Ein kleines Vorwort:

Herzlich Willkommen zu einem kleinen … hmm … Vorgewichtel? Pseudo-Wichteltext? Auftragsgeschreibsel?

Wie auch immer man es nennen will: Dies ist kleiner Text für Clayra, Felix, Sharimaya und Bella, die sich unbedingt eine romantische Weihnachtsgeschichte mit den Themen ‚Rätsel‘ und ‚Grundschüler‘ gewünscht haben.

Bittesehr, ihr vier. Ich hoffe, es gefällt euch. Und allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

 

Euer Grauwolf

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Die verborgene Pforte

»Eine junge Frau schleicht sich abends zu einer Tür, öffnet diese heimlich, nimmt etwas heraus und verschließt die Tür sorgfältig.
Am nächsten Morgen geht sie wieder zur gleichen Tür, öffnet diese und lässt sie weit geöffnet stehen.«

„Guten Morgen, Josua!“

Er drehte sich um, überrascht, denn sowohl die Schüler als auch die anderen Lehrer riefen ihn ‚Herr Bergmann‘ und nicht bei seinem Vornamen.

Als Josua den Rufenden ausgemacht hatte, erkannte er zu seinem Erstaunen allerdings Balewa, der ihm winkte. Sie hatten bei der Besprechung gestern nebeneinander gesessen. Der Sportlehrer hatte sich Josuas Namen gemerkt? Verflixt, wenn er doch nur das gleiche behaupten könnte.

„Guten Morgen“, antwortete Josua mit einem schlechten Gewissen, während er fieberhaft überlegte. Der Name war überraschend normal und europäisch gewesen, das wusste er noch. Frank? Nein, weniger veraltet, aber so ähnlich.

„Sie sind ja schon früh da!“, begrüßte der Sportlehrer Josua.

„Das ist heute eine Ausnahme.“ Beide Lehrer gingen jetzt nebeneinander her, Balewa mit schwungvollen, enthusiastischen Schritten, mit denen Josua kaum mithalten konnte. Doch als er zurückzufallen drohte, wurde auch der großgewachsene Sportler langsamer.

Josua hob erklärend das schwere Paket an, das er trug. „Ich wollte mit der Vierten heute basteln, und da muss ich noch was vorbereiten.“

„Basteln?“, erkundigte sich Balewa.

„Schneemänner, Sterne und so. Für die Fenster.“

„Ganz in Weihnachtsstimmung, wie, Herr Kollege?“ Balewa lachte und schlug Josua auf die Schulter, ehe er ernst wurde. „Eine schöne Idee.“

„Zu meiner Zeit habe ich es geliebt“, verriet Josua mit einem wehmütigen Lächeln.

„Die Kleinen werden sich sicher freuen.“ Balewa hob eine Hand zur Stirn wie zum Salut, als er den Weg zur Sporthalle einschlug und sich damit von Josua trennte.

 

Kraftlos starrte Josua auf das Chaos.

Papierschnipsel verstreuten sich auf den niedrigen Tischen. Die bunten Blätter, die er so sorgfältig ausgesucht hatte, waren in Konfetti verwandelt worden. Auf dem Pult lag die Schere, die Markus Annabelle in den Arm gestoßen hatte – zum Glück war das Mistding stumpf und Markus nicht besonders kräftig gewesen, geblutet hatte es trotzdem.

Es war gerade mal zweite Pause und Josua war nach Heulen zumute. Er hatte zwei katastrophale Doppelstunden hinter sich, und fühlte sich nicht bereit, jetzt noch eine Stunde Sachkunde zu unterrichten.

Selbst Hartz IV wäre besser als das! Wenn er nur daran dachte, später mit Markus‘ und Annabelles Eltern reden zu müssen!

Er hörte Schritte auf dem Gang und zuckte innerlich zusammen.

‚Geh vorbei!‘, betete er tonlos, doch schon wurde die Klinke zum Klassenraum nach unten gedrückt. Josua drehte sich schnell um. Seine Brille war beschlagen, ein deutliches Zeichen dafür, dass der Kloß in seinem Hals durch die brennenden Augen nach außen wollte … so durfte ihn niemand sehen.

