Die Unterstadt

Einst war die Unterstadt der Hort des blühenden Lebens gewesen, aber diese Zeiten waren längst vergangen. Durch die florierende Wirtschaft wuchs der Wohlstand der Bürger und bald darauf wuchs auf dem Rücken der ehemaligen Stadt eine neue Stadt. Viele folgten dem Ruf des schnell gemachten Gel-des und verließen die Unterstadt, in der nur noch die Alten, die Armen und die Gesetzlosen zurückgeblieben waren. Viele Häuser standen leer, aber sie füllten sich bald wieder.

Auch wenn das Leben in der Oberstadt besser erschien, so gab es doch genug Menschen, deren Träume wie Seifenblasen platzten und die dann den Schutz der Unterstadt suchten. Nach und nach wandelte sich das Gesicht der Unterstadt von einem netten Großvater in das eines blutrünstigen Monsters. Jeder, der sich hier hinabwagte, musste sich im Klaren sein, dass hier nur das Recht des Stärkeren galt.

Serpents Apple stand in rostzerfressenen Lettern auf einem Metallschild, das an eine gekachelte Wand geschraubt war. Die wenigen Kacheln, die nicht gesplittert oder von Rissen durchzogen waren, hatten ihren ursprünglichen Glanz verloren. Ein grauer Schleier hatte sich über sie gelegt und sie ermattet. Die wenigen Lampen, die in dieser Bahnstation noch brannten, verbreiteten einen leichten Schimmer, der einen hoffnungslosen Kampf gegen die Dunkelheit führte.

Auf den alten Werbeplakaten führten die Schatten einen wirren Tanz auf und erweckten die portraitierten Menschen zu dämonischem Leben. Putz rieselte von der Decke herab, als sich die Bahn der ersten Linie rumpelnd näherte. Der Zug, der in die Station einfuhr, wurde augenscheinlich nur vom guten Willen sowie dem Improvisationstalent der zuständigen Mechaniker zusammengehalten.

Genau wie die Unterstadt war auch die erste Linie ein Relikt aus den Gründertagen, jedoch wurde der Bahnlinie die notwendige Beachtung geschenkt, die sie brauchte, um weiterzuleben. Immerhin verband sie die Arbeiterquartiere mit den Industriezentren und der Maschinenanlage, welche die Stadt mit der notwendigen Energie versorgte und am Leben erhielt.

Ab und zu verschwand auch ein Zug auf dieser Linie, vermutlich hatte er das Pech, in einem der Tunnel, die durch die Unterstadt führten, stehenzubleiben, aber genaueres wurde nie bekannt. Weder ehemalige Passagiere noch der Zug tauchten jemals wieder auf, obwohl ein guter Beobachter, der den Mut aufbrachte, sich in die Unterstadt zu wagen, sicherlich einen Zusammenhang zwischen den instabilen Blechhütten und den jeweiligen Bauteilen eines Zugs gefunden hätte.

Frank blickte den Schlussleuchten des Zugs nach, als dieser weiterfuhr und hinter einer Tunnelbiegung verschwand. Er war der einzige Passagier gewesen, der an dieser Station ausgestiegen war. Obwohl er allein war, fühlte er sich dennoch beobachtet. Er musste an die unzähligen Gerüchte und Legenden denken, die sich um die Unterstadt rankten. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon der Wahrheit entsprach, war es kein Ort, an dem er unbedingt mehr Zeit als nötig verbringen wollte.

Er blickte sich noch ein letztes Mal um und setzte sich in Bewegung. Die Bahnstation war nur ein Vorgeschmack von dem, was ihn noch erwarten würde. Sie war nur das Tor zur Unterstadt. Je tiefer man ging, desto tiefer tauchte man in den Albtraum eines abgestoßenen Geschwürs der Stadt ein. Abgase alter Autos und Generatoren mischten sich mit dem Gestank von Exkrementen, Müllbergen und verfaulenden Überresten von Jenen, die den täglichen Kampf ums Überleben verloren hatten.

Franks Weg führte ihn durch Straßen, die von zwielichtigen Kaschemmen im Übermaß gesäumt waren und an deren Ecken abgehalfterte, vom Leben gezeichnete Frauen ihre Körper verkauften, um überleben zu können. Da die Kanalisation nicht mehr in der Lage war, das Wasser, das vom Himmel herabkam, abzuleiten, bildete der Regen große, übelriechende Lachen über den verstopften Abflüssen.

