Die Gabe, Maries Weg in ein neues ich...(Kap 13)

Kap ab (Film ab)

Das Mädchen von der Straße

Wir fuhren am nächsten Abend wieder zurück, obwohl wir nicht lange hier waren blutet uns das Herz, es war als würden wir von zuhause weg fahren.
Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei Leeland. Wie wohl das wiedersehen sein würde? Was ich anziehen werde? Wie wird er sein? Was werden wir uns sagen? Ich hing meinen Gedanken weiter hinterher und viel dann in einen komatösen Schlaf. Ich schlief für die meiste Zeit der Fahrt, was wirklich wahnsinnig angenehm war, denn wir fuhren in einem Stück zurück. Darum waren wir zu meiner Überraschung auch schneller zuhause als ich dachte. Natürlich dachte ich sofort daran, die gewonnene Zeit zu nützen um mich noch früher mit Leeland zu treffen. Ich konnte noch immer nicht fassen, wie die eine Begegnung mit ihm, mich so gefangen nehmen konnte. Ausreden waren zwecklos…ich war ihm Hals über Kopf verfallen.

Als wir dann an unserer Haustür standen, wurde mir auf schmerzlicher weise klar, wie laut es doch hier ist. Quietschende Reifen, nervende Autohupen, Handygeklingel, sogar das geklackere von den High Heels einer Dame die an uns vorüberging kam mir übertrieben laut vor. Als ich dann sehnsüchtig an unseren Wohnblock emporschaute um den Himmel zu sehen, wurde mir ein weiteres Mal klar, dass ich die Sterne wieder eine ganze Weile nicht sehen werde.

„Ich bring alles hoch und park das Auto, du holst noch ein paar Lebensmittel“, riss Maya mich aus meinen trostlosen Gedanken.

„Ok, brauchst du was bestimmtes?“

„Nein, hol einfach das übliche.“

„Ok bis später.“

Ich ging einige Blocks die Street hinunter zum Wallmarkt und wieder waren meine Gedanken bei Leeland. Ich schaute ungeduldig auf mein Handy und überlegte ob ich ihn jetzt schreiben sollte oder doch lieber anrufen sollte. Ehe ich zu einer Antwort kam, hörte ich einen Schrei aus der Gasse links von mir.

Ich entschied mich diese entlang zugehen um zu schauen was dort los ist. Nach einer kleinen Weile sah ich ein Mädchen. Es war mal wieder zu erwarten, dass es ein Geist sein würde. Sie schien erst 16 oder 17 vielleicht auch schon 20 zu sein, schwer zu sagen bei ihrem abgemagerten Körper. Das musste ich aber unbedingt noch raus bekommen. Sie schrie Passanten an, entweder schien sie noch nicht zu wissen, dass sie Tod ist, oder hoffte einfach jemanden wie mich unter der Menge zu entdecken. Ich ging auf sie zu und sprach sie an, so…wie es meine Pflicht als Medium war.

„Psst ganz ruhig…Hey was ist los?“

„Oh endlich,… sie braucht Hilfe, sie schwitzt und hustet und spuckt schon Blut bitte helfen sie ihr bitte?“

„Wenn soll ich helfen?“

Es wäre untertrieben zu behaupten, ich wäre im Moment nicht überfordert.

„Dort drüben im Lagerhaus, hinter der Holztür liegt sie.“

Mein Gott!

„Ich komme mit, zeig mir wo ich hin muss.“

Wir liefen die Gasse bis zum Ende entlang. Das Lagerhaus sprang mir sofort ins Auge. Ich rannte die letzten paar Meter und tatsächlich, gleich hinter der Holztür kauerte ein Mädchen. Auf einer urindurchtränkten Matratze. Alles stank, alles war dreckig…ekelig und…

„Verdammte scheiße…“, spie ich aus.

Voller Entsetzen starte ich auf die Leiche, keinen Meter entfernt von dem Mädchen, dessen Namen ich noch immer nicht kannte. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken, als ich das tote Mädchen als das Geistermädchen identifizierte. Mit großen Augen sah ich zu dem Geist, die mindestens ebenso fassungslos wie ich, ihren toten Körper betrachtete. Wusste ich es doch, sie hatte nicht mitbekommen das sie gestorben war. Ich musste mich wirklich zusammenreißen nicht gleich in Tränen auszubrechen. Nur zu deutlich, wurden mir gerade die Schattenseiten meiner Gabe bewusst.

