Es ist Scheißheiß in meiner Kabine, obendrein bin ich stinksauer! Mein Shirt klebt mir, wie eine zweite Haut am Leib und der Schweiß brennt in meinen Augen, die ich eh kaum aufhalten kann. Letzte Nacht habe ich kein Auge zugetan und die Nacht zuvor und davor und, und, und. Seit wir in dieser verdammten Karibik herum schippern, die ja angeblich traumhaft schön sein soll, wovon ich nur noch nichts gemerkt habe, kann ich vor Hitze und schwüler Luft kaum noch atmen, geschweige denn schlafen.

Im Augenblick will ich nur runter von diesem Pott und weit weg von dem unsympathischen, baumlangen Kerl, der sich Käpt’n schimpft. Ständig unter Alkohol und mit einem steht’s mürrischem Gesicht, habe ich ihn, Gott lob, nur wenige Male während unserer Überfahrt zu Gesicht bekommen. Seine Mannschaft ist ein aus aller Welt zusammengewürfelter Haufen abstoßender, fieser  Seeleute, denen man nicht allein im Dunkeln begegnen möchte. Einziger Vorteil dem man diesen Schiffsführer zu Gute halten kann ist die billige Schiffspassage, denn für gerade mal vierhundertfünfzig Euro pro Kopf, hat er es uns ermöglicht von Rotterdam nach Guatemala zu gelangen.  

An der Reling treffe ich auf meine Schwägerin Martha und Justus meinen Bruder, den sie sich vor sieben Jahren geangelt hat, auf meinen Halbbruder Enrique, er ist Junggeselle und meinen Schwager Darius. Wir alle haben gegenwärtig nur ein Ziel vor Augen … runter von diesem Rattendampfer. Ich halte nicht viel von meiner Familie und würde keinem eine Träne nachweinen Sie sind allesamt, geldgierig und arbeitsscheu. Eine unausstehliche Mischpoke. Momentan jagen sie dem Erbe unseres Großonkels Traugott von Reichenbach hinterher.

Ja gut, auch ich möchte mich an seinem Nachlass bereicher, doch bin ich der Einzige der einer geregelten Arbeit nachgeht. Im Übrigen, ich heiße Wolfhard und im Gegensatz zu meiner liebreizenden Sippschaft, bin ich Buch- und Antiquitätenhändler. Ich betreibe ein Geschäft in Hamburg und eines in Rotterdam, natürlich bin ich auch Online tätig Das ist auch der Grund, warum der Ausgangspunkt unserer kleine Expedition Holland ist.

Die Vier, machen ebenfalls einen unausgeschlafenen, erschöpften Eindruck und so schleppen wir uns gemeinsam die Gangway hinunter, bevor wir unsere hitzegeschädigten Körper in ein Taxi verfrachten. Santo Tomás de Castilla, heißt das Nest in dem wir hier gelandet sind, ein Stadtteil der Hafenstadt Puerto Barrios im Departamento Izabal an der Karibikküste Guatemalas und vielmehr als ein Nest kann es dem Augenschein nach auch nicht sein.

Ich reiche dem Fahrer einen Zettel mit einer Adresse, worauf der nickt, kommentarlos den Motor seiner klapprigen Rostlaube startet und Gas gibt.        

Darius, mein Schwager hat bei mir eh verschissen bis in die Steinzeit. Ich werfe ihm unterlassene Hilfeleistung vor. Der Grund, obwohl es meiner Schwester hundsmiserabel ging, sie sich in fiebrigen, schmerzhaften Krämpfen gewunden hat, brauchte dieses besoffene Stück eine Ewigkeit um einen Notarzt zu rufen. Magenbluten, sie ist daran gestorben. Enrique ist ein außereheliches Produkt unseres Vaters und einer Italienerin. Er ist und bleibt ein Weiberheld und Hasardeur der ständig pleite ist. Meine Schwägerin Martha, hat es bis dato geschickt verstanden einer geregelten Arbeit aus dem Wege zu gehen und ihr edler Göttergatte, mein ach so vielbeschäftigter Bruder, hält es nie lange auf einem Arbeitsplatz aus. Dafür ist er fortwährend in undurchsichtige Geschäfte verwickelt. Zwei Mal habe ich schon Kaution für ihn gestellt, leider konnte man ihm nie etwas nachweisen, aber ich, ich weiß es besser.

