Die Pfeiler des Lichts (37)

Alle schauten in die Richtung, in welche die anmutige Frau, welche sich Helala nannte, zeigte und tatsächlich, dort oben war wirklich sowas, wie eine kleine Stadt zu sehen. Sie wirkte fast transparent, wunderschön und ein helles Licht, umhüllte sie. «Himmelstadt?» fragte Hanael «Ja, sie ist mit den hohen Himmeln verbunden, doch leider können die wenigstens sie betreten,» erwiderte Helala ernst. «Wir auch nicht?» fragte Ashalia «Leider noch nicht, aber vielleicht… eines Tages. Allerdings, ihr wollt ja sowieso dort rüber gehen.» 

Helala schaute einen nach dem anderen prüfend an. Jene die sich entschieden hatten, die Pfeiler des Lichts zu passieren, nickten leicht schuldbewusst. «Ich kann euch verstehen,» sprach Helala. «Ich weiss, dass euch hier in Eden nur noch wenig hält und tatsächlich sieht es im Augenblick so aus, als würde die Schwingung dieser Welt, noch mehr erniedrigt. Dennoch müssen wir euch sagen, was für Folgen ein Übertritt in die einst finsteren Lande hat. Einiges habt ihr vermutlich schon erfahren. Etwas davon, ist das Vergessen. Ihr werdet alles von eurem einstigen Leben in den hohen Himmeln und beinahe alles von eurer Zeit in Eden vergessen. Durch dieses Vergessen werdet ihr zwar eine gewisse Erleichterung verspüren, doch ihr werdet auch vergessen, wie es einst wirklich war, in der stetigen Gegenwart, des Göttlichen. Durch eure neuen Körper werdet ihr eurer Energielosigkeit zwar in gewisser Weise entgegenwirken können, doch eure Körper werden sterblich sein, sie werden vergänglich sein und eure Seele wird so lange in diesem Körper verweilen, bis dieser durch Krankheit, Alter, oder vielleicht auch Hunger etc. stirbt.» 

Jael fuhr fort: «Ihr könnt den Zeitpunkt eures Todes, nur sehr begrenzt wählen. Ausser ihr setzt eurem Leben ein gewaltsames Ende. Auch das wird es geben. Es wird Menschen geben, die sich selbst töten werden, doch es wird auch Menschen geben, die von anderen getötet werden, oder sogar die anderen töten. Die Gefahren sind zahlreich. Ihr werdet ausserdem alles selbst entscheiden müssen, ihr werdet selbst herausfinden müssen, was der richtige Weg ist, wie ihr eure Leben und das Leben anderer, wertvoll gestalten könnt. Durch eure materielle Hülle wird die Verbindung zum Göttlichen, noch verwässerter werden und das Umfeld in der neuen Welt, wir oftmals feindlich sein. Die Vergänglichkeit, Macht und Ohnmacht, werden stetige Themen sein, die euch begleiten.» 

Jaella sprach: «Zwar werdet ihr wieder Familien gründen können und ihr werdet, zumindest für eine gewisse Zeit, mit euren Dualen zusammen sein können. Doch irgendwann könntet ihr diese auch aus den Augen verlieren, denn eure Seelen werden immer wieder neue Leben durchwandern, bis ihr euren Weg zurück in die einst himmlische Heimat wiederfindet und ihr euch von allem befreien könnt, das euch an dieser Heimkehr hindert. Der Vorteil dieser verschiedenen Leben ist, dass ihr immer wieder einen Neustart machen könnt, doch immer wieder, werdet ihr dann eure vergangenen Leben vergessen und bei Null beginnen, als Kinder irgendwelcher neuen, sterblichen Eltern.» 

«Einiges wird in euren Seelen gespeichert bleiben," ergänzte Helala, doch es werden nicht immer angenehme Dinge sein, weil ihr auch, durch diese ganz neue Lebensweise in der Vergänglichkeit, eure Prägungen davontragen werden, die es euch sehr viel schwerer machen können, zurückzukehren. Natürlich wird jedoch irgendwo tief in dieser Seele, in eurem unberührbaren Seelenfunken, auch eurer einstiger Ursprung gespeichert sein, zu dem ihr stets wieder zurückfinden könnt. Dann werden sich euch wieder neue, wundervolle Erkenntnisse eröffnen, welche wiederum eure Heimreise erleichtern können. Denn in all den Nöten und Ängsten, die ihr durchwandert, oder noch durchwandern werden, wird das Göttliche doch immer präsent sein, es wird da sein, wenn ihr nach ihm ruft, doch nicht auf dieselbe Weise, wie es einstmals war. 

