzten unter seinen Fuchspfoten. Finn beschloss zu seiner normalen Gestalt zurück zu kehren, ausreichend Licht gab es jetzt. Der schwarze, edel verzierte, Stuhl vor ihm erregte seine Aufmerksamkeit, wie auch der Mann neben dem Thron. Sein Haar fiel glatt in einem hellen grauen Farbton bis über seine Schultern. Die Haut war blass, wirkte aber edel und gesund. Seine Gesichtszüge wirkten beinahe elfisch, sehr fein und markant zugleich, unglaublich charismatisch. Die Augen strahlten durch Heterochromie in zwei verschiedenen Farben, gelb und rotbraun. Er trug einen der schwarzen Mäntel, die Finn in Elensars Wacht gefunden hatte und seinen Jägern gegeben hatte. "Wer bist du?", fragte er den Mann, der ihn herzlich, fast schon väterlich, anlächelte. Im selben Moment ärgerte Finn sich. Wer sollte das schon sein. Der Mann, dem er all das zu verdanken hatte, der Teufel, der Verräter, der Mörder so vieler Menschen. Der, der versucht hatte Shanora zu töten, obwohl sie nur ein unschuldiges Baby gewesen war. "Wie ich sehe", die feste, aber sehr angenehme Stimme des Dunklen hallte durch den alten Saal, "hast du doch noch den Weg zurück in meine Arme gefunden, mein Sohn!" Finn schauderte bei dem Gedanken, dass er gerade wirklich seinem Erzeuger gegenüberstand.
"Endlich begegnen wir uns wieder!", Finn fuhr sich betont lässig durch das blonde Haar, "Ich muss sagen, ich bin echt enttäuscht. Das soll das ominöse Nirgendwo sein? Erbärmlich!" Der Dunkle lachte schallend, er für seinen Teil schien nichts Anderes erwartet zu haben. "Überheblich und furchtlos, wie ich dich immer haben wollte, mein Sohn", der Dunkle betonte das letzte Wort genüsslich, er schien zu wissen, dass Finn die Situation mehr zu schaffen machte als ihm.
"Du bist Tod, dein Körper wurde von meinen Zieh... meinen Halbschwestern vernichtet!", Finn zog eine Braue hoch und starrte seinen Vater fragend an. "Da hast du recht, aber Nirgendwo ist nicht irgendein Ort! Nirgendwo kann alles sein, was man sich wünscht, man kann es formen und bearbeiten. Ich bin nicht wirklich hier, aber du wolltest mich tief in deiner Seele persönlich sehen, so wie ich einst war, als ich dich geschaffen habe. Du wolltest wissen, ob wir etwas gemeinsam haben, ob du Ähnlichkeiten entdeckst! Was sagst du?", der Dunkle kam näher, er war ein ganzes Stück größer als Finn. Dieser ärgerte sich darüber, natürlich hatte er sich gefragt wie er ausgesehen hatte. "Ich bin nach wie vor enttäuscht, du siehst aus wie ein ordinärer Mensch, Teufel, was auch immer. Ich habe mehr erwartet, mehr Finsternis!", Finn erwiderte den Blick seines Vaters trotzig, er würde ihm nicht die Genugtuung geben sich auch nur eine Sekunde zu fürchten. Er würde heute mutig sein, wie er es damals versprochen hatte. Seinen Brüdern, vor allem Treplew. Er würde das hier beenden, koste es, was es wolle. Und er musste es schnell tun, desto länger der Dunkle in seinen Gedanken stocherte, desto eher brachte er Shanora doch noch in Gefahr. "Das kleine Baby, und du konntest es nicht erledigen. Du hast deine Familie verraten und um es dir einfacher zu machen, hast du die Wahrheit tief in dir verborgen, um die Lüge glauben zu können!", knurrte der Dunkle und sah bedrohlich auf Finn herab. Dieser wich dem Blick wieder nicht aus, seine türkisen Augen blitzten: "Und doch stehe ich nun hier vor dir, Vater!" Der Dunkle lächelte heimtückisch und siegessicher: "Das ist wahr, aber bist du auch bereit dein Vermächtnis anzutreten? Bist du bereit zu herrschen?" Er schlich um Finn herum und betrachtete ihn von allen Seiten. "Ich wurde dafür geboren!", Finns Blick wurde kalt und starr, "Du hast mich dafür geschaffen, Vater!" Der Dunkle lächelte ihm zu, er schien ihm zu glauben. Er deutete Finn sich auf den schwarzen Stuhl zu setzen, der am Ende des Raumes stand. Finn tat dies bereitwillig und legte erwartungsvoll den Kopf schief. "Und jetzt?", der blonde Junge klang gespannt und nicht mehr so trotzig. Dem Dunklen imponierte sein Verhalten, er war zufrieden mit seiner Schöpfung. "Ein würdiger König kann die Schwarze Krone tragen!", er baute sich vor Finn auf, "Die Krone hat ihren eigenen Willen, nur wer würdig ist überlebt den Geist der ihr innewohnt!" Finn überlegte kurz: "Von welchem Geist sprechen wir hier?" Der Dunkle grinste: "Der Dunkle Titan selbst und all seine Kräfte ruhen in diesen Stück!" Mit diesen Worten erschien eine schwarze Krone in den Händen des großen Übels. Sie war mit ebenso schwarzen Steinen besetzt, die einen eigenartigen Schimmer hatten. Finn fühlte die dunkle Präsenz, die von diesem Gegenstand ausging. Ein Seelengefängnis. "Ich werde dir die Krone auf dein Haupt setzen, dann musst du Zwiesprache mit dem Titanen halten und wenn er dich als würdig erachtet, dann bist du der neue Dunkle König. Wenn nicht wirst du sterben! Bist du bereit?" Finn nahm ihm als Antwort die Krone aus der Hand und setzte sie sich selbst auf. Die Macht schoss wie ein Blitz durch seinen Körper. Er schien in tiefste Dunkelheit abzutauchen. Nichts schien mehr um ihn herum zu existieren, nur zwei violette Augen starrten ihm entgegen.