Eine Viertelstunde später halten wir in einer schmalen Straße, vor einem in karibisch blau getünchtem Holzhaus. Auf einem verwitterten Blechschild lesen wir – Gonzalez Parreira Abogado y notario. Eine Klingel können wir nicht entdecken, dafür ist die Eingangstür nicht verschossen und wir klettern eine schmale ausgetretene Holztreppe empor. Im ersten Stock stehen wir vor einer Tür mit einem von innen verhangenen Sichtfenster. Ich klopfe. Nichts rührt sich … Ich versuche es ein zweites Mal.

»Seht Ihr! Ich hab doch gleich gesagt, dass diese Reise sinnlos ist«, mault Darius.

»Wart‘ s doch ab und sei nicht immer so negativ. Der Name am Schild stimmt mit dem auf unserem Zettel überein«, erwidert meine Schwägerin.

Drinnen werden schlurfende Geräusche laut. Ein verschlafenes Gesicht taucht hinter der Fenstergardine auf. Der Mann dahinter schaut von einem zum anderen, lässt den Stofffetzen fallen und öffnet die Tür.

» Señores, que quieres?« fragt der Mann.

» Señor Parreira, somos la familia de Reichenbach«, antwortet Enrique.

Nach einer kurzen Überlegung, erhellt sich sein Gesicht und er sagt: »Ahhh, si, si. Vienen en«, wobei er einen Schritt zur Seite tritt.

Überall im Raum stehen an den Wänden Regale, überladen mit Bücher und Akten. An der Seite fällt mir eine Anrichte mit einem modernen Drucker und einem altertümlichen Faxgerät auf. Vor dem Fenster dominiert ein Schreibtisch den Raum, auf dem sich ein Laptop, ein paar Akten und die üblichen Schreibutensilien befinden. Der Mann holt für uns ein paar Stühle aus einem Nebenzimmer und setzt sich hinter seinen Arbeitsplatz. Zu unserer Überraschung spricht Señor Parreira ein paar Brocken Deutsch, dazu kommen die spanischen Grundkenntnisse von Enrique, was zu einer einigermaßen guten Voraussetzung für eine verständliche Unterhaltung führt.

Mit der Adresse für einen Führer, ein paar Dokumente und zwei Landkarten, verlassen wir nach einer knappen Stunde das Anwaltsbüro.

Unsere erste Handlung – wir nutzen die Anschrift, die uns zu unserem einheimischen Guide führt. Der ist unserer Sprache mächtig und so erklären wir ihm unser Anliegen. Mit einer fetten Anzahlung für zusätzliche Ausrüstung und auf sein Honorar, verspricht er uns sich um alles zu kümmern.

»Wir kommen nicht drum herum aber für eine Nacht müssen wir Quartier nehmen«, sage ich.

»Na dann! Irgendein geeignetes Zimmer wird sich schon finden lassen«, ist Marthas, zuversichtlicher Kommentar.

Doch das sollte ein Wunschtraum bleiben, denn keines der Unterkünfte entspricht unserer europäischen Vorstellung und so landen wir in einem zum Teil mit Silberfischen, Spinnen, Kakerlaken und Bettläusen verseuchtem Rattenloch. Wir verbringen die halbe Nacht in einer verräucherten, mit Seeleuten lärmenden Hafenkneipe und erst als der vom Wirt gepantschte Rum unsere Sinne vernebelt hat, ziehen wir uns auf unsere Zimmer zurück.

Pedro, unser frisch engagierter Fremdenführer klopft uns, trotz bohrender Kopfschmerzen, am Morgen aus dem Bett, stellt uns drei angeheuerte Träger und die ergänzende Ausrüstung vor.

