Die Rückkehr des Königs VII

Karon entspannte sich langsam. Es war ihm schwergefallen und dauerte länger als gedacht, aber nun fühlte er sich besser, ausgeglichener, zufriedener. Im Herzen Nejdras obsiegte die neugewonnene Ruhe seiner Gedanken. Er lag im Gras, hielt die Augen geschlossen und atmete den Duft, der seine Seele heilte. Die Zeit stand still um ihn. Einer der vielen Vorteile dieser Welt. Zeit spielte keine Rolle.

Das Rufen hatte aufgehört, schon vor Tagen. Vor seinem inneren Auge zogen Bilder dahin. Er sah Erias vor sich, wie der Junge hoffnungsvoll die Kette, die er erhalten hatte, an seine Brust drückte und nach ihm rief. So lange, bis ihn die Hoffnung verließ, dass er Antwort bekommen würde.

In Wahrheit hatte er jeden Abend nur darauf gewartet, dass das Flehen des Jungen erlosch und er seinen Geist nicht mehr spüren konnte. Dann war er aus dem Schleier seiner Welt herausgetreten, in die Wirklichkeit geflohen und hatte sich in Gestalt eines kleinen, wendigen Turmfalken auf den Fenstersims seines Zimmers gehockt. In dieser unauffälligen Form hatte er den Jungen in seinem Zimmer schlafen und Erwachsenwerden sehen können, und sich in seinen Gedanken langsam von ihm abgenabelt. All seine Wünsche waren egoistisch und falsch. Er musste Erias gehen lassen, damit er frei und glücklich werden konnte. Ihn festzuhalten, um sich selbst an alte Zeiten zu erinnern, wäre ein trügerisches Glück.

Dann, Stunden, ehe die Sonne aufging, spreizte der Vogel die Schwingen, nahm Abschied von Erias schlafender Gestalt und entschwand ins Dunkel und zurück hinter den Schleier. Es war besser, gesünder, wenn der junge Königssohn nie etwas davon mitbekam. Ja, irgendwann, in den letzten Tagen hatte Karon entschieden, dass es besser wäre, wenn Erias langsam aber sicher auch das Sehnen und Hoffen aufgeben würde. Aus diesem Grund hatte er Verwirrung gesät, den Jungen vor eine Wahrheit gestellt, die ihn traurig und leer zurückgelassen haben musste. Und seitdem war es ruhig geworden.
Erias schien sich damit abgefunden zu haben. Er rief nicht mehr nach ihm und ihre Bindung bröckelt dahin. Es war besser so. Ein reifer, kluger Weg.

Aber sein Herz sprach dagegen. Sein Herz wollte dem Kind nahe sein, das Inadette so ähnlich war. Er wollte seinen Schwur halten, nicht nur aus der Ferne, sondern immerzu und überall, und Erias in schweren Zeiten beistehen. Er wollte ihm zeigen, dass er niemals einsam sein würde, und dass der, der einen Dämon zum Freund hatte, alle Wunder dieser Welt erwarten durfte. Aber es war nicht möglich.
Nicht jetzt. Nicht, nachdem er am Vortag erst zwei Krieger getötet hatte, die ihm auf Syras Wunsch hin gefolgt waren. Zwei ihrer Besten. Ihre Lieblinge. Sie waren ihm gefolgt und hatten ihm nachgestellt. Ihr Leben war vorüber gewesen, ehe sie daran glaubten, es verlieren zu können. Und er hatte seine Seele ein wenig mehr verdunkelt.

Erias war noch immer in Gefahr. Und er selbst auch. So lange Syra ihm nachjagte, waren sie beide nie in Sicherheit.

Drei tiefe Atemzüge später setzte sich der Whyndrir auf. Im Schneidersitz nahm er die Hände, bettete sie mit nach oben gedrehten Handflächen auf seine Knie und zwang jeden Gedanken zurück in seine fleischliche Hülle. Der Zauber würde ihn Kraft kosten, aber seine Sehnsucht verlangte danach, wie nach einem Opiat, das ihm vorübergehend Frieden gewährte. Für ihn.