Über all diesem Elend thronte die alte Kathedrale, deren schwarze Silhouette sich vor den Lichtern der Oberstadt abzeichnete. Franks Nervosität stieg weiter, als er die großen Straßen verließ und ein labyrinthartiges Netz aus Gassen, das ihn zur alten Kathedrale führen würde, betrat. Das Kopfsteinpflaster war glitschig und er musste auf seine Schritte achten. Würde er fallen, würde man über ihn herfallen und ihm alles nehmen, was er besaß.

Auch wenn ihm augenscheinlich niemand folgte, so spürte er dennoch die Blicke der Bewohner der Unterstadt auf sich ruhen. Langsam aber sicher näherte er sich der alten Kathedrale, die sich immer höher in den Himmel zu strecken schien und dabei mehr und mehr Licht, das aus der Oberstadt herab-schien, verschluckte.

Die Überreste der Türen hingen schief in den Angeln; sie gewährten Frank einen ersten Blick in das Innere des verfallenen Gebäudes. Schutt und Holztrümmer bedeckten den Boden, während durch die Fenster ein wenig Licht hineinfiel und die Dunkelheit leicht erhellte. Die kleinen Steinchen knirsch-ten unter seinen Füßen, während er das Mittelschiff durchschritt. Die Statuen und Holzschnitte an den Wänden waren Schmierereien gewichen. Wirre Textpassagen, in denen verschiedene Namen und Orte wiederholt auftauchten, reihten sich mit okkulten Symbolen aneinander und ließen ihm eisig kal-te Schauer über den Rücken laufen.

Er las ein paar dieser Passagen, aber er wurde nicht schlau daraus, da sie dem Geist eines Wahnsinnigen entsprungen zu sein schienen, was ihn noch viel mehr beunruhigte. Auch wenn er mit Religionen nichts anfangen konnte, so respektierte er sie dennoch und käme nie auf die Idee, ein Gotteshaus auf so eine Art zu schänden.

Das große Rundfenster im Turm war zerbrochen und durch ein Symbol ersetzt worden, das ihm gänzlich unbekannt war. Es schien keiner bekannten Sprache oder Kultur zu entstammen, so viel stand fest, aber dennoch tauchte es zwischen den Schmierereien häufig auf und schien eine besondere Be-deutung zu haben. Der Schatten, den es warf, nahm den ganzen Boden des Kirchenschiffs ein und er beschleunigte seine Schritte, da ihm dieser Ort zunehmend unheimlicher wurde. Aus den Schriften wurde er so schnell nicht schlau, dafür waren sie viel zu wirr und schwer zu lesen.

Vielleicht würde er ja anderswo etwas finden, das ihm genaueren Aufschluss darüber gab, was sich hier abspielte. Der große Altar war vom Vandalismus verschont worden, jedoch sprachen die dunklen Flächen auf dem Stein eine eigene, finstere Sprache. Seine Finger fuhren über die Krusten und er fragte sich, wie viele Opfer hier schon erbracht wurden. Ein unangenehmes Kribbeln im Nacken ließ ihn innehalten. Langsam drehte er sich um. Er war nicht mehr allein.

Im Eingang der Kathedrale stand eine Gestalt. Obwohl er das Gesicht der Gestalt nicht erkennen konnte, fühlte er, wie sie ihn anstarrte. Franks Unbehagen wuchs mit jeder Sekunde, der er dem Blick der Gestalt ausgeliefert war und er blickte sich um. Irgendwo musste es einen Ausweg geben.

Seine Augen fanden eine Tür an der Seite des Kirchenschiffs, die vermutlich in die Räumlichkeiten des damaligen Priesters führte. Als er den Blick wieder auf den Eingang richtete, war die Gestalt verschwunden. Frank blickte sich irritiert um, aber er fand sie nicht wieder. Kopfschüttelnd setzte er seine Untersuchungen fort. Er hatte wichtigeres zu tun, als sich selbst Angst zu machen.

Vermutlich war es einer der vielen Bewohner der Unterstadt, der ein nächtliches Quartier suchte und dabei auf Frank gestoßen war. Was auch immer seine Beweggründe waren, wieder zu ver-schwinden, sie gingen Frank nichts an.

Er trat durch die Tür in die Sakristei der Kathedrale. Bis auf wenige Lichtfinger, die durch die Dunkelheit schnitten, war es in diesem Raum finster und Frank wartete, bis sich seine Augen ans Zwielicht gewöhnt hatten. Auf den Regalen türmten sich neben Staub und Spinnweben auch unterschiedliche Bücher. Die Titel, die noch lesbar waren, sagten Frank allesamt nichts, aber sie schienen dieser Sekte zu gehören, denn Frank sah beim Durchblättern auch hier immer wieder das Zeichen aus der Kathedrale.

Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken, als er glaubte, zu sehen, wie sich das Zeichen bewegte. Das Geräusch näherkommender Schritte unterbrach ihn in seinen Nachforschungen. Er legte das Buch, das er in der Hand hielt, zurück ins Regal und lauschte mit flachem Atem. Er konnte nicht viel hören, außer, dass mehrere Personen durch die Kirche schlichen.

Dem einen oder anderen Zuruf konnte er entnehmen, dass sie jemanden suchten, der für ei-ne gewisse Bruderschaft eine Gefahr darstellte. Wer dieser Jemand war, wusste er bereits. Langsam zog er sich von der Tür, die zur Kathedrale führte, zurück und schaffte es schließlich, den kleinen Anbau zu verlassen.

Er war wieder im Gassenlabyrinth und atmete auf. Nicht, dass das Gassenlabyrinth ein sicherer Ort war, aber es war immerhin nicht so beklemmend wie die Kathedrale. Ehe seine Verfolger auf die Idee kamen, auch hier nach ihm zu suchen, setzte er sich in Bewegung. Ihm war klar, dass er zwar die Höhle des Monsters verlassen hatte, dass er aber nicht wusste, ob das Monster ihm folgte. Er wusste ja selbst, wie oft seine Klienten sich in Sicherheit wähnten, nur um am Ende doch noch zu scheitern.

So machte er sich auf den Weg und versuchte, sich in den dunklen Gassen wieder zurechtzufinden. Während seines Weges durch die Gassen versuchte er, die Eindrücke und das beklemmende Gefühl, das ihn in der Kathedrale erfüllt hatte, zu verdrängen, aber es gelang ihm nicht. Sie lauerten unter der Oberfläche seines Verstandes, bereit, bei jedem Anzeichen von Schwäche auszubrechen. Bei seinem Weg achtete er kaum auf seine Umgebung; so entging ihm auch, dass plötzlich Bewegung in einen Haufen Lumpen kam.

„Aldones, bist du es?“, fragte eine krächzende, brüchige Stimme neben ihm. Frank zuckte zusammen, drehte sich ruckartig um und griff nach der Waffe in seinem Holster. Die Lumpen bewegten sich weiter und erst jetzt erkannte Frank, dass es ein Mensch war, der vor ihm lag. Es war ein alter Mann, der hier in der Gasse anscheinend lebte.

Franks Hand sank wieder, als er in das Gesicht des Alten sah. Unter der Kruste aus Dreck und getrocknetem Blut konnte Frank knotiges Narbengewebe erkennen und ein Blick in die gelb verfärb-ten, blinden Augen verriet ihm, dass von dem Alten keine Gefahr ausging. Es war vermutlich ein Veteran des letzten Krieges gewesen und bei einem der unzähligen Säure- und Gasangriffe schwer verletzt worden.

„Aldones, so sag doch, ob du es bist“, fuhr der Alte fort.

„Tut mir leid, Sir, ich bin leider nicht der, den Sie suchen“, antwortete Frank zögerlich.

„Oh, ein Fremder“, sagte der Alte und stieß ein röchelndes Lachen aus. „Was führt Sie denn hierher?“

„Ich suche etwas“, log Frank.

„Ah, und haben Sie es gefunden?“

„Ja.“

„Haben Sie auch das Gelbe Zeichen gesehen?“

Frank runzelte die Stirn. „Wie bitte? Wie meinen Sie das?“

Wieder lachte der Alte. „Verzeihen Sie einem alten, kranken Mann. Ich habe kurz vergessen, dass Sie ja nicht von hier sind und somit der Bruderschaft des Einen nicht angehören können. Kennen Sie die alte Kathedrale?“

„Man kann sie nicht übersehen. Sie muss einst sehr schön gewesen sein.“

Der Alte nickte langsam und bedächtig. „Ja, das war sie auch, aber inzwischen ist sie die Heimat des Einen geworden.“

„Wie meinen Sie das?“

„Die Kirche hat uns verlassen und schert sich einen Dreck um uns, daher hat jemand anderes das Loch ausgefüllt. Der Eine.“

Franks Neugier regte sich. Er ging in die Hocke und hörte dem alten Soldaten gut zu. „Und wer ist der Eine?“, fragte er.

