Sie hatte es getan! Sie hatte es wirklich getan!
Glücklich liess sie sich in die weichen Polster des TGV sinken. Der Zug verliess die Bahnhofshalle und fuhr nun Richtung Süden.
Sie spürte, wie ihr Herz heftig klopfte. Sie versuchte, sich zu entspannen.
Draussen flog die Landschaft ihrer neuen Heimat vorbei. Tief atmete sie durch.
Der Schaffner kam. Freudestrahlend streckte sie ihm ihr Ticket - Billet nannte man es hier - entgegen. Wenn er wüsste...
Sie verstaute ihren Geldbeutel mit den Fahrausweisen wieder in ihrer Handtasche. Als der Schaffner ausser Sichtweite war, bückte sie sich und holte unter ihrem Sitz einen Korb hervor. "Braves Mädchen, braver Junge", murmelte sie leise und liess Leckerlis zwischen den Gitterstäben hineinfallen.
Sie kicherte leise vor sich, während sie den Korb wieder an seinen Platz zurückschob. Dann öffnete sie ihren grossen Rucksack und holte ihre Thermoskanne hervor. Eigentlich war sie gar nicht durstig, aber ihr war nach Feiern. Sie hatte es getan!
Während sie ihren heissen Kaffee schlürfte, hing sie ihren Gedanken nach. Sie erinnerte sich an die Wahl, vor die man sie auf einmal gestellt hatte. Wie sie gespürt hatte, dass es noch einen andern Weg geben müsse. Und wie sie sich dann entschieden hatte, sich einen lebenslang gehegten Wunsch zu erfüllen. "Besser spät als nie!" war ihre Devise gewesen, während sie sich auf ihre Abreise vorbereitet hatte. Ihre Familie und ihre Freunde hatten den Kopf geschüttelt, als sie ihnen von ihren Plänen erzählt hatte. Nur wenige ermunterten sie, daran festzuhalten. Ihr Hausarzt hatte ihr aufmerksam zugehört und sie dann darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Entscheid auch bedeute, dass sie damit die ganze Verantwortung für ihr körperliches Wohlergehen nun selber zu tragen zu habe. "Aber," sagte er lächelnd, als sie seinen Praxisraum verlassen wollte, "wissen Sie was? Ich bewundere Sie und Ihren Mut! Ich wollte, ich wäre nur halb so mutig wie Sie! Bitte geben Sie mir doch mal Bescheid, wie es Ihnen geht!" Dann hatte er sie freundlich hinausbegleitet.
Damals war ihr, als würde dem Vogel in ihrem Herzen der Käfig geöffnet. Leichtfüssig ging sie nach Hause, ein Lied auf den Lippen.
Und nun war der Vogel unterwegs...

Sie musste eingeschlafen sein, denn auf einmal spürte sie, wie jemand ihre Schulter berührte. "Madame! Wollten Sie nicht hier aussteigen?" Verwirrt öffnete sie die Augen. Vor ihr stand der Schaffner und blickte sie freundlich an. Ach, das war ihr nun doch etwas peinlich! Scheinbar hatte sie den Rest der Reise einfach verschlafen! Hastig packte sie ihre Sachen zusammen. Die Hilfe des Schaffners lehnte sie aber energisch ab. Sie konnte sich selbst um ihr Gepäck kümmern! Und vor allem war ja da noch ihr  Korb...
Kurze Zeit später stand sie auf dem Bahnsteig. Noch fühlte sie sich etwas benommen nach ihrem ausgedehnten Schlaf. Hinter ihr fuhr der Zug weg. Menschen eilten dem Ausgang zu. In diesem Moment ging die Sonne unter. Ihr goldgelbes Licht schien sich wie ein wärmender Mantel um sie zu legen. Still stand sie da und genoss diese Wärme, diesen ganz besonderen Moment. Tief atmete sie ein und aus.
Sie war da!
Ihr war, als würde etwas in ihr zersprengt. Der Käfig war nicht nur offen, sondern weg! Endlich endlich hatte sie getan, wovon sie schon immer geträumt hatte! Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie mit ihrem Gepäck langsam zum Ausgang ging.

Dann stand sie vor dem Bahnhofsgebäude. Etwas verloren kam sie sich nun doch vor, jetzt, wo sie wirklich hier war. Um sie herum ertönten Wortfetzen der ihr zwar geläufigen, aber doch erlernten Sprache. Menschen eilten an ihr vorbei, Autos hupten. Aus dem geheimen Korb ertönte vorwurfsvolles Miauen. "Gleich sind wir da!" Sie beruhigte ihre tapferen Reisebegleiter mit weiteren Leckerlis.
Jetzt nur nicht aufgeben! Sie sprach sich selbst Mut zu, sah sich um. Irgendwo musste er doch sein!

