Die Probleme eines Jarls

Spätestens bis zum Mittag war es Ragnar dann klar geworden, dass der Tag nicht halb so gut geworden war, wie er es sich erhofft hatte.
Wie geplant hatte er eine handtellergroße Fibel aus seinem Versteck geholt, die er dort deponiert hatte, um Lathgerha irgendwann damit eine Freude zu machen.

Mit einem zuversichtlichen Grinsen auf den Lippen, da er wusste, wie sehr auch seine Gefährtin ihn begehrte, hatte er ihr den schimmernden Bronzeschmuck angesteckt und sie dabei gebeten, ihn heute Nacht auf ihrem Lager zu erwarten. Doch anstelle des von ihm erhofften heißblütigen Kusses hatte er von seiner Gefährtin eine heftige Maulschelle eingefangen. Ihr Schlag hatte dabei auch noch seine sowieso schon malträtierte Nase getroffen, sodass ihm nun erneut das Blut übers Gesicht lief.

"Was bist du für ein Dummkopf, Ragnar Loðbrók, dass du glaubst, dich heute mit mir amüsieren zu dürfen, wo du doch gestern Nacht schon dein Vergnügen bei irgendeiner billigen Dirne hattest." Die Schildmaid maß den entsetzten Jarl mit einem kalten Blick. "War sie gut?" Sie lachte trocken. "Dass sollte sie hoffentlich gewesen sein, denn so bald wirst du zumindest bei mir keine Gelegenheit haben, deine Bedürfnisse zu stillen."
Sie ließ ihn nach ihrer Rede einfach stehen, rief nach einer Sklavin, der sie halblaut Anweisungen erteilte und ging dann aus dem Haus. Die ältere Frau, der sie etwas befohlen hatte, nahm einen Wollsack auf und folgte dann ihrer Herrin ins Freie.

Ragnar aber musste sich erneut Blut aus dem Gesicht waschen, bevor er einen Knecht losschickte, der die Völva suchen sollte. Seine Nase brauchte dringend eine heilende Hand. Dass Lathgertha ihm ihr Lager verboten hatte, nagte an ihm. Sonst war sie nicht so grob und ließ ihm hin und wieder seinen Spaß mit einer schönen Sklavin. Gestern Nacht hätte sie ihn aber wohl selbst gern zwischen ihren Schenkeln gehabt. Nun ja, auch die Schildmaid hatte ein Recht, ihre Ansprüche geltend zu machen. Nicht umsonst war sie seine Frau! Das würde sich alles wieder irgendwie einrenken.

Seufzend schenkte er sich ein Horn Bier ein und wartete auf Jorunn. Er ahnte schon, wo sie gerade war, hatte das aber dem Knecht sicherheitshalber nicht gesagt. Hoffentlich blieben Rúna und Rollo bei ihrer Version der nächtlichen Geschichte. Wenn nicht …

Erstmals wurde Ragnar klar, welche Ausmaße es annehmen würde, wenn einer der beiden vor Jorunn oder Lathgertha plauderte. Für seine Gefährtin war die junge Frau mehr Freundin als Dienerin, was er auch als günstig erachtete hatte, als er sich gerade Rúna zur Zweitfrau erwählte. Wenn sie herausbekam, dass er diese für ein Liebesspiel mit dem Dolch bedroht hatte, würde er den ganzen Winter lang allein schlafen müssen. Das war ihm klar.
Noch gefährlicher aber war Jorunn. Mit der Völva durfte man es sich nicht verscherzen. Ihr Kontakt zu den Göttern war allgegenwärtig und wem sie nicht wohlgesonnen war, der hatte über kurz oder lang einen Fluch im Nacken sitzen. Ja, Ragnar vermutete sogar, dass sie imstande wäre, ihm bei passender Gelegenheit einen Giftpilz unterzujubeln, wenn sie herausbekam, was er letzte Nacht getrieben hatte. Es war wohl besser, auf seine beiden Mitwisser zu hoffen und sich vor allem vor Rúna still zu verhalten. Das konnte er so kurz vor einer wichtigen Kriegsfahrt gar nicht gebrauchen, dass seine Macht infrage gestellt wurde.

