Die Pfeiler des Lichts (19)

«Wie geht es nun weiter?» fragte das Fürstenpaar schliesslich. «Meinst du wir können jemals wieder nach Hause zurück?» «Ich befürchte nicht,» erwiderte Helala. Es wäre auch nicht gut für unsere Entwicklung.» «Aber wohin sollen wir denn?» Jaels Stimme klang besorgt. «An einen wundervollen Ort.» «Ist er weit von hier?» «Nicht wenn wir den Weg durch den heiligen Sakura- Baum nehmen.» «Den Weg durch den Baum?» «Ja, darum haben wir uns hier getroffen. Dieser Weg wurde mir vor kurzem offenbart.» Die Kaiserin stellte sich vor den Kirschbaum und sprach ein Wort in der uralten Sprache der hohen Himmel.

Diese Sprache hatte das Fürstenpaar schon beinahe ganz vergessen, doch nun auf einmal erinnerten sie sich wieder und eine wundervolle Wärme erfüllt ihr Herz. Zum ersten Mal seit langem, hatten sie wieder ein Gefühl der Hoffnung, dass sie irgendwann heimkehren würden. Als die Kaiserin dieses besondere Wort gesprochen hatte, da geschah etwas Unglaubliches. Im schwarzbraunen, breiten Stamm des Sakura Baumes, öffnete sich plötzlich eine Pforte, aus der sanftes Licht strömte.

«Das ist der Weg,» sprach Helala und machte eine einladende Handbewegung. Jael und Jaella schaute verdutzt drein und zögerten einen Augenblick lang. Sie konnten kaum glauben, was sie da sahen. «Wohin führt diese Pforte?» «Wie ich bereits sagte, in unsere neue Heimat. Es wird euch sicher gefallen. Nur keine Furcht! Gebt mir eure Hände!» Jael und Jaella taten wie ihnen geheissen und ergriffen dankbar die Hände ihrer Kaiserin. Sogleich durchströmte sie eine innere Ruhe und Gelassenheit. Zusammen durchschritten die dann die Pforte und… traten kurz darauf, hinaus in eine zauberhafte Landschaft!

Es war eine Art Schlucht, umgeben von schmalen, hohen Karstbergen, von denen glitzernde Wasserfälle hinabstürzten. Ein Baum mit hellblauen Lichtern in seiner Krone, stand hier. Als sie nähertraten, flogen die Lichter auf und das Fürstenpaar blickte ihnen erstaunt hinterher. «Das sind Irrlichter,» erklärte Helala. «Wir werden ihnen folgen, sie zeigen uns den Weg. Wenn sie das tun, ist es ein gutes Zeichen, dass ihr beide hier willkommen seid. Ansonsten würden sie sich nicht rühren.» Sie lächelte vielsagend. Die blauen Lichter sammelten sich nun zu einem Schwarm und flogen zu einem schmalen, steinigen Steil-Pfad. Dieser schien hinauf auf die Felsen zu führen, von welchen die Wasserfälle hinabstürzten. Es war eine wunderschöne, geheimnisvolle Umgebung. Die Farben waren viel intensiver und strahlender, als es sich Jael und seine Gefährtin gewöhnt waren und überall wuchsen besondere Blumen und Pflanzen, die sie noch gar nicht kannten. Sie fühlten sich erstaunlich leicht und beschwingt und so brachten sie den Aufstieg, ohne grosse Anstrengungen, hinter sich. Weisse Vögel flogen über ihren Köpfen dahin und alle Arten von bunten Schmetterlingen, tanzten um sie herum. Jaella lachte begeistert und streckte ihre Finger aus. Sogleich flogen einige Schmetterlinge heran und setzten sich auf ihre Hand. Entzückt betrachtete sie diese einen Moment lang, bis sie wieder davonflatterten. «Es ist herrlich hier! Ich wusste gar nicht, dass es so einen Ort gibt.» «Dieser Ort ist auch etwas ganz Besonderes!» erwiderte die Kaiserin. «Hier kommt man nicht so einfach hin.» «Sind wir überhaupt noch in Eden?» fragte Jael. «Nicht wirklich…» Jaels Augen weiteten sich «Du meinst… wir sind in einer anderen Welt, oder sind wir sogar schon wieder in den hohen Himmeln?» Sein Herz begann wie wild zu klopfen. «Noch nicht ganz, aber es ist tatsächlich eine andere Sphäre als Eden. Ihr werdet das alles noch früh genug erfahren. Wir sind gleich da!»