Das Geistermädchen, ließ sich schluchzend auf die Knie vor dem noch lebenden Mädchen fallen. Ich vermute jetzt einfach mal, dass es sich um Freundinnen handelt. Einen Moment war ich viel zu entsetzt von diesem Bild, doch dann rappelte ich meinen Geist zusammen und ließ mich selbst langsam auf die Knie sinken. Zaghaft legte ich eine Hand auf die Stirn des Mädchens, die nun vielmehr tot als Lebendig schien. Begleitet wurde mein tun, von dem verzweifelten weinen des toten Mädchens. Ich wollte sie in den Arm nehmen, sie beruhigen doch im Moment zählte das Leben mehr als der Tod. Mit dem Geistermädchen konnte ich mich später noch befassen.

„Mein Gott, sie glüht“, hauchte ich leise.

Ich zückte mein Handy und rief den Notarzt. Da wir hier sehr versteckt waren, blieb ich an der Leitung und dirigierte den Rettungswagen zur Halle. Erst als ich die Sirenen vom weiten hörte, erlaubte ich es mir lang und tief durchzuatmen. Das arme Mädchen befand sich, meines Erachtens in eine Art Fieberrausch. Ich kannte mich da nicht so aus, aber nach dem schwitzen und zittern ihres Körpers zu urteilen, durchlebte sie wohl gerade einen üblen Entzug.

Als die Sanitäter kamen, ging alles sehr schnell. Nach einem Moment des Schreckens, hatten sie sich gefangen und arbeiteten schnell. Es dauerte keine fünf Minuten, da war die kleine…ja sie war deutlich jünger als die Tote…auf einer Trage und unterwegs in den Rettungswagen. Die Sanitäter stellten mir Rutine Fragen, die ich in einer Art Trance beantwortet. Als sie gingen, kamen schon die Polizisten. Keine Ahnung wer die informiert hatte. Auch sie stellten Fragen…ich beantwortete was ich beantworten konnte. Anschließend musste ich zusammen mit dem Geistermädchen ansehen, wie ihr Körper fort geschafft wurde. Ich gab den Beamten meine Handynummer für eventuelle Fragen und ging. Das Geistermädchen folgte mir stumm.

„Hey… verrätst du mir deinen Namen?“

Fragte ich sie, nachdem ich meine Stimme wiedergefunden hatte. Ich hatte mich auf einer abgelegenen Bank niedergelassen und irgendwie, hatte ich keine Ahnung wo ich war.

„Beth!“

Sagte sie leise.

„Beth… willst du mir nicht erzählen, was dir wiederfahren ist? Ich denke danach wird es dir besser gehen. Vertrau mir, dein Geheimnis ist sicher bei mir!“

Sie war schüchtern…oder vielleicht war es auch der Schock. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es ist plötzlich vor seinem Körper zu stehen. Obwohl…eigentlich hatte ich das selbst ja schon einmal erlebt. Aber da war es anders. Ich hatte gespürt, dass es nicht endgültig ist. Für Beth kam leider jede Hilfe zu spät. Nach einem tiefen seufzen, ließ sie sich neben mir nieder. Eine Angewohnheit, die sich nicht ablegen lässt, den genaugenommen muss sie nicht mehr sitzen.

„Ich lebe schon 4 Jahre auf der Straße.“, begann sie leise und ich lauschte gespannt.

„Ich bin damals von zuhause abgehauen nachdem mein Stiefvater mich des Öfteren Vergewaltigt hat. Als ich Älter wurde und mich anfing zu währen, hielt er mir oft ein Messer an den Hals. An einem Abend, als er mal wieder mit seinen Kumpels gesoffen hatte, legte ich mich auf die Lauer um den richtigen Moment abzupassen. Seine Freunde gingen und er schlief beinahe sofort auf dem Sofa ein. Ich wusste, dass ihn so schnell nichts wecken würde. Meine Mutter war arbeiten, sie hatte viele Putzstellen, zu viele für eine Person. Ständig war sie weg um zu arbeiten und bekam so nicht mit, was er mit mir tat. Aber jemand musste ja das Geld verdienen. Jedenfalls nutzte ich die Gelegenheit und ging…für immer hatte ich mir geschworen“, sie schluchzte auf.

Wahrscheinlich weil ihr bewusst wurde, das dieses `für immer´ nun eingetroffen war.

„Ich lief 2 Tage umher, dann lernte ich die sogenannten `falschen Freunde´ kennen, gelang so an Drogen und Alkohol. Als ich das nahm, fühlte ich mich die erste Zeit frei und ich musste nicht an die Vergangenheit denken. Sie spielte keine Rolle mehr in meinem Leben obwohl sie mich immer so gequält hatte. Selbst die Alpträume blieben aus. Ich machte viel Party und lernte dann auf einer Susen kennen.“

„Das Mädchen aus der Halle?“

Sie nickte und fuhr fort.