„Hier bist du!“

Es war Balewa. Francis Balewa, Josua hatte in der ersten Pause heimlich auf dessen Postfach im Lehrerzimmer gesehen.

„Wir haben uns Sorgen gemacht.“

„Ich … muss noch aufräumen“, sagte Josua und hörte deutlich, wie belegt seine Stimme war.

„Kein Erfolg?“, fragte Balewa auch prompt.

Josua seufzte und ließ die Schultern sinken, ehe er mit einer wortlosen Geste durch das Klassenzimmer zeigte. Der Zustand des Raumes war doch wohl Antwort genug.

Balewa jedoch würdigte den Raum keines Blickes, sondern sah Josua an. Mit einem prüfenden Blick, der dafür sorgte, dass etwas in Josuas Innerem sich winden wollte sie ein Wurm. Er fühlte sich durchleuchtet, als könnte er nichts, absolut nichts verbergen …

Dann grinste Francis Balewa mit blitzenden Zähnen. Und kam mit schnellen Schritten auf Josua zu. Der erstarrte für einen Moment, ehe er merkte, dass Balewa etwas hinter ihm ansah. Der Schwarze stürmte förmlich an Josua vorbei und betrachtete die Fenster. „Der ist ja schön geworden!“

Der Sportlehrer stand vor einem recht schlichten Stern aus Goldfolie. Zwar waren die Fenster überwiegen mit Papierschnipseln oder mutwillig zerschnittenen Kunstwerken bedeckt, doch dieser Stern hatte irgendwie überlebt.

„Ja, Ayla hat sich viel Mühe gegeben“, gestand Josua dem Mädchen zu.

„Und da drüben, die Schneemänner sind ja ulkig!“ Balewa ging die Fenster aufmerksam ab, deutete hier lachend auf den dicken Weihnachtsmann von Paul oder bewunderte dort das Tannenwäldchen von Salim. Josua folgte, irgendwie nervös in der Situation. Doch er musste zugeben, dass einige der Bastelprojekte nun doch überlebt hatten und die Fenster verzierten.

„Du hast große Arbeit geleistet!“, sagte Balewa ernst, als sie am Ende der Fensterreihe waren. „Das sieht wundervoll aus!“

Nun legte der Größere Josua auch noch die Hand auf die Schulter.

„Sie … ich … das ist sehr nett von Ihnen!“, stammelte Josua und musste den Blick abwenden.

„Bitte … wir können uns doch Duzen, oder?“, bat Balewa.

Josua musste sich förmlich zwingen, den Blick zu heben. Balewas Hand lag noch immer schwer auf seiner Schulter, überhaupt hatte er die Schultern verkrampft hochgezogen.

„Ich … natürlich gerne.“

„Dann ist es Francis für dich“, sagte der Sportlehrer mit einem einnehmenden Lächeln.

Josua lächelte zurück. „Josua. Und Francis? Danke.“

Der Dunkelhäutige nickte, klopfte Josua auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. „Lass dich von den Kleinen nicht unterkriegen“, rief er Josua noch zu.

Nachdem der Sportlehrer gegangen war, spürte Josua tatsächlich ein Lächeln auf seinem Gesicht – nein, sogar ein breites Grinsen. Sein Beruf war manchmal sehr anstrengend, aber eigentlich eine Berufung. Es tat gut, mal von jemand anderem aufgezeigt zu bekommen, dass man nicht alles falsch machte, denn manchmal fühlte es sich leider durchaus so an.

 

Zuhause verging das Gefühl des Glücks schnell wieder. Aileen war nicht, wie sonst, mit irgendeiner Freundin unterwegs, Essen oder Einkaufen oder was Frauen unter sich so taten. Stattdessen saß sie in der Küche, perfekt gestylt und in einem durchscheinenden Kleidchen, und lag Josua damit in den Ohren, dass er kaum noch Zeit für sie habe.

„Ich muss diese zwei Telefonate noch machen, die Diktate korrigieren und dann noch etwas für Morgen vorbereiten, dann komme ich, Schatz.“

„Und wie lange dauert das?“ Aileen schob die Unterlippe vor und schmollte wie ein kleines Kind.

