Die Schlinge zieht sich zu

Seufzend ließ Hermine sich auf dem Stuhl, der zwischen den Betten von Harry und Ron stand, nieder. Wie schafften ihre beiden besten Freunde es nur ständig, im Krankenflügel zu landen? Ein leises Stöhnen neben ihr kündigte an, dass Harry langsam aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte.

„Was ist passiert?“, krächzte er.

„Schädelbruch“, kommentierte Madam Pomfrey trocken, um dann zu erklären, wie der weitere Heilungsprozess verlaufen würde. Hermine konnte sehen, dass es Harry nicht schmeckte, über Nacht im Krankenflügel bleiben zu müssen, doch selbst er sah ein, dass ein Schädelbruch eine schwerwiegende Verletzung war.

Nachdem Madam Pomfrey in ihr Büro zurückgegangen war, richtete Harry den Blick auf Ron und sie: „Wisst ihr, wie hoch wir verloren haben?“

Unsicher schaute Hermine zu Ron, der auffällig unschuldig in die Luft über Harrys Bett starrte. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube sagte sie: Der Endstand war dreihundertzwanzig zu sechzig für Hufflepuff.“

Harrys Gesicht verfärbte sich Rot vor Wut: „Großartig, wirklich, ganz großartig. Wenn ich McLaggen zwischen die Finger bekomme …“

Jetzt schaltete sich auch Ron in das Gespräch ein: „Tu das lieber nicht. Der Typ ist so groß wie ein Troll, ehrlich. Ich wäre ja eher dafür, dass du ihm einen den Flüche vom Halbblutprinzen auf den Hals hetzt.“

Sofort ging Hermine dazwischen, damit Harry nicht ernsthaft auf dumme Gedanken kam: „So, wie es nach dem Spiel aussah, dürfte sich der Rest der Mannschaft bereits um ihn gekümmert haben. Da war keiner glücklich über sein Verhalten.“

Es war offensichtlich, dass Ron sich darüber freute, dass der Torhüter-Ersatz sich so dermaßen blamierte hatte. Hermine wusste, wie stolz er auf seinen Platz im Team war, ebenso wie ihr klar war, dass er jetzt nichts mehr fürchtete, als die Aussicht, am Ende doch noch gegen McLaggen zu verlieren. Sein Selbstbewusstsein war noch immer nicht groß genug, um den eigenen Wert ohne Hintergedanken erkennen zu können.

Seufzend wechselte sie das Thema: „Ginny meinte, sie hatte dich besuchen wollen, aber du warst noch bewusstlos. Sie hat mir erzählt, dass du nur gerade so noch rechtzeitig zum Spiel gekommen bist. Was ist passiert? Du bist doch sonst nicht so nachlässig mit Quidditch.“

Harrys Gesichtsausdruck wurde grimmig: „Ich habe Malfoy gesehen. Das ist jetzt mindestens das zweite Mal, dass er während eines Quidditch-Spiels im Schloss bleibt. Was treibt er hier, wenn alle anderen draußen sind?“

Sofort bereute sie, dass sie das Thema überhaupt angeschnitten hatte. Es war erst zwei Tage her, dass sie sich mit Draco wieder versöhnt hatte, und sie war noch nicht in der Lage, unbefangen über ihn zu sprechen. Zum Glück nahm ihr das in diesem Moment Ron ab: „Spinnst du? Du willst doch nicht ernsthaft ein Quidditch-Spiel wegen Malfoy verpassen! Du bist unser Kapitän!“

„Ich will wissen, was er vorhat!“, fuhr Harry ihn wütend an: „Und komm mir bloß nicht wieder damit, dass ich mir das alles nur einbilde!“

„Niemand sagt, dass du es dir einbildest“, entgegnete Ron ebenso heftig: „Aber langsam wird das ja zu einer Besessenheit bei dir. Du kannst doch nicht rund um die Uhr Malfoy bewachen!“

Unglücklich saß Hermine zwischen ihren beiden streitenden Freunden. Wenn Harry wüsste, wie Recht er mit seinem Verdacht hatte.

„Ich will wissen, wo er immer hin verschwindet, wenn ich ihn nicht auf der Karte sehe“, erklärte Harry ungeduldig: „Das ist zu oft passiert. Ich übersehe ihn nicht, nicht so oft jedenfalls. Er verschwindet regelmäßig und ich will wissen, wohin!“

„Vielleicht nach Hogsmeade?“, warf Hermine in einem schwachen Versuch ein, Draco zu verteidigen. Doch sie wusste, die Erklärung zog nicht. Sie wusste, wohin Draco regelmäßig verschwand: in den Raum der Wünsche. Der wiederum ganz offensichtlich nicht auf der Karte zu finden war, oder jedenfalls dann nicht, wenn er zum Raum, der alles versteckt, wurde.