Schliesslich erreichten sie das Ende des Steilpfades und befanden sich nun auf einer mächtigen Hochebene. Rundherum und auch auf der Ebene selbst, befanden sich weitere schmale, oben vorwiegend abgeflachten, Karstberge. Alle waren sie dicht bewachsen mit Pflanzen und Blumen. Auf der Hochebene wuchsen ebenfalls wunderschöne Kirschbäume, die in voller Blüte standen. Zahllose Wasserfälle, fielen aus der Höhe hinab und sammelte sich schliesslich unten in dem riesigen Becken, welches sie bei ihrem Eintritt in diese Welt, erblickt hatten. Von hier oben, sah alles noch viel eindrücklicher aus. Das Wasser war glasklar, so klar, dass sie alle Einzelheiten des Grundes sahen und auch die bunten Fische, die darin schwammen. Unter diesen Fischen befanden sich viele der geheiligten Karpfen, jedoch waren ihre Farben und Formen noch zahlreicher und von unbeschreiblicher Schönheit.  

Auf der Hochebene befand sich auch ein, aus hellem Gestein gefertigter, Tempel, den Jael und Jaella tief beeindruckt musterten. Er war würfelförmig und lief oben in einem spitzen Dach aus. Ausserdem war er geschmückt mit kleinen Türmchen. Breite Stufen führten auf eine, den ganzen Tempel umgebende Terrasse, zu seinem Eingang, der von kunstvollen Ornamenten umrahmt war. Der ganze Tempel war überhaupt voller Ornamente, viele zeigen Symbole, die Jael und Jaella noch aus ihrer himmlischen Heimat kannten. Direkt neben dem Tempel fiel ein mächtiger Wasserfall in die Tiefe. «Das ist wahrlich erstaunliche Baukunst!» sprach der junge Acira. «Hast du das gemacht?» «Ja, aber ich hatte auch etwas göttlichen Beistand.» Helala lachte freudig. «Dann gefällt es euch?» «Ja, wie sollte es auch nicht?!» rief Jaella «Es ist einfach herrlich hier und noch gänzlich unberührt.» «Allerdings. Hier würde ich gerne mit euch unsere neue Stadt erbauen. Der Tempel ist das erste Gebäude, doch es werden noch einige mehr folgen, bis wir unsere Himmelsstadt vollendet haben. «Du nennst sie Himmelsstadt?» «Ja, doch das ist nicht ihr einziger Name. Sie heisst: Shangrilja!» «Dieser Name gefällt mir sehr!» Du sagtest die Pfeiler des Lichts, sind hier in der Nähe? «Ja, hier ist alles in der Nähe.» Etwas verwirrt blickte das Fürstenpaar seine Kaiserin an. Diese lachte wie ein junges Mädchen und rief. «Kommt mit mir hinauf auf die Tempelterrasse! Dann wird euch einiges klar werden!»

Oben angelangt, hob Helala die Arme und sprach erneut einige Worte in der alten Sprache. In diesem Augenblick stieg dichter Nebel auf und umhüllte den ganzen unteren Teil des Tempels. Jael und Jaella sahen nicht mal mehr die Hand vor Augen und es war ihnen etwas mulmig zu Mute. Ein Rütteln ging durch den ganzen Tempel und sie mussten sich am Geländer der Terrasse festhalten um nicht zu stürzen. «Was passiert da?» frage Jael ängstlich. «Nur keine Angst, euch wird kein Leid geschehen!» beruhigte ihn Helala. «Der Nebel wird sich schon bald wieder verziehen, macht euch auf eine Überraschung gefasst!»

Tatsächlich verzog sich der Nebel kurz darauf wieder und als das Fürstenpaar nach unten blickte, traute es seinen Augen nicht…

 

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    Bin gespannt, was da zum Vorschein kommt! hoffentlich was Schönes ...

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