Er beschwor Magie aus der Erde herauf, hüllte sich in sie ein und sponn einen Zauber, der unmittelbar vor ihm den Weltenschleier zerbrach. Er konnte hinaussehen, in die andere, in die wirkliche Welt, aber niemand von drüben konnte hinüberkommen. Es war ein Fehler, aber er beging ihn jeden Tag aufs Neue.

Vor ihm schwebte, in der wabernden Luft, ein Bild. Er sah eine Frau an der Balustrade vor einer großen, dunklen Mauer stehen. Ihre Hände stützten ihren Körper ab. Sie blickte hinaus. Wilde Augen voller Liebe und Leidenschaft überflogen die Ferne. Was sie sah, machte sie nicht glücklich. Karons empathische Gabe ließ ihn tief in ihr kühles Wesen blicken und dort unter all dem Hass eine Sehnsucht erkennen, die schmerzlich an sein eigenes Herz rührte.
Was er sah, war keine konservierte Erinnerung, keine ausgekühlte Momentaufnahme - es war das Hier und Jetzt. Dort, an der Balustrade stand sie in diesem Augenblick, sah auf das Tal hinab und wartete darauf, dass er zurückkehrte.

Syras Haar strahlte. Das Sonnenlicht brach sich in ihren rabenschwarzen, krausen Strähnen und zauberte wundervolle bronzefarbene Effekte hinein. Sein Herz wollte erneut zerspringen. Jedes Mal, wenn er sie sah, tat der Abschied ein wenig mehr weh. Alles in ihm schrie nach ihr, flehte um eine zweite Chance, aber das Schicksal erklärte sie zu Feinden.

Sie konnte ihn nicht sehen. Ihre Macht war durch den Zauber, den er gebrochen hatte, stark geschrumpft, und doch spürte er, wie sich ein Schatten auf ihr Gesicht legte. Spürte sie ihn? Selbst ohne den Bann, den sie teilten?

Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken an das steinerne Geländer und schaute sich um. »Mhh«, machte sie verspielt und zwirbelte eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger. Ihre Lippen öffneten und ihre Lider senkten sich. Sie genoss. Ein tiefer Atemzug entfloh in ihre Lungenflügel. Ihr Brustkorb hob sich. »Glaubst du wirklich, ich merke nicht, wenn du bei mir bist?«, flüsterte sie dem Wind zu, der ihr Haar zerzauste. »Du drückst jedem Zauber deinen perfektionistischen Stempel auf. Ich weiß, dass du da bist.« Sie trug es offen, so wie er es am liebsten hatte. »Komm raus, komm raus«, schnurrte sie. »Wie hast du meinen Zauber gebrochen?«
»Ich bin stärker geworden«, flüsterte Karon in den Wind und er trug seine Stimme durch den Schleier zu ihr hinüber.
»Und dennoch traust du dich nicht, von Angesicht zu Angesicht mit mir zu sprechen«, stellte die Hexe fest. Ein kleines Lächeln ummalte ihre blutroten Lippen. »Komm schon, Karon! Nur ein Wort, nur ein Blick, genau wie damals. Ein Kuss, ein Wort, ein kleiner Zauberspruch. Was soll schon passieren? Denkst du, ich falle über dich her und reiße dir das Herz aus der Brust? Du würdest mich wohl kaum aufsuchen, würdest du mir so etwas wirklich zutrauen.«

»Aber etwas in der Art vielleicht«, gab er zu. Zum Glück konnte sie nicht sehen, dass ihre schnippischen Worte und ihre herausfordernde Art, ihn noch immer erheitern konnten. Genau wie damals.

Er wollte es mehr als alles andere. Zu ihr gehen, die Arme ausbreiten, sie einschließen und zurück in ihre Rabengestalt zwingen. Und dann frei und sorgenlos mit ihr über die Dächer der Städte streifen. Unerkannt und namenlos. Wie damals, als sie jung und verliebt waren.

