Die Pfeiler des Lichts (9)

Während meine Begleiter und ich uns langsam auf die Stadt hinabsinken lassen, um an einem geeigneten Ort zur Landung anzusetzen, beschleicht mich beim Beobachten des bunten Treibens selbiger, ein seltsames Gefühl. Da ist dieses mächtige, prunkvolle Gebäude auf dem Hügel, dass sich von allen andern durch seine Pracht, sein mit Edelsteinen und Gold verziertes Domdach und den reich, mit Mosaiken geschmückten, weissen Wänden abhebt. Die Häuser zu seinen Füssen, sind teilweise sehr ärmlich, was für die Ibranis eigentlich ungewöhnlich ist. Und obwohl einige Menschen in den Strassen eine wundervolle Güte und ein helles Seelenlicht ausstrahlen, sind sie auch verhältnismässig ärmlich gekleidet. Zudem stehen Wachen vor dem Palast auf den Hügel und patrouillieren auch durch die Gassen. Das verstehe ich nicht. Das war doch noch nie nötig und warum sind diese strahlenden Menschen so unangemessen gekleidet? Gibt es womöglich bereits Klassenunterschiede hier, die nicht mehr mit der ursprünglichen Ordnung vereinbar sind? Es wird wirklich Zeit, dass Hanania und ich hier mal nach dem Rechten schauen. Wir landen deshalb gleich auf dem riesigen Platz vor dem Palast und gehen, erstaunt um uns blickend, zwischen zwei mächtigen Mosaik- Springbrunnen hindurch, unsere Reittiere führen wir hinter uns her. Doch sogleich laufen uns die Wachen entgegen und schreien «Halt! Wer seid ihr?» Ihre langen silbernen Speere versperren uns den Weg. Ärger ergreift mich und ich erwidere etwas unfreundlich: «Die Gastfreundschaft bei den Ibranis war auch schon besser.» Die Wachen erwidern von oben herab: «König Anauel, ist nur gastfreundlich zu denen, die es auch verdienen, ihr scheint nicht zu ihnen zu gehören.» «Und warum bitte nicht?» fragt Dinael, an meiner statt. «Weil ihr nicht wie Leute ausseht, die normalerweise mit unserem König zu tun haben, auch wenn eure Reittiere eindrucksvoll sind, ihr selbst seid es weniger.» Wir sind alle ziemlich einfach und bequem gekleidet, das ist praktischer für eine weite Reise. Ich versuche meinen Ärger über die anmassende Art der Wachen hinunter zu schlucken und erwidere ruhig: «Führt uns zu eurem… König, ich bin mir sicher, er wird unsere Gesellschaft als angemessen empfinden. Als überaus angemessen sogar… Der Tonfall in meinen Worten muss die Wachen unsicher gemacht haben, denn einen Augenblick lang zögern sie. Doch dann fängt sich der eine wieder und spricht: «Gibt es denn irgendetwas, dass ihr vorbringen könnt, um eure Worte zu untermauern?» Mein Ärger wächst zusehends. Früher waren die Türen bei den Ibranis stets offen gewesen und ihre Gastfreundschaft suchte ihresgleichen. Doch nun…hat sich alles verändert. Ich überlege einen Moment, dann ergreife ich eine goldene Kette die ich um den Hals trage und fördere ein Medaillon zu Tage, dass mich als den grossen Führer der Welt Eden ausweist. Es hat die Form einer Sonne.

Als es mit dem Tageslicht in Berührung kommt, beginnt es in göttlichem Licht zu strahlen und zu funkeln. Die Wachen machen erschrocken einen Schritt zurück. «Kommt euch das bekannt vor?» frage ich. Es ist, als würde eine Erinnerung, kurz in den Augen der Wachen aufflammen, doch diese muss wohl sehr verblasst sein. Denn der eine meint nur: «Also gut… ich werde den König benachrichtigen und ihm von diesem… Medaillon berichten. Vielleicht weiss er mehr darüber als wir.» «Ja, tut das,» erwidere ich und zusammen mit meinen Begleitern, warte ich mehr oder weniger geduldig darauf, bis der Soldat wieder zurück kommt. Als es so weit ist, spiegelt sich Schuldbewusstsein in seiner Mine und ohne ein weiteres Wort, bittet er uns hinein.