»Wir müssen übers Wasser, da die Straße bebaut wird und der Umweg über die Landstraße viel Zeit in Anspruch nimmt«, erklärt uns der junge Guatemalteke.

Mit unseren Rucksäcken bewaffnet stehen wir vierzig Minuten später am Hafen vor einer Schaluppe, in der wir und unser Gepäck bequem Platz finden. Ein Außenborder verschafft uns den nötigen Drive um an unser Ziel zu gelangen.

Wir verlassen die Bucht von Galves und umrunden die Landzunge Punta de Palma, immer an der Küste entlang bis nach Punta Herrerria, wo wir in die sich uns öffnende Mündung des Rios Dulce einbiegen.

Auf der uns gegenüberliegenden, erhöhten Uferkante hat man weiße, kinderkopfgroße Flusskieselsteine in den Boden eingearbeitet, die uns den Willkommensgruß „Welcome to Livingston“ offenbaren.

Wir lassen das Dorf unbeachtet und fahren stromaufwärts Richtung Lago de Izabel, der als größter See Guatemalas und als eine absolute Perle der Natur gilt. Noch keine drei Minuten von der Flussmündung entfernt, gleich hinter der ersten Biegung des Flusses, umklammert uns die guatemaltekische Natur in vollem Umfang.  

Domgleich steigen hier die schroffen Kalksandsteinwände des El Canyons zu beiden Seiten des Flusses in den Himmel, die sich, wie schlafende Riesen schutzsuchend unter dem sattgrünen, dichtbewachsenen Mantel der Natur zu verbergen scheinen.

Über die steil abfallenden Felsen, nicht selten über hundert Meter hoch, ragen Luftwurzeln hinab ins Wasser, als wollten sie sich zusätzlich Kraft bis hinauf in die Spitze verschaffen. Ab und an öffnen sich lagunenartige Einschnitte, die oftmals mit wunderschönen Seerose und Wasserlilien erfüllt sind.
Streckenweise begleiten uns Reiher und Pelikane. Die Luft ist gesättigt vom Gesang exotischer Vögel und dem Geschrei der Affen, das einem Echo gleich von den Wänden des Canyons widerhallt.
Von Zeit zu Zeit haben die Felswände einen Abbruch und an den dort seicht ansteigenden, dicht bewaldeten Ufern, an denen Mangroven ihre Wurzeln ins Wasser versenken, erblicken wir windschiefe Pfahlbauhütten. Palmwedel bedecken die Dächer dieser Unterkünfte und an den Bootsstegen liegen handgezimmerte Einbäume im Wasser. Noch heute holen die Indigenas, die Ureinwohner und Nachkommen der legendären Mais – Menschen, ihren täglichen Fischvorrat aus diesem Fluss.
Keiner sagt ein Wort, jeder hängt seinen Gedanken nach. Alle sind sprachlos, staunen über so viel Natur und saugen die Bilder dieser grünen Lunge regelrecht in sich hinein.

Nach einer guten halben Stunde verbreitert sich der Fluss. Wir verlassen den El Canyon und fahren mit unserem Boot durch den See, El Golfete. Die Ufer sind rundum mit dichten Mangroven bewachsen und das dahinter liegende Naturschutzgebiet ist so dicht, dass es nicht mal einen so genannten Trampelpfad gibt, erfahren wir von Pedro.

Vor unseren Augen breitet sich jetzt ein Tierparadies aus.

Von Kronenkranichen begleitet, schwirren überall farbenprächtige Aras, deren Gefieder im Licht der Sonne ein sagenhaftes Leuchtfeuer verbreiten herum.  
Farben, wie sie nur mit den Malutensilien und der Farbpalette der Natur geschaffen werden können, stürzten auf uns ein.
Große Wolken von Schmetterlingen schweben mit ihren hauchzarten Flügeln engelsgleich um uns herum, die mal Handteller groß, mal Daumennagel klein, mal zitronengelb oder taubenblau sind. Knapp unter der Oberfläche des klaren Wassers schwimmen armgroße Fische. Ich war schon immer ein Naturliebhaber, aber das übersteigt meine kühnsten Träume.