„Wir streiften 2 Jahre zusammen durch die Gegend. Wir erträumten uns, unsere ganz besondere Zukunft. Natürlich viel viel besser als unser bisheriges Leben. Wir waren so blauäugig um einzusehen, dass wir diese Zukunft niemals haben würden. Immer tiefer gelangten wir dabei in den Strudel aus Alkohol und Drogen. Denn High, ließ es sich viel besser träumen“, sie lachte bitter.

„Ständig schniefen, rauchen, drücken und saufen was einen unter die Finger kam. Dafür immer weniger schläft, immer weniger Wasser und noch weniger Essen. Gift für einen Körper! In dieser körperlichen Verfassung, kann ein Entzug einem schnell das Leben kosten.“

Sie endete und ich verarbeitete das eben gehörte. Susen hieß also das Mädchen gerade in der Halle und beide waren am Entziehen. Höchstwahrscheinlich unfreiwillig und nun ist sie tot und ihre Freundin so gut wie. Solche Schicksale gehörten verboten.

„Ich kann nicht glauben, dass ich tot bin“, hauchte sie plötzlich und begann erneut bitterlich zu weinen.

„Es tut mir so leid“, flüsterte ich beruhigend.

„Jetzt weiß ich auch…“, schniefte sie.

„…warum mich die Passanten nicht wahrnahmen.“

Plötzlich sah sie mich mit großen Augen an.

„Warum kannst du mich dann sehen?“

„Ich bin ein Medium. Ich vermittele zwischen den Welten. Es war reiner Zufall, dass ich in der Nähe war und dich sah. Ich wusste sofort was du bist.“

„Was bin ich den jetzt?“

Die Arme stand völlig neben sich.

„Ein Geist Beth…ein Geist.“

„Aber…ich bin doch erst 18 geworden.“

Sie tat mir sehr leid. Ich ließ sie einen Moment bis sie sich wieder gefangen hatte. In der Zeit bemerkte ich die Veränderungen an ihr. Sie wurde einer Ganzkörperverwandlung unterzogen ohne, dass sie es mitbekam. Die gezeichneten Jahre auf der Straße verschwanden und zurück blieb ein wunderschönes Mädchen mit langen blonden, gelockten Haaren. Als ich lächelte, sah sie mich erst wütend, dann fragend an.

„Du bist bereit“, versicherte ich ihr.

„Bereit wofür?“

„Fürs Licht…schau dich an.“

Sie tat was ich sagte und begann nun ebenfalls zu lächeln.

„Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so gepflegt aussah“, hauchte sie.

„Was ist das Licht?“

„Ins Licht kommen all die guten Seelen, die auf der Erde abgeschlossen und bereit für den Himmel sind.“

„Gute Seelen?“

Fragte sie herablassend. Ich wusste auf was sie hinauswollte.

„Du hast deiner Freundin das Leben gerettet. Und das, was aus dir die letzten 4 Jahre geworden ist, ist nicht in erster Linie dein verschulden. Erfreue dich an den Gedanken, dass dein Stiefvater irgendwann in der Hölle schmoren muss“, sie schmunzelte.

„Okay was muss ich tun.“

Ich sah mich um und entdeckte den hellen Schein. Mit einem Kopfnicken in die Richtung, wurde auch Beth darauf aufmerksam.

„Einfach hineingehen“, sprach ich aufmunternd.

„Und was ist mit Susan?“

„Es wird gut für sie gesorgt sein. Du selbst kannst nichts mehr tun für sie. Deine Zeit auf der Erde ist abgelaufen. Nun musste du in einer anderen Welt leben.“

Sie nickte und stand auf.

„Begleitest du mich ein Stück?“

„Natürlich!“

Gemeinsam liefen wir dem Licht entgegen. Zwei Gestalten erschienen leuchtend in der Mitte. Beths Schritte holperten kurz, dann nahm sie an Geschwindigkeit zu.

„Dort sich meine Großeltern“, entfuhr es ihr erfreut.

Lächelnd blieb ich stehen und ließ sie die letzten Schritte selbst tun. Kurtz davor, drehte sie sich um zu mir.

„Wie heißt du eigentlich?“

Marie!“

„Bye Marie und…DANKE!“

„Bye Beth.“

Sie trat ins Licht und schon bald waren sie, ihre Großeltern und der helle Schein verschwunden.

Ich stand noch eine Weile alleine mit meinen drei Freundinnen: mit mir, meine Wenigkeit und mir selbst an einer Wand gelehnt mit verschränkten Armen und ließ die ganze Situation und Gedanken auf mich wirken. Es war sehr schwer sowas sehen zu müssen. Die armen Mädchen… diese Sache hat mich ganzschön mitgenommen und ich kam mir trotz allem sehr hilflos vor…

Als ich mich dann gefangen hatte, lief ich den Weg den wir gekommen waren wieder zurück. Schnell fand ich mich in der Gasse wieder und schon bald auf der Hauptstraße, auf der das normale Leben weiterlief als wäre nichts gewesen. Es ist traurig wie nah tot und leben beieinander liegen.

