Die Pfeiler des Lichts (16)

«Ich habe die Führer vor kurzem gesehen, sie sind gerade auf einer Reise. Ich glaube sie wollen wieder einmal alle Völker besuchen. Gerade befinden sie sich im Reich der Ibranis. Vermutlich werden sie als nächstes die Küsten der Awrighas besuchen und dann hoffentlich auch uns!»

«Die grossen Führer kommen also hierher!» freuten sich jüngere, wie ältere Seelen. Viele von ihnen lachten ein befreites Lachen. «Das wurde ja auch mal wieder Zeit! Hoffentlich haben sie frohe Kunde für uns. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für uns!» «Ich würde mich aber noch nicht zu früh freuen,» warf Orphiala ernst ein. «Die grossen Führer haben uns einst einfach verlassen und sich ihrer grossen Verantwortung entzogen. Vermutlich werden sie nicht viel Neues zu berichten haben. Aber nichtsdestotrotz, werden wir ihnen einen würdigen Empfang bereiten. Wir werden unsere Häuser mit Blumen schmücken, viele Leckereien aus unserem Wald sammeln und alles blitzblank putzen. Am besten wir fangen gleich Morgen damit an!» «Ja!» riefen die Anwesenden begeistert, denn sie waren sehr froh darüber, etwas Sinnvolles zu tun zu haben.

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Unsere Reise führt uns weiter, Richtung Küste. Die beiden Ibrani Frauen, welche uns nun begleiten, haben ebenfalls auf unseren Paradisi Platz gefunden. Allerdings wird es mit der Zeit nicht mehr so einfach sein, noch mehr Leute mitzunehmen. Falls es überhaupt noch welche gibt, die mit uns zu den Pfeilern reisen wollen. Dinael meint, dass es von seinem Volk an der Küste sicher noch den einen oder anderen Interessenten gibt. Ich halte stille Zwiesprache mit meinem Vogel Alba und frage ihn, ob es vielleicht noch andere Paradisi gibt, die mit uns reisen und noch einige Menschen tragen würden. Alba erwidert, dass sie nichts von irgendwelchen Paradisi, hier in der Umgebung, weiss und es deshalb nicht sagen kann. Ich wende mich an Dinael und spreche: «Ich befürchte, wir werden Probleme haben, wenn sich uns noch mehr Leute anschliessen, wir haben keine Reittiere für sie. Es gibt hier keine Paradisi.» «Das nicht, doch in meinem Reich gibt es andere Reittiere, diese können allerdings nicht fliegen. Wir werden deshalb nicht gar so schnell vorwärts kommen wie bisher. Allerdings… unsere Nigrumpantreas sind auch ziemlich schnell. Nigrum… was?» «…Pantreas.» «Okay und gibt es dafür auch eine Kurzform?» Nigrumpants, oder schlicht Pants. Es sind schwarze Raubkatzen, so gross wie Pferde. Die gibt es in unseren Reichen in allen erdenklichen Farben. Bei uns sind es vorwiegend schwarze, mit wunderschönem, glänzendem Fell.» «Alles klar und du sagst, ihr habt genug von diesen… Pants falls noch mehr zu uns stossen?» «Ja, allerdings sind sie eher etwas misstrauisch, fremden Reitern gegenüber.» «Das wird schon funktionieren. Ich bin wirklich sehr gespannt auf deine Heimat!»

Während ich das sage, schaute ich über die mächtigen Baumriesen, des Waldes, den wir gerade überflogen hinweg und erblickte in der Ferne bereits das blauleuchtende Band, des grossen Meeres.

Noch nie hatte jemand dieses Meer überquert. Es hiess, dass dieses, wie ein Ring, um den Kontinent Eden, herum lag. Das Wasser dieses Meeres stürzte am äussersten Rand in die tiefsten Tiefen der Leere hinab und verschwand einfach. Niemand wusste wo man hin kam, wenn man dort hinab fiel und bisher hatte auch keiner das Bedürfnis gehabt, es auszuprobieren. Mythen gab es wahrlich eine Menge darüber. Von der blossen Zerstörung des Körpers, bis hin zum gänzlichen Auseinanderreissen der Seele, war darin die Rede. Hanael gab jedoch nicht viel auf diese Geschichten. Erstens konnte niemand es wissen, weil sich niemand jemals dort rausgewagt hatte und sollte es doch mal jemand gewagt haben, dann war er sicherlich nicht zurückgekehrt um davon zu berichten.

