Die langen schwarzen Schatten der schnell nahenden Nacht zogen ihre Bahnen und verwandelten alles was sie berührten in ein dunkles, undurchdringliches Nichts.

»Ist er hier hinein gegangen?« fragte Charlotte leise, die ihrem Bruder gefolgt war.

Oliver zuckte zusammen als er sie sah. »Ja, ich habe es selbst gesehen. Hab ich nicht gesagt du sollt warten bis ich dich rufe, Charly«, flüsterte Oliver zurück, während er den eisernen Tor Riegel beseitigte und vorsichtig die Pforte öffnete. Schrill kreischten die rostigen Scharniere aus Eisen als der Einlass schwerfällig zur Seite schwang.

Vor ihnen lag ein schmaler aus geschwärztem Granit Stein gelegte Weg, der direkt zum Eingang des alten Herrenhauses führte. Linker Hand bewegte sich unruhig gurgelnd ein silbrig glänzendes Bächlein, an dessen Ufer sich Efeu umrankte Steinskulpturen, im blass gelben Schein des Mondes mystisch und Totem starr erhoben.

An der hölzernen Haustür waren deutlich die Spuren von jahrelanger Verwitterung zu sehen und die Beleuchtung über dem Portal war ebenfalls nicht in Ordnung. Die Glasscherben der gläsernen Abdeckung lagen am Boden und die Glühbirne flackerte bei jedem Windstoß.

Oliver lauschte. An der Tür vernahm der Knabe ein leises Kratzen. Die Geschwister sahen sich fragend an.

»Eine Katze?«, hauchte Charlotte ihrem Bruder ahnend ins Ohr.

Zaghaft, ja ein wenig ängstlich betätigte Oliver die Klinke. Beim vorsichtigen öffnen quietschten auch, wie an der Pforte des Grundstücks die Türangeln, die allem Anschein nach seit Monaten kein Öl mehr gesehen hatten. Durch einen winzigen Spalt schaute der zarte Kopf eines Teckel Welpen hervor.

»Mein Gott, ist der süß«, sagte Charlotte und wollte ihn aufheben. Der junge Hund aber zuckte zusammen, lief verschreckt hinaus in den Garten und verschwand in einem nahe gelegenen Gebüsch.

Das Entree lag völlig im Dunkel. Erst als Oliver und Charlotte ihre Taschenlampen benutzten, konnten sie sich einen Überblick verschaffen. Der Eingangsbereich war ziemlich groß. Nur fünf Schritte entfernt, an der linken Seite, befand sich eine zweiflüglige Tür aus Holz, dessen obere Hälfte je einen Milchglas Einsatz mit Jugendstil-Ornamenten besaß. Oliver leuchtete hinein, sah eine geräumige Bibliothek mit einer wuchtigen Sitzgruppe aus Leder  und einem Kamin.

»Das stell ich mir gemütlich vor, wenn draußen klirrende Kälte herrscht und alles voller Schnee und Eis ist, während hier drinnen ein warmes Feuer prasselt«, schwärmte Charlotte, die ihrem Bruder über die Schulter schaute.

»Jaja, schon gut«, erwiderte er, leicht genervt von ihrem Geplapper und schob sie von sich weg.

Nebenan erhob sich eine Treppe. Eine aufgeklappte Leiter stand ihnen im Weg.

»Geh bitte drum herum, Olli«, beschwor ihn seine Schwester flehendlich.

»Dein ewiger Aberglaube geht mir langsam auf die Nerven, Charly«, war seine Antwort; trotz allem umrundete er die Leiter und winkte seine Schwester zu sich heran.

Charlotte kontrollierte indes die beiden Türen auf der rechten Seite aber die eine war verschlossen und hinter der anderen waren Reinigungsmaschinen und Putzmittel. An der Stirnseite gab es einen Gang der in den Ostflügel des Hauses führte, doch Oliver winkte seine Schwester zu sich heran.