Nach einer viertel Stunde erreichen wir das Ende des Sees. Pedro unser Führer steuert das Boot weiter, dem natürlichen Lauf des Flusses folgend, in Richtung Lago Izabel.

Wir lassen noch eine kleine Ansammlung von Häusern rechtsseitig zurück und fahren direkt auf das Castillo de San Felipe de Lara am Eingang des Sees zu.

Pedro klärt uns auch über das Castillo auf, dass um 1650 von König Philipp II. von Spanien am östlichen Eingang des Lago Izabal errichtet wurde. Eine Festung, die man 1955 restauriert hat und als ein Beitrag zur Verringerung der Piraterie im karibischen Raum gedacht war.

Obwohl wir uns noch in Sichtweite des Ufers bewegen, habe ich den Eindruck mit einer winzigen Nussschale übers Meer zu fahren. Die Größe dieses Lago Izabal ist echt beeindruckend, denke ich mir. Martha scheint ähnlich zu fühlen, denn ihr Griff um Justus‘ Arm wird Zusehens fester. Ich grins in mich hinein, weil ich weiß, dass dieses Unternehmen nichts für Frauen wie Martha ist aber sie hatte sich ja nicht davon abbringen lassen, muss halt überall ihre Nase reinstecken. Wir werden sehen, wo es hinführt.

Der Wind hat indes etwas aufgefrischt, das Wasser wird unruhiger und das Gesicht meines sonst so großkotzigen Halbbruders zusehend blasser. Mit sichtlichem Vergnügen schau ich mir an, wie die Knöchel an seiner Hand, die die Bootskante umklammert, immer mehr Struktur bekommt.

Eine Stunde und vierzig Minuten dauert es bis wir in El Estor an Land gehen.

Pedro hat ganze Arbeit geleistet. In Sichtweite wartet ein Mann, neben ihm zwei geländetaugliche Fahrzeuge der Marke Toyota.

»Wow! Das nenn ich Organisation«, tönt Darius, der sich bislang weitgehend zurückgehalten hat.

Stimmt, mit Pedros Leistung kann man mehr als zufrieden sein – er ist ein Mann der Mitdenkt, sind meine Gedanken.

Nachdem die Träger unsere Ausrüstung umgeladen haben, frage ich ihn: »Sag mal Pedro, wozu brauchen wir eigentlich die Träger? Das Gepäck können wir auch allein ein- und ausladen.«

»Sie vergessen, Señor, wir müssen noch zwei Tage zu Fuß durch den Dschungel«, antwortet er mir.

Diese Aussage trifft mich gerade wie ein Hammer. Ich schau ihn an als sehe ich ihn zum ersten Mal.

»Wieso zu Fuß? Das hat uns bislang niemand gesagt. Ich denke wir fahren mit dem Auto zur Mine«, erwidere ich verblüfft.

»Es tut mir leid, Señor, aber es gibt keine Straße nach „El dios de la montaña verde”, nicht einmal einen richtigen Weg. Wir können nur über die Fernstraße CA 13 bis nach Flores fahren. Das sind gute 500 km, anschließend haben wir noch zirka 50 km befahrbare Straße zur Verfügung, die zu den Maya Ausgrabungen führen und danach ist Schluss, dann gibt es nur noch Regenwald«, erklärt Pedro mir.

»Das kann ja lustig werden. Ich werde versuchen, diese Hiobsbotschaft, den anderen zu gegebener Zeit zu unterbreiten. Jetzt machen wir uns erst mal auf Richtung Flores«, erwidere ich und steig zu meiner buckligen Verwandtschaft ins Auto.

»Gibt es Probleme oder was habt ihr so lange debattiert?« will Darius wissen.

»Es ist alles bestens. Wir besprechen das später«, sage ich und starte den Wagen.

Es ist mitten in der Nacht als wir dort ankommen. Wieder einmal sind wir auf der Suche nach einer Unterkunft. Der Unterschied zu Santo Tomás ist merklich spürbar. Hafen via Touristenzentrum, da kann der Hafen nur verlieren. Die Zimmer sind einfach, sauber und ruhig gelegen, dafür kostet sie auch gleich dreimal so viel.