„Ich weiß es nicht“, seufzte Josua. „Ein paar Stunden.“

Er wandte sich ab, um nicht sehen zu müssen, wie seine Freundin mit den dunkel umrandeten Augen rollte. Stattdessen nahm er den Telefonhörer und ging nach nebenan, um Markus‘ Eltern anzurufen. Danach die Eltern von Annabelle. Beide Gespräche sollte seine Freundin vielleicht besser nicht mitanhören.

Es lief, wie er es erwartet hatte. Markus‘ Mutter ging ran, eine Frau wie ein rasender Elefantenbulle, und nachdem sie einmal begriffen hatte, dass er auf ihren Sohn ‚los ging‘, bellte sie ohne Luftzuholen in den Hörer, sodass Josua nicht einmal mehr zu Wort kam, um die Situation zu erklären. Annabelles Vater dagegen drohte mit einer Anzeige (gegen die Schule, logischerweise, nicht gegen Markus‘ Familie – Josua war den Tränen nahe) und hörte nicht auf, Josua zu fragen, wie es denn im Klassenraum, unter seiner Aufsicht, zu dem Vorfall hätte kommen können.

„Ich habe 32 Schüler, man hat seine Augen eben nicht überall“, erklärte Josua.

„Aber wenn so ein Assiblag mit einer Waffe herumfuchtelt, das muss man doch sehen!“

 „Eine Bastelschere.“ Zum dritten Mal erklärte Josua: „Und so etwas passiert sehr schnell, sonst hätte doch auch Ihre Tochter …“

„Lassen Sie meine Tochter da raus, es ist Ihre Nachlässigkeit! Sie hatten die Aufsichtspflicht, Sie sind der Lehrer! Und Sie sind so was von inkompetent!“

Es hatte keinen Zweck, auch dieser Elternteil würde Josua nicht zuhören. Nach dem Gespräch seufzte er erschöpft und überlegte, ob er bei Denizes Eltern anrufen sollte. Das Mädchen sah nun schon einige Tage sehr krank aus, doch die Eltern kümmerten sich nicht und hatte auch bisher nie auf Josuas Anrufe hin irgendetwas getan – dem Kind Butterbrote einpacken oder Geld für die Klassenfahrt bezahlen. Nein, nichts.

Josua entschied sich also gegen ein drittes Telefonat und kehrte in die Küche zurück.

„Schatz?“

Aileen saß nicht länger in der Küche. Einzig die Kaffeetasse zeugte davon, dass sich Josua ihre Anwesenheit nicht eingebildet hatte. Ein schwacher Duft von ihrem Parfum lag ebenfalls noch in der Luft. Josua suchte die kleine Wohnung ab: Das Wohnzimmer, das gemeinsame Schlafzimmer, das Bad. Im Flur entdeckte er, dass Aileens teurer, weißer Mantel fehlte. Sie musste ausgegangen sein.

Dann hatte er ja offensichtlich Zeit, sich um die Vorbereitungen und die Korrektur zu kümmern. Josua holte die Papiere aus seiner Tasche, setzte sich an den Esstisch und starrte auf die Blätter, ohne sich zu rühren.

Die Küchenuhr tickte. Draußen, vor dem Fenster, rauschten die Autos vorbei.

Josua räumte die Diktate zur Seite und beugte sich über die Notizen für die Unterrichtsstunden morgen. Doch auch hier konnte er sich nicht zu irgendwas aufraffen. Es war wie verhext.

Schließlich schob er die Texte beiseite, machte Abendessen, räumte ein wenig auf und setzte sich dann, als Aileen immer noch nicht aufgetaucht war, mit einem Teller vor den Fernseher, um irgendeinen Film achtlos an sich vorbeiziehen zu lassen.

 

Normalerwiese ging er um zehn oder halb elf ins Bett, doch heute war er auch um zwölf noch wach, als er die Wohnungstür hörte. Er stand auf und sah Aileen, die leise summend ihren Mantel an die Garderobe hing. Sie trug ein ihm unbekanntes T-Shirt – ein Männershirt – und ihre sonst so penibel gepflegte Frisur war durcheinander. Aileen drehte sich um und schrie auf, als sie ihn im Durchgang zum Wohnzimmer stehen sah.

„Wieso bist du noch wach?“

„Wo warst du?“

„Spazieren. Warum ist das Licht nicht an? Sitzt du hier die ganze Zeit schon im Dunkeln?“

Er sah, dass sie irgendetwas hinter dem Rücken versteckte. Mit zwei Schritten war er bei ihr, griff ihren Arm und zerrte ihre Hand nach vorne, obwohl sie sich wehrte.

Er ließ sie los, als hätte er einen Stromschlag erhalten. Es war eine Packung Kondome, bereits geöffnet. Tausend Gedanken jagten durch Josuas Kopf, während er Aileen nur sprachlos anstarren konnte. Sie hatte ihre Handtasche nicht dabei gehabt, deswegen hatte sie die Packung auch so tragen müssen. In die Taschen ihrer Jacke passte so was dann doch nicht.

Josua war selbst überrascht davon, wie unemotional seine Gedanken waren. Als wollte sein Gehirn sich auf alles konzentrieren, außer auf die Wahrheit.

„Hör zu, Josua, ich … das ist nicht …“, stammelte Aileen.

Josua ging zur Tür, ging an Aileen vorbei und rempelte sie noch mit der Schulter an, öffnete die Tür und ging in den Flur.

„Josua!“

Er drehte sich nicht um. Verließ den Wohnblock und merkte erst auf der Straße, dass er keine Jacke anhatte. Doch trotz der winterlichen Temperaturen war ihm nicht kalt.

Er lief und lief. Wut kochte in seinem Bauch, während Tränen in seinen Augen brannten, und für beides fand er keine Möglichkeit, es rauszulassen. Weil er sich schämte. Er schämte sich so unendlich dafür, dass er es nicht schon längst bemerkt hatte.

Irgendwann kroch die Kälte doch unter sein Hemd und so betrat er die erste Kneipe in der Innenstadt, auf die sein Blick fiel. Direkt ihm gegenüber war die Bar, mit einem großen Spiegel hinter den aufgereihten Flaschen, und er konnte sich selbst sehen: Unscheinbar, dunkle Haare, eckige Brille, ein viel zu dünnes, viel zu feines Hemd. Ein Streber. Wer würde da nicht jemand anderen wollen?

Josua setzte sich an die Bar und bestellte ein Bier.

 

Etwa fünf oder sechs Gläser später – das eine war, glaubte er, nicht seines gewesen, sondern das halbvolle eines Fremden, das er sich schulterzuckend angeeignet hatte – bemerkte Josua Bewegung. Eine Gruppe betrunkener junger Männer schubste einen der Ihren vorwärts.

Seine Sicht war schon ziemlich verschwommen. Josua blinzelte dem Mann entgegen, der direkt auf ihn zusteuerte.

Was wollte der Kerl?

„Josua? Was machst du hier?“

Er erkannte das Gesicht. „Francis?!“

Götter! War das seine eigene Stimme?

Francis Balewa zog sich einen Barhocker herbei und setzte sich neben Josua. „Was machst du hier?“, wiederholte er.

„Saufen“, antwortete Josua.

„Alleine?“

Er zuckte zusammen und wandte sich ab. „Alle, die ich kenne, kenne ich über meine Frau.“

Francis verzog mitfühlend das Gesicht. „Beziehungsstress?“

„Wenn man's noch Beziehung nennen will“, brummte Josua. „Sie betrügt mich!“

„Autsch, das ist heftig!“ Francis lachte. Der Dunkelhäutige war ebenfalls angetrunken, bemerkte Josua. Er selbst musste auch lachen, weil Francis so glücklich aussah.

„Scheiße“, sagte er dann. „Wie geht's jetzt weiter?“

„Hast es gerade erst erfahren, wie?“ Francis klopfte ihm auf die Schulter. „Mach dir nix draus. Die Frau is'n Idiot, so'n Prachtskerl wie dich zu betrügen.“

„Denkst du echt?“, fragte Josua zaghaft. ‚Prachtskerl‘, das hatte er noch nie gesagt bekommen.

„Klar! Bist'n Traummann! Hübsch, klug, sanft. Du kannst sicher gut ... kannst sicher gut ...“

Josua bemerkte, dass Francis ihn in Gedanken versunken anstarrte. Nein, er starrte Josuas Lippen an, leicht vornübergebeugt, leicht schwankend.

