Die Pfeiler des Lichts (25)

Als Hanael und seine Begleiter schliesslich vom Baumhaus hinunterstiegen und auf den Dorfplatz kamen, wurden sie erneut herzlich empfangen. Sogleich brachte man ihnen wieder etwas zu essen und zu trinken. Dankbar schlugen sie sich die Bäuche voll. Dann sprach Hanael, an Orphiel gewandt, welcher neben ihm sass: «Ihr seid sehr gastfreundlich, das schätzen wir sehr. Ich lebt hier an einem sehr schönen Ort, der unserer Heimat ganz ähnlich ist. Nur sind unsere Bäume nicht so wundervoll bunt wie hier.» «Ihr werdet sicher andere Vorzüge in eurer Heimat haben. Jedes Land ist doch auf seine Weise schön und einzigartig, wie es auch alle Lebewesen sind.» «Ja, du sprichst wahr. Doch wo wir gerade beim Thema sind…» er senkte leicht seine Stimme. «Wie kommt es, dass ihr einen von euch in jenem Käfig einsperren müsst?» Hanael nickte in die Richtung des Gefangenen. «Ich weiss, dass muss für euch ungewöhnlich anmuten grosser Führer, doch Ambriel hat sich sehr schwer versündigt und Zweibeiner, sowie Vierbeiner, haben Angst vor ihm.» Seine Augen blickten traurig, als er das sagte und dann erzählte er Hanael die traurige Geschichte.

Dieser erschrak sehr. «Er hat ein Erstlingstier verspeisen wollen?» «Ja, so ist das leider.» «Dann kann ich euch auch irgendwie verstehen und dennoch… wir sollten unsere Mitgeschöpfe nicht auf dies Weise einsperren müssen.» «Aber was sollen wir sonst tun? Wir können Ambriel nicht mehr frei herumlaufen lassen, seine Energielosigkeit und schreckliche Gemütsverfassung, machen ihn zu einer ernsten Gefahr. Wir können ihn leider nicht immer beaufsichtigen.» «Vielleicht fehlt ihm einfach ein Funken Hoffnung,» mischte sich Hanania nun ins Gespräch. «Ich litt auch lange an einer schlimmen Gemütserkrankung. Ich hielt alles nicht mehr aus, flüchtete mich in meine Träume und Visionen. Dann jedoch kam Dinael…» sie deutete auf den Awrigha, welcher sich gerade fröhlich, mit einer Gruppe Indigene unterhielt. «Er hat von den Pfeilern des Lichts erzählt und dass er dorthin reisen will, um dort nach Antworten zu suchen. Ich hatte gerade kurz vorher eine Vision, die mir zeigte, dass wir dort vielleicht eine Lösung für all unsere Probleme finden. Vor allem sollten wir dann wieder Kinder haben können.» «Das ist aber eine ungewöhnliche Geschichte,» sprach Orphiel. «Wie soll denn das zugehen?» «Das wissen wir auch nicht so genau, aber darum wollen wir es ja herausfinden. Dinael, Ashalia und Haialah haben beschlossen mit uns zu reisen.» 

«Die beiden Frauen scheinen Ibranis zu sein. Ich hörte, dass die Ibranis ziemlich kriegerisch sind. Stimmt das?» «Ja, aber das hat nur mit ihrem König Anauel zu tun.» «Sie haben also einen König, auch die Aciras haben nun scheinbar einen Kaiser, er heisst Heliel und ist nach dem was man hört, auch kein angenehmer Zeitgenosse.» «Die Aciras haben auch einen Kaiser?» Hanael spürte Ärger in sich aufsteigen. «Was soll das nur alles mit diesen Königen und Kaisern? Sowas gab es doch in den himmlischen Welten auch nicht. Die göttlichen Eltern haben sich nie als Herrscher aufgespielt. Gerade waren wir noch bei den Ibranis und haben einiges an neuen Regeln festgelegt. Da lag schon einiges im Argen. Bei den Aciras offensichtlich auch. Das heisst, wir müssen auch dort noch nach dem Rechten sehen. Doch unsere beiden Ibrani Begleiterinnen tragen keine Schuld am Irrweg ihres… Königs. Sie haben sich viel mehr gegen die Schikanen von Anauel aufgelehnt und hoffen nun auch ihre Duale bei den Pfeilern des Lichts wiederzufinden. Dinael ist aus einem ähnlichen Grund bei uns. Wir für unseren Teil, wollen einfach herausfinden, was wir tun könnten, um unseren Brüdern und Schwestern überall in Eden zu helfen.» «Das klingt wunderbar, grosser Führer. Doch uns geht es eigentlich ganz gut hier, jedenfalls… den meisten.» Orphiel deutete auf Ambriel. «Ich glaube es kommt einfach drauf an, wie man mit all den Schmerzen umgeht, die unsere Trennung von den Hohen Himmeln mit sich gebracht haben. Lebt man jeden Augenblick, so wie er einem begegnet, ohne zu werten, ohne ständig mit irgendwelchen Massen, wie gut und schlecht zu messen, dann kann man in sich eine Ruhe finden, die einem hilft, alles mit Liebe anzuschauen. 