Der Jarl saß lange Zeit grübelnd an seiner Tafel. Wenn er doch Rúna nur ein bisschen besser kennen würde. Jede andere Sklavin würde ihm für einen Freibrief lebenslange Dankbarkeit versichern und ihren Mund halten. Doch bei dieser Frau war er sich da nicht ganz sicher. Wenn sie ihre neue Unabhängigkeit ausnutzte, um ihm zu schaden …
Andererseits war Rollo ganz klar gewesen in seinen Wünschen: Er sollte vor Thorstein und allen anderen den Unwissenden spielen und außerdem Rúna freigeben. Ja, sein Bruder hatte sogar Respekt vor ihr eingefordert.
Unwillig schlug der Jarl mit der Faust auf den Tisch.
Die größte Öde an dem Ganzen war, dass Rollo auch noch recht hatte. Rúna konnte durchaus Jorunn in ihrer Rolle als Heilerin nachfolgen. Auch wenn die Völva ihr bisher auch nur einen Teil ihres Wissens vermittelt hatte, konnte sie ihm durchaus jetzt schon gefährlich werden.

Rhythmisch hämmerte der Jarl mit der Handkante weiter auf die Tischplatte. Sein Kopf dröhnte, seine Nase war so zugeschwollen, dass er durch den Mund atmen musste und auch das Bier schmeckte heute irgendwie schal. Was für ein gottverlassener Tag!

Gerade als er erneut seine Faust niederfahren ließ, kam Jorunn zur Tür herein - unmöglich den Schlag noch zu bremsen. Dröhnend krachte die Rechte des Jarls auf das Eichenholz. Die Völva kam mit hochgezogenen Augenbrauen näher. "Schöne Begrüßung, mein lieber Jarl, was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?"
Aufmerksam sah sie dem schlecht gelaunten Krieger ins Gesicht. "Oder sollte ich besser sagen, welche Faust?"

Umständlich stand  Ragnar auf und begrüßte die Alte, wie es sich gehörte. Dann wischte er sich einmal über das zerschlagene Gesicht. "Rollo!", brummte er.
"Rollo also", wiederholte die Völva halblaut. "Eine kleine Prügelei unter Brüdern, wie?", forschte sie dann nach, während sie den Mann zurück auf seine Bank winkte und sich den Schaden ein wenig genauer betrachtete.
"Hattet ihr wieder mal Streit? Worum ging es diesmal? Um die Höhe der Leidang oder darum, wer das letzte Fass Bier bekommt?" Nachdenklich fuhr sie am Nasenbein des Jarl entlang, der sich mannhaft gegen den Schmerz stemmte. "Es hat dich dieses Mal mehr erwischt als ihn", ließ sie Ragnar wissen. "Ich komme gerade aus seinem Haus."

Nun, dass hatte sich der Jarl auch gedacht. Dennoch stellte er sich überrascht und erkundigte sich, ob mit seinem Bruder alles in Ordnung sei.
"Ich werde dir das richten müssen", ließ Jorunn ihn wissen, nachdem sie bestätigt hatte, dass Rollo unversehrt sei. "Bist du bereit?"
Kaum hatte der Jarl seine Zustimmung gegeben, raste ein wilder Schmerz durch sein Gesicht. Jorunn hatte ohne weitere Vorwarnung sein Nasenbein, das sich mit einem Knirschen gegen diese Behandlung sträubte, zurück in die richtige Lage geschoben.