»Schau hier«, sagte er und leuchtete mit der Taschenlampe von der Tür bis zur Treppe und hinauf: »man kann deutlich frische Spuren im Staub erkennen«, und staubig war es überall.

»Ich weiß nicht wie du erkennen willst, dass das frische Spuren sind. Hier wimmelt es von Fußabdrücken, so eine Ferkelei. Hier wurde bestimmt schon wochenlang nicht mehr geputzt«, raunte sie ihrem Bruder zu. Oliver grinste. Typisch Mädchen, dachte er und stieg die Stufen die ebenfalls knarrten hinauf.

»Igittigitt, ist das hier alles schmuddelig«, murmelte seine Schwester hinter seinem Rücken, doch er achtete nicht darauf.

Im ersten Stock gab es einen ähnlichen Gang wie im Parterre, auch er führte in den östlichen Teil des Hauses – nur Licht gab es auch hier nicht – und so fraßen sich die Lichtkegel ihrer beiden Taschenlampen unruhig tanzend durch die vor ihnen liegende Dunkelheit. An den Wänden hingen Aquarelle, die Clowns in unterschiedlichen Posen zeigten.  

 »Riechst du das auch, Olli?« fragte Charlotte und sog mehrmals hörbar die Luft ein.

»Du hast recht als wenn hier in einer Ecke ein Stück Käse vergessen wurde«, kommentierte er den Geruch.

Auf jeder Seite des Ganges befanden sich zwei Türen und an der Stirnseite prangte abermals eine Doppelflügel Tür. Die Geschwister öffneten eine nach der anderen, doch sie fanden nur eine Küche mit den üblichen Einbauten wie Herd, Kühlschrank und Schränken für Geschirr und Töpfe, ein Bad mit Badewanne und Waschtisch, ein Ankleidezimmer und eine Kammer mit den unterschiedlichsten Mitteln zum Putzen.  

Der süßlich beißende Geruch verstärkte sich zunehmend. Zum Schluss blieb noch das Zimmer am Ende des Ganges, der allerdings hier einen Knick machte.

»Da hinten schauen wir uns nachher um«, erklärte Oliver seiner Schwester. Hier wurde der unangenehme Geruch allmählich zum unerträglichen Gestank, so schlimm, dass ihnen die Tränen in die Augen schossen. Die beiden Kids hielten sich jeder ein Taschentuch vor den Mund, während Oliver den rechten Flügel der Tür öffnete.

Augenblicklich strömte ihnen ein Schwall übelsten Gestanks entgegen. Charlotte fing sogleich an zu würgen und wurde leichenblass, ebenfalls ihr Bruder. Beide krümmten sich in einem Hustenreiz und als sie endlich wieder aufsahen, erkannten sie die Ursache des Übels das sich direkt vor ihren Augen auftat.

Starr, wie angewurzelt, blickten beide auf das abscheuliche Bild, das sich ihnen bot, unfähig auch nur einen Finger zu rühren.

Auf dem Bett des Zimmers, es war das Schlafzimmer, lag ein Mann, nur mit einer Pyjamahose bekleidet.

Charlotte erwachte als erste aus ihrer Bewegungslosigkeit und stieß mit schreckgeweitetem Blick einen spitzen Schrei aus.

Der Mann lag in einer eingetrockneten Blutlache, die sich bis hinunter auf den Bettvorleger ergossen hatte. In seiner nackten Brust steckte ein Messer mit einem geschnitzten Griff aus dunklem Horn  – vermutlich ein Jagdmesser.

»Ich nehme mal an, dass das der Hausherr ist, äh … war«, äußerte Oliver seine Vermutung ohne auf den Schreckensschrei seiner kleinen Schwester zu reagieren.

»Boah, wie das stinkt, widerlich. Der ist doch bestimmt schon seit Wochen Tot«, mutmaßte Charlotte voller Ekel.

