Die Pfeiler des Lichts (14)

Sie goss mit einer Bewegung, welche ihre Anmut noch unterstrich, den Tee in drei gewölbte Becher und reichte dem Fürstenpaar je einen davon. «Möge der Geist unsere geliebten Eltern euch segnen!» sprach sie inbrünstig und ihre Aura leuchtete dabei in allen Farben auf. Sie war ein sehr hohes Wesen, das erkannte man sofort und tiefe Ehrfurcht ergriff Jael. Was nur hatte Helala dazu bewegt, sie aufzusuchen? «Was ist denn der Grund deines Besuches?» fragte er deshalb, darum bemüht, nicht allzu unterwürfig zu wirken. Dies war im Angesicht dieses hohen Geistes, gar nicht so einfach. «Ihr seht euch als meiner nicht ebenbürtig,» sprach die Kaiserin tadelnd, «ich lese es in eurer Aura. Dabei seid ihr das.» «Nein Helala,» erwiderte diesmal Jaella. «Wir sind deiner schon lange nicht mehr ebenbürtig, schon seit wir uns gegen die ewige Ordnung stellten und hier gelandet sind. Du bist freiwillig hier, aus Treue zu deinem Dualpartner. Wir aber, sanken in der Schwingung so sehr ab, dass es keinen anderen Weg mehr für uns gab. Das ist eine Schuld, die wir niemals abzustreifen vermögen.» «Da irrt ihr euch aber! Ihr seid auf einem sehr guten Weg. Dennoch wird es für euch immer schwieriger werden, da ihr euch gegen meinen Gemahl stellt.» Jael meinte, das Herz müsse ihm stillstehen und er sprach: «Ja, es tut uns sehr leid grosse Herrin, aber wir können nicht tatenlos dabei zusehen, wie Heliel unser Erbe, mit Krieg und Zwietracht beschmutzt.» «Er kann nicht anders, er steht sehr unter Druck, doch das heisst nicht, dass man sich ihm nicht entgegenstellen darf. Man muss das sogar, weil es nicht so weitergehen kann.» Jael schaute die Kaiserin prüfend an, doch ihre Aura leuchtete in gleichbleibendem Schein, er sah keine Feindschaft darin. «Dann bist du also gar nicht gekommen, um uns zu tadeln und uns davon abzuhalten, uns gegen deinen Gemahl aufzulehnen?» «Nein, dafür bin ich wahrlich nicht gekommen!» Helala hielt nochmals inne und fragte das Fürstenpaar, ob sie ihnen noch Tee nachschenken solle. Sie strahlte nach wie vor eine Ruhe und Gelassenheit aus, welche Jael und Jaella’s Neugier, auf eine harte Probe stellte. Doch hohe Geister hatten es niemals eilig, sie lebten jeden Augenblick intensiv und eingehende und ihre Worte waren stets überlegt, langsam und gewählt. Das unterstrich auch die natürliche Würde, welche sie stets ausstrahlten. Diese Gabe jedoch, war dem Fürstenpaar leider schon lange abhanden-gekommen. Von Wegen waren sie ihrer Kaiserin ebenbürtig. Sie waren weit davon entfernt!

Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, sprach Helala an Jael gewandt: «Du fühlst dich immer noch minderwertig, obwohl du doch gerade eine so wundervolle Botschaft, von den geheiligten Fischen erhalten hast.» Der junge Acira schaute seine Kaiserin erstaunt an. Woher wusste sie nur, was gerade geschehen war. «Eine Botschaft der Fische?» fragte nun auch Jaella neugierig. Obwohl es den jungen Mann ärgerte, dass das Thema wieder auf seine Erlebnisse gelenkt worden war und der Grund für Helalas Besuch, nach wie vor im Dunkeln lag, erzählte er alles was sich zugetragen hatte. Als er geendet hatte, meinte die Kaiserin mit einem sanften Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte: «Haben die Fische dich nicht darauf hingewiesen, dass alles wieder gut wird, du einfach wieder dein inneres Gleichgewicht finden musst?» «Ja schon, aber das hilft mir auch nicht wirklich weiter. An diesem Ort hier, werde ich das innere Gleichgewicht niemals mehr finden. Dazu ist die Lage schon viel zu angespannt.» «Darum solltet ihr von hier weggehen…» Helalas Aura verdunkelte sich auf einmal leicht «ihr seid hier in grosser Gefahr!» «Wir sind in Gefahr? Was meinst du damit?» «Heliel trachtet danach, euch etwas Schlimmes anzutun. Er ist mittlerweile so blind, verbittert und hasserfüllt, dass ich es in seiner Nähe kaum noch aushalte. Er hört auch schon lange nicht mehr auf mich. Seine Schwingung ist daran, noch weiter abzusinken und vielleicht verliere ich ihn einst an die Finsteren Lande, das weiss man nie so genau. Darum will ich ebenfalls von hier weggehen. Hier gibt es keine Zukunft mehr für mich. Wir könnten zusammen gehen und an einem anderen Ort, neu beginnen.» «Du willst Heliel also verlassen?» sprach Jaella erschrocken. «Ja, ich kann nicht anders. Es liegt an euch, ob ihr mir folgen wollt. Ihr beide liegt mir am Herzen und ich glaube, dass wir zusammen etwas Schönes aufbauen könnten. Ihr könnte eure Getreuen natürlich irgendwann mitnehmen. Doch zuerst möchte ich mit euch eine mögliche, neue Heimat aufsuchen. Ich bin schon viel herumgereist, ihr wisst, dass ich noch immer die Gabe besitze, mich an verschiedene Orte zu teleportieren. Es gibt da eine wundervolles Fleckchen Erde, nahe den Pfeilern des Lichts, das ich euch gerne zeigen möchte. Ihr entscheidet dann schlussendlich, ob ihr mit mir und vielleicht einigen eures Volkes, dort neu anfangen wollt.» «In der Nähe der Pfeiler des Lichts? Aber ist das nicht verbotenes Gelände?» «Der Ort, den ich meine, liegt nicht in der verbotenen Zone. Doch man sieht von dort direkt auf die Pfeiler. Es ist ein herrlicher Anblick! Säulen so hoch wie der Himmel, in bunten Regenbogenfarben leuchtend! Unbeschreiblich! Dahinter befindet sich ein helles Licht, und sie sind umgeben von den heiligen fünf Flüssen, von welchem jeder, eines unserer fünf Völker repräsentiert.»

Die Aura der Kaiserin strahlte nun wieder hell und farbenprächtig auf. «Weisst du denn, was jenseits der Pfeiler ist?» «Noch nicht genau, doch es spielt auch keine Rolle.» «Also ich finde schon, dass es eine Rolle spielt,» sprach Jael. Wieder verdunkelte sich die Aura der Kaiserin etwas: «Vielleicht werden wir es noch erfahren. Doch zuerst müsst ihr euch entscheiden, ob ihr überhaupt mit mir kommen wollt.» Jael schaute seine Gemahlin fragend an. «Was meinst du dazu?» Jaella erwiderte: «Wenn unsere Kaiserin sagt, dass uns Gefahr von Heliel droht, bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Auch wenn ich unsere Getreuen sehr ungern zurücklasse.» «Viele von ihnen werden sicher noch nachkommen, wir brauchen ja auch Leute, um unsere neue Stadt aufzubauen,» meinte Helala. «Du willst eine Stadt aufbauen?» «Ja, ich habe diesen Auftrag vor einiger Zeit erhalten.» «Einen Auftrag? Von wem denn?» «Könnt ihr euch das nicht vorstellen?» «Sind die grossen Anführer zurückgekehrt?» fragte Jaella neugierig. «Nein, dieser Auftrag kam von einer höheren Instanz.» erwiderte die Kaiserin und schien sich über die fassungslosen Gesichter des Fürstenpaares zu amüsieren. «Du meinst, du hast… diesen Auftrag vom Göttlichen selbst erhalten?» «Könnte man so sagen…» Helala hielt auf einmal inne. Ihr Gesicht nahm einen ängstlich- besorgten Ausdruck an. «Sie sind da! Ihr müsst verschwinden, sofort!» «Wer ist da?» «Heliels Männer, sie wollen euch holen. Schnell zur Brücke rüber!» Helala erhob sich schnell und ihr Kimono raschelte dabei. Ihre Aura war nun von Angst getrübt. «Flieht so schnell ihr könnt, nehmt den hinteren Ausgang eures Gartens. Lauft! Wir treffen uns dann beim grossen Kirschbaum auf dem Hügel, der Blüten und Früchte zugleich trägt. Los!» «Aber was ist mit dir?» «Ich komme schon klar! Wartet einfach auf mich!» Jael und Jaella warfen nochmals einen besorgten Blick zurück, doch dann gehorchten sie ihrer Kaiserin. So schnell sie ihre Füsse tragen konnten, liefen sie über die Brücke zum Hinterausgang.

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