Die Pfeiler des Lichts (3)

Hanael schluckte, er war tief bewegt, denn das erste Mal spürte er wie viel Trauer auch im Herzen dieses Fremden war, genau dieselbe Trauer, wie er sie immer wieder empfand. Er blieb stehen und schaute den Awrigha an, dann legte er ihm die Hand tröstend auf die Schulter. „Ich verstehe dich sehr gut Dinael und… es tut mir leid, dass ich vorhin solche Vorurteile hatte, wegen des Essens von Fleisch. Vermutlich haben wir alle eine etwas andere Art mit unserem Kummer fertig zu werden. Wir sind doch eigentlich alle gleich und darum, sei herzlich willkommen in meinem Haus.“ 

Die beiden Männer hatten nun den Wasserfall erreicht, welcher sich schäumend und tosend in ein Becken mit glasklarem Wasser ergoss. Auf der Wiese um dieses Becken herum, standen viele kleinere Rundhäuser aus Holz. Ihre Dächer waren gedeckt mit einem groben Gewebe, dass die Frauen der Arienes aus einer besonderen Blätterart herstellten. Dieses Gewebe war so dicht, dass es keinen Regen durchliess. Einige der Häuser befanden sich auch auf dem umliegenden Bäumen. Es war ein sehr schöner Anblick. Ein kleiner Regenbogen bildete sich in der spritzenden Gischt des Wasserfalles und breitete sich als wundervolles Farbenspiel,  über das kleine Dorf aus. Dinael schaute sich voller Bewunderung um: „Ihr…habt sogar euren eigenen Regenbogen, ihr müsst wahrlich gesegnet sein…“ Er schien tief berührt und seine Augen leuchteten wie die eines Kindes…

Ja, eines Kindes…“ als Hanael dieser Gedanke durch den Kopf ging, zuckte er innerlich zusammen. Kinder…, ja Kinder, würde es hier in dieser Welt nie mehr geben, kein Kinderlachen würde jemals diese Umgebung durchdringen, kein Kind würde hier jemals unter dem Wasserfall herumplantschen… niemals wieder. Sein Herz wurde unendlich schwer.

„Dass wir keine Kinder mehr in die Welt setzen können, sie aufwachsen sehen, das ist wohl das schrecklichste Los, welches wir seit unserem Weggang aus den himmlischen Gefilden, zu tragen haben. Früher, da war es ganz natürlich, mit dem einem angetrauten, geliebten Partner auch Kinder zu haben, sie aufwachsen zu sehen, ihnen alles beizubringen, was man wusste. Doch hier in dieser Welt ist uns diese Möglichkeit genommen, es wurde uns die Möglichkeit genommen, selbst Leben zu erschaffen. Denn wie könnte man einem solchen Kind auch zumuten, in so eine Welt hinein geboren zu werden?

Das Göttliche, gibt keinem weiteren, von uns gezeugtem Geschöpf, den Funken des Lebens. Ein Preis, den wir bezahlen, weil wir uns aus dem einstigen Lebenskreislauf ausgeklinkt haben. Hätten wir das damals geahnt… wir hätten es uns viel gründlicher überlegt, unabhängig von unserem Ursprung leben zu wollen. Wir könnten zwar schon ein Kind zeugen, aber da der göttliche Lebensfunken es niemals erwecken würde, würde es nur tot geboren. Darum lassen wir es sein und lenken unsere Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Erschaffen neuen Lebens. Alle die es doch mal versucht haben, sind gescheitert. Denn es war kein Leben in diesen Kindern, sie waren nur leere Hüllen. Das waren so schreckliche Erfahrungen, dass wir mit dem Zeugen von Nachwuchs aufgehört haben.

Es raubt mir immer noch den Atem, wenn ich daran denke, wie Hanania und ich fürchterlich litten, als wir feststellten, dass das Kind dass wir versuchten zu bekommen, niemals zum Leben erwachen würde. Es war so schrecklich! Ich sehe noch immer dieses kleine, schlaffe Ding, wie es in meinen Armen liegt. Wie haben gebetet und gefleht, dass es zum Leben erwachen möge, doch… nichts geschah. Ich drückte es an mich, spürte aber nur kaltes Fleisch. Damals hat Hanania sich immer mehr in sich zurückgezogen, sie wollte das Kind- seine Hülle, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang, nicht aus ihren Armen geben. Sie weinte und flehte die ganze Zeit und schliesslich fing sie sich an einzubilden, dass das Kind doch noch einen leichten Atemzug getan hatte. Doch… ich untersuchte es genau und es war nur noch kälter und steifer geworden. Es hatte niemals einen Atemzug getan und würde auch nie einen tun. Denn nur das Göttliche allein, gibt das wahre Leben! Schliesslich sah Hanania auch ein, dass alles nichts brachte und am Ende, beerdigten wir das Kind ausserhalb des Dorfes, wo wir all die unglücklichen, toten Körper der Kleinen begruben, die doch nie gelebt hatten.

