Die Verfolgungsjagd

James Weaver - Mehrere Monate vor der Krebsdiagnose

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal in einem Sportwagen sitzen würde. Noch dazu in einem so teuren deutschen Fabrikat, geht mir durch den Kopf. Die Straßen rauschen in schwindelerregendem Tempo an mir vorbei, während mir die Bäume gefährlich nahe kommen. Die Umrisse der dicken Baumstämme heben sich kaum vom Schwarz der Nacht ab, lassen jedoch erkennen, dass die Verfolgungsjagd ein jähes Ende nehmen könnte, wenn ich einen der Bäume erwische. Während ich den gestohlenen 911er Porsche auf der Allee zu halten versuche, stelle ich mir die Frage, wie ich überhaupt in diese Situation kommen konnte.

Eine halbe Stunde zuvor

Endlich Feierabend, dachte ich und freute mich schon darauf, zuhause die Füße hochzulegen. Eine schönes Glas Bordeaux, ein knisternder Kamin und ein gutes Buch. Das waren meine Pläne für den heutigen Abend gewesen. Meine Schicht in dem Bunkerkomplex hatte sich gezogen wie Gummi - Nicht, dass es langweilig wäre, an quantenmechanischer Technologie zu arbeiten, doch an manchen Tagen konnten mich selbst die Arbeiten an einem Portal-Generator nicht begeistern. Vor allem nicht, wenn die dafür notwendigen Gleichungen vorne und hinten nicht stimmen, dachte ich und machte mich auf den Weg zu meinem Auto.

Doch so weit kam ich nicht: Plötzlich sprang ein Mann mit einem Messer hinter einem geparkten Fahrzeug hervor und griff mich an. Im toten Winkel der Überwachungskameras konnte niemand sehen, dass ich mich in großer Not befand. Zu meinem Glück bemerkte ich rechtzeitig, dass sich noch zwei weitere Angreifer von hinten anschlichen.

Ich wartete den Augenblick ab, in dem diese wortlos zum Zustechen ausholten. Immer ich!, war mein letzter Gedanke, bevor ich dem Stich auswich, den Unterarm des Mannes packte und ihn so umdrehte, dass ich das Messer an mich reißen konnte. Mit diesem schnitt ich dem Maskierten die Kehle durch und warf die Klinge gekonnt nach dem zweiten Angreifer, der sich mir von hinten angenähert hatte und nach meiner Konter erschrocken zurückgewichen war. Das Messer traf ihn mitten in die Stirn, blieb dort stecken und er brach sofort zusammen.

Mit vor Überraschung aufgerissenen Augen starrte mich der Vermummte vor dem Auto an, zog eine Pistole und lud diese durch. In Sekundenschnelle sprang ich auf das Auto zu, das mir am nächsten war. Ich rollte mich ab und verschwand hinter einem silbernen Porsche, der sogleich einige Einschusslöcher kassierte. Mit dem Ellbogen schlug ich die Scheibe ein, öffenete die Tür und schloss das Auto kurz, während der letzte Angreifer die Pistole nachlud und etwas per Funk durchgab.

Selbstverteidigung, Autos kurzschließen, tägliche Schießstandübungen, defensives Fahren in Notfallsituationen - wer hätte gedacht, dass ich die ganzen Schulungen jemals brauchen würde, dachte ich entsetzt, während der Motor endlich ansprang. Mit gezielten Handgriffen legte ich den Rückwärtsgang ein, gab Vollgas und überfuhr den sich nähernden Angreifer. Mit einem hörbaren "Umpf!" wurde dieser getroffen und durch mein beherztes Bremsen meterweit weggeschleudert. Zufrieden blickte ich in den Rückspiegel.

Doch statt endgültig zusammenzubrechen, griff der Mann nach seiner vor ihm liegenden Waffe und schoss noch einige Male auf mich. Mit geducktem Kopf gab ich erneut Vollgas und setzte so lange zurück, bis ich außer Sichtweite war und die Schranke am Ausgang der Tiefgarage durchbrach. Die Reifen quietschten als ich auf dem geräumigen Platz vor dem Gebäude eine 180-Grad-Wende machte und währenddessen den Vorwärtsgang einlegte.

Sofort fuhr ich auf das Häuschen des Wachmanns zu, um nach Hilfe zu rufen. Schon auf dem Zufahren erkannte ich, dass etwas nicht stimmte: Das sonst so weiße Innere des rund um die Uhr beleuchteten Kontrollraums war bespritzt mit Blut und - wie ich aufgrund der Höhe des Fleckes an der Wand annahm - der Hirnmasse des Wachmanns, von dem jede Spur fehlte.

