Ich liebe ihn.

Ich liebe ihn schon seit dem ersten Moment, auf den ersten Blick, wie man so gerne sagt, daran kann kein Zweifel bestehen. Er ist der zweite Teil meiner Seele, mein Romeo, der Vater meiner Kinder, der Eine.

Wir gehören zusammen, sind unzertrennlich. Unsere Liebe kann Berge versetzen.

Ich beobachte ihn, wie er schläft. Friedlich wie ein Baby. Trügerischer Friede.

Unsere Einheit war für das Leben gemacht. Für das ewige Leben, für immer. Es ist Gottes Wille, dass wir zusammen bleiben.

Er will mich verlassen. Ich sehe es in seinen Augen. Natürlich hat er es nicht gesagt, mit keinem Wort. Doch ich spüre es, ich bin mir sicher. Wir sind zwei Teile einer Seele, ich kann seine Gedanken lesen. Er muss es denken.

Bin ich ihm zu fordernd, verlange ich zu viel? Ist es meine Schuld? Ich stelle mich doch nicht gegen die natürliche Ordnung, gegen das Höchste auf der Welt, die ewige Liebe. Es ist eine Sünde, seine Sünde.

Ich muss ihn bestrafen. Ich muss ihn an mich binden. Habe ich die Kraft dazu?

Er ist groß. Stark. Stärker als ich. Aber jetzt schläft er. Tief und fest, wie eine Nachtigall.

Ein kleines Vogelküken im Nest. Mein junger Wellensittich. Der Geier unter meinem Dach.

Er darf nicht sündigen. Ich muss ihn aufhalten. Ihn beschützen, vor allem, vor dem Zorn der Götter. Ich muss ihn in seinen goldenen Käfig stecken, zu seinem Schutz.

So schwer es mir fällt.

Der Käfig ist golden, weich, still und leise. Er presst sich auf sein Gesicht. Der Käfig nimmt ihm den Atem. Die Flügel schlagen aus dem Schlaf auf. Der Vogel wehrt sich. Der Käfig ist unerbittlich. Er wird benetzt mit Tränen.

 

Ich hebe das Kissen. Der Vogel ist jetzt still. Bald ruht er in Frieden neben all den anderen Männern in meiner Ewigkeit, unten im Keller.

Seine kalten Lippen schmecken noch immer nach der Freiheit.

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Fairy Dust

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