Ihr alle habt den freien Willen, diesen Willen, werden euch die göttlichen Eltern, niemals beschneiden und unsere Brüder und Schwestern im Licht, werden da sein, wenn ihr die Schwere und Dunkelheit eures Bewusstseins überwinden und euch nach dem Lichte ausrichten könnt. Wir werden auch da sein. Von Shangri- La aus, werden wir sehen, wenn eine Seele neu erwacht und die Heimkehr antreten will. Ihr werdet uns zwar in euren grob-stofflichen Körpern, kaum mehr sehen und seht ihr uns dennoch, dann seid ihr am Erwachen und wir versuchen alles, um euch beizustehen und euch zurück zu führen, in die alte Heimat.»

Helala hielt nun in ihrer langen Rede inne und schaute erneut von einem zum anderen. «Es ist unsere Pflicht, euch über all diese Dinge aufzuklären, damit ihr euch ganz genau überlegen könnt, ob ihr diesen Schritt wagen wollt. Zweifellos habt ihr…» sie wandte sich an Dinaila und die anderen, aus den einst finsteren Landen «…etwas Erstaunliches zu Wege gebracht, mit dieser neuen Welt. Dafür zolle ich euch grössten Respekt, doch ich will euch doch ermahnen, unterschätzt nicht die Tücken der Vergänglichkeit! Denn alles was vergänglich ist, wird einst wieder ein Ende finden, es muss ein Ende finden. Deshalb seid euch bewusst, dass euer Dasein dort, zumindest auf diese Weise, wie es jetzt ist, begrenzt sein wird.» Sie schwieg erneut und atmete tief durch. 

Die Anwesenden schauten einander erschüttert an. Das waren wirklich klare Worte und dennoch… eigentlich hatten sie sich schon entschieden und trotz all dieses Wissens, gab es kein Zurück mehr für sie. Sie wollten auch gar nicht mehr zurück, mit Ausnahme des Fürstenpaares der Indigenes.

Orphiel ergriff nun auch das Wort: «All diese Informationen, leuchten uns völlig ein. Ich, meine Gemahlin und unsere treuen Begleittiere, haben uns aus all diesen Gründen, gegen einen Übergang in die einst finsteren Lande, entschieden. Wir lieben Eden einfach noch zu sehr und wir glauben, dass man uns hier noch braucht, dass wir hier noch eine Funktion erfüllen müssen. Wir wollen nicht vergessen, wir wollen verbunden bleiben, mit Mutter Eden und mit den hohen Himmeln, auch wenn wir im Augenblick noch nicht dorthin zurückkehren können. Wir geben die Hoffnung aber noch nicht auf, dass es einst so weit sein wird. Wir glauben einfach, dass wir in der neuen Welt zu viel verlieren würden.» 

Helala lächelte wohlwollend. «Du hast klug gesprochen, Orphiel Aglasis, doch so wie es aussieht, seid ihr wohl die einzigen, die so denken.» Wieder musterte sie die Anwesenden und es war selbigen, als würde Helala, in jede einzelne ihrer Seelen blicken. «Ihr wollt gehen, das sehe ich an eurer Aura. Nicht wahr?» Alle nickten, nur Hanael schien noch ein wenig mit sich zu ringen. Doch trotz alledem war Helala feinfühlig genug, um zu erkennen, dass er sich schlussendlich doch für Hanania und gegen Eden entscheiden würde. Und so geschah es auch.

Hanael sprach. «Wir danken euch, dass ihr uns all diese Dinge vor Augen geführt habt. Doch was mich und meine Liebste betrifft, ist unsere Zeit in Eden abgelaufen. Wir möchten etwas Neues ausprobieren, wir wollen Kinder- eine Familie haben und unseren Kummer vergessen. Diese Welt hier, sie ist ebenfalls schon sehr lebensfeindlich. Es gibt jene, die sich über andere erheben und ihnen jetzt schon schreckliches Leid zufügen,» Hanael dachte an Heliel und seinen Angriff und wieder schauderte es ihn. «Ausserdem, so schlecht ist es vielleicht gar nicht, wenn wir unsere Unsterblichkeit verlieren, durch die Möglichkeit immer wieder einen Neustart zu machen, wird uns unsere Sehnsucht nach den hohen Himmeln, nicht mehr so zerfressen und natürlich werden wir mit unseren Dualen zusammen sein. Das ist doch einfach wunderbar! Alle hier, sie waren so einsam und nun, sind sie wieder vereint. Ach, es gibt eine Menge Gründe, diesen Schritt zu wagen…»Die beiden Ibrani Frauen, Dinael und Ambriel nickten zustimmend und drückten liebevoll die Hände, ihrer wiedergefundenen Dualpartner.