Im Hier und Jetzt

Meine blutgetränkten Hände umfassen das klebrige Lenkrad. Es ist das Blut des Mannes, dem ich vorhin die Kehle durchgeschnitten habe. Unbewaffnet wie ich bin, versuche ich nun den schwarzen Geländefahrzeugen zu entkommen, die mich verfolgen, seit ich das Gelände verlassen habe. Was wollen die von mir?!, frage ich mich und trete das Gaspedal wieder voll durch, als ich erkenne, dass die Allee hier in eine normale Straße übergeht und wieder mehr Platz bietet.

Während ich weiter über die möglichen Gründe für die Verfolgung nachdenke, fällt mir etwas auf, das ich die bisherige Fahrt lang nur unterbewusst wahrgenommen hatte: Es riecht nach Feuer!  Von den Fernlichtern des vorderen Verfolgerfahrzeugs geblendet, versuche ich in den Spiegeln zu erkennen, woher der Geruch kommen konnte. Erschrocken erkenne ich im rechten Außenspiegel, dass der Schütze in der Tiefgarage eine Tank-Leitung getroffen haben muss und diese nun in Flammen steht.

Ich muss hier raus!, geht mir nur durch den Kopf und hoffe, dass der Porsche nicht in einer filmreifen Explosion hoch geht, während ich noch darinsitze. Entweder ich schaffe es, das Feuer zu löschen oder ich muss das Auto wechseln!, denke ich und gehe in Gedanken schon mal die Möglichkeiten durch. Ein Blick ins Handschuhfach verrät mir, dass ich gerade das Auto des Forschungsleiters am Schrotten bin, der wohl als Einziger noch mehr Überstunden macht, als ich.

Wo bin ich hier eigentlich?!, stellt sich mir die Frage. Während der Fahrt hatte ich beim ständigen Abbiegen nicht wirklich darauf achten können, wo ich hinfahre und so versuche ich nun, zum Orientieren den Blick vom Rückspiegel zu nehmen, durch den ich das lodernde Feuer am Heck im Auge behalten habe. Mühsam wende ich den Blick wieder nach vorne und stelle fest, dass ich in der Nähe des Hafens bin. Der Geländewagen hinter mir rammt mich. Mit seiner Stoßstange schiebt er den Porsche vor sich her wie ein Spielzeug. In der Hoffnung, dass das Auto nicht gleich explodiert, gebe ich ein wenig mehr Gas und steuere genau auf den Hafen zu.

Im Vollgas reiße ich das Lenkrad herum und rausche mit angezogener Handbremse um die Ecke. Dabei verfehle ich nur knapp eine massive Steinwand. Da! Die Küstenwache! , erkenne ich und hoffe, dass ich mit dem mittlerweile lichterloh brennenden Heck noch so weit komme. Plötzlich verlangsamt sich der Porsche drastisch. Das war's!, denke ich.

Auf einem besonders breiten Holzsteg rolle ich aus und mache mich bereit, vom SUV bis ins Meer geschoben zu werden. Doch das erwartete Rammen bleibt aus. Stattdessen halten die beiden Geländefahrzeuge ein wenig Abstand und fahren so eng nebeneinander, dass ich keine Chance habe, irgendwie an ihnen vorbeizukommen. Gerade so passen die Autos nebeneinander auf den Steg und sperren mir jeden Fluchtweg ab.

Am Ende des Stegs angekommen drehe ich den Porsche so, dass die Beifahrerseite zu den Angreifern zeigt und springe sofort aus dem Auto. Geduckt renne ich im Schutz des brennenden und mächtig Rauch erzeugenden Sportwagens auf das Wasser zu und springe ins Wasser. Just in diesem Moment schleudert mich eine gewaltige Druckwelle auf das Meer hinaus, noch bevor ich die Wasseroberfläche erreicht habe. Mit einer hohen Geschwindigkeit tauche ich ein und verfluche den Moment, in dem ich heute morgen das Haus überhaupt verlassen habe.

Der schmerzhafte Aufprall auf der steinharten Wasseroberfläche presst mir jede Luft aus der Lunge. Zu allem Übel ist das Wasser im Februar auch noch eiskalt und raubt mir fast das Bewusstsein. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte, um zur Oberfläche zurückzukehren, von der ich hoffe, dass ich wirklich darauf zuschwimme. Da alles um mich herum im Dunkeln liegt, kann ich nur hoffen, dass "oben" auch wirklich oben ist.