Frisch und ausgeruht starten wir am nächsten Morgen in den Tag. Immer wieder halte ich mir während der Fahrt den Fußmarsch vor Augen und versuche mich zurück zu erinnern, was der Rechtsanwalt bei der Verlesung des Testaments alles gesagt hat.  

Die Aufzeichnungen ihres Onkels, bestehen lediglich aus einer Gebietskarte von Guatemala aus dem Jahre 1935, einem handgezeichneten Lageplan der Mine, einer Kurzbeschreibung des Objekts und der amtlichen Besitzurkunde, mit einer begrenzten Laufzeit von achtzig Jahren, die allerdings am 30. dieses Monats ausläuft. Um sie notariell zu verlängern und natürlich nutzen zu können, muss das Gebiet und die Mine innen, neu vermessen werden. Geschieht das nicht bis zum Urkundenablauf, geht sie automatisch wieder in den Besitz des Verkäufers oder den seiner Erben über. In den Unterlagen wird erwähnt, dass die Mine in einer adäquaten Entfernung zu den üblichen Maya Ausgrabungen zu finden ist. Die Angaben darüber sind nur vage, also nicht sehr aussagekräftig. Genauso verhält es sich mit dem immanenten Zustand, denn der wird laut der bestehenden Aufzeichnungen auch nur fragmentarisch erwähnt. Hervorgehoben ist nur der Satz - beim Betreten der Mine ist Vorsicht geboten. Sicher ist nur, dass das Areal gänzlich vom Dschungel umgeben und nicht leicht zu erreichen ist.

Nach einer guten halben Stunde endet die gut ausgebaute Straße und geht über, in eine unbebaute, zunehmend holprige Wegstrecke. Fünfzehn Minuten später, dann das endgültige aus. Nun heißt es marschieren, einmal quer durch den Dschungel.

Pedro verteilt Macheten und Gewehre. Die drei Träger und unser Guide nehmen jetzt den Rest der zusätzlich gekauften Ausrüstung, die zum großen Teil aus Essgeschirr, Schlafsäcke, Werkzeuge und Messinstrumente besteht. Keinem von uns ist wohl bei dem Gedanken zu Fuß durch einen Regenwald zu marschieren, doch nur wer an den Vermessungsarbeiten vor Ort teil nimmt, wird auch an den Gewinnen der Mine beteiligt, so lautet ein zusätzlicher Passus im Testament.

Anfänglich hält jeder von uns beim kleinsten Geraschel, ängstlich Ausschau nach gefährlichen Tieren. Schon wenige Stunden später, haben wir uns an die melodischen Klänge des Dschungels gewöhnt.

Die Luft ist schwül, wie in einer Sauna. Unsere T-Shirts kleben am Körper, ja werden zur zweiten Haut. Immer wieder regnet es. Na klar, wir sind ja im Regenwald, denke ich so bei mir.

Der Boden ist glitschig und liegt voller Totholz und Laub, was uns das Vorwärtskommen zusätzlich erschwert. Martha und Justus gehen hinter mir, Enrique und Darius bilden die Nachhut. Die Träger und Pedro schlagen mit ihren Macheten eine Schneise in das undurchdringliche Dickicht.

Wir sind gerade mal vier Stunden unterwegs als meine Schwägerin und mein Bruder das Weichei, konditionell die schwächsten Glieder in unserer Gruppe, eine erste Pause erzwingen. Eine viertel Stunde vergeht, wir wollen gerade weiter … als ein plötzlicher Aufschrei von Martha uns das Blut in den Adern gefrieren lässt.

»Verdammt, irgendetwas hat mich gebissen«, kreischt sie, schon fast hysterisch. Sie springt auf und hält zum Beweis ihren Arm in die Höhe. Zwei winzige Einstiche über dem Handgelenk sagen uns, dass nur eine Schlange als Übertäter in Frage kommt.