„Er hat die Geheimgänge nie benutzt und die werden dieses Jahr eh alle bewacht. Das scheidet also aus“, schmetterte Harry den Einwand ab. Und plötzlich trat ein nachdenklicher Ausdruck auf sein Gesicht. Unwillkürlich fragte Hermine sich, ob er sich an ihr letztes Gespräch erinnerte und sie nun fragen würde, was bei Dumbledore rausgekommen war. Im Geiste ging sie eine Unzahl von Ausreden durch, doch keine schien ihr gut genug. Schweiß brach ihr aus. Was sollte sie sagen?“

„Kreacher?“

Überrascht schaute Hermine auf. Hatte Harry gerade tatsächlich den griesgrämigen Hauself aus Sirius‘ altem Haus zu sich gerufen? War der nicht derzeit in der Hogwarts-Küche eingesetzt?

Ein lauter Knall ertönte, doch statt eines Hauselfen erschienen zwei, fest ineinander verschlungen, als wären sie in einen Kampf verwickelt. Rasch sprach Hermine einen Muffliato, um Madam Pomfrey nicht zu alarmieren.

„Kreacher darf Harry Potter vor Dobby nicht beleidigen, sonst haut Dobby ihn!“, ertönte die quiekende Stimme des einzigen Hauselfen, der jemals voller Stolz Kleidung trug.

„Kreacher sagt, was er will. Sein Herr ist Freund dreckiger Schlammblüter! Was würde die Herrin nur sagen, wenn sie wüsste, dass Kreacher …“, krähte der andere Hauself lauthals, doch sofort wurde er von Dobby unterbrochen, der ihm eine heftige Ohrfeige verpasste.

Verwirrt starrte Hermine auf die beiden kämpfenden Hauselfen, bis Harry schließlich endlich einschritt: „Ich verbiete euch beiden, miteinander zu kämpfen! Kreacher, ich verbiete dir, Dobby anzugreifen. Und Dobby, ich weiß, du bist frei, aber würdest du bitte …“

Sofort ließ Kreacher von Dobby ab, und auch Dobby ging auf Abstand, ehe er stolz verkündete: „Dobby ist ein freier Hauself und entscheidet selbst, wem er gehorcht! Und Dobby gehorcht Harry Potter. Dobby tut alles, was Harry Potter sagt.“

Harry nickte zufrieden. Angespannt wartete Hermine ab, was er mit den Hauselfen vorhatte. Doch als er den beiden seine Befehle erteilte, wurde sie blass. Die Hauselfen sollten Draco überwachen? Aus Harrys Sicht war das ein genialer Einfall, das musste sie ihm lassen, doch sie wusste, dass es von nun an noch schwerer für Draco werden würde, seine Pläne voranzutreiben. Hauselfen konnten sich ungehindert im Schloss bewegen und kannten gewiss genug Möglichkeiten, dabei unentdeckt zu bleiben. Sollte sie ihn warnen? War es ein zu großer Verrat an Harry, wenn sie Draco davor warnte? Ihr Herz wurde schwer. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie mit ihrem Handeln längst Dracos Seite gewählt. Und obwohl Dumbledore ihr gesagt hatte, dass sie für Harry da sein sollte, hatte er ihr auch gesagt, dass sie Draco unterstützen sollte. Am liebsten wäre sie aus dem Krankenflügel geflohen, um irgendwo in Ruhe und ungestört zu weinen.

Glücklicherweise kam in diesem Moment Madam Pomfrey zurück, um sie aus dem Krankenflügel zu scheuchen, damit ihre beiden Patienten über Nacht ein wenig Ruhe finden konnten. Sie verabschiedete sich rasch, erleichtert, nicht länger mit schlechtem Gewissen zwischen ihren beiden besten Freunden sitzen zu müssen.

oOoOoOo

Nervös betrachtete Hermine Draco über den Rand ihrer Teetasse hinweg. Sie hatte ihn direkt am nächsten Morgen per Eule darum gebeten, sie im Raum der Wünsche zu treffen. Sie hatte nicht vor, ihn auf die spionierenden Hauselfen hinzuweisen, doch zumindest konnte sie ihn ein wenig zur Vorsicht anhalten. Draco selbst schien nicht mindern angespannt zu sein.