Obwohl sich der Jarl einen Schmerzensschrei gerade noch so verbeißen konnte, entwich ihm dennoch ein gepeinigtes Keuchen. Doch für Jorunn schien sein Befinden gerade nicht besonders interessant zu sein. Sie wandte sich bereits ab und begann, in ihrem Kräutertuch zu kramen.
"Man hat Rúna letzte Nacht aufgelauert", ließ sie den Jarl nun wissen. "Ein Mann hat sie bedroht, in eine Scheune irgendwo im Dorf verschleppt und sie mehrmals bestiegen." Sie fluchte gotteslästerlich und Ragnar fragte sich, ob Odin ihr die losen Sprüche vergab, weil sie seine Botschafterin war. Doch er hatte keine Zeit, sich dem Gedanken länger zu widmen.

Die Völva hatte inzwischen gefunden, wonach sie gesucht hatte - ein Bündel getrockneter Weidenrinde, das sie vor ihm auf den Tisch legte.
"Lathgertha weiß, was sie damit machen soll", erklärte sie kurz angebunden. "Dieser Kerl aber, der, der das Rúna angetan hat, muss es so brutal mit ihr getrieben haben, dass sie heute Morgen von den Klippen gesprungen ist. Wenn dein Bruder sie nicht gesehen und ihr hinterher geschwommen wäre …"

Nachdenklich musterte sie den Jarl, als sähe sie ihn heute zum ersten Mal. "Rúna sagt, sie wisse nicht, wer ihr das angetan hat. Es sei zu dunkel gewesen und sie habe sein Gesicht nicht erkannt. Glaubst du das?"
Unaufgefordert setzte sich Jorunn Ragnar gegenüber an die Tafel. Auch das noch! Ob sie wirklich nichts ahnte?

Gespielt grüblerisch zuckte der Jarl mit den Schultern. "Warum nicht? Es wäre doch unlogisch, wenn sie ihn kennt und den Namen verschweigt. Immerhin bin ich ihr Herr und könnte den Mann zur Rechenschaft ziehen, wenn sie ihn beschuldigt."
Jorunn sah, dass das linke Augenlid des Jarl ein wenig zuckte.
"Eben!", stimmte sie zu. "Genau das habe ich auch gedacht. Und obwohl ich ihr wirklich gut zugeredet habe, bleibt sie bei dem, was sie behauptet."

Ungeduldig klopfte der Jarl auf die Tischplatte. "Dann hat sie ihn eben wirklich nicht erkannt. So seltsam ist das gar nicht, weil sie ja bisher kaum hier in der Siedlung war."
Joruun betrachtete ihre faltigen, krummen Hände. "Schon möglich!", stimmte sie Ragnar nach einer Weile zu. "Trotzdem ist das, was sie erzählt, nicht stimmig."
"Wieso?"
"Nun", die Völva sah ihn erneut an. "Sie sagt, der Mann kam von hinten und hat ihr dabei eine Klinge über den Hals gezogen."
Ragnar stutzte. "Und?"
"Der Schnitt geht von ihrem Kehlkopf bis unters rechte Ohr."
"Ich verstehe nicht?"
Jorunn stand auf und trat hinter den Jarl. Spielerisch legte sie ihm den linken Arm um die Kehle. "Wenn ich der Mann wäre und du Rúna … Dann pass jetzt mal gut auf!"
Sie ergriff einen Holzlöffel, der schon für das Mittagsmahl bereitgelegt war, und fuhr ihm mit dem Stiel quer über den Hals. Und Ragnar spürte, was die Völva meinte. Der Ersatz für die Klinge markierte einen möglichen Schnitt. Aber nicht nach rechts hin sondern so, wie es jeder Rechtshänder machen musste: Vom linken Ohr zum Kehlkopf.

Jorunn ließ ihn los und er nickte. "Wenn er kein Linkshänder war, stand er vor ihr", gab er zu. "Was willst du jetzt tun?" Die Völva nahm wieder Platz. "Nun, ich weiß, dass sie lügt und ich werde herausfinden, warum. Doch vorher wollte ich mit dir über etwas anderes reden …"

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