Meine Lunge rebelliert und mein Körper beginnt sich zu winden. Ich ertrinke!, denke ich nur noch, setze die Schwimmbewegungen verzweifelt fort, während die nasse Kleidung mich gefühlermaßen immer mehr nach unten zieht. Gerade als ich aufgeben möchte, durchbreche ich die Oberfläche und fülle meine Lungen mit kostbarem Sauerstoff.

Irritiert sehe ich mich um und versuche mich zu orientieren. Unter einer gewaltigen Rauchsäule stehen die ausbrennenden Reste der Karosserie, in der ich eben noch gesessen hatte. Die Angreifer nähern sich zu Fuß dem Fahrzeug und halten leuchtend rote Gegenstände in ihren Händen. Als nun auch noch weißer Schaum zu sehen ist, verstehe ich, dass die schätzungsweise acht Personen aus irgendeinem Grund versuchen, das Fahrzeug zu löschen, statt vor der sich nähernden Küstenwache zu fliehen.

Drei der Männer umrunden mit ihren Feuerlöschern langsam das total zerstörte Auto und ich tauche sofort ab, um nicht entdeckt zu werden. In der Hoffnung, dass ich trotz der Dunkelheit den Weg unter den Steg finden würde, schwimme ich solange unter der Wasseroberfläche, bis mir die Luft ausgeht. Ich tauche auf und erkenne, dass ich mein Ziel erreicht habe. Lautlos bewege ich mich auf den Rand des Stegs zu und versuche zu erkennen, was die Angreifer aus dem brennenden Fahrzeug zu bergen versuchen.

"Wir bekommen Besuch!", schreit einer der Männer den anderen zu, lässt den Feuerlöscher stehen und greift zu seinem Sturmgewehr. Dieses richtet er sogleich auf die sich annähernden Fahrzeuge. Mit einem "Flump!" verlässt ein großes Projektil den kleinen Granatwerfer-Aufsatz unter seinem Gewehr und eine weitere Explosion erschüttert die Nacht. Mit der Granate zerstörte er gleich mehrere Fahrzeuge der Küstenwache, die sich in einiger Entfernung am Ansatz des Stegs in Stellung gebracht hatten.

Mit einem Blick zwischen den Brettern des Stegs über mir hindurch erkenne ich, dass alle Angreifer sich zu den beiden Geländewagen zurückgezogen haben. Ich nutze die Gelegenheit und klettere die kleine Leiter am Ende des Stegs hinauf, schleiche zum mittlerweile fast komplett gelöschten Porsche und nähere mich dem Kofferraum an dessen Front. Die von der Hitze und Explosion komplett verzogene Haube war leicht geöffnet und gab den Blick auf einen weißen, runden Gegenstand frei, den ich schon einmal gesehen habe.

Das ist doch nicht möglich!, denke ich entsetzt und jeder Zweifel an den möglichen Gründen der Verfolgung ist schlagartig weggefegt. In der Hoffnung, mich nicht zu verbrennen, greife ich in durch die Lücke zwischen Karosserie und Kofferraumdeckel und reiße an Letzterem, bis er sich öffnet. "Rückzug!", brüllt plötzlich der offensichtliche Anführer der Männer und zwingt mich, den Blick von der weißen Kugel mit dem hypnotisch blau-leuchtenden Punkt zu nehmen. Ich stelle fest, dass ich entdeckt worden bin und starre erschrocken meine Verfolger an. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, stehe ich mit erhobenen Händen vor ihnen und überlege fieberhaft, was ich nun tun soll.

"Feuer!", brüllt der Anführer und sogleich schießen die Männer auf mich und treffen zunächst nur das Wrack vor mir. Bitte lass das jetzt funktionieren!, denke ich nur, während ich mich hinter das Fahrzeug fallen lasse und von dort aus in den Kofferraum greife. Meine Hände tasten nach der Kugel und bekommen sie - nach einer gefühlten Ewigkeit im Kugelhagel - zu fassen.

Erstaunt drehe ich den Gegenstand in meinen Händen und versuche zu erkennen, was ich genau damit machen muss. Vor allem bete ich, dass die Technologie schon über das experimentelle Stadium hinaus ist, als ich den Dreh-Mechanismus entdecke und betätige. Schlagartig habe ich das Gefühl herumgewirbelt zu werden und befinde mich in einer vollkommen stillen Schwärze des Nichts, bevor meine Füße wieder den Boden berühren. Ich sehe mich in dem Raum um, in dem ich mich plötzlich befinde. Die Testkammer des Labors!, erkenne ich und blicke sofort zu dem Kontrollfenster des Raumes.