Seufzend stellte Hermine ihren Tee zurück auf den kleinen Beistelltisch. Es brachte nichts, das Gespräch noch weiter hinauszuzögern.

„Achtest du eigentlich darauf, dass dir niemand hierher folgt?“

Die erhobene Augenbraue in Dracos Gesicht zeigte ihr deutlich, was er von ihrer Frage hielt, ebenso der Tonfall in seiner Stimme: „Wofür hältst du mich?“

Verlegen schaute sie beiseite: „Ich meine ja nur. Das Schloss hat viele Augen.“

Als wäre ihm ein Licht aufgegangen, beugte Draco sich vor und verlangte zu wissen: „Geht es hier um Potter?“

Verzweifelt stöhnte Hermine auf. Natürlich. Harry witterte hinter allem immer sofort Draco, und Draco witterte hinter allem sofort Harry. Die beiden waren so fixiert aufeinander, es war wirklich nicht mehr lustig. Schnippischer als geplant schoss sie zurück: „Du kommst immer direkt auf Harry.“

„Weil Potter nun mal zum Kotzen ist!“, erwiderte Draco heftig: „Er lässt keine Gelegenheit aus, um mich zu provozieren, und am Ende stehen immer alle auf seiner Seite, obwohl er angefangen hat! Er ist ja beinahe besessen davon, mich als Mörder zu brandmarken.“

Beinahe hätte Hermine gelacht, so ähnlich waren Dracos Worte ihren eigenen Gedanken, doch das Thema war zu ernst: „Er hat nicht Unrecht mit seinem Verdacht! Nein, hör mir zu!“, zischte sie herrisch, als Draco den Mund zum Protest öffnete: „Wir wissen beide, dass er Recht hat mit seinem Verdacht gegen dich! Und du kannst froh sein, dass ihn niemand ernst nimmt. Dir sollte daran gelegen sein, dass das so bleibt. Du hast keine Vorstellung davon, wie weit Harry bereit ist zu gehen, nur um dich zur Strecke zu bringen. Du musst vorsichtig sein, okay?“

Mit offenem Mund starrte Draco sie an. Sie hoffte sehr, dass ihre Worte in seinen Dickschädel vorgedrungen waren.

„Irgendwie komme ich immer noch nicht damit klar, dass du so offen auf meiner Seite stehst, obwohl du weißt, was ich getan habe“, sagte er schließlich. Es sprach kein Misstrauen aus seinen Worten, sondern nur echte Überraschung.

Mit einem warmen Lächeln erklärte sie: „Du hast Menschenleben in Gefahr gebracht und beinahe einen meiner besten Freunde getötet. Es ist schwer, dir das zu verzeihen. Aber ich weiß, dass du kein Mörder bist. Ich weiß, dass du ein guter Mensch bist und genau deswegen halte ich zu dir. Harry hat keine Vorstellung davon, wie grausam es sein kann, böse Taten gegen den eigenen Willen tun zu müssen. Er musste sich nie mit der Frage beschäftigen, ob er auf Dumbledores Seite oder auf der von Du-weißt-schon-wem steht. Seine Narbe hat ihm die Frage abgenommen. Aber für jemanden wie dich, bei dem die Eltern die Entscheidung gefällt haben … nur wenige Menschen sind verdorben genug, um aus ganzem Herzen und überzeugter Entscheidung ein Todesser zu sein. Für alle anderen wie dich ist die ganze Situation einfach nur … grausam.“

Sie holte tief Luft und langte über das Tischchen hinüber, um eine Hand auf Dracos Wange zu legen: „Du bist ein unfassbar menschlicher Mann, Draco. Du hast mir gezeigt, was es heißt, Angst zu haben und gegen Vorurteile zu kämpfen. Und du hast mir gezeigt, dass ich … dass ich liebenswert bin. Begehrenswert. Und zwar genauso, wie ich bin. Und für all das … liebe ich dich.“

Sie war tiefrot angelaufen bei ihren letzten Worten, doch sie zwang sich, den Blickkontakt zu halten, um Draco deutlich zu machen, wie ernst sie ihre Worte meinte. Draco erwiderte ihren Blick, schaute sie so intensiv an, dass sie das Gefühl hatte, er könnte bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Er durchbrach das Schweigen nicht, sondern legte einfach seinerseits eine Hand auf ihre Wange und streichelte sie mit seinem Daumen. Es war dieser Draco, dieser erwachsene, starke Mann, der es aushielt, Gefühle zu zeigen, anzunehmen und zu erwidern, dem ihr Herz gehörte. Dass er den Moment so zulassen konnte, ohne unwillkürlich in albernes Kichern zu verfallen, bedeutete ihr unendlich viel. Sie hatte ihre Gefühle offengelegt und er akzeptierte es bedingungslos.