Ich tat was ich schon die ganze Zeit tun sollte und kaufte Lebensmittel ein. Dabei drifteten meine Gedanken immer wieder zurück. Wie viele wohl noch in diesem Augenblick in irgendwelchen Hallen liegen und mit dem Tod kämpfen? Oder ihn bereits verloren haben? Für diese Menschen müsste viel mehr getan werden. Aber wie? Das ist die Frage aller Fragen. In erster Linie, müssen diese Menschen sich wohl selber helfen.

Ich beschloss es dabei zu belassen und meinen Einkauf zu tätigen. Zog dabei den einzigen positiven Schluss für meine Seele. Ich habe einem Mädchen vermutlich das Leben gerettet und einem anderen geholfen hinüber zu gehen. Und damit wäre ein weiterer Fall abgeschlossen. Wenn ich anfange bei jedem Ereignis emotional heranzugehen, würde ich vermutlich durchdrehen. Nein, ich musste mir selbst eine Art Schutzpanzer errichten in dem ich Leben und Tod ganz einfach voneinander trenne.

Der Einkauf war schnell erledigt und somit machte ich mich auf den kürzesten Weg nachhause. Ich wollte nicht ein weiteres Mal in eine ähnliche Lage geraten wie vorhin. In unserer Straße angekommen, war das Auto schon in der Tiefgarage geparkt und Maya sicher schon am Wirbeln und putzen, auspacken usw.

Ich musste mal wieder die Treppe nehmen, da der Fahrstuhl mal wieder oder immer noch sollte ich lieber sagen defekt war. Nach gefühlten 10 Stunden, war ich endlich an unserer Wohnung und ging rein. Es war Musik zu hören und das war schon das Zeichen das Maya am Putzen war. Ich brachte alles in die Küche und verstaute alles an seinen Platz.

Ich hatte überhaupt keine Lust mehr zu irgendwas. Also machte ich mir noch schnell eine Schnitte, wünschte Maya eine gute Nacht und ging in mein Zimmer. Ich beschloss in die Wanne zu gehen um mein Kopf frei zu bekommen, da meine Gedanken wieder um die Mädchen von der Straße kreisten.
Plötzlich kam mir mein Leben so vergänglich und zerbrechlich vor!

Ich bin heute was ist morgen? Hab ich alle Zeit der Welt? Was sind meine letzten Worte, wenn der große Vorhang fällt? Wenn ich wüsste was danach ist, wovor hätte ich dann noch Angst? Vielleicht davor das Freunde und Familie nach mir gefragt? Für den Fall das meine liebe besteht, wo geht sie hin?

Vielleicht lebe ich weiter! Lebe ich leichter! Vielleicht sterbe und weine, schlafe und träume ich auf der dunklen Seite des Mondes! Aber leben wir?

Ist das alles nur eine Reise? Bin ich blinder Passagier? Treibe ich unbemerkt und leise wie ein Blatt aufs Große Meer? Wie weit können mich alle begleiten, wenn der letzte Akt beginnt, wenn wir nicht mehr sind? Will ich es wirklich wissen, weiter wissen als ich es bin?

Alle Gedanken die mich umgeben die die Situation in der Gasse in mir ausgelöst hat was so ein Moment anrichten kann. Ich merkte, dass mir das mit der Gabe immer noch nicht so verständlich ist. Das es Fragen gibt, die Antworten verlangen. Und ich wusste, dass ich schnell Antworten brauchte.

Ich stieg in die Wanne, genoss das heiße Nass und tauchte unter. Einfach um meinen Kopf frei von diesen Fragen zu bekommen. Wenigstens für den Moment.

Nach dem Baden überkam mich die Müdigkeit. Ich ließ mich auf mein Bett sinken. Das eigene Bett ist doch immer noch das Beste!

Als ich auf mein Handy schauen wollte um zu erfahren wie spät es ist, fiel mir Leeland wieder ein. Den hatte ich sträflich vergessen. Ich beschloss nur eine Nachricht zu schreiben, da es mittlerweile 22 Uhr war.

*He Leeland Marie hier,
wollte Bescheid geben
das wir in L.A
angekommen sind
und ich dich so
schnell wie möglich
wiedersehen will
Lg Marie*

Ich legte das Handy zurück auf meinen Nachttisch und nach einigen Minuten vielen mir die Augen zu und ein erholsamer Schlaf legte sich über mich.

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