Die Pfeiler des Lichts (8)

Mittlerweile hatte Heliel sich sogar auch schon mit einigen Nachbarländern verfeindet. Jaels Volk begann sich erneut von den andern abzugrenzen und die Harmonie, welche eigentlich einst ihre Aufgabe gewesen wäre, wurde mehr und mehr zunichtegemacht. Jael und Jaella waren machtlos dagegen. Sie hatten ihrem Missmut schon öfters Ausdruck verliehen. Doch Heliel war mittlerweile so festgefahren, dass sie einen Putsch gegen seine Herrschaft hätten unternehmen müssen und das widerstrebte ihnen zutiefst. Denn immerhin hatte sie die Zwietracht, der sie in ihrer alten Heimat erlegen gewesen waren, überhaupt hierher an diesen schweren Ort gebracht. So scharten sie, wie einstmals, ihre Vertrauten um sich und kümmerten sich kaum mehr um die Welt da draussen. Sie hofften, dass vielleicht irgendwann die grossen Anführer wiedererscheinen würden, die vor vielen, vielen Monden einfach verschwunden waren. Bis dahin versuchten sie in dem, ihnen möglichen Rahmen, die Harmonie weiter aufrecht zu erhalten.   

Jael seufzte und stützte sein Gesicht traurig in seine Hände, während seine Ellbogen auf dem Geländer, der Brücke ruhten. Silberne Tränen rannen aus seinen Augen, ohne dass er es wollte und fielen hinab, in das kühle Wasser unter ihm. Das Futter war nun alle und die Fische hatten sich wieder in die tieferen Lagen des Teiches zurückgezogen. Als nun jedoch eine von Jaels Tränen die Oberfläche, des mittlerweile stillen Weihers, traf und sich kleine Kreise von dort her ausbreiteten, kamen auf einmal wieder zwei Fische nach oben geschwommen. Dabei passierte etwas Faszinierendes: Sie bewegten sich in entgegengesetzter Richtung und drehten sich umeinander, dabei blickte je eines ihrer runden Augen, Jael an. Und dann hörte er auf einmal eine innere Stimme sagen: „Verzweifle nicht, wenn du wieder dein inneres Gleichgewicht findest, wird alles leichter!“ Noch mehr Tränen trafen die Wasseroberfläche, nun auch Tränen der Rührung und immer mehr Fische kamen und machten dasselbe wie die ersten beiden. Wie Diamanten begannen Jaels Tränen dabei nun zu funkeln und zu leuchten und noch während sie auf den Grund des Gewässers sanken, verloren sie dieses Leuchten nicht. Fassungslos schaute er dem wundersamen Schauspiel zu, das so voller Harmonie und Eintracht war, dass er gleich noch mehr weinen musste und… immer mehr und mehr Fische kamen. Sie wollten ihm etwas zeigen und diese unglaubliche Bild, prägte sich tief in seine Seele ein.

 

6. Kapitel


Seit es Hanania wieder besser geht und Dinael nun bei uns ist, ist wieder Leben und neues Glück, in unser einst so trauriges Dasein eingekehrt. Der Frohsinn unseres neuen Freundes, tut uns beiden sehr gut und wirkt ansteckend. Neue Hoffnung keimt in uns allen wie ein wundersames, saftig grünes Pflänzchen, das durch unsere langen, bereichernden Gespräche, auch über die Pfeiler des Lichts, angefangen hat zu keimen. Jeden Tag wächst es mehr, wird grösser und stärker. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es sich wahrlich lohnt, nach den Pfeilern zu suchen. Heute haben wir unsere erste Reise zum Volk im Osten – den Ibranis angetreten. Als Reittiere dienen uns die wunderschönen, farbenprächtigen Vögel, welche wir Paradisiacares nennen. Es gibt von ihnen einige Kolonien in unserer Heimat. Sie sind sehr gross, intelligent und sanft in ihrer Natur. Ausserdem gut führbar, weil sie immer gleich verstehen, was wir von ihnen wollen. Sie leben sonst frei in den Baumwipfeln und Felshöhlen unseres Reiches, doch wenn wir sie brauchen, dann können wir sie mit einer besonderen Okarina rufen. Jeder Arienes lernt von klein auf die Okarina spielen und sucht dann, wenn er erwachsen wird, nach dem geeigneten Paradisiacare, kurz Paradisi genannt. Jeder dieser herrlichen Geschöpfe mit dem, in allen Regenbogenfarben schillernden, fast transparenten Gefieder und den langen Schwanzfedern, hört auf einen eigenen, ganz speziellen Klang, den man zuerst herausfinden muss. Es ist nicht immer leicht, das zu bewerkstelligen, wenn einem die Verbindung mit den Tieren abhandengekommen ist. Hanania und ich haben zum Glück unsere Paradisi schon lange und kennen ihren persönlichen Klang. Heute würde es uns wohl schwerer fallen diesen zu finden. Denn unsere Verbindung zur Tierwelt ist nicht mehr dieselbe wie einst. Zum Glück sind Paradisi verständnisvolle und treue Geschöpfe.