Dieser Kummer, dieses Leid, es ist das Schlimmste, dass es gibt. Dennoch… es geht einfach nicht anders. Wir haben die Fähigkeit wirklich zu schöpfen verloren. Ach,… wie schön war es, als noch alles um uns von Leben, Freude und Licht sang und wir einfach schöpfen konnten, was immer wir wollten und der grosse Gottesgeist, hat allem seinen Lebensfunken eingehaucht. Eine solche Vielfalt, in der wir damals lebten, so herrlich, so unbeschreiblich! Warum nur, haben wir uns abgewandt? Warum konnten wir nicht treu sein? Was nützt uns unsere Unsterblichkeit, wenn wir doch niemals wieder etwas Neues zu erschaffen vermögen?

„Hej Hanael! Alles klar mit dir?“ riss eine weit entfernte Stimme, den jungen Mann aus seinen elenden Gedanken. Dinael stand vor ihm und musterte ihn besorgt. „Du bist ja ganz blass geworden und… du wirkst so verzweifelt.“ Etwas unwirsch gab der Angesprochene zur Antwort: „Blass bin ich schon lange und natürlich bin ich verzweifelt. Wie könnte man auch nicht verzweifelt sein, in dieser Hölle hier!“ „Hölle?“ Dinael schaute ihn erschrocken an, „aber… ihr lebt hier doch wunderschön, du hast keine Ahnung von der Hölle.“ „Du etwa?“ gab Hanael zurück und irgendwie kochte die Wut in ihm. „Vermutlich mehr als du.“ „Das glaube ich kaum, hast du denn schon mal eins der toten Kinder im Arm gehalten, das von Unglücklichen in der Hoffnung gezeugt wurde, dass es doch einst leben möge?“ „Ich… habe das zwar nie am eigenen Leibe erfahren, doch ich habe viele Paare gesehen, welche dieses schreckliche Los erlitten. Eigentlich hätten sie es besser wissen müssen. Die einzigen die die Freude eine Familie noch erleben dürfen, sind die Tiere. Sie vermehren sich immer noch, während wir Elenden das niemals mehr tun werden. Schon gar nicht, wenn einem das Dual fehlt. Dann kann man es nicht mal versuchen.“ „Das Dual fehlt?“ fragte Hanael erstaunt.“ „Ja genau, wenn einem das Dual fehlt…“ Dinael wirkte auf einmal eingefallen und voller Kummer. Sein ganzer Frohsinn, war auf einen Schlag verschwunden. Hanael spürte kaltes Entsetzen in seine Knochen fahren und machte sich einmal mehr grösste Vorwürfe, dass der Dinael so schlecht behandelt hatte. „Dir… fehlt… das Dual, dir fehlt… dein Gegenstück? Aber…“ „Ja!“ rief der Awrigha voll verzweifeltem Zorn aus. „Ich habe mein Gegenstück verloren und seither bin ich wohl einer der einsamsten Menschen hier auf der Welt. Denn was tut man ohne sein Dual? Alle die hier nun leben, wurden einst als Dual erschaffen, wie du und Hanania. Beide sind sie unvollkommen, ohne ihr Gegenstück. Wie… ich es bin, es ist… als hätte man mir die eine Hälfte meines Herzens herausgerissen und nie mehr zurückgegeben!“ „Das… tut mir so leid, so unendlich leid Dinael! Nun begreife ich, was du mit der Hölle gemeint hast. Es muss wahrlich die Hölle sein, gar ohne sein Dual auszukommen, denn es gibt für uns keinen andern Weg, als mit unserem Dual zusammen zu sein, weil wir zwei Teile von Einem sind… Ich weiss nicht was ich sagen soll… ich… vergib mir, meine Taktlosigkeit!“ „Ist schon gut, ich möchte nicht, dass du mich bemitleidest, ich muss versuchen ohne Dinaila zu leben, sie hat… sich entschieden einen andern Weg zu beschreiten.“ „Sie ist noch da oben?“ fragte Hanael. „Nein… ein wenig weiter unten…“ Dinael deutete auf die Erde unter ihnen, „Da, irgendwo in den finsteren Landen… sie ist noch tiefer gefallen als ich und meine Hoffnung sie jemals wiederzusehen, schwindet immer mehr.

