Die Pfeiler des Lichts (10)

In diesem Augenblick trat eine junge, etwas dunkelhäutigere Frau, mit einfachem Gewand, jedoch eine wunderschöne Ausstrahlung und bescheiden gesenkten Lidern, in den Saal und sprach: «Der Tee Herr und ein paar Früchte dazu, wie ihr es gewünscht habt!» Sie stellte ein Tablett auf einen kleinen Tisch mit Stühlen darum und wollte sich dann leise wieder zurückziehen. Hanael und Hanania blickten den König ungläubig an. «Herr?» fragten sie mit grossen Unmut in der Stimme. «Sie nennt euch Herr? Was soll das? Wartet kurz liebe Frau!» riefen sie der Dienerin zu. Hanael wandte sich nun mit zornerfüllter Mine an Anauel « Das was ich hier sehe, gefällt mir ganz und gar nicht! Wie kann es sein, dass diese Frau euch dienen muss? Wir sind, wie bereits Hanania sagte, alle gleich! Jemanden zum Untertanen zu machen, ist ein Verstoss gegen die Schöpfer- Gesetze. Niemand hat das Recht sowas zu tun!» «Aber sie arbeitet doch gerne für mich, sie macht das…. freiwillig,» versuchte sich der König raus zu reden. «Ist das wahr?» fragte Hanael die Dienerin « arbeitet ihr aus reiner Nächstenliebe für diesen Mann?» Die Dienerin zögerte einen Augenblick und überlegte was sie zur Antwort geben sollte, dabei huschten ihre Augen immer wieder ängstlich zum König herüber. «Sie hat ganz eindeutig Angst!» rief Hanania « sie arbeitet demzufolge nicht freiwillig für euch. Wie könnt ihr nur!» sie ging zu der jungen Frau und legte den Arm beschützend um sie. «Wie heisst du Kind?» fragte sie. «Ich bin Thelala.» «Wie kommt es, dass du auf diese Weise dem König dienst?» «Ich mache das schon lange. Der König hat sich einst um mich gekümmert, als ich ganz allein war und hat mich bei sich aufgenommen. Doch… mit der Zeit, verlangte er, dass ich mich dafür erkenntlich zeige. Und so kam es, dass ich seine Dienerin wurde.» «Und macht dich das denn glücklich?» Nun… ehrlich gesagt… nicht mehr so wirklich.» Thelala!» rief der König und versuchte seinen Zorn zu verbergen «wie kannst du nur, nach allem, was ich für dich getan habe?» Die Angesprochene wirkte nun ein Stück selbstsicherer und erwiderte: «Genau das ist es ja Anauel! Warum muss ich noch immer in deinen Diensten stehen, weil du mal etwas für mich getan hast? Was ist mit der selbstlosen Liebe? Die ist in diesem Reich doch schon lange verloren gegangen. Das alles, es dient nur dem Wohle weniger und die andern leiden und darben. Ich will das nicht mehr! Ich will endlich frei sein, frei von diesen Zwängen, doch das ist dir egal. Für dich bin ich doch nicht mehr wert, als der Staub unter deinen Füssen. «Wie kannst du es wagen…» setzte der König an, doch sogleich zügelte er sich, wenn ihn das auch eine erhebliche Kraftanstrengung kostete. «Sie kann alles wagen, denn sie ist frei, wie alle Geschöpfe der grossen Eltern!» sprach Hanael. «Ab heute ist Thelala ermächtigt, überall hinzugehen, wo es ihr Herz begehrt und ihr werdet sie in Ruhe lassen! Ihr werdet ausserdem dafür sorgen, dass diese Missstände in eurem Reich ein Ende finden! Ihr werdet allen angemessene Behausungen geben und genug zu Essen und schöne Kleidung! Keiner wird mehr der Diener des andern sein, ausser er will es selbst und dann muss er gut und respektvoll behandelt werden! Ich werde euch, in Anbetracht eurer Vergehen, eures Amtes als König entheben. Ihr werdet eure Macht auf ein Parlament verteilen, das von eurem Volke gewählt wird. Alle sind berechtigt zu wählen.»

 

«Aber… wiedersprach der König erschrocken «Das geht nicht so einfach. Wir haben uns das alles aufgebaut. Wir mussten doch etwas tun, da ihr ja nie mehr hier wart und wir auch Gottes Wort nicht mehr empfingen. Wir versuchen stets alles, um ihn zufrieden zu stellen! Die Menschen hier, sie brauchen einen König, jemanden der ihnen den richtigen Weg weist. Es gab ja auch in den himmlischen Gefilden damals Fürstenhäuser.» «Ja, doch die Fürsten damals, waren stets auf das Wohl aller bedacht. Ihr solltet euch schämen. Wärt ihr doch wenigstens ein König, der sich um alle kümmert, aber ihr sitzt hier auf eurem Thron, umgeben von euren Lakaien und fresst euch voll und satt, während andere darben! Damit ist jetzt Schluss, endgültig, habe ich mich klar ausgedrückt?!» Der König war hin und her gerissen, zwischen Widerstand und Unterwerfung, doch dann erwiderte er zerknirscht «Nun gut, wenn ihr es wünscht, grosser Anführer…»

 

Wir verbrachten noch einige Zeit im Reiche der Ibranis, um zu überprüfen, dass auch alles so gemacht wurde, wie wir es befohlen hatten. Eigentlich war es uns zuwider, solch strenge Regeln zu erlassen, doch so konnte es nicht weitergehen! Wir machten uns selbst grosse Vorwürfe, dass wir es überhaupt so weit hatten kommen lassen. Eigentlich war es ja auch mit unsere Schuld, dass alles aus dem Ruder gelaufen war. Wir überwachten die Wahl des Parlaments und gaben Anweisung für den Bau neuer Gebäude und das Schneidern schöner Gewänder, für alle Menschen. Das alles machte viel Arbeit, doch wir fanden schliesslich ein paar geeignete Leute, die zusammen mit dem einstigen König alles organisieren sollten.

 

Wir begriffen, dass schlussendlich das Leid der Abgeschnittenheit vom Schöpferlicht, die Trennung von geliebten Angehörigen, Dualpartnern und die Unfähigkeit, lebende Kinder zu bekommen, ebenfalls zu diesen Missständen beigetragen hatte. Auch Anauel, war nur eine tief verletzte Seele, für die wir mit der Zeit auch immer mehr Mitgefühl empfanden. Er war einfach irregeleitet gewesen, durch seinen Schmerz. Auch durch seine Einsamkeit, da er sein Dual verloren hatte. Er hatte aufgrund seiner eigenen Qualen die Vision, alleinstehende Duale, mit anderen alleinstehen Dualen zusammen zu führen, doch wir machten ihm begreiflich, dass er das ebenfalls nicht zu bestimmen hatte. Wenn zwei alleinstehende Duale zusammenfanden, war das in Ordnung, nur musste das ebenfalls auf freiwilliger Basis geschehen. Er berichtete uns von einer Frau namens Ashalia, mit der er sich sehr verbunden fühle, welche jedoch eines Tages auf einmal verschwunden war. Er hatte die Rebellen in den Bergen in Verdacht, sie entführt zu haben. Denn diese waren Feinde der wahren Ordnung. Er bat uns, auf unseren Reisen nach seiner Liebsten Ausschau zu halten und sie wenn möglich zurück zu ihm zu bringen. Wir versprachen unser Bestes zu versuchen, nichts ahnend…, dass Anauel uns, ohne dass wir es merkten, für seine Zwecken instrumentalisiert hatte.

 

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