Sie war ihm gleich aufgefallen, als sie das Bahnhofsgebäude verlassen hatte. Etwas unsicher blickte sie sich um. Klein war sie, von zierlicher Körpergestalt. So hatte er sie sich vorgestellt nach all ihren Mails. Er lächelte. Die Katzen hatte sie scheinbar problemlos über die Grenze geschmuggelt. Das hatte sie im Vorfeld der Reise fast am meisten beschäftigt. "Wissen Sie," hatte sie ihm geschrieben, "ich möchte mich wirklich in diesem  Ihrem Land für immer niederlassen. Und da gehören meine beiden Katzen einfach dazu."
Er hatte ihr ein hübsches Häuschen gesucht. Nicht zu gross aber auch nicht zu klein. Ideal gelegen, um zu Fuss einzukaufen und doch in einem ruhigen Quartier. Es war sein Beruf, für seine Kunden das Beste zu finden.
Er hatte ihr einige Vorschläge gemacht, sie auch immer wieder gefragt, ob sie sich nicht selber vor Ort ein Bild machen wolle, bevor sie sich entscheide. Das hatte sie jedes Mal abgelehnt. Sie vertraue ihm, schrieb sie immer wieder.
In ihren Mails hatte die Frau jugendlich gewirkt, spontan, humorvoll. Gleichzeitig schien sie genau zu wissen, was sie wollte.
Obwohl er doch ein Profi war, verspürte er nun eine gewisse Nervosität, die sich in seinem Bauch breitzumachen begann.
Langsam bewegte er sich auf sie zu. Während er sich ihr näherte, bewunderte er ihr schönes, langes Haar, welches in Wellen über ihren Rücken fiel. Dann wandte sie sich um.

Vor ihm stand eine alte, zerbrechlich wirkende Dame, welche ihm die Hand entgegenstreckte. Ihre Augen funkelten vor Freude.
"Das war meine letzte lange Reise!" sagte sie und strahlte. "Zeigen Sie mir jetzt mein letztes Zuhause?"

"Wissen Sie," erklärte sie dem immer noch leicht verstörten Immobilienhändler später, als sie zusammen in ihrer neuen Küche bei einem Kaffee sassen, "wissen Sie, mir graute davor, meine Tage in einem Heim zu beenden. Mir wurde klar, dass ich noch einen Traum hatte. Und auch, wenn ich nun bereits etwas wackelig bin auf den Beinen, habe ich das Anrecht, mir diesen zu erfüllen! Dieser Traum ging heute in Erfüllung."
Mit leuchtenden Augen sah sie sich um, streichelte mit ihren Blicken jedes einzelne Detail ihres neuen Daheims. Ihre leicht gichtige Hand lag entspannt auf dem Tisch, ihr Atem ging leicht. Sie lächelte. Auf einmal wirkte sie wie ein junges Mädchen. Ihre beiden Katzen strichen zufrieden schnurrend um ihre Beine.
"Ich weiss ja nicht, wieviel Zeit ich noch habe," flüsterte sie, während sich eine Träne ihren Weg durch ihr runzeligs Gesicht suchte. "Aber ich weiss mit Sicherheit, dass diese Zeit glücklich sein wird."




Comments

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    Deine Geschichte hat mich von Anfang an in den Bann gezogen, und mich auch nach dem Ende nicht ganz losgelassen, weil sie so berührend, ergreifend und wunderschön ist :)

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    Auf eine angenehme Weise ergreifend und... ja, auch spannend, weil man doch schon gerne wüsste, worum es geht. Sehr gelungen, Shari!

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    Wunderschön! Hervorragend gespannter Erzählbogen und eine ergreifende Geschichte. :)

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    Wundervoll geschrieben! Die Nachricht berührt mich sehr und ich wünsche jedem Menschen, diesen Text einmal im Leben lesen zu können.

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    Da wird einem ja richtig warm ums Herz. Sehr schön und anrührend geschrieben, liebe Shari. Zum Schluss noch einmal alles wagen und sich einen langgehegten Traum erfüllen: Wer möchte das nicht? ;) Ein schönes Lebensende.

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    Ein wunderschöner Text! :-)

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    Hat mich berührt. Toll ge- und beschrieben :)

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