Wir erzählen einander oft Geschichten, Geschichten über wichtige Lernschritte, Geschichten über die kleinen und grossen Dinge, die uns bewegen. Und… wir haben die Tiere, die uns nach wie vor zur Seite stehen. Besonders die Erstlingstiere spielen eine sehr wichtige Rolle, für uns.» Er deutete liebevoll auf seinen weissen Wolf Sunkma und streichelte ihn sanft. «Er ist auch einer der Erstlingstiere, er ist mir hierher gefolgt und er erinnert mich stets daran, auf was es ankommt. Darum ist es so schlimm, wenn man einer dieser edlen Kreaturen Leid zufügt. So wie es Ambriel leider getan hat…» Orphiel senkte traurig den Blick. «Ach weisst du, es ist wirklich schwierig, das Richtige zu tun. Hast du mir vielleicht einen Rat, wie wir mit Ambriel verfahren könnten? Wir können ihn nicht mehr frei herumlaufen lassen und doch ist mir auch klar, dass es eine Sünde ist, ihn hier einzusperren. Ich kann ja seine Not auch irgendwie verstehen. Obwohl es den meisten hier noch recht gut geht, gibt es doch jene, die schreckliche Leiden durchmachen. Ambriel kann einfach nicht mehr anders. Er ist zu energielos geworden, er hat kaum mehr Lebenskraft und er hofft, dass das Herz eines Erstlingstieres im Linderung verschaffen könnte, doch das ist ja das Gefährliche. 

Wenn ich ihn einfach frei herumlaufe, welches Tier schnappt er sich dann als Nächstes? Es könnte auch Sunkma sein, oder die Hirschkuh Tahina, die Gefährtin meiner Gemahlin Hanania, oder irgendein anderes Erstlingstier. Das Risiko ist deshalb einfach zu gross.» «Hanael schaute seine Gemahlin an und sie dachten wohl gerade dasselbe. «Sollen wir versuchen ihn mal mit zu den Pfeilern des Lichts zu nehmen?» fragte der junge Arienes schliesslich. «Ihr wollt ihn mitnehmen? Fürchtet ihr euch denn nicht vor ihm?» «Hanael wandte sich wieder an Hanania. «Was meinst du, können wir Ambriel vertrauen?» Die Angesprochene erwiderte: «Ich glaube, wir sollten ihn schon im Auge behalten, doch wir haben ja keine Erstlingstiere bei uns, die in Gefahr kommen können. Ausserdem, vielleicht tut ihm, wie gesagt, eine neue Hoffnung und ein neues Ziel gut, so wie mir.» «Das wäre natürlich wundervoll und sehr edelmütig von euch,» sprach Orphiala dankbar. «Ihr seid ja auch die grossen Führer, vielleicht habt ihr noch andere Möglichkeiten ihm zu helfen.» «Wir wissen auch nicht mehr als ihr, doch wir werden es mit Ambriel versuchen. Ihn einzusperren, ist seiner Seele ja auch nicht gerade zuträglich. Wir müssen zwar noch kurz mit unseren Begleitern Rücksprache halten. Doch ich denke, sie werden es verstehen.» «Ja und Ambriel wird sich sicher sehr geehrt fühlen, dass ihr euch seiner annehmt. Wir sind euch dafür sehr dankbar. Wir werden aber, bevor ihr uns wieder verlasst, ein Fest für euch ausrichten. Mit Gesang, Tanz und natürlich vielen wundervollen Geschichten. Ich hoffe es wird euch gefallen.» «Das wird es bestimmt!» Und so war es auch.

Ein paar Tage bleiben wir noch im Reiche der Indigenes. Es ist wahrlich wundervoll hier. Dieses Volk besitzt noch eine unglaubliche Verbindung zu den Tieren und auch den anderen Geschöpfen von Eden. Sie können beinahe mit allen Lebewesen in Dialog treten. Besonders das Fürstenpaar Orphiel und Orphiala Aglasis sind sehr bewundernswerte Persönlichkeiten. Auch dank ihrer beiden Erstlingstiere, wissen sie noch sehr viel von ihrer Zeit in den hohen Himmeln und sie haben ein erstaunliches Gefühl dafür, was es braucht, damit sie sich irgendwann wieder aufzuschwingen vermögen. Da sie noch immer so verbunden sind mit allem, hadern sie auch weniger mit ihrem Schicksal, als jetzt z.B. Hanania und ich. Wir wurden einst zu den grossen Führer von Eden berufen, doch jetzt da ich die Indigenes kennenlerne, habe ich auf einmal das Gefühl, sie würden diese Arbeit besser machen, als wir. Auch wenn sie das natürlich immer vehement abstreiten würden, weil sie doch stets bescheiden geblieben sind. Die Geschichte mit Ambriel beschäftigt alle hier sehr, denn seit Äonen lebte dieses Volk, unberührt von schlimmem Übel, in diesen wundervollen, farbenprächtigen und lebendigen Waldgebieten. Natürlich gibt es auch unter ihnen einige, deren Kummer grösser ist, als jener der anderen, doch alle sind stets füreinander da und leben, ähnlich wie die Awrighas, stets von Augenblick, zu Augenblick. Noch sind sie verschont von Kriegen oder Angriffe durch fremde Völker geblieben und konnten sich daher noch eine gewisse Unschuld bewahren. Ich hoffe sehr, dass dies noch lange so bleiben wird. Ich hoffe so sehr, es kommt nicht so weit hier, wie in der Heimat von Dinael.

Wie versprochen, haben die Indigenes ein wundervolles Fest für uns ausgerichtet. Es gibt zu Essen und zu Trinken in Hülle und Fülle, denn diese Gegend hat wahrlich eine Menge zu bieten. Wir alles sitzen an einem riesigen, aus einem umgestürzten Baumstamm gefertigten Tisch, den die Indigenes, schön behauen und nun als Festtisch aufgestellt haben. Darauf stehen Schalen mit Früchten, Beeren, Pilzen, Nüssen, Brot (aus selbstangebautem Getreide) u.v.m.  

Süsser Wein, Fruchtsäfte und Tee, werden dazu gereicht. Wir unterhalten uns angeregt, es wird gesungen, getanzt und getrommelt. Allerdings klingen diese Trommeln etwas anders, etwas dumpfer und weicher, als die Trommeln der Awrighas.

Nach dem Essen setzten wir uns alle ums Feuer herum und beginnen einander Geschichten zu erzählen. Die Indigenes wissen wundervolle Geschichten und sie verstehen diese auch auf ganz besondere Weise zu erzählen. Diese Geschichten… sie sind so real, man empfindet alles, was darin vorkommt, ganz intensiv. Viele von ihnen, sind einstmals irgendwo passiert. Ich sehe Bilder vor meinem inneren Auge tanzen, Bilder mit wundersamen Gestalten darin: Naturwesen, Fabelwesen, von Tieren und Menschen, die wichtige Reisen unternehmen. Ich fühle mit den auseinander gerissenen Liebespaaren, mit denen die Leid erfahren und freue mich mit jenen, die durch all die Dunkelheit, all die Hochs und Tiefs ihres Lebens, neu gestärkt wiederauferstehen durften, so wie ein Phönix aus der Asche. Ich weine, lache, spüre manchmal Wut, manchmal innige Verbundenheit. Die Indigenes wachsen mir immer mehr ans Herz und manchmal wünschte ich mir, ich könnte bei ihnen bleiben. Und einmal mehr spüre ich in mir diese Sehnsucht, nach ewigem Frieden, ewiger Ruhe, ohne stets die Pflichten eines Führers, auf mir lasten zu fühlen.

 

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