Dann wandte sich der Schwarze plötzlich abrupt ab, stand auf und kehrte zu seinen Freunden zurück.

Josua sah ihm nach. Was war das denn gewesen? Er warf seinem Glas einen misstrauischen Blick zu. Für heute hatte er wohl genug.

 

Am nächsten Morgen hatte er trotzdem einen Kater.

Er hatte kaum geschlafen, auf dem Sofa im Wohnzimmer, weil er es im Bett neben Aileen nicht ertragen hätte. Dann war er, noch bevor sie aufgestanden war, losgefahren und saß nun schon einige Stunden im Auto vor der Schule und wartete, bis der Hausmeister aufschließen würde.

Er war beim dritten Kaffee, als es plötzlich zaghaft an seiner Scheibe klopfte. Josua war überrascht, als er Francis erkannte. Zaghaft passte irgendwie nicht zu dem sportlichen Dunklen.

Josua öffnete die Beifahrertür und ließ Francis rein.

„Was machst du denn schon hier?“

„Ich wollte dich abfangen“, sagte Francis mit einem schwachen Lächeln. „Und mich entschuldigen.“

„Entschuldigen?“

„Ja, ich war betrunken gestern, und ... nicht ganz Herr über mich.“

„Was? Aber ... was du mir gesagt hast, war wirklich hilfreich, Francis!“, stotterte Josua. „Und sehr nett.“

„Und du fandest es nicht ... schräg?“, fragte der Sportlehrer vorsichtig nach.

In diesem Moment erst machte es ‚Klick‘ In Josuas Hirn. Er spürte, wie seine Wangen kribbelten und brannten. Francis wandte den Blick ab. „Shit, hätte ich mal nichts gesagt. Tut mir echt leid, Mann, vergiss es wieder, ja?“

„Du bist ...“, stammelte Josua.

„Ja, schwul.“ Francis betrachtete die Windschutzscheibe. Auch sein Gesicht war eine Spur dunkler geworden. „Hör mal, ich war betrunken. Das war nicht nur extrem aufdringlich gestern, sondern auch total unpassend. Du machst gerade viel durch und ich habe mich einfach unmöglich verhalten. Ich wollte mich entschuldigen und hoffe, dass wir das einfach ... vergessen können.“

Josua konnte nicht anders, als Francis‘ Mut zu bewundern. Dass der andere trotzdem mit ihm reden wollte, war etwas, das Francis sich an seiner Stelle nie getraut hatte. Er hätte den Kopf eingezogen und wäre jedem, der etwas davon wissen könnte, aus dem Weg gegangen. Hätte an eine andere Schule in einer anderen Stadt gewechselt.

Nicht so Francis Balewa. Der Mann hatte Mumm, das musste Josua anerkennen.

Gerade machte der Sportlehrer Anstalten, das Auto zu verlassen.

„Warte …“, rief Josua. Francis sah ihn überrascht an.

„Du … du hast mir gestern trotzdem geholfen. Mir Mut gemacht“, sagte Josua. Dann schlug er mit den Händen auf das Lenkrad. „Ach, Scheiße, ich weiß trotzdem einfach nicht weiter. Ich werde mich scheiden lassen. Und dann? Ich weiß einfach nicht, wohin. Und überhaupt …“

Er spürte einen starken Griff um seine Finger. Francis hatte seine Hand ergriffen und drückte sie ermutigend. „Du findest deinen Weg, Josua. Und ich … also, wenn du irgendwas brauchst, frag mich, okay?“

Josua nickte. Dann sagte er leise. „Ich habe mich überhaupt nicht auf die Stunde gleich vorbereitet.“

Francis grinste breit, so lächerlich war dieses Problem im Vergleich zu allen anderen.

„Mach doch mit den Kindern ein paar Rätsel. Ich habe beim Unterrichten aufgeschnappt, dass ein paar der Knirpse total darauf stehen.“

„Rätsel?“, fragte Josua nach.