„Erinnerst du dich an den versilberten Apfel, den ich dir zu Weihnachten geschenkt hatte?“, flüsterte er leise, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Sie nickte: „Natürlich.“

Sie konnte sehen, wie sein Adamsapfel hüpfte, als er schwer schluckte: „Du hast mich damals gefragt, welche verbotene Erkenntnis ich dir mit diesem Apfel überreichen würde. Ich bin der Frage ausgewichen an jenem Tag. Oder zumindest habe ich sie nicht ganz vollständig beantwortet.“

Sie erinnerte sich nur zu gut an seine Worte. An jenem Abend hatte er ihr gestanden, dass er sie mit jeder Faser seines Körpers begehrte. Und dann hatten sie das erste Mal miteinander geschlafen. Schon damals hatte sie sich gefragt, ob noch mehr hinter dem Apfel steckte, doch sie hatte den Moment nicht ruinieren und danach fragen wollen.

„Du kennst die Geschichte von Eva und der Verbannung aus dem Paradies vermutlich besser als ich“, fuhr Draco fort, Anspannung nun deutlich hörbar in seiner Stimme: „Ich habe absichtlich den Vergleich gezogen. Ich wusste … ich wusste, wenn du den Apfel annimmst … wenn du mich annimmst, dann … dann kannst du nicht im Paradies bleiben. Und … Hermine … was ich vorhabe, was ich plane … ich habe so Angst. Um dich.“

Ihr Herz schlug schneller, als es jemals für einen Menschen gesund sein konnte. Sie spürte, wie ihr schwindelig wurde von der Menge an Adrenalin, das gerade durch ihre Adern pumpte. Es war offensichtlich, dass Draco ihr von seinem Plan erzählen wollte, genauso wie es offensichtlich war, dass er sich vor ihrer Reaktion fürchtete. Sie wusste selbst nicht, ob sie es wissen wollte.

„Draco, hey“, flüsterte sie sanft. Um ihren Worten mehr Bedeutung zu verleihen, stand sie auf und ließ sich auf seinem Schoß nieder. Entschlossen nahm sie sein Gesicht in beide Hände: „Hör mir zu, Draco. Ich bin da für dich, okay? Ich vertraue dir. Was auch immer du vorhast, was auch immer dein Plan ist … wenn du es mir erzählen willst, tu es. Aber du musst das nicht, okay? Ich bin ein großes Mädchen, ich kann auf mich aufpassen.“

Ein Schluchzen erklang, als Draco seine Arme fest um ihre Taille schlang und sein Gesicht in ihrer Brust verbarg. Das Zittern seiner Schultern zeigte ihr deutlich, dass er hemmungslos weinte. Noch immer raste ihr Herz und sie fragte sich erschaudernd, was Draco wohl planen mochte, dass er sich so sehr davor fürchtete. Doch sie hatte sich entschieden, für ihn da zu sein, sie hatte Dumbledore versprochen, auf Draco aufzupassen. Hier ging es nicht um sie, sondern um ihn. Wenn er gerade seine ganze Verzweiflung rauslassen musste, wollte sie gerne für ihn da sein.

Und dennoch. Trotz dieser starken, zuversichtlichen Gedanken konnte Hermine nicht anders, als eisige Panik zu verspüren. Der Krieg, der sich seit letztem Jahr angebahnt hatte, stand nun unmittelbar bevor. Und als beste Freundin von Harry Potter würde sie direkt in vorderster Front, in der Schusslinie aller kämpfen. Egal, wie stolz und stark sie sich gab, der Gedanke alleine bereitete ihr panische Angst. Ebenfalls von einem Zittern ergriffen, legte sie ihre Arme um Dracos Schultern und zog ihn noch enger an sich.

Harry konnte ihre Angst nicht verstehen, dazu war er einfach zu deutlich mutiger als sie. Und Ron, so clever er manchmal auch war, hatte nicht genügend Verständnis, um die volle Bedeutung dessen, was auf sie zukam, zu verstehen. Niemand verstand die Panik, die sich wie eine eisige Faust um ihr Herz legte, besser als Draco. Denn er war genauso gefangen davon.

Mehr denn je wurde Hermine in diesem Moment im Raum der Wünsche bewusst, wie sehr sie Draco tatsächlich in ihrem Leben brauchte.

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