«So ist es also entschieden,» erwiderte Helala. «Dann bleibt uns wohl nichts anderes mehr, als euch viel Glück und Kraft zu wünschen, für dieses gänzlich neue Leben, in einer gänzlich neuen Welt.»

«Wir danken dir,» sprach Hanael «auch dass ihr für uns da seid, auch wenn wir euch vielleicht nicht mehr sehen werden.» «Wir sind immer da, ich hoffe sehr, ihr erinnert euch irgendwann wieder daran, auch jenseits… von Eden.» «Das werden wir bestimmt,» meinte Hanael zuversichtlich.

Er nahm Hananias Hand und ging mit ihr auf das helle Licht jenseits der Pfeiler zu.

So ist es nun also entschieden. Es gibt kein Zurück mehr. Was wird uns dort drüben erwarten, wird sich bewahrheiten, was die Bewohner von Shangri- La uns gesagt haben? Aber ich will jetzt nicht mehr darüber nachdenken. Irgendwie ist Freude und grosse Erwartung in mir und seit langer Zeit, verspüre ich wieder neue Hoffnung. Mein Blick schweift über meine Freunde, die mit uns gehen und wir lächeln uns nochmals ermunternd zu. Noch einmal werfen wir einen Blick zurück, heben unsere Hände zum Abschiedsgruss. Besonders Orphiel und Orphiala, werden mit bestimmt fehlen. Nun gut, sie haben sich zum Bleiben entschieden, wir uns zum Gehen. So ist der Lauf der Dinge wohl. Eden zurück zu lassen, schmerzt mich nicht mal so sehr, ich verspüre sogar eine gewisse Erleichterung.

Ich nehme mein Medaillon ab, dass mich als den grossen Führer ausgezeichnet hat und lasse es zu Boden gleiten. Es leuchtet nochmals kurz auf, dann verblasst sein Schein gänzlich. Und dann… mache ich den ersten Schritt hinüber in die neue Welt und süsses Vergessen hüllt mich ein, wie ein warmer, weicher Mantel… es ist vollbracht, ein neues Leben wartet auf uns!

 

Epilog

Helala und ihre Getreuen, Jael und Jaella schauten hinab, auf die neue und die alte Welt. Viele Jahre waren schon wieder vergangen und so manches was sie prophezeit hatten, war eingetreten. Edens Schwingung war noch niedriger geworden und auch jene, der meisten Eden- Bewohner. Immer mehr wurde die alte Welt, von der Neuen eingesaugt und vielen blieb nicht anderes übrig, als sich an eine neue Existenz, in einem grobstofflichen Leib anzupassen. Nur wenige harrten noch aus, die meisten von ihnen, lebten nun jedoch in Shangri- La, unter anderem auch Orphiel und Orphiala Aglasis. So wuchs die Himmelsstadt und wurde ausserdem zu einem wichtigen Übergangsort, zurück in das einst himmlisches Dasein. Helala, Jael und Jaella blieben stets in Shangri- La, denn sie sahen es als ihre Aufgabe, suchenden Seelen beizustehen, wenn sie dessen bedurften. Sie wollten niemanden im Stich lassen und konnten sich ja auch von einer Welt, zur anderen, bewegen. Ganz, ganz selten geschah es, dass jemand in der neuen Welt, die Himmelstadt tatsächlich erblickte. Einen flüchtigen Moment lang jedoch nur, der aber oft sein ganzes Leben veränderte und ihm die Augen öffnete, für das himmlische Dasein.

Und so strahlte und funkelte Shangri- La, wie ein kostbares Kleinod, welches wie ein Leuchtfeuer von einer Herrlichkeit, jenseits aller Schranken, zeugte!

 

ENDE

 

 

     

 

 

 

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  • Author Portrait

    Ein ergreifendes Finale, sehr berührend. Auch wie jede/r seinen eigenen Weg wählt und dafür sehr sehr gute Gründe hat. Gänsehaut. Vielleicht gibt es eines Tages ja Teil 2 mit der Rückkehrgeschichte...

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