Francis nickte. „Zieh einfach ein paar aus dem Internet und lass die Klasse es gemeinsam lösen. Damit kriegst du die Stunde locker rum.“

„Danke!“, sagte Josua überrascht, während sich in seinem Kopf bereits ein Plan formte. „Ja, das wird sicherlich klappen.“

 

Francis verabschiedete sich und ging, wenig später öffnete der Hausmeister das Tor und Josua verbrachte die eine Stunde, die ihm bis zum Unterricht noch bliebt, damit, Rätsel rauszusuchen und aufzuschreiben. Sein Plan war simpel: Die Klasse würde ein Rätsel gestellt bekommen. Wer eine Idee zur Lösung hatte, durfte diese sagen und alle würden gemeinsam überlegen, ob es sich um das richtige Wort handelte oder nicht.

Und – da er sich keine Hausaufgaben überlegt hatte – als Belohnung für ihre gelösten Rätsel würde die ganze Klasse hausaufgabenfrei bekommen. Insgeheim lachte er sich ins Fäustchen und kam so endlich mal auf andere Gedanken.

Das Rätselraten wurde tatsächlich ein Erfolg, obwohl Josua ziemlich durcheinander war. Er verwechselte Rätsel miteinander und sagte die falsche Lösung, er war dünnhäutig und wurde bei der geringsten Unterbrechung gereizt. Doch er zwang sich zur Geduld, als er sah, dass der Großteil der Klasse eifrig mitfieberte. Am Ende gab er die Belohnung bekannt und wurde mit strahlenden Gesichtern belohnt, als er die Kinder in die erste große Pause entließ.

Mit einem Seufzen wischte er die Tafel ab und in diesem Moment stürzte alles wieder über ihn herein: Das beißende, nagende Gefühl des Verratenseins und die Vorwürfe und der Hass genauso wie die ganz realen Sorgen um die Zukunft. Er musste Aileen verlassen, das wussten sie beide allzu genau. Aber die gemeinsame Wohnung könnte er von seinem Gehalt allein nicht bezahlen, wenn er nicht auf das Essen verzichten wollte, und womöglich würde Aileen die Wohnung behalten wollen. Und wenn er ehrlich war, wollte er dort nicht bleiben, verfolgt von den Erinnerungen. Schon allein der Gedanke, mit Aileen über alles sprechen zu müssen … das ging weit über seine Kräfte!

Er hatte schon fest damit gerechnet, zu hören, wie die Tür geöffnet wurde, und war nicht groß überrascht, als Francis in den Raum spähte.

„Du bist mein persönlicher Schutzengel, weißt du das?“, fragte Josua und meinte es nur halb im Scherz.

Francis grinste zurück. „Ich habe nur meine Flügel heute zuhause liegen lassen. Wie geht es dir?“

Francis wirkte nicht länger unsicher oder zaghaft, und auch Josua durfte feststellen, dass er sich entspannte. Warum hatte ihm die Anwesenheit des anderen Lehrers vorher nur so zugesetzt? Er ahnte die Antwort natürlich. Er war nervös gewesen. Hatte Angst gehabt, etwas Falsches zu tun oder zu sagen und wie ein Idiot dazustehen.

„Scheiße“, antwortete er. Inzwischen konnte er Francis gegenüber absolut ehrlich sein. „Ich frage mich, wieso ich so blind war. Ich meine, die Zeichen waren da. Ich habe sie absichtlich übersehen.“

„Du glaubst eben an das Gute im Menschen“, sagte Francis und kam langsam in das Zimmer. Josua merkte, dass Francis ihn scharf musterte. Der Sportlehrer wirkte – nun, nicht zögerlich, sondern zurückhalten. Als würde er sofort gehen, wenn Josua ein Zeichen gab, dass er lieber allein wäre.

Josua atmete aus und zog einen Stuhl von einem der Tische zurück, um sich zu setzen. Beides, Stuhl und Tisch, waren winzig. Als sich Francis zu ihm setzte, wirkte der Schwarze wie ein Riese.

„Das schlimme ist – ich bin nur sauer auf sie, aber nicht so verletzt, wie ich sein sollte“, gestand Josua, während er an einem Loch im Holz der Tischplatte knibbelte. „Ich denke … naja, ich weiß, dass ich sie nicht geliebt habe. Ich fand sie ganz nett und hab mich mit ihr verlobt, damit meine Eltern Ruhe geben. Und dann irgendwann auch geheiratet, weil es einfach … an der Zeit schien. Ich denke, da ist es nur fair, dass sie sich jemand anderen gesucht hat. Denn ausgerechnet mit mir festzusitzen, was vermutlich die Hölle für sie.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es die Hölle wäre“, sagte Francis.