„Er ist der letzte König von Carcosa. Der große Prophet Naothalba - der auf dem Grund des Wolkensees von Hali ruht - verkündete das Nahen des Einen, nachdem ihm das Phantom der Wahrheit die Augen geöffnet hatte. Die Ersten der Bruderschaft schrieben die Prophezeiung an die Wände der Kathedrale und verbreiteten sein Zeichen, damit er sehen kann, wie sein Reich wächst. Wenn die Ster-ne verblassen und der Gesang der Hyaden verstummt, wird er sich von seinen Fesseln befreien, aus dem Gefängnis im Zeichen des Stieres ausbrechen, sich aus dem Unrat und Moder dieser Stadt erheben und die Armee der Bruderschaft in die Schlacht führen, an deren Ende er seine Feinde zerschmettern und seinen Thron besteigen wird.“

„Können Sie mir mehr von der Bruderschaft erzählen?“, fragte Frank.

Als Antwort nickte der Alte bedächtig und erzählte ihm vom großen Propheten Naothalba, der in die Wüstenei ausgezogen war, um dem Phantom der Wahrheit zu begegnen. Nach seiner Rückkehr scharte er in den Städten Anhänger um sich, die seinen Worten folgten und formte daraus die Bruderschaft des Einen, die über viele Jahre versteckt lebte, da sie verfolgt wurde. Als seine Zeit gekommen war, befahl Naothalba seinen engsten Vertrauten, die Worte des Phantoms der Wahrheit festzuhalten und zu verbreiten. Anschließend zog er auf seine letzte Wanderschaft aus und fand im Wolkensee von Hali seine letzte Ruhestätte. Mit den Jahren wuchs die Zahl der Brüder und Schwestern, die dem Gelben Zeichen folgten und das Wort Naothalbas verbreiteten. Inzwischen hatte sich ein stummes Heer gesammelt, das aus Armen und Krüppeln bestand, und nur darauf wartete, zuzuschlagen, um die Ungläubigen zu vernichten. Bald, so sagte der Alte, komme die Zeit des Erwachens und der Avatar des Einen, der König in Gelb, würde erscheinen und die Legion der Bruderschaft unter dem Banner des Gelben Zeichens in die Schlacht führen.

Frank verzog skeptisch das Gesicht. „Sind Sie auch ein Soldat des Königs in Gelb?“, fragte er direkt heraus.

Der Alte griff nach Frank und klammerte sich an seinem Arm. „Auch, wenn meine Augen für die physische Welt verschlossen sind, so kann ich dennoch sehen. Ich werde meine Brüder im Kampfe unterstützen, denn ich sehe Dinge, die ihnen …“ Keuchend ließ der Alte Frank wieder los. „Sie sind auch einer von uns!“

Frank runzelte die Stirn. „Ich glaube, Sie irren sich, Sir. Wie kann ich Mitglied der Bruderschaft sein, wenn ich gerade erst von ihr erfahren habe?“

„Sie haben mir nicht richtig zugehört! Der König in Gelb gab mir eine Vision! Sie sind sein Herold und Märtyrer, der den Weltenbrand entfachen und den ersten Schlag gegen unsere Feinde ausführen wird! Sie werden sein Zeichen über dem Himmel der Stadt ausbreiten und so unseren Sieg bereiten! Gehen Sie! Ich darf Sie nicht aufhalten! Er ist mit Ihnen!“

Der Alte gestikulierte wild in der Luft herum und verfiel immer mehr in die Sprache eines Wahnsinnigen. Wahllos aneinander gereihte Silben verließen seinen Mund und Frank sprang auf, als das Gesicht des Alten sich zu einer Fratze verzerrte, eine alte Wunde darin aufbrach und übelriechender, gelber Eiter über seine Wange lief. Der Alte streckte seine knorrige Hand nach ihm aus und es war diese Geste, die Frank anspornte, loszurennen. Es wurde Zeit, dass er aus der Unterstadt verschwand oder er würde ebenfalls so wahnsinnig werden wie der Alte.

Sein Rückweg aus der Unterstadt war anders als vorher. In seiner blinden Hast war er an der Bahnhaltestelle vorbeigerannt und war somit gezwungen, durch die Arbeiterquartiere zu gehen. Was er dabei sah, war alles andere als erfreulich, denn der Alte aus der Gasse schien nicht so wahnsinnig zu sein, wie er dachte. Auch wenn man sie nicht direkt sah, so war das Zeichen aus der alten Kathedrale überall zu finden. An Wänden, auf Plakaten; sogar manche Zeitungen hatten das Zeichen auf ihre Titelseiten abgedruckt.

Als er wieder in der Oberstadt angekommen war, atmete er erleichtert auf. Hier schien noch alles in Ordnung zu sein, obwohl er sich nicht immer ganz sicher war, denn auch hier lasen die Menschen die Zeitungen, die das Zeichen abgedruckt hatten. Er musste telefonieren. Und zwar sofort.

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beta
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