»Das ist ein echtes Problem«, sagt Pedro flüsternd zu mir, »wenn wir nicht umkehren, riskieren wir ihren Tod. Da wir aber den Typ Schlange nicht kennen, kann der Weg zurück schon zu lang sein«, erklärte er weiter, während er ein Messer zieht, einen kleinen Schnitt über die Einstiche tut und sie aussaugt.

Meine Schwester schreit kurz auf, beruhigt sich jedoch schnell.

Nachdem Pedro sie ärztlich versorgt hat, entschließen wir uns weiter zu gehen. Ob zurück oder weiter gehen, stellt sich in Marthas Fall als völlig egal heraus. Zwanzig Minuten später ist ihr Arm auf die doppelte Größe angeschwollen. Fieberschübe durchrasen ihren Körper und wechseln sich mit Schüttelfrost und Schweißausbrüchen ab. Justus steht hilflos daneben, ist verzweifelt – ratlos, wie wir alle.

»Wir können sie doch nicht so einfach hier sterben lassen«, schreit er schluchzend und schaut dabei verzweifelt von einem zum anderen.

Pedro versucht es noch einmal mit einem Gegengift und gibt meinem Bruder anschließend eine Beruhigungsspritze. »Mehr kann ich leider nicht tun«, sagt er, mir zugewandt.

Eine Stunde dauert ihr Todeskampf, den wir tatenlos mit erleben müssen. Justus bricht weinend an ihrem Grab zusammen, das wir aus zusammen gesuchten Steinen für Martha errichten. Danach stehen wir vor der Wahl weiter zu gehen oder abzubrechen. Wir entschließen uns weiter zu gehen, das sind wir Martha irgendwie schuldig. Den Rest der grünen Hölle bewältigen wir mit einer Übernachtung und zwei kurzen Kaffeepausen.

Trotz der nebulösen Wegbeschreibung, kommen wir dank Pedro sicher ans Ziel. Ohne große Umschweife machen wir uns an die Arbeit und während wir mit den Außenvermessungen beschäftigt sind, baut unser Guide zusammen mit den Trägern ein Lager auf. Nach vier Stunden, es ist schon wieder dunkel und unsere erste Aufgabe beendet. Wir beschließen die innere Minenvermessung auf morgen zu verschieben und gehen frühzeitig schlafen.

Die kommende Nacht ist für mich die Hölle. Ich habe Alpträume. Immer wieder erscheint vor meinen Augen der Satz aus dem Testament – beim Betreten der Mine ist Vorsicht geboten –  zwischenzeitlich erscheint Martha, hebt warnend ihren geschwollenen Arm und Großonkels Traugott schaut grinsend zu, wie wir schreiend in den Tod stürzen.

Schweißgebadet werde ich wach und nehme im angrenzenden Bach, der als sprudelnder Miniwasserfall vom Berg herabstürzt eine Dusche. Nachdem ich den Kopf wieder frei habe, treffe ich die anderen Kaffee trinkend am Lagerfeuer. Nach dem Frühstück wollen wir die Sache endlich zu Ende bringen.

In der Mine ist es stockdunkel. Ich zünde eine Fackel nach der anderen an, die alle paar Meter mal rechts und mal links an der Wand befestigt sind. Schritt für Schritt tasten wir uns voran. Pedro ist auch mit dabei und bildet das Schlusslicht. Die Wände schimmern grün, was mich wundert.

»Seit wann schimmert Gold grün?« will ich von Pedro wissen.

»Das ist grünes Gold, Señor. Es ist Jade«, bekomme ich zur Antwort.  

»Das ist was?« Rufe ich, denn ich denke ich hab mich verhört. Enrique, Darius und Justus bleiben wie angewurzelt stehen als sie Pedros Worte vernehmen. Darius tritt einen Schritt zurück auf einen flachen Stein in der Mitte des Ganges als sich der Boden unter uns öffnet und wir schreiend in die Tiefe stürzen. Pedro kann im letzten Moment noch zurück weichen, dann wird es still in der Mine.


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