Mein Abteilungsleiter steht dort und starrt fassungslos durch das Sicherheitsglas. Er eilt zum Mikrofon neben der Tür: "Was zum...?! James? Sind Sie gerade...?". - "Sir, ich wurde angegriffen! Bewaffnete Männer haben versucht, diesen Portal-Generator zu stehlen! Als ich ihn eingesetzt habe, um zu entkommen...", versuche ich zu erklären, als eine Salve von Gewehrkugeln in das Fenster vor mir einschlägt. Ich lasse mich zu Boden fallen, um den Schüssen zu entgehen, die von hinten kommen müssen.

"Das Portal ist noch offen!", schreit der Professor und zeigt auf etwas hinter mir. Ich drehe mich um und erkenne ein schwarzes Loch mit orangenem Rand, das einfach in der Wand zu stecken scheint. So weit ist diese Technologie doch noch gar nicht gewesen, denke ich fasziniert von dem Anblick. - "Dann schließen Sie es, verdammt nochmal!", brülle ich als noch mehr Schüsse von der anderen Seite erklingen. Durch die mittlerweile rissige Scheibe erkenne ich, dass das Sicherheitsglas an einer Stelle zwischenzeitlich nachgegeben hatte und der Professor getroffen am Boden liegt. Nur kurz überlege ich, was zu tun ist und springe dann auf die Beine.

Entschlossen nutze ich das Überraschungsmoment und stürze durch das Wurmloch auf den Steg zurück, finde mich direkt vor einem verdutzten Angreifer wieder, der sofort sein Gewehr auf mich richtet. Doch ich bin schneller und trete so nah an ihn heran, dass er mich nicht treffen kann. Dann tue ich genau das, wofür ich hierher zurückgekommen bin: Ich ziehe den Stift der Granate an seiner Taktikweste und springe wieder durch das Portal, werfe den robusten Tisch in der Mitte des Raumes um und gehe dahinter in Deckung.

Die Granate explodiert und ein Hagel aus Schrappnellen fliegt durch das Portal in den gesamten Raum. Kurz darauf herrscht nur noch Stille. Ich sehe vorsichtig über den Tisch hinweg und stelle fest, dass der Steg endgültig zusammengebrochen und mit den Toten im Wasser versunken ist. Gerade als ich hindurchschauen möchte, beginnt der Rand des Portals zu flackern, was ein eindeutiges Zeichen von Instabilität ist. Mit einem Rauschen schließt sich das Portal vor meiner Nase und lässt mich - auf eine nackte Betonwand starrend - in der Testkammer zurück.

Der Professor!, fällt mir siedend heiß ein und ich stürme zum Ausgang der Testkammer. Ich finde ihn schwer blutend auf dem Boden. Er hatte sich zur Wand geschleift und eine Blutspur hinterlassen, die auf einen massiven Blutverlust hindeutet. Sofort reiße ich ein Stück Stoff seines Laborkittels ab und verbinde die Schusswunde an seinem Bauch provisorisch, bevor ich zum Telefon greife und Hilfe anfordere.

Aus einem unbekannten Grund hatte niemand etwas von diesem Vorfall mitbekommen, wie ich während der Wartezeit feststelle, bis der Krankenwagen und die Polizei eintreffen. Als feststeht, dass der Professor durchkommen würde und dass ich keine ernsthaften Verletzungen davongetragen habe, mache ich bei dem Sicherheitspersonal meine Aussage und mache mich anschließend auf den Heimweg.

Comments

  • Author Portrait

    Wieder ein sehr spannungsgeladener Bogen, der durchaus auch seine humoristische Seite hat, trotz all der Toten. Der Sprung durchs Wurmloch und zurück macht mich schmunzeln. Wie durch viele Wunder entkommt James allen Beschüssen und Todesgefahren - ein Superheld?

  • Author Portrait

    KOMMENTAR ENTHÄLT SPOILER Uh, ab hier entjungfere ich die Kommentarspalten! Wieder einmal spannend geschrieben, Actionszenen hast du wirklich drauf, ich wurde gut unterhalten, habe aber auch nicht den Überblick verloren. Allerdings ist mir hier auch aufgefallen, dass ich wieder einmal keine Ahnung habe, um wen es hier geht. Es kommt mir sofort als hättest du bisher drei verschiedene Charaktere vorgestellt, und der Text spricht dennoch konstant von einem "Ich" - nur, wer ist denn nun "Ich"? Da stellt sich mir die Frage, ob eine auