Die Pfeiler des Lichts (23)

Orphiel und Orphiala hatten für grosses Aufsehen gesorgt, als sie zusammen mit einigen anderen des Dorfes, den mächtigen, schwer verletzten Hirsch zurückgebracht hatten. Dieser schaute noch immer ins Leere, seine grossen Augen weit aufgesperrt. Dem junge Fürstenpaar, tat es in der Seele weh, diese arme Kreatur so leiden zu sehen. Sowas hatte es bisher noch nie gegeben. Ein Erstlingstier, einst mit den Indigenes vom Himmel herabgestiegen, in diese schwere (halbmaterielle) Welt, selbst unsterblich, voller Erhabenheit und Weisheit. Gut, sie hatten schon mal gehört, dass gewisse Leute angefangen hatten Fleisch zu essen und auch schon mal, dass das eine oder andere Tier zu Tode gekommen war. Doch dies waren alles keine Erstlingstiere gewesen. Wie weit war es bereits gekommen, wenn nun sogar diese erhabenen Wesen, hier in ihrem Reich, nicht mehr sicher waren?

Alle im Dorf waren entsetzt, ob dieser Freveltat und Imanuel weinte bittere Tränen, als er seinen geliebten Begleiter so sah. Nicht mal ihm war es gerade möglich zu dem Hirsch durchzudringen, das erschütterte alle noch mehr. Sogleich machten sich alle auf die Suche, nach dem Verbrecher. Imanuel blieb zusammen mit den Heilkundigen, bei seinem Gefährten und streichelte ihn sanft. «Wer nur, hat dir das angetan?» fragte er diesen immer und immer wieder.

Orphiel, Orphiala und die anderen suchten bis nach Sonnenuntergang nach dem Jäger. Doch es konnte jeder sein. Das Fürstenpaar hatten einfach zu wenig von ihm gesehen, als dass es ihn hätten überführen können. So gingen alle müde und niedergeschlagen, zurück ins Dorf.

Dort kam ihnen Imanuel bereits entgegen. Sein Hirsch war nirgends zu sehen. Er war völlig aufgelöst. Tränen liefen ihm über die Wangen. «Mein geliebter Gefährte Cervu ist verschwunden, er sagte er könne den Zweibeinern nicht mehr vertrauen!» «Oh mein Gott, das tut mir so leid!» Spontan legte Orphiala den Arm und den gramgebeugten Mann. In diesem Augenblick flüsterte dieser ihr zu. «Er hat aber noch mit mir gesprochen, bevor er davonlief und gesagt, wer ihm das angetan hat. Es war… Ambriel.» «Ambriel!» Die junge Fürstin blickte sogleich um sich. Tatsächlich entdeckte sie besagten Mann, welcher etwas abseits stand. Dieser lebte allein, sein Dual war in den Himmeln zurückgeblieben und auch einen tierischen Begleiter besass er nicht. Er litt schon länger an einer Gemütserkrankung und wirkte ziemlich bleich und ausgemergelt. Die Farben seiner Aura wirkten ganz verwaschen, was seine Energielosigkeit bezeugte. Er war noch eine relativ junge Seele, gehörte zu den Spätgeborenen.

Orphiala winkte Orphiel zu sich und flüsterte auch diesem die schreckliche Wahrheit ins Ohr. Orphiel blickte sich unauffällig nach dem Beschuldigten um und dann ging er langsam in dessen Richtung, während er einige Worte des Trostes sprach.

«Wir möchten unserem lieben Freund Imanuel unser tiefstes Beileid aussprechen. Was heute mit einem der heiligen Erstlingstiere passiert ist, ist schrecklich und sehr traurig. Vor allem, da nun Cervu das Vertrauen in uns verloren hat. Niemand kann verstehen, warum jemand so etwas tut. Was für Gründe es dafür gibt und… bei den göttlichen Eltern, wir werden es herausfinden und den Schuldigen zur Rede stellen.» Er stand nun direkt neben Ambriel, welcher schuldbewusst zu Boden blickte und packte diesen blitzschnell an seinem Arm! «Ja Ambriel, du wirst uns jetzt sagen, was in des Göttlichen Namen, dich zu so einem Wahnsinn bewogen hat!» Ambriel erschrak zu Tode und wollte sich aus Orphiels Griff winden. Doch dieser hielt ihn eisern umfangen. Zorn zeichnete sich nun auf dem Gesicht des jungen Fürsten ab. «Du hast eine schreckliche Freveltat begangen. Wie nur konntest du das tun? Das war eins der Erstlingstiere, welche uns aus Liebe, einst hierher nach Eden gefolgt sind. Sie haben uns dadurch ihre grosse Treue bewiesen. Und du fügst so einem wundervollen Geschöpf, solch schreckliches Leid zu! Sogar die Kehle wolltest du ihm durchschneiden.» Zorn, Entsetzen und auch Trauer, spiegelte sich nun auch auf den Gesichtern der anderen Anwesenden und sogleich kamen ein paar von ihnen herbeigeeilt und halfen ihrem Fürsten, den Übeltäter fest zu halten. «Ich kann es einfach nicht fassen Ambriel,» sprach Orphiel weiter. «Warum nur? Sag uns warum!» Auch Ambriel liefen nun Tränen über die Wangen, Tränen der Schuld, doch auch Tränen der Angst. «Ich… ich wollte doch nur, dass es mir besser geht. Ich hörte einst, dass das Fleisch eines Erstlingstieres, besonders sein Herz, mich vielleicht heilen kann. Ich kann so einfach nicht weiterleben. Nicht mal meinem Dasein ein Ende setzen, kann ich nicht. So wird meine Unsterblichkeit immer mehr zum Fluch. Den Hirsch zu jagen und ihn zu verzehren, ist das Einzige, das ich noch nicht ausprobiert habe. Alles andere nützt nichts, keine Arznei, nicht mal das Geschichtenerzählen, welches mir früher noch etwas Linderung verschafft hat. Heute erinnern mich all eure schönen Geschichten nur immer wieder daran, was wir alles verloren haben, seit wir hier in dieser schweren, halbmateriellen Sphäre gelandet sind. Es scheint im ersten Moment das Paradies zu sein, doch schlussendlich ist diese Welt nur voller Einsamkeit und Qual. Ich habe niemanden, ich habe kein Dual, keinen tierischen Begleiter, wie die meisten hier. Ich sollte gar nicht an diesem Ort sein. Ich hätte niemals herkommen sollen.» «Aber das wir hier sind, ist doch unsere eigene schuld,» sprach Orphiala und spürte doch irgendwie Mitleid, für diesen tieftraurigen Mann, in sich aufsteigen. «Wir sollten uns doch wieder in eine höhere Schwingung bringen, so wie wir jetzt sind, können wir sowieso nicht in die hohen Himmel zurück.» «Aber ich schaffe es einfach nicht, ich schaffe es nicht, meine Schwingung zu erhöhen, ich bin gefangen in Dunkelheit und Kummer. Und nun… habe ich mich deswegen auch noch so schreckliche versündigt. Es tut mir sehr leid, doch was kann ich sonst tun?» «Indem du anderen Leid zufügst, kann deine Seele niemals genesen,» meinte nun Orphiel. «Aber vielleicht hätte es mir ja geholfen, das Herz des Hirsches zu essen. Ich bin verzweifelt, ich weiss nicht mehr weiter.» «Ach ja und dann suchst du dir ausgerechnet meinen geliebten Cervu aus!» schrie Imanuel von Zorn erfüllt. «Er war eben… einfach gerade da! Das war nicht geplant, es war… mehr eine Kurzschlussreaktion.» «Ach ja und du glaubst, das macht es besser! Du hast Cervu Schreckliches angetan… wolltest ihm die Kehle durchneiden, obwohl ihn das ja nicht mal getötet hätte und dann einfach sein Herz verzehren?! Du bist doch wahnsinnig! Du bist eine Gefahr für uns alle. Denn wer sagt mir, dass du nicht noch andere Erstlingstiere angreifst, oder jemanden von uns, wenn wir dich frei herumlaufen lassen!» «Ich… werde so etwas nicht mehr tun, bitte vergebt mir!» Verzweiflung schwang in Ambriels Stimme mit. 

Orphiel erwiderte traurig: «Ich würde dir das ja gerne glauben, Bruder. Aber du musst dir schon im Klaren sein, dass wir dir nicht mehr so einfach vertrauen können und wir können dich auch nicht ungestraft davonkommen lassen. Du hast gegen ein sehr wichtiges Gesetz verstossen und wir sind nun gezwungen, dich dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Ausserdem… so ungern ich das sage, ich verstehe, dass Imanuel Angst vor dir hat, denn durch deine Energielosigkeit, wird es schwer für dich, dich wieder soweit aufzuschwingen, dass wir gefahrlos mit dir zusammenleben können. Es tut mir leid. Wir werden dich wohl einsperren müssen…»                      

 

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