»Ich habe dir wehgetan«, sagte sie ihm. »Und es tut mir leid. Ich weiß, du denkst, ein Wesen wie ich kann sich nicht verändern, aber die letzten Jahre haben nicht nur dich verwandelt. Ich will dich sehen, anfassen, ich will bei dir sein und dich zurückgewinnen. Ohne Zauberei. Ohne Flüche. Nur ich und du. Ich bin wandelbar. Lass mich dir zeigen, wie sehr.«

Nicht genug, um aus ihr ein fühlendes, gnädiges Wesen zu machen. Um sie herum schwebte eine Aura, so schwarz wie der Tod. Karon war sich im Klaren darüber, dass sie ihre Lügen vielleicht glauben konnte, aber ihre Aura und ihre Seele erzählten immer die Wahrheit. Dennoch stand er auf seiner Seite des Schleiers auf. Sie stand vor ihm. Ihre wabernde Gestalt war ihm so nahe, dass er an ihrer Schönheit erblinden wollte. Wie war es ihm gelungen, diesem mächtigsten aller Zauber zu entkommen? Wie war er seinem Herzen und seiner Liebe entflohen?
Langsam hob er die Hände, bettete sie auf ihr Gesicht, aber der Schleier trennte sie nach wie vor.

Dennoch bog sie den Hals zurück und schmiegte sich seinen Fingern entgegen, als konnte sie ihre Nähe fühlen. »Komm durch den Schleier«, schnurrte sie sinnlich. »Genug Verstecken gespielt. Zeig dich, komm zu mir. Lass uns von vorne beginnen.«
»Irgendwann vielleicht. Wenn ich einen Weg gefunden habe, der uns aus dem Sumpf des Verderbens zieht.« Bitterkeit verwandelte seinen Frust in ein schräges Grinsen. »Ich kehre zu dir zurück, wenn ich die Kraft besitze, völlig gleichgültig an deiner Seite zu stehen. Aber noch bin ich nicht bereit dazu.«

Sie rollte mit den Augen. »Immer noch diese hochtrabenden Sprüche, dieses falsche Bild von Moral und Verzicht. Wo bleibt der Spaß? Die Freude? Die Musik? Du bist viel zu ernst. Hat dir deine adelige Freundin jedes Gefühl für Freude ausgetrieben?« Seufzen. »Dann sag mir wenigstens, wie du weglaufen konntest.«
»Ich bin den einzigen Weg gegangen, der mir möglich war.«

»Mich zu verlassen, mich im Stich und mit meinem Kummer alleinzulassen, war also der einzige Weg, der dir eingefallen ist, um dein kleines Leben zu retten?« Sie lachte amüsiert. »Ich bin weder taub, noch blind. Ich weiß, die Königin hat dich all die Jahre über vor mir versteckt. Glaubst du, du wärst meinem Zauber damals entkommen, wenn ich nicht an diesem Abend ein Auge für dich zugedrückt hätte? Wieso denkst du, ich will dir Leid zufügen? Ich wollte eine Liebe erschaffen, die groß und endlos ist, und uns immer verbindet. Ein Monument aus Magie und Träumen. Jetzt fühle ich durch den Schleier hindurch, dass etwas an dir anders ist. Hast du vergessen, wofür wir einst gestanden haben? Was wurde aus unseren Träumen? Aus der Welt, die wir uns schaffen wollten, um niemals mehr irgendetwas fürchten zu müssen? Was hast du getan, um mich loszuwerden?«

Ihre Hand streckte sich dem Dämon entgegen. Karon ließ es geschehen. Nur Dämonen mit reinstem Blut war der Zugang zu dieser Welt gewährt. Er hätte sie hinüberholen können, aber allein konnte sie niemals zu ihm gelangen. Syras Hand erstarrte, als könne sie plötzlich nicht weiter.

Dann hob sie die Lider und sah ihm ins Gesicht. Natürlich sah sie ihn nicht, aber ihr Gespür verriet ihr genau, wo es sich befand. »Der Whyndrir-Fluch«, stieß sie zähneknirschend hervor. »Ist das dein kleines Geheimnis? Deine Seele von einem noch größeren Fluch besetzen zu lassen, als dem meinen? Dich unabänderlich und für alle Zeiten durch deine Gedanken an das große Nichts zu binden?« Ihr Lächeln versiegte und ihre Kiefer begannen, wie Mühlensteine zu mahlen. »Du gehst immer aufs Ganze, nicht wahr?«
»Es war der einzige Weg. Ich wollte einfach wieder frei sein.«

