Die Pfeiler des Lichts (20)

11. Kapitel

Der Tag war noch kaum am Erwachen, im Reiche der Awrighas, als Hanael und seine Begleiter durch lautes Getöse, unsanft aus ihrem Schlaf gerissen wurden! Sie vernahmen Schreie und Kampfgeräusche. Hanael und seine Frau sprangen auf und liefen zu einem der Fenster ihres Gästehauses. Die Sonne war bereits am Aufgehen und warf ihr Licht auf das schreckliche Spektakel, welches sich ihnen hier darbot. 

Eine fremde Armee, deren Bekleidung Hanael doch irgendwie bekannt vorkam, schien das Dorf anzugreifen. Sie hatten Stöcke bei sich und in kleinen Körben an ihrer Seite, trugen sie seltsame, glühende Steine. Diese Steine schleuderten sie jeweils auf ihre Gegner und wenn sie selbige trafen, krümmten sich diese in schrecklichem Schmerz. Ihre Schreie gingen Hanael durch Mark und Bein und einen Augenblick lang, war er wie erstarrt, ob diesem entsetzlichen Szenario. 

Einige der Invasoren, waren anders gekleidet, als die meisten. Sie trugen hohe, oben abgeflachte Hüte, in weisser Farbe und mit Goldstickereien verziert. Ihre Kleidung bestand aus einer, zu ihrer Kopfbedeckung passenden Robe, über welche sie ein helles, ledernes Wams trugen. Diese Männer verstanden es offenbar, die Kraft aus der Umgebung zu ziehen, welche sich dann, zwischen ihren Händen, zu kleinen, blitzenden Kugeln formte. Diese schleuderten sie gegen die Häuser der Awrighas, was selbige sogleich in ihre Bestandteile zerlegte und damit zerstörte. Die Awrighas hatten diesen Angriffen, kaum etwas entgegen zu setzen. Sie besassen zwar auch Pfeilbogen und einige Speere, doch das half nur wenig. So wurde ein Awrigha nach dem anderen von den glühenden Steinen zu Boden gestreckt und blieb ohnmächtig liegen.

«Die Ibranis greifen uns an, sie haben Steinfeuer und Atombändiger!» Dinael stürzte herein, in seiner Hand trug er einen Speer und auf dem Rücken einen Pfeilbogen. Hanael und Hanania verstanden gar nichts. Was war Steinfeuer und ein Atombändiger?» Dinael drückte Hanael seinen Speer in die Hand. «Hier, damit ihr euch verteidigen könnt. Wir müssen dringend unseren Leuten helfen! Nehmt euch vor allem von den glühenden Steinen und den Bändigern in Acht.» «Aber… wer sind diese… Bändiger, sind das die mit den weissen Hüten?» «Ja genau. Sie können die Struktur gewisse Objekte auflösen, indem sie sie mit aufgeladenen Elementarteilen beschiessen. Darum zerfallen unsere Häuser in ihre Bestandteile. Das ist eine unglaublich starke Macht, die bisher nur die Ibranis beherrschen. Ebenso das Steinfeuer. Das sind diese Steine in den kleinen Körben. Sie sind mit destruktiver Energie gefüllt, welche Geist wie Körper angreifen und ihn kollabieren lassen. Es ist schrecklich schmerzhaft und führt unweigerlich zu einer tiefen Ohnmacht. Danach fühlt man sich als hätte einem ein Felsblock überrollt. Wenn euch eine dieser Kugeln trifft, seid ihr geliefert. Also nehmt euch in Acht! Wir müssen sie, wenn irgend möglich, aus sicherem Abstand ausser Gefecht setzen, dazu dienen uns vor allem die Pfeilbogen. Die Speere helfen auch etwas, um sich die Feinde vom Leib zu halten. «Los jetzt!» 