Sein linker Arm war abgefault und herunter gefallen, wahrscheinlich hat der im Sterben liegende noch die Schublade seines Nachtisches geöffnet. Auf dem Nachttisch selbst lagen ein umgestürzter Wecker, ein paar Medikamente und eine kleine gläserne Blumenvase, in der sich eine einzelne verwelkte Rose krümmte. Die Schublade selbst lag herausgerissen auf dem Boden. Einen halben Meter im Raum befand sich eine Pistole, die sich vermutlich in der Nachttischschublade befand und die der Tote möglicherweise erreichen wollte. Jetzt lag sein Arm am Boden auf dem kleinen Läufer vor dem Bett in seinem eigenen geronnenen Blut. Das Gesicht des Toten schaute genau in ihre Richtung. Ein Auge fehlte, das andere starrte sie milchig blind an. Der Körper auf dem Bett war übersät mit sich windenden Maden und überall im Raum schwirrten Fliegen umher. Auf einem Tisch in der Mitte des Zimmers standen zwei einzelne Kerzenleuchter mit je einer jungfräulichen Kerze. In einer Obstschale dazwischen hatten sich Weintrauben, eine Birne und zwei Bananen schon lange verabschiedet, und davor hatte jemand den an Blut erinnernden Inhalt eines Fläschchens Nagellack über den Leitartikel einer alten Tageszeitung verschüttet.

»Komm Olli, ich will hier weg. Sie packte ihren Bruder voller Entsetzen an der Hand und riss ihn mit sich fort. Beide liefen so schnell sie konnten in Richtung Ausgang. Charlotte strauchelte, fiel hin, doch Oliver zerrte sie am Arm wieder hoch und sie flogen geradezu die Treppe zur Halle hinunter um hinaus ins Freie zu gelangen.

Doch dazu kam es nicht mehr, denn mitten im Laufen griffen ganz plötzlich je zwei starke Arme nach den Geschwistern. Wie von den Tentakeln eines riesigen Kraken wurden ihre kleinen Körper umschlungen, so kraftvoll, dass es ihnen fast den Atem raubte und sie nur noch mit Mühe Luft bekamen. Da half auch kein zappeln und strampeln, wie zwei lebende Schraubstöcke hingen sie fest in den Armen der Unbekannten. Charlotte stieß erneut einen Schrei aus, doch das nutzte nichts, denn im nächsten Moment, presste man ihnen einen dicker Wattebausch aufs Gesicht, der mit seinem ekelig süßen Duft, der den jungen Oliver sofort an seine unangenehme Mandeloperation vom letzten Jahr erinnerte. Diese widerwärtig sterilen Gerüche die für gewöhnlich in jedem Krankenhaus zu finden sind und mit denen der Knabe so schmerzliche Erinnerungen verband. Zu viel mehr Gedanken reichte es jedoch nicht, denn schnell schwanden ihnen die Sinne und Oliver, sowie auch Charlotte wurden Bewusstlos. Ähnlich, wie ein Postpaket klemmten die Unbekannten Männer sich die beiden Kids unter die Arme und ab ging es in das Zimmer, welches beim Hereinkommen verschlossen war.

Stille … im Raum hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Der Autor unterbrach seine Lesung, nahm einen Schluck Wasser und schaute dabei auf ein vor Spannung bewegtes Publikum.

Martha und Leni hatten sich rechtzeitig Karten für diese Lesung besorgt -  war doch Art Höller Marthas Lieblingsautor.

»Und, hab ich dir zu viel versprochen?«, fragte Martha die Freundin.

»Bestimmt nicht. Der Typ gefällt mir gut und das Buch ist echt spannend. Da werde ich mir nachher garantiert eins mit persönlicher Widmung kaufen«, antwortete Leni. Zwanzig Minuten später war die Lesung beendet, und nach der anschließenden Autogrammstunde verließen die Mädchen ziemlich aufgewühlt und heftig diskutierend das Café, in dem die Lesung stattgefunden hatte.

 

©Autor: Werner Thieke

 

 

 

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