Die Flucht

Selina Bücker war eine zierliche etwa ein Meter sechzig große Frau mit feuerrotem Haar, grünen Augen und unzähligen, frechen, kleinen Sommersprossen. Sie war eine kleine, sehr anziehende, und sehr entschlossene Person, in der man auf den ersten Augenblick nicht unbedingt eine Ärztin vermutete. Doch sie war eine sehr gute Medizinerin, die ihre Arbeit liebte und von ihrem Vater an die Klinik geholt worden war. Dr. Martin Bücker war ein begnadeter Chemiker dem es gelungen war, das Zellwachstum von Krebszellen auf alternativem Wege, elektrochemisch ohne Zytostatika zu verlangsamen und in vielen Fällen sogar zu stoppen.
Anfangs wurde er als Wunderheiler verspottet und man versuchte seine Erfolge zu verunglimpfen, doch die Erfolgsmeldungen häuften sich derart drastisch, das er der Pharmaindustrie lästig wurde. In diesem Geschäft geht es um unermesslich hohe Summen. Wie Silvia richtig vermutet hatte, war er bereits Thema eines Konsortiums...
Martin Bücker hatte eine Vorliebe für historische Fahrzeuge und nahm auch, wenn es seine Zeit erlaubte, an Oldtimerrennen teil. Eine Tatsache, die ein angeblicher Freund von ihm, Robert Meister, ein Pharmareferent, an das Konsortium herantrug. Etwa ein Jahr, nachdem Silvia Weber ihre Freundin Selina vor den Möglichkeiten eines Konsortiums gewarnt hatte, beschloss ein solches den "Unfalltod" dieses großen Mannes, der den Menschen so viel Leid ersparen hätte können, der sein Eigenkapital in die Gesundheit der Menschen investiert hatte. Bei einem Oldtimerrennen in Brünn am Motodromo Brno verunglückte Martin Bücker tödlich mit seinem Mercedes 300SL Flügeltürer, welcher auf wundersame Weise samt Abschleppfahrzeug von der Rennstrecke verschwand, bevor auch nur ein Sachverständiger das Unfallfahrzeug in Augenschein nehmen hatte können!
Für Selina brach eine Welt zusammen, Hatte sie doch viele Jahre zuvor schon ihre Mutter durch Krebs verloren. Da Bückers Auto vom Ring entwendet worden war, entsann sie sich der Warnung durch Silvia und begann etwa drei Monate nach Vaters Tod, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, da sich keine Stelle zuständig sah, in diesem Fall zu ermitteln. Sie erklärte ihrer Freundin Ines, die als Diplomkrankenschwester ihre persönliche Assistentin in der Klink war, dass sie am Mittwoch nach Brünn fahren würde, weil sie Antworten suche! In Brünn stieß sie auf offene Ablehnung, keiner wusste etwas,  keiner wollte etwas wissen. Am Donnerstag recherchierte sie direkt am Ring und in der umliegenden Gegend, am Freitag ließ sie bei einem Polizeioffizier keinen Zweifel daran, dass es ihr nicht um den Besitzanspruch an dem Mercedes ginge sondern um die Beweiskraft desselben. Seltsamerweise, wurde man plötzlich höflich und zuvorkommend und bat sie in ihrem Hotel zu warten, für die Abschleppwagen seien zwei Funktionäre zuständig, die sie heute noch dort aufsuchen würden, Man gab ihr die Visitenkarte einer Security-Firma auf der zwei Gesichter zu sehen waren und zwei Namen: Viktor Leibosz und Dimitri Janko!
Selina, die sich Anfangs über den plötzlichen Sinneswandel der Polizei gewundert hatte, begriff sofort, dass diese plötzliche Freundlichkeit nur eine Ursache haben konnte: Sie hatte in ein Wespennest gestochen. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie sich zu weit vor gewagt hatte, dass sie sich in akuter Lebensgefahr befand! Sie bedankte sich höflich und versicherte, sie würde im Hotel auf die Ankunft der beiden Funktionäre warten. Selina ging nicht einmal mehr ins Hotel hinein. Sie war ohnehin nur mit leichtem Gepäck gereist. Sie stieg in ihren Golf GTI und fuhr sofort Richtung Heimat. Sie hatte begriffen, dass es ab sofort um Leben und Tod ging...

Selina holte alles aus ihrem GTI, einer frisierten Version dieses ohnehin sehr kräftigen Wagens. Sie wusste, dass sie zu weit gegangen war und sie wusste nun, dass jede Silbe von Silvias Geschichte wahr gewesen wahr. Tränen liefen über ihre Wangen. Diese Schweine hatten ihren Vater tatsächlich umgebracht. Einen Mann, der nur Hilfe auf diese Welt bringen wollte, der ohne Profit zu machen seinen größten Feind besiegen wollte. Der Krebs hatte ihm seine geliebte Frau, Selinas Mutter genommen und von diesem Tage an hatte er den Krebs bekämpft. Er hatte eine Stiftung ins Leben gerufen und eine Terapieform entwickelt, um den Menschen Heilung oder wenigstens Erleichterung zu bringen. Und dafür musste er sterben?
Selina überlegte. Was sollte sie jetzt tun. Zu Hause war sie nicht sicher. Bei der Polizei würde sie nichts erreichen. Was hätte sie denen erzählen sollen? Silvia hatte ihr erzählt, wer wohl als einziger einen Mordanschlag des Konsortiums überlebt hatte... Von ihren persönlichen Sachen in ihrem Nachttisch war eine Visitenkarte zurückgeblieben. Selina hatte vergessen, sie Frau Weber, bei der Unterhaltung über eine Zuwendung der Stiftung, zu übergeben. Sie musste noch in ihrer Handtasche sein! Selina hielt an. Sie wühlte in ihrer Handtasche und zog eine Karte daraus hervor. "Eine besondere Nummer für eine besondere Frau! Bis bald, Silvie!" stand da in gestochen schöner Handschrift... und auf der anderen Seite: Michael Montar Produktentwickler...
Selina fuhr, bis der Wagen streikte. Kein Benzin mehr. Sie fuhr die letzten 90 Kilometer mit dem Taxi zu Michaels Anwesen. In der Aufregung hatte sie das Taxi bezahlt, aber nicht daran gedacht, es warten zu lassen. Es hatte zu schneien begonnen, das Taxi hinterließ zwei schwarze Streifen auf dem angezuckerten Asphalt. Sie hoffte inständig, sie würde diesen Michael antreffen...
Sie blickte immer wieder nervös um sich und läutete schließlich. Einmal...zweimal... dann mehrmals fordernd. "Bitte machen Sie auf! Bitte! Ich werde verfolgt! so machen Sie doch auf, bitte."

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