Josua wollte den Einwand beiseite wischen – immerhin hatte Aileen mit einem Langweiler leben müssen, der nichts für sie empfand – doch als er Francis‘ Blick begegnete, lag nichts als absolute Ehrlichkeit in dessen Augen. Josua verstummte auf der Stelle. Er konnte sich auch nicht rühren, als Francis die Hände austreckte und ihm sanft die Brille von der Nase zog. Das Gesicht des Sportlehrers schwebte nun etwas verschwommen vor Josua.

„Du bist ein wunderbarer Mann, Josua Bergmann“, sagte Francis todernst und legte ihm vorsichtig die Hand an die Wange. Josua spürte die streichelnden Finger wie ein Kribbeln, wie Feuer und Eis gleichzeitig. So viele Gefühle und Gedanken, die er tief in sich verschlossen hatte, aus Angst und Scham, drängten nun an die Oberfläche wie Blasen vulkanischer Gase in einem Teich.

„Du bist mir gleich am ersten Tag aufgefallen“, fuhr Francis fort. „Und ich habe gesehen, wie du mit den Kindern umgehst. Du bist vielleicht unauffällig, aber auf keinen Fall langweilig.“

Die Bewegung der Finger stoppte. Josua hielt den Atem an, als Francis förmlich erstarrte. Er fühlte den Blick des Dunkelhäutigen noch auf sich ruhen, doch er wusste, dass er jetzt etwas sagen musste – und wenn er das Falsche sagte oder auch nur zu lange zögerte, würde dieser wundervolle und ebenso beängstigende Moment entschwinden und niemals zurückkehren.

Josua kam mit diesen neuen Gefühlen noch nicht klar, doch eines wusste er – er wollte diese Chance auf keinen Fall verlieren. Doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Er brachte einfach kein Wort heraus.

Wie um ihn festzuhalten, legte er eine Hand auf Francis‘ Handrücken an seiner Wange.

Nur verschwommen konnte er sehen, wie der Kopf des Sportlehrers näher kam, und dann spürte er dessen weiche Lippen auf seinen, kribbelnd und warm und so viel herber und prickelnder als jeder Kuss, den er je mit Aileen getauscht hatte.

Ein starker Arm legte sich um Josuas Taille und zog ihn samt Stuhl sanft näher. Josua fasste die Schulter des anderen und hätte den Moment am liebsten nie wieder losgelassen.

In diesem Moment wusste er plötzlich, dass alles irgendwie doch noch gut enden würde.

Comments

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    Marv du bist ja ein richtiger Romantiker ;) Ach, die zwei sind einfach süss, dieses Wort beschreibt deine Geschichte einfach super ^^

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    Marv! Du alter Romantiker! ;) Was für eine herzerwärmende Geschichte! :-)

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    Genau das Gleiche wie Felix wollte ich auch schreiben. Keine Ahnung von Romantik? Von wegen. Die Geschichte ist toll und ich musste am Ende schmunzeln. Ich bin sicher, es gibt ein Happy End. Du hast mir damit übrigens gezeigt, dass man sich auch Themen gut stellen kann, die einem eher schwer fallen. Auf ins Wichtelgeschichte schreiben. :)

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    Wenn du noch einmal sagst, du hättest keine feine Nase für Romantik hetze ich dir Bella auf den Hals. Wirklich ein wundervoller Text, der jede gelesene Zeile eine Freude war. Wir sollten dich häufiger zu solchen Texten animieren. ;) Ein Herz und ein Daumen bekommst du dafür alle Mal, weiter so. :D

  • Author Portrait

    Marv, ich weiß gar nicht, was sagen... Diese Geschichte geht mir ins Herz... Ja, sie berührt mich tief mit der ganzen Bandbreite an Gefühlen und der Hoffnung, die trotz allem durchschimmert, mit der vermutlich glücklichen Wendung, die sie zu nehmen scheint... Ganz herzlichen Dank, daß du dich darauf eingelassen hast, mit den Vorgaben etwas zu schreiben! ;-) Ein Herz dafür!

beta
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