Die Rachegöttin (3)

Er tut es noch, zum Glück! Er scheint aber schon ziemlich stark verletzt und auch auf seiner Brust befinden sich tiefe, blutige Striemen. Ich blicke auf meine Fingernägel darunter befinden sich einige Hautfetzen. Entsetzt nehme ich das zur Kenntnis. Die Lippe meines Ex ist aufgeplatzt. Neben ihm liegt ein abgebrochenes Stuhlbein aus Holz. Die ausgefranste Bruchstelle ist ebenfalls voller Blut. Ich nehme das Holzstück und… in diesem Augenblick sehe ich mich selbst, wie ich dieses Stuhlbein in der Hand halte und meinem Peiniger damit ins Gesicht schlage! Ich schlage so heftig, dass er zurückgeschleudert wird. Blut spritzt aus seinem Mund und ein Zahn fliegt mit. Dann bricht er zusammen. 

Ich keuche auf und lasse das Holzstück geschockt wieder fallen. Was ist hier passiert? Was… habe ich getan? War das überhaupt ich? Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern. Ich beuge mich über meinen Ex Freund und untersuche ihn nochmals. Tatsächlich sieht es aus, als hätte er einen schlimmen Schlag ins Gesicht erhalten und da sind auch noch ein paar Holzsplitter, wenn ich genau hinschaue. Meine Güte! Das wird mir langsam unheimlich. Was soll ich jetzt tun? Ich… kann nicht hierbleiben. Ich muss  untertauchen. Ich habe diesen Mann so zugerichtet. Ich erinnere mich zwar nicht mehr daran, wie das genau geschehen ist. Denn nach dem Zeitpunkt, wo er mich so heftig geschlagen hat, ist alles schwarze, gähnende Leere.  Ich sehe nur noch diese seltsame Frau vor mir und erinnere mich, wie wütend ich auf einmal geworden bin. Dann… nichts mehr! Das würde keiner mir glauben. Wenn ich auch sage, dass ich in Notwehr gehandelt habe, wird man mich dennoch verhaften und das will ich auf keinen Fall. So muss ich erstmal untertauchen. Zum Glück habe ich gerade etwas Ferien. Ich packe jetzt erstmal alles zusammen, was ich habe und verschwinde.

 

Seit diese Mann in meinem Leben ist, habe ich immer weniger Freunde. Mein Zustand ist für die wenigsten auf Dauer erträglich. Dabei hat alles gerade noch so gut ausgesehen. Ich habe eine wunderbare Frau namens Claudia getroffen und seltsamerweise, habe ich mich sehr zu ihr hingezogen gefühlt. Eigentlich kannte ich diese Art von Liebe bisher nicht. Nun, ich war mit diesem Mann auch schon im Alter von 14 zusammen . Doch diese Frau, diese wundervolle Claudia, gab mir etwas ganz Neues, Wunderbares. Vermutlich war sie die Erste, welche mich wirklich liebte. Doch dieser Mistkerl hat schlussendlich auch ihr Leben bedroht und darum musste ich mich schweren Herzens von ihr trennen. Das lässt mich bis heute nicht los. Denn diese Liebe, hat mir eine Zeit lang wirklich wieder neuen Lebensmut gegeben. Doch er würde uns niemals in Ruhe lassen, ausser…  er stirbt. Eigentlich käme es mir gelegen, wenn das passieren würde… Aber nein! Was für Gedanken mache ich mir da! Ich, oder vielmehr das… was von mir gerade Besitz ergriffen hat, hat schon genug angerichtet. Wenn ich Pech habe, werde ich noch zur Mörderin, oder bin zumindest der schweren Körperverletzung schuldig. Da verschwinde ich doch lieber.

Ich raffe alles zusammen, was ich für eine längere Abwesenheit brauche und rufe dann mit einem öffentlichen Telefon den Notdienst an, damit sie sich um den Verletzten kümmern. Bis die jedoch da sind, bin ich schon lange weg. Ich tauche unter. Vielleicht hätte ich das schon längst tun sollen. Ich gehe zur Bank und hebe mein ganzes Erspartes ab. Es ist doch noch ein schöner Betrag zusammengekommen die letzten Jahre, durch meine neue Arbeit beim Zahnarzt. Viel hab ich auch noch in Weiterbildung gesteckt. Dennoch konnte ich einiges sparen. Ach… eigentlich könnte alles doch so schön sein, wenn nur er nicht wäre. Ich denke an meine Arbeit und an meinen Arbeitgeber, der mich doch immer sehr gut behandelt hat und… auf einmal spüre ich wieder Zweifel in mir. Ich… kann doch nicht einfach weg und alles hier abbrechen? Doch bleibt mir etwas anderes übrig? Ich schaue noch einmal zurück, schaue auf den Mann der mich schon so lange gepeinigt hat und… ich fange an zu begreifen, dass ich auf dem Weg in ein gänzlich neues Leben bin. Ein Leben… ohne ihn, endlich ohne ihn!

Wieder taucht die wilde, starke Frau vor mir auf und scheint mir zustimmend zuzunicken. Ja! Vermutlich ist das wirklich das Beste. So gehe ich und kehre wohl nicht mehr so schnell zurück…

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