Die Ruhe vor dem Sturm

Dankbar atmete Josh tief durch, die Luft schmeckte abgestanden und warm. Blaue und rote Lichter färbten die grauen, engen Wände und spiegelten sich in den Scheiben der Autos. Dorian wurde auf einer Trage aus dem Keller getragen, sein Bein war bereits provisorisch verbunden und er warf Josh im Vorbeigehen einen warnenden Blick zu. Josh nickte abwesend und starrte ihm mit leerem Blick hinterher. Auf der nächsten Trage lag der Schlägertyp seine Augen waren geschlossen und die Brust hob sich kaum. Gromow wurde von zwei Polizisten aus dem Keller geführt, die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt und stammelte unzusammenhängende Wörter. Die Beamten warfen sich irritierte Blicke zu, aber eskortierten dem Kriminellen zum Wagen ohne Fragen zu stellen.


Mit Block und Stift wandte sich schließlich jemand an Josh, und sah ihm mit einem mitleidigen Lächeln an. Josh riss seinen Blick von dem Krankenwagen los, der mit lauten Sirenen in Richtung Krankenhaus fuhr und widmete sich dem Polizisten. Er war klein, aber breit und man sah ihm an, dass er selten zu solchen Einsätzen gerufen wurde, was bei einer solch kleinen Stadt kein Wunder war. Bagatelldiebstähle waren das gravierendste mit dem er sich bisher beschäftigen musste, an eine Geiselnahme oder Schießerei hätte er nie einen Gedanken vergeudet.
„Wie lautet ihr Name?“ fragte er kurz angebunden, aber durchaus freundlich. Sicher nahm er an, dass Josh noch immer unter Schock stand.
„Joshua Kellizt“, antwortete er ebenso kurz und bemerke wie seine Augen nach etwas Ausschau hielten.
„Können sie uns die Ereignisse schildern Herr Kellizt?“
Josh schüttelte gedankenverloren den Kopf und runzelte die Stirn als ihm auffiel nach wem er suchte. „Ich würde gern meine Mutter anrufen“, gab er zu. Vielleicht hätte es ihm peinlich sein sollen nach seiner Mama zu rufen, aber verdammt noch mal. Er war gerade Zeuge einer Geiselnahme und Schießerei geworden, hatte zwei Männer überwältigt und musste sich nun mit der Polizei rumschlagen. Dorian lag mit einer Schusswunde im Krankenhaus und hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben den Mund zu halten.

Der Polizist verzog keine Miene und notieret sich die Nummer, die Josh ihm diktierte. Eine Minute später kam er wieder und lächelte Josh aufmunternd an. „Ihre Mutter wurde bereits von der Zentrale informiert, sie wird sicher jeden Moment hier sein. Ich verstehe ihre Angst und Verwirrung, doch muss ich Sie bitten, mir die Geschehnisse zu schildern.
Sie sagten am Telefon, dass ihr Cousin gegen seinen Willen festgehalten und bedroht wird.“
Josh nickte.
„Herr Gideon Gromow ist der Polizei nicht unbekannt, hat er ihren Freund bedroht?“
Abermals nickte er.
„Welche Rolle spiele Herr Radik Sorokin?“
„Wer?“, fragte Josh irritiert und sein Gesicht leuchtete auf, als er die vertrauten Züge seiner Mutter im Blaulicht erkannte.
„Der Verletzte.“
Josh runzelte bei dem Namen die Stirn, der Hüne musste gemeint sein. „Er hat Dorian ebenfalls bedroht und in Schach gehalten.“
Der Polizist hob eine Augenbraue und sah Josh prüfend an. „Hat auch Cedrik Morin bei der Geiselnahme mitgewirkt?“
Josh stockte und sah zweifelnd zu Cedrik hinüber, der die Arme eng an um den Körper schlang und dem Blick des Polizisten auswich, der ihn befragte. „Ich glaube er wollte ebenso wenig dort sein wie wir“, antwortete er schließlich bedacht und beobachtete Cedriks zuckende Finger. Der Polizist murmelte etwas Unverständliches und notierte sich ein paar Sätze, bevor er mit ernstem Gesicht aufsah und Josh forschend musterte.
„Was hat sich in der Zeit zwischen ihrem Anruf und unserem Eintreffen ereignet? Wie kommt es, dass wir zwei starke Männer bewusstlos oder zutiefst verstört vorfinden und neben ihnen einen bekannten Suchtkraken und zwei Teenager, einer von ihnen angeschossen?“ Er hob fragend eine Braue und mit einem Mal verlor sein Lächeln an Wärme. Argwohn trat an seine Stelle und Josh runzelte ebenso misstrauisch die Stirn.

„Keine Fragen mehr!“, ertönte schrill die Stimme von Joshs Mutter. „Ich werde meinen Sohn nach Hause bringen.“ Sie kam mit schnellen Schritten auf sie zu und streckte die Hand nach Joshs Arm aus. Den Polizisten dagegen funkelte sie zornig an.
„Es tut mir leid, aber diese Fragen sind notwendig für unsere Ermittlungen, Frau …?“, entgegnete der Polizist irritiert, während Joshs Mutter ihren Arm beschützend um die Schultern ihres Sohnes legte.
„Mein Name ist Rebecca Kellitz, ich bin Joshuas Mutter und werde weitere Fragen erst bewilligen, wenn mein Sohn diese ganze … Sache, verkraftet hat. Er war Zeuge eines Verbrechens, seine traumatischen Erinnerungen wurden demnach emotional verzerrt und er kann sicher keinen klaren Gedanken fassen, bis er sich über den Zustand seines Cousins informiert hat.“
„Frau Kellitz, ich bedaure, aber diese Fragen sind…“
„Nicht von aktueller Dringlichkeit, nicht wahr Josh?“ Sie wandte sich an Josh und sah ihn auffordernd an.
„Wir müssen wissen ob noch weitere Personen involviert waren“, versuchte der Polizist zu wiedersprechen aber Rebecca schüttelte entschieden den Kopf.
„Gromows Tochter war noch da, aber sie verschwand durch eine Hintertür“, warf Josh ein, bevor ihn seine Mutter wegzerren konnte.
„Irina Gromow?“, hakte der Beamte nach und notierte sich ein paar Sätze. Josh zuckte mit den Schultern. „Wir werden nach Irina suchen, aber ich muss sie dennoch bitten mitzukommen.“
„Bitte“, entgegnete Josh und griff nach seinem Arm, „Ich will nach Hause.“
Die Mine des Polizisten entspannte sich kaum merklich und er nickte verträumt. „Sicher“, murmelte er tonlos. Josh lächelte dankbar und ließ sich von seiner Mutter durch das chaotische Treiben und zu ihrem Auto führen.

Dankbar ließ er sich auf den bequemen Autositz fallen und schloss die Augen. Die Aura seiner Mutter leuchtete in hellem Orange, Rot und leichten Blautönen. Ihre Verwirrung stand auch in ihr Gesicht geschrieben. Sie atmete tief durch und warf ihm von der Seite einen schrägen Blick zu. „Wie geht es dir?“
„Gut, ich will einfach zu Dorian, okay? Können wir später über das Ganze sprechen?“
Sie nickte bedächtig und startete den Motor, „Wir müssen uns ohnehin unterhalten.

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