"Du sollst also der Titan sein?"
"Welch abscheulich dreistes Wesen wagt es mich anzusprechen?"
"Hey! Du bist hier nicht in der Position zu stänkern, Freundchen!"
"Du wagst es... Ich könnte dich auf der Stelle töten!"
"Und weiter in diesem Krönchen chillen, in alle Ewigkeit?"
"Eure Frechheit werdet Ihr teuer bezahlen!"
"Jetzt pass mal auf, Freundchen, ich bin Finn Parallelstoback, Sohn einer getöteten Familie und meine erste große Liebe wurde mir auch von dem Mann genommen, der deine Macht missbraucht hat!"
"Der Dunkle war ein würdiger Träger der Krone, wie anmaßend..."
"Anmaßend, Bullshit! Du laberst hier die größte Scheiße! Ein Titan borgt seine Macht einem feigen Mörder? Erbärmlich!"
"Schweig still, widerliche kleine Kreatur!"
"Du stinkst fett ab, ich sag dir jetzt, wie das läuft. Ich stelle ein paar Bedingungen, du kannst annehmen oder hier drinnen verrotten!"
"Munteres Bürschchen... sag was du zu sagen hast..."
"Ich werde deine Macht absorbieren, so kannst du sicher sein, dass sie gut eingesetzt wird! Dann sperre ich dieses Echo des Dunklen in das Seelengefäß!"
"Oder ich töte dich..."
"Na fein, viel Spaß beim Verschimmeln..."
"Du willst also meine Macht in dir tragen?"
"Ich bin deiner würdig!"
"Du scheinst ein listiger junger Mann zu sein, aber ob du meiner..."
"Hör auf zu quatschen! Einen anderen Deal wird es nicht geben!"
"Respektlos, unwürdig!"
"Ach ja, soll ich mit dir Gassi gehen oder nicht? Entweder wir vernichten den Dunklen gemeinsam und kämpfen für das Gute in allen Welten, oder du wirst keine Welt mehr sehen!"

Aus der tiefen Schwärze kam ein Drache, er schien aus purer Dunkelheit zu bestehen, die pulsierte, die violetten Augen des mächtigen Wesens leuchteten und betrachteten Finn eingehend. "Ein Drache?", Finn hatte sich einen Titanen anders vorgestellt, "Ich habe mit einem riesigen Monster gerechnet!" Der Drache senkte den Kopf, um Finn noch genauer betrachten zu können, auch er schien etwas Anderes erwartet zu haben: "Ein kleiner blonder Junge fordert einen der Titanen heraus? Wahrhaft mutig!" Finn grinste und stemmte die Hände in die Hüften: "Kleiner Junge? Ich bin groß im Geiste! Außerdem ist "mutig" mein zweiter Vorname! Was für ein dunkler Titan bist du?" Der Drache wirkte nun doch sehr angetan von dem gewitzten Jungen, er schlich um ihn herum und erzählte: "Ich bin der Titan der Dunkelheit, Nachtschatten nannte man mich einst, meine Schwingen trugen mich lange Zeit über alle Welten, bis wir nicht mehr gebraucht wurden. Die anderen legten sich schlafen und ich beschloss weiter über die Welten zu wachen, bis ich einem jungen Mann begegnete. Er war dir gar nicht unähnlich, wollte Aufbegehren gegen seinen Vater. Seiner Gier nach immer größerer Macht und einem noch mächtigeren Vermächtnis fiel jeder Anstand, jeder Moral und jede Menschlichkeit zum Opfer. Am Ende konnte ich ihn nicht mehr unterstützen. Er gab sich verständnisvoll und ich habe ihm seine Lügen geglaubt. So wurde ich in diese Falle gelockt, um ihm auf ewig zu dienen!" Finn brauchte nicht nach zu fragen, um wen es dabei ging. Die Geschichte schien sich gerade zu wiederholen. Aber zu welchem Preis? Wie viel von seinem Vater steckte wirklich in ihm und wie konnte er die Macht eines Titans kontrollieren? Aber was blieb ihm für eine Wahl, tatenlos darauf zu warten wie alles hinter dem Weltenriss so endete wie die Verstoßenen? Seine Brüder wieder im Stich zu lassen kam nicht in Frage. Diesmal würde er mutig sein und sein Vermächtnis antreten, die Fehler seines Vaters wieder gut machen und damit den weißen Thron wieder zu altem Glanz verhelfen. "Du musst dir selbst vergeben!", die sanfte Stimme von Eva riss ihn aus seinen Gedanken. Ihre liebliche Gestalt erschien neben dem Drachen. Finn begann zu verstehen: "Deine Seele ist hier gefangen?" Eva legte ihre Hand auf den Kopf des Drachen: "Wir beide wurde hier eingeschlossen! Als wir uns in Argenshire begegneten, habe ich nicht erwähnt, dass ich viel älter bin als du..." Finn seufzte: "Das war mir klar, sonst hättest du kaum Church als Kind gesehen!" Der Drache mischte sich ein: "Der goldene Fuchs ist nicht einfach der Geist eines Landes. Er war der Titan des Lichts, eine Gestalt der hohen Himmel. Schlafend und doch wachsam hat sie dich geleitet, um dich vorzubereiten!" Finn versuchte seinen wirren Kopf wieder klarer werden zu lassen: "Und jetzt befreie ich eure Seelen... Aber das bedeutet, dass sie fort sind, für immer!" Eva nickte: "Es ist Zeit für mich zu gehen und Zeit für dich gegen das Böse aufzubegehren!"

Treplew hatte es geschafft Finn zu folgen. Er hatte sich im Hintergrund gehalten, zu groß war seine Angst vor dem Schemen des Dunklen, der vor den schwarzen Stuhl darauf wartete, dass sein Sohn wiedererwachte und ob er erwachte.
"Komm schon", der Dunkle wurde langsam nervös, "Du musst würdig sein, du bist mein Meisterstück, das Endergebnis! Mein Design!" In diesem Moment riss Finn die Augen auf, eine Schockwelle schleuderte Treplew zurück. Es war geschehen, sein kleiner süßer Ziehbruder war nun der dunkle König.
Finn nahm sich unterdessen die Krone vom Haupt. Der Dunkle grinste zufrieden, bis er die Augen des Jungen betrachtete. "Nein, wie kannst du... Warum... Warum sollte der Titan dir seine Macht freiwillig geben? Was hast du getan?", brüllte er seinen Sohn an. Finn grinste, seine leuchtend violetten Augen blitzten gefährlich auf: "Jetzt guckst du blöd, was? Arschloch!" Mit diesen Worten packte er, umgeben von der dunklen Macht des Titanen, den Schemen seines Vaters und hielt die Krone vor sein Gesicht. Der Dunkle begann fürchterlich zu schreien, verzweifelt kämpfte er dagegen an, aber dann wurde er einfach in die Krone gesaugt. "Ruhe in Frieden, Mistkerl!", Finn warf die Krone beiseite und sackte zusammen. Das Versiegeln des Seelengefängnisses hatte ihm beinah all seine Kraft gekostet. Nie sollte jemand dieses Siegel brechen oder gar die dunkle Krone tragen. Er überlegte sich gerade, wohin er sie bringen sollte, als er plötzlich leise Schritte auf den Fliesen vernahm. "Kleiner Bruder", Treplew baute sich vor ihm auf, "Soll ich dir hoch helfen?"
Finn strahlte, als er ihn erkannte und nahm bereitwillig seine helfende Hand an. Die erwies sich aber als tückisch und schleuderte ihn gegen eine der Säulen, die unter der Wucht barst. "Treplew, wieso?", keuchte Finn fassungslos, "Ich bin hier um..." "Um uns alle in den Untergang zu reisen?", Treplew ließ ihn nicht ausreden, er zog Finn an den Schultern hoch und versetzte ihm noch einen Schlag. Finn rappelte sich wieder auf, ging aber nicht zum Gegenangriff über: "Treplew, bitte, wir waren wie Brüder..."
Treplew schien nur noch zorniger zu werden. Der nächste Schlag beförderte Finn gegen eine weitere Säule, die unter der Wucht zusammenbrach und die Fliesen unter sich zerschlug. "Bitte Bruder, ich werde dich nicht verletzen", Finn schaffte es nicht mehr sich aufzurichten, "Du hast genug gelitten!"
Treplews Augen spiegelten nichts als Wahnsinn wieder, wütend fuhr er seine Krallen aus: "Du wirst hier sterben, Verräter!"
"Lass ihn sofort in Ruhe", schrie die schrille panische Stimme einer Frau vom Eingang des Saals. Treplew erkannte sie sofort und grinste, er hatte sich schon sehr auf dieses Wiedersehen gefreut.

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    Der Dunkle *-* Ein Schemen von ihm zumindest. Schrieb vorhin die noch lebendige Version von ihm.

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Fairy Dust

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