«Aber wir wollen nicht gegen unsere Brüder und Schwestern kämpfen!» protestierte Hanael. «Es wird euch nichts andere übrigleiben, diese Invasoren sind ehrlos und scheren sich um nichts ausser darum, die Herrschaft an sich zu reissen. Wenn sie das tun, ist alles verloren, wofür die Awrighas leben. Ihr als grosse Führer, solltet uns unterstützen!» «Aber wir können keine kriegerischen Handlungen zwischen den fünf Völkern unterstützen!» rief Hanania. «Wir werden versuchen mit ihnen zu reden.» «Das haben wir auch schon versucht, schon endlos viele Male, doch sie kommen immer wieder, zerstören unsere Häuser, verletzen unser Volk.» «Dem wird jetzt ein Ende gesetzt!» sprach Hanael tief entschlossen. Er schaute sich im Haus von Dinael um und packte eine grosse, hölzerne Früchteschale. «Die werde ich als Schild gegen das Steinfeuer benutzen, ich hoffe sie hält stand und ich habe ja das Medaillon der göttlichen Allweisheit. So verblendet können sie nicht sein, dass sie dies nicht respektieren.» «Seid euch da nicht allzu sicher. Viele der Ibranis scheren sich nur noch wenig um ihre göttliche Herkunft. Sie wollen sich hier ein eigenes Imperium aufbauen.»

Die Tür wurde erneut aufgerissen und Ashalia und Haialah kamen herein gelaufen. «Der Feind ist übermächtig, wir werden ihm nicht mehr lange standhalten.» «Es tut uns so leid, dass ihr solches Leid durch unser Volk erfahren müsst,» wandte sich Ashalia an Dinael. Dieser lächelte etwas verbittert. «Ja, da ist wahrlich viel Leid, doch ihr könnt ja nichts dafür. Ihr habt euch ja schon gegen Anauel und seine Herrschaft gestellt. Das kann auch wirklich nicht mehr so weitergehen. Ihr müsst mir deswegen vergeben, wenn ich die Angreifer auch nicht mit Samthandschuhen anfassen werde. Wir werden uns das nicht länger gefallen lassen und wenn es Krieg bedeutet.»

 Als Dinael das sagt, sehe ich die tiefe Verbitterung und den Hass in seinen Augen. Das erschüttert mich zutiefst. Beinahe noch tiefer, als der Angriff der Ibranis. Ich habe Dinael und auch sein Volk, als so fröhlich und friedlich kennengelernt. Doch jetzt da sie sich für den Kampf entschieden haben, spüre ich, dass sie auch sehr skrupellos und brutal gegen ihre Feinde vorgehen können. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Sofort! «Ich werde versuchen zu vermitteln,» spreche ich deshalb. «Haltet mir den Rücken frei, falls mich doch jemand angreifen sollte.» Haialah nickte und auch Dinael. «Ashalia du bleibst hier in Sicherheit, wenn sie dich erkennen, könnten sie dich entführen, um Anauel’s Gunst zu erlangen. Das wollen wir nicht riskieren! Du Hanania…» «Ich komme auf jeden Fall mit dir,» spricht diese entschlossen und auch wenn ich sie hier gerne in Sicherheit gewusst hätte, bin ich auch froh, mich dem nicht allein stellen zu müssen. «Ich komme schon klar,» spricht Ashalia. «Geht nur!» und so wagen wir uns hinaus in die Höhle der Löwen.

Sogleich als wir das Haus verlassen, zischen Blitze und Steinfeuerglut, ganz nahe an uns vorbei. Ich trage die Früchteschale vor mir her, um mich zumindest gegen das Steinfeuer zu schützen. Dinael und Haialah, als erfahrene Krieger, halten mir und Hanania den Rücken frei, indem sie auf alles schiessen, was uns gefährlich werden könnte. Mein Herz schmerzt, bei diesem schrecklichen Kriegsgetümmel und einmal mehr, sehne ich mich unendlich nach meiner stillen Heimat im Wald, zurück. 

Ich muss irgendwo einen erhöhten Standpunkt finden. Da ist doch dieser mächtige Felsblock, inmitten des Dorfes, welcher scheinbar einst vom Himmel gefallen ist. Seine Oberfläche ist ziemlich glatt und gar nicht so einfach zu erklimmen, doch wenn man gegen ihn schlägt, entsteht ein metallisches Geräusch. Ich habe schon oft erlebt, wie die Awrighas mit einem Hammer dagegen schlugen, wenn sie eine Versammlung einberiefen. Ich helfe Hanania hoch und kletterte ihr dann hinterher. Der Hammer liegt oben auf und ich beginne nun heftig gegen den mächtigen Felsblock zu schlagen.

«Haltet ein!» schreie ich und hebe das göttliche Medaillon in die Höhe. Wie immer lässt es die Sonne hell aufleuchten. Doch es ist gar nicht so einfach, die Kämpfenden in ihrem Tun zu unterbrechen, denn viele von ihnen sind bereits zu sehr dem Kampfrausch verfallen. «Haltet ein!!» schreie ich noch lauter und hämmere noch heftiger gegen den Steinblock. Einige wenden nun ihre Köpfe und schauen mich an. Bei den meisten zeichnet sich Erkenntnis in den Gesichtern ab und sie halten nun endlich im Kämpfen inne. Einer jedoch, packt einen der unheilbringenden Steine und schleudert ihn einfach gegen mich! Ich kann einen Augenblick lang gar nichts tun, weil ich so gelähmt vor Schreck bin, dass man mich auf diese Weise angreift. 

Der Stein saust auf mich zu und auf einmal spüre ich blinden Zorn in mir aufflammen. Aus meinem Inneren steigt eine unglaubliche Kraft empor, es ist, als würde ich selbst zu Feuer werden und als der Stein mich trifft, wird diese Kraft von mir, wie eine gewaltige Schockwelle, abgegeben. Alles in meinem Umkreis, wird hinweggeschleudert, auch Hanania und meine anderen Gefährten. Ich kann nichts dagegen machen und dann… wird es totenstill…!

Alle halten entsetzt im Kämpfen inne und schauen auf das, was ich angerichtet habe. «Nein!» schreie ich «Hanania, Dinael, Haiahla, es tut mir so schrecklich leid!» Ich laufe zu meiner Gefährtin, welche bewegungslos am Boden liegt. «Oh mein Gott!» Tränen laufen mir über die Wangen und ich umfange Hanania mit meinen Armen. «Aber das wollte ich doch nicht… das, das… Ich weiss nicht, was da passiert ist!» Noch immer sagt keiner ein Wort. «So helft mir doch!» brülle ich in die Runde. «Das ist schliesslich alles nur eure schuld! Warum nur bekämpft ihr euch auf so schreckliche Weise? Hanania, Hanania, bitte wach wieder auf!» Ich wiege meine Liebste in den Armen. «Ihr habt mich dazu gebracht…» wende ich mich wieder an die Umstehenden «und nun schaut, was geschehen ist! Habt ihr denn alles vergessen? Alles was uns einst heilig war? So werden wir niemals zurückkehren können, in unsere himmlische Heimat. Oh Gott, und nun habe ich mich auch auf schreckliche Weise versündigt.» Ich berge mein Gesicht, an den bewegungslosen Körper meiner geliebten Frau und weinte einfach nur.

Auf einmal spüre ich eine sanfte Berührung an meinem Arm. Ich hebe mein verweintes Gesicht und blicke in die verständnisvollen Augen von Ashalia. «Nur keine Sorge, sie wird bald wieder erwachen. Sieh nur, du hast die anderen dazu gebracht, mit Kämpfen aufzuhören.» Sie nimmt das göttliche Medaillon, das neben mir liegt und streckt es, an meiner statt, in die Höhe: «Seht her, das heilige Medaillon der grossen Führer und Mittler zwischen hier und den hohen Himmeln.

Haltet endlich in eurem schrecklichen Tun ein und besinnt euch auf die alten Gesetze! Niemals sollten wir uns bekämpfen, niemals sollten wir einander den Besitz nehmen und niemals einander den Willen, oder die Freiheit rauben. Was ist nur in euch gefahren? Ihr Ibranis, ich bin Teil eures Volkes, einige von euch kennen mich vielleicht sogar. Doch das spielt keine Rolle, weil ich nun mein ganz eigenes Leben lebe. Warum wollt ihr anderen euren Willen aufzwingen, warum strebt ihr nach Macht, die doch ohne jegliche Bedeutung, vor der göttlichen Allmacht ist? Einst waren wir alle Brüder und Schwestern, wir waren glücklich und zufrieden, in unserer einstigen Heimat. Doch unsere Schwächen haben uns hierher gebracht, weil unsere Schwingung zu sehr abgesunken war, um dort oben noch bestehen zu können. Doch nun sinkt diese Schwingung noch tiefer ab und bald, ja schon sehr bald, wird Eden von den Finsteren Landen, nicht mehr zu unterscheiden sein. Ist es das, was ihr wollt?» Niemand gibt eine Antwort und ich kann nicht umhin, dieser jungen Ibrani, für ihre weisen Worte, meinen grössten Respekt zu zollen. Sie spricht nun weiter: «Und ihr Awrighas, ich habe euch als wundervolles, friedliches, fröhliches Volk kennengelernt, doch nun lasst ihr euch ebenfalls vom Hass zerfressen. Meint ihr das bringt uns weiter?» Schweigen. Sie wandte sich erneut an die Ibranis: «Hanael und Hanania sind nun wiedergekehrt und anstatt sie ehrenvoll zu empfangen, greift ihr sie an! Das ist Frevel! Das alles hier ist Frevel!

Diese Kriege diese schrecklichen… neuen Waffen, die die Ibranis einsetzen, um mehr Macht zu erlangen. So viel mehr wurde uns doch von unseren Schöpfereltern geschenkt, doch ihr missbraucht all diese Geschenke dazu, um Kriege zu führen. Und das hier in Eden! Schämt euch, schämt euch alle!»

Oh ja, auch ich, Hanael schäme mich schrecklich, habe ich doch auch diese einst göttliche Macht, die in mir schlummert, für die Gewalt gegen meine Nächsten verwendet. Damit bin ich keinen Deut besser, als all die Menschen, die hier gekämpft haben.

Ich erhebe mich nun und spreche: «Auch mir tut es sehr leid, dass ich euch Leid zugefügt habe. Es ist unverzeihlich, zumal ich doch euer Führer sein sollte. Doch vermutlich bin ich gar nicht mehr dafür geeignet. Ich bitte euch deshalb, selbst wieder mehr Verantwortung zu übernehmen und einander In Frieden leben zu lassen, so wie es uns von jeher bestimmt ist. So viele Äonen haben wir keine Kriege geführt. Lasst uns jetzt auch nicht damit anfangen. Geht nach Hause ihr Ibranis und kehrt niemals wieder hierher zurück, ausser als Freunde. Und ihr Awrighas, lasst ab von Rachegedanken und lebt euer Leben hier in Frieden weiter! Ich werde zu den Pfeilern des Lichts reisen um dort, so hoffe ich zumindest, zu neuen Erkenntnissen zu finden. Wenn jemand noch mitkommen will, dann kann er das gerne tun.» Ich lasse meinen Blick über die Anwesenden streifen. Einer nach dem anderen aber, wendet sich ab, lässt seine Waffen fallen und verlässt das Schlachtfeld. 

Kurz darauf liegt dieses still da und nur noch ich und meine Freunde, bleiben zurück. Niemand wollte mit uns kommen, aber auch niemand, wollte noch kämpfen und das ist gut so.    

 

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