Früher waren Hanania und ich oft mit unseren Paradisi unterwegs. So hatten wir anfangs auch Angst, dass diese jetzt, da wir sie so lange nicht mehr brauchten, nicht mehr kommen würden, wenn wir sie riefen. Mit klopfendem Herzen bliesen wir deshalb unseren ganz speziellen Ton auf der Okarina. Es dauerte eine ganze Weile, doch dann kam Hananias Vogel Mirabil mit einem lauten, fröhlichen Pfiff dahergeflogen. Er schien sich zu freuen Hanania wieder wohlauf zu sehen und legte seinen Kopf mit dem leicht gebogenen, roten Schnabel, sanft an ihren Hals. Er war wahrlich ein wundervoller Anblick! Seine Schwanzfedern wurden von Rot- und Orangetönen dominiert. Hingegen jene von meinem Vogel, genannt Alba, eher von Blau und Türkis. Die beiden gleichen sich sehr. Als ob sie auch zusammengehören würden… so wie Hanania und ich. Als nun auch Alba herangeflogen kam und mich freudig begrüsste, konnte Dinael sein Erstaunen nicht verbergen. Mit weit offenem Mund schaute er die herrlichen Tiere an. «Mein Gott!» sprach er «so etwas gibt es bei uns nicht, jedenfalls kann man auf unseren Vögeln nicht reiten, die sind viel zu scheu und wild.» Das ist hier nicht der Fall,» sprach ich uns streichelte über das weiche, flauschige Gefieder von Alba. Mit ihr fiel mir die innere Zwiesprache nicht schwer und ich teilte ihr sogleich mit, das Dinael unser Gast war und mit uns reiten würde. Paradisi sind stark und freundlich und so hatte Alba nichts dagegen, dass Dinael sich hinter mir auf ihren Rücken schwang. Ich befestigte einen Strick um ihren Bauch, woran sich mein neuer Freund festhalten konnte. Seine Finger umklammerten verkrampft diesen Strick, als wir uns in die Lüfte erhoben und auf den wunderbaren, warmen Winden Richtung Osten ritten!

Die drei Reisenden flogen bis hinauf über die Baumwipfel, in denen sich noch weitere der farbenprächtigen Vögel tummelten, die ihre beiden Reittiere mit lauten Rufen begrüssten, als sie über sie hinweg glitten. Es gab mächtige tellerförmige Horste in den obersten Ästen der Urwaldriesen und die Baumgrenze war schon zu erkennen. Die Luft war erfüllt mir den verschiedensten Geräuschen und Rufe der unterschiedlichsten Tiere. Dort keckerten einige Affen, da hörte man den wundervollen Gesang verschiedenster Vögel, alles untermalt vom Schwirren der zahllosen Insekten. Es war eine wahrlich schöne, farbenfrohe Welt und doch nichts im Vergleich mit ihrer alten Heimat, in der Gegenwart des ewig göttlichen Lichts. Einst waren sie alle Teil dieses Lichtes gewesen, eng damit verbunden, doch nun fühlten sie sich mehr und mehr davon abgeschnitten. So war auch diese Reise stets mit einer stillen Trauer über den Verlust, den sie alle erlitten hatten, untermalt. Wie ein wundervolles Musikstück, geschaffen von den grossen Virtuosen der Lichterwelt und dennoch durchwoben mit den tragischen Klängen des Irdenen. Hanael schaute seltsam entrückt, wie die Welt unter ihm dahinglitt. Die Landschaft veränderte sich mehr und mehr. Bereits lag der dichte Urwald hinter ihnen und wurde von einer weiten Grasebene abgelöst, hinter der sich eine mächtige Gebirgskette mit schneebedeckten Gipfeln erhob. Die Luft war frisch und klar und Hanael glaubte sogar den glitzernden Schnee zu riechen, auch wenn die Berge noch weit entfernt waren.    

Wie lange war er schon nicht mehr in den Bergen gewesen, wie lange schon nicht mehr ausserhalb des heimatlichen Waldes. Das Territorium, dass sie nun überflogen, waren die östlichen Lande der Ibranis. Schon sahen sie die ersten, ihrer unvergleichlichen Gebäude, auftauchen. Die meisten von ihnen waren in der typischen Art der Ibrani Bauweise errichtet worden. Ein kristallklarer Fluss, rahmte die Stadt ein.

Schon in der himmlischen Welt, hatte man die Ibranis für ihre Kunst sehr bewundert. Doch es hatte sich viel verändert, seit Hanael das letzte Mal hier gewesen war. Es gab viel mehr Häuser, einer richtige Stadt lag nun unter ihnen. Doch diese Stadt war, beim genauen Hinschauen, nicht mehr überall gleich prächtig. Es gab auch einfachere Häuser und auch die Leute, die sich in den Strassen und Gassen selbiger tummelten, waren nicht mehr alle gleich prächtig eingekleidet. Obwohl ihre Ausstrahlung teilweise sehr lieblich und wundervoll war. In ihrer einstigen Heimat waren die schönsten, reinsten Seelen auch am schönsten angezogen gewesen, doch hier schien alles irgendwie anders zu sein.

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