Ich habe mich darum auf diese Reise begeben, um nach Antworten zu suchen. Ich hörte von einem wundersamen Ort, wo man seine Lieben wiedersehen kann. Wo alles Leid aufhören soll, wo es nur Frieden und Licht gibt.“ Man nennt diesen Ort Die Pfeiler der Lichts. Vielleicht hast du schon davon gehört?“ „Die Pfeiler des Lichts?!“ rief Hanael aus und legte sich sogleich selbst die Hand auf den Mund, denn sie hatten nun eine der grösseren Baumhütten des Dorfes erklommen und traten in den gemütlich eingerichteten Wohnraum hinein. Dort lag eine bleiche, hagere Frau auf einer einfachen Bettstatt. Sie schlief. „Das… ist Hanania, wir sollten sie nicht wecken. Wir müssen leise sprechen!“ Dinael nickte. Hanael brachte etwas Blumennektar mit Wasser vermischt, zum Trinken und ein Stück selbstgebackenes Fladenbrot, dazu verschiedene Gemüsestreifen und bunte Beeren. „Fleisch haben wir hier leider nicht“, sprach er mit gesenkter Stimme „und auch keinen Fisch. Wir essen nichts davon, aber wenn du willst, kannst du morgen zum Teich und etwas für dich fangen. Ich gebe dir die Erlaubnis dazu, als Anführer dieses Dorfes. Du bist mein Gast und unsere Gästen soll es an nichts fehlen.“ Dinael lächelte, nun wieder sein übliches strahlendes Lächeln. „Ich danke dir, aber ich überstehe es jetzt sicher eine Zeit lang, ohne Fisch oder Fleisch.“

„Um auf die Pfeiler des Lichts zurück zu kommen, Dinael. Du weisst aber, dass dieser Ort ein verbotener Ort ist, wir dürfen nicht dorthin, das ist eins der obersten Gesetze, denn dort verschwimmen die Welten und das kann gefährlich, gar tödlich für uns sein. Es heisst in unseren Chroniken: Wer die Pfeiler des Lichts passiert, wird eines schrecklichen Todes sterben.“ „Eines Todes sterben…“ Dinael lachte etwas verbittert auf. „Was für ein Tod könnte das schon sein? Wir sind ja eigentlich schon lange tot. Wir können ja nicht einmal sterben, das ist ja das Elend. Dabei wäre sterben doch gar nicht so schlecht… manchmal.“ „Aber dieser Tod, ist kein einfacher Tod, es ist ein Tod viel schrecklicher, als wir es uns jemals ausmalen könnten.“ „Du meinst damit, wir könnten hinunter in die finsteren Lande verbannt werden?“ „Vielleicht. Wer weiss das schon genau. Das Risiko ist zu gross.“ „Aber… vielleicht sind dieser Gesetze auch nur dazu da, um uns davon abzuhalten, überhaupt dorthin zu gehen! Ich will das mit eigenen Augen sehen. Vielleicht werden wir einige Antworten finden, einige Dinge sehen, die uns etwas mehr Mut geben, die all unseren Völkern mehr Mut geben und die uns zeigen, wie es weitergehen soll.“ „Du weisst, was unsere Aufgabe ist Dinael!“ tadelte Hanael den Awrigha. „Du lehnst dich gegen die Gesetze auf, anstatt dich zu bemühen, alles wieder gut zu machen. Du tust damit dasselbe, wie schon einmal. Dasselbe, was und alle erst überhaupt hierhergebracht hat. Aus dir spricht der Geist Azaels, noch immer. Das ist nicht gut, das ist gar nicht gut…“ „Nein, aus ihm spricht nicht Azael!“ erklang auf einmal eine schwache Stimme im Hintergrund. „Aus ihm spricht schreckliches Elend, Einsamkeit und Not!“ Die beiden Männer drehten sie ungläubig um… vor ihnen stand Hanania.

 

Comments

  • Author Portrait

    Was für eine tiefe Not! Auch ich wünsche deinen Figuren, daß sie den Weg zum Licht wieder finden! Und auch - ich hoffe, ich darf dies anmerken - aus diesen Selbstvorwürfen hinaus, die so selbstzerstörerisch sind.

  • Author Portrait

    Sehr berührend geschrieben, ich wünsch deinen Figuren, dass sie wieder Licht finden ...

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