Die Bäume lichteten sich nun erneut und gaben nun den Blick auf eine eher, trocken anmutende, Gegend frei. Weites Grasland breitete sich zu ihren Füssen aus und es gab nur noch vereinzelte Bäume und einige Büsche. Das alles hätte äusserst karg gewirkt, hätten sich nicht so viele Tiere hier getummelt. Es gab Antilopen, Elefanten, Löwen und einige andere, seltsame Mischwesen. Gerade pirschte sich ein Rudel Löwen mit langen Säbelzähnen, an eine Gruppe Grasfresser heran und als eine der Antilopen ihnen zu nahe kam, fielen sie über selbige her und zerrissen sie in Stücke.

Ich war zutiefst entsetzt, als ich sah, wie hier Tiere tatsächlich andere Tiere jagten. Es war ein richtiggehender Schock. Sofort befahl ich meinem Paradisi zu landen und die Löwen davon abzuhalten, ihre Beute zu verzehren. «Lasst ab von diesem armen Wesen!» schrie ich und Tränen stiegen mir in die Augen. Die Löwen jedoch, schienen mich gar nicht richtig zu verstehen. Als ich mit Alba vor ihnen landete, knurrten sie mich sogar noch an und stellten sich mir bedrohlich entgegen. «Was ist nur in euch gefahren!» schrie ich «wie könnte ihr eure Brüder und Schwestern bedrohen, jagen und sogar fressen!» Ich hob das Medaillon, welches das Symbol des Schöpfers war, über meinen Kopf und die Raubkatzen wichen nun doch etwas zurück. «Lasst diese Antilope in Ruhe!» schrie ich erneut «fresst Beeren und Pilze aus dem Wald da drüben, oder die Früchte irgendwelcher Büsche und Bäume.» «Die Antilope ist sowies schon tot,» beschwichtigte mich Dinael, der nun neben mir gelandet war. «Lass sie doch fressen, sie haben sich ihre Beute durch harte Arbeit verdient. Ausserdem wäre es Verschwendung wenn man so gutes Fleisch verderben lassen würde» «Ich glaube nicht, was du da sagst!» herrschte ich ihn an. «Das ist ein grässlicher Frevel! Kein Lebewesen darf ein anderes fressen!» «Das ist aber nun mal so in unserem Land. Auch wir Menschen essen hier Fleisch, das weisst du bereits.» «Das heisst aber nicht, dass das alle tun sollen,» kam mir Hanania zur Hilfe «Es ist und bleibt verwerflich!» «Dennoch, es ist nicht mehr zu ändern. Hier jagt jeder jeden.» «Das darf aber nicht sein!» rief ich.» «Es ist aber so!» Dinaels Stimme nahm nun einen ungehaltenen trotzigen Ton an. «Ihr mit eurer… Moral. Ihr habt keine Ahnung, wie wir hier oft kämpften müssen. Das Land ist nicht sonderlich fruchtbar und der Flusslauf vertrocknet immer öfters.» «Das ist aber eure eigene Schuld, ihr seid für diese Ereignisse verantwortlich, weil ihr nicht mehr im Einklang mit der Welt um euch lebt!» erwiderter ich von unglaublichem Zorn erfüllt. Dinaels Stimme schwoll nun auch immer mehr an. «Ach so und das sagen die grossen Führer, welche uns alle einfach im Stich gelassen haben!» «Wir dachten doch nicht, dass ihr so vom rechten Weg abkommt! Ihr seid eigenständige Persönlichkeiten und müsst auch ohne uns klarkommen!» Die Stimme des jungen Awrighas klang nun auf einmal betrübt. «Das haben wir ja auch getan, aber anstatt unseren Weg zu respektieren, wollt ihr uns eure Moral aufzwingen. Wofür hältst du dich?»

 

Als ich den tiefen Kummen in Dinaels Worten hörte, fühlte ich mich auf einmal wieder schuldig. Es war nicht mein Recht, die Awrighas so für ihren Weg zu verurteilen. Dennoch… ich konnte die Selbstverständlichkeit, mit welcher hier über das jagen und töten, anderer Lebewesen geredet wurde, nur schwer ertragen. Irgendwie war es aber wohl doch etwas die Schuld von mir Hanania, da wir den Awrighas keine der einstigen Richtlinien mehr, mit auf den Weg gegeben hatten. Wir hatten uns einfach zu sehr in unserem eigenen Kummer verloren und nun… war es zu spät, noch etwas zu verändern. Ich seufzte resigniert auf und beobachtete, wie die Löwen sich weiterhin an der Gazelle gütlich taten. Ich wollte das nicht länger mitansehen und wandte mich erschüttert ab. Die ganze Zeit auf dem Weg in Dinaels Heimatdorf, beschäftigte mich noch der Anblick dieser Tragödie und ich redete kein Wort mehr.

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