Als die drei Reisenden in den mächtigen Palast traten, sahen sie sich, einmal mehr, erstaunt um. Hier war wirklich alles sehr prunkvoll. Doch im Gegensatz zu den architektonischen Kunstwerken, in der früheren Welt, wirkte hier alles fast etwas gar aufgesetzt und überladen. Hanael hatte irgendwie ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, als sie schliesslich in einen grossen Thronsaal kamen, auf dessen Thron ein leicht arrogant wirkender, hochgewachsener, gut genährter Mann, in prunkvollen Gewändern sass. Er wirkte ein Stück älter, als die Neuankömmlinge. Sein halblanges Haar war dunkel, mit ein paar silbernen Strähnen durchwoben, seine Nase markant, seine einst vollen Lippen etwas verkniffen. Doch als Hanael und seine Begleiter eintraten, verwandelte sich seine Arroganz, sogleich in Höflichkeit. «Darf… ich das Medaillon bitte mal ansehen?» fragte er, verliess den Thron jedoch vorerst noch nicht und blickte so weiterhin auf die drei Reisenden herab. Hanael nickte, irgendwie unangenehm berührt und holte das Medaillon nochmals hervor, welches nun erneut hell aufstrahlte. «Beim grossen Geist!» entfuhr es dem König und sogleich sprang er von seinem Thron auf und kam die Treppe hinab geeilt, die von dem kleinen Podest herabführte. Er verneigte sich tief und nun wirkte er richtig unterwürfig. «Ich kann es nicht glauben, ihr seid es wirklich!» rief er aus «Ihr seid die grossen Anführer! Wo um alles in der Welt seid ihr so lange gewesen?» «Da und dort,» erwiderte Hanael ausweichend. «Doch wir dachten, wir müssen mal wieder alle unsere Völker besuchen. Wir hätten jedoch einen etwas freundlicheren Empfang erwartet, ehrlich gesagt.» Der König machte eine wegwerfende Handbewegung, in Richtung der Wachen, die sie hergebracht hatten. «Diese Banausen haben doch keine Ahnung. Aber ich, ich erinnere mich noch gut an euch.» «Ach ja?» meinte nun Dinael der sein Temperament etwas weniger leicht zügeln konnte, als seine Begleiter. «Das hat vorhin so gar nicht den Anschein gemacht.» Der König wandte sich ihm nun zu und es war als hätte er ihn erst jetzt richtig wahrgenommen. «Awrigha nehme ich an?» erwiderte er leicht angewidert. «Ja genau, was soll der herablassende Ton?» fragte Dinael und sein Ärger, wuchs sichtbar. «Nun… wir pflegen sonst keinen Umgang mit den Völkern der Küsten. Ihre… Lebensart, unterscheidet sich in zu vielem von unserer. Sie essen ihre Mitgeschöpfe, hörte ich. Das ist für uns undenkbar. Ausserdem sind sie auch nicht so fleissig beim Beten. Sie tragen wenig dazu bei, dass wir zurück in die göttlich Welt können.» «Dinael ist unser Freund!» erwiderte Hanania nun ebenfalls ungehalten, «also behandelt ihn bitte mit dem nötigen Respekt! Alle Menschen sind gleichviel Wert im Auge des Göttlichen. Daran solltet ihr euch wieder etwas mehr erinnern! Mir ist z.B. aufgefallen, dass einige in eurem Reich sehr ärmlich gekleidet sind und unter nicht gerade guten Bedingungen leben…»

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    Freut mich, dass die Hanania das Wichtigste anspricht... hoffentlich hat sie Erfolg damit...

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