»Und weiß dein Freund, der Königsjunge, wie verdorben dich dieser Zauber ohne die liebreizende Königin macht? Hast du ihm von der Aufgabe erzählt, die du ihm zugedacht hast, oder spielst du noch den Unnahbaren und jonglierst mit leeren Worten?« Ein kleines, erheitertes Kichern. »Ich kenne dich gut, weißt du? Auch nach all diesen Jahren. Du wolltest niemals jemandem Kummer bereiten, nie deine Grenzen ausreizen. Und du kannst auch jetzt nicht aus deiner Haut. Irgendwann wird er die Wahrheit erfahren.«

Ein kleines, bitteres Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Dämons aus. Langsam ließ er die Hand sinken und entfernt sich einen Schritt von der Gestalt der Hexe. Die Distanz, die er dadurch zwischen sie brachte, gab ihm Kraft, aufzuatmen und seine Gedanken wieder ins Reine zu bringen. »Er hat es gesehen. Woher weißt du von dem Jungen?«
»Ich«, erwiderte sie, »kenne jeden Schritt, den du tust. Meine Späher sind überall. Sie sahen den Jungen und dich in der Höhle miteinander sprechen, und sie wussten sofort, wer er ist. Nur du glaubst noch, dass du ihn verstecken kannst. Aber in Wahrheit bin ich sehr viel näher, als du glauben magst.«

Kälte breitete sich in der Seele des Schattenblutes aus. Karon holte Luft, doch sie erreichte ihren Zielort nicht. Alles an ihm begann, sich leer und hilflos zu fühlen. Die aufkeimende Vertrautheit, die Syras Lachen zwischen ihnen schaffen wollte, löste sich in Schall und Rauch auf. Wieder zerstörte sie einen unschuldigen Versuch der Annäherung durch ihre Besessenheit.

Er zog sich schleppend physisch und mental zurück, raubte dem Zauber, der ihm ihr Gesicht zeigte allmählich die Kraft. »Es tut mir leid, dass ich zuvor nicht den Mut hatte, mit dir um deine Seele zu kämpfen.«
»Aber jetzt hast du ihn?« Syra rollte mit den Augen. Ihre Sturheit hatte ihm damals gefallen und auch heute imponierte sie ihm. »Willst du mich mit deinen neuen Kräften dazu zwingen, meinen Zielen abzuschwören? Mich in ein anderes, gütigeres Wesen verwandeln, nur um dich selbst zu beruhigen? Nur um deine Fehler ungeschehen zu machen? Glaubst du, das macht dich glücklich? Ganz tief in dir, willst du mich genauso haben, wie ich bin. Das zügellose Flüstern, das deine diebische Natur freisetzt. Ich mache dich vollkommen.«

»Irgendwann vielleicht, wenn du gelernt hast, was Demut ist, und wie kostbar die eigene Unversehrtheit ist.«
»Dann schenk mir Frieden!«, stieß sie hervor. »Komm einfach zurück zu mir! Und ich verzeihe dir, was immer du getan hast und noch tun wirst. Wir machen ungeschehen, was wir uns angetan haben und-«

»Ich kann noch nicht. Irgendwann komme ich zu dir und dann gebe ich dir mein Wort, dass wir wieder all das sein können, was wir uns vorgenommen haben. Dann wird dein Traum vom Glück wahr. Aber zuerst musst du dich von deiner Wut befreien und mich einen Weg finden lassen, mein Eisherz vor dir zu verstecken. Bis bald, Syra.«

Ohne sie den Satz beenden zu lassen, ließ der Whyndrir den Zauber zerbrechen. Ihre Nähe allerdings schwebte noch immer wie ein dunkles Omen über ihm. Er ließ sich zurücksinken, breitete die Arme im Gras aus und blickte hoch. Über ihm war es am Himmel Nacht geworden. Der Zauber hatte ihm zugesetzt. Nicht seine Wirkung, nicht die Kraft, die er beanspruchte, aber ihre Nähe schadete ihm nach wie vor. Es dauerte viele Atemzüge, viele vernichtende Gedanken, bis Karon fähig war, sein Bewusstsein zu beruhigen. Dann schloss er die Augen und wollte einschlafen und Frieden finden.

Aber es gelang ihm nicht. Ihm war, als wäre ihm ein Schatten vom Jenseits ins Diesseits gefolgt.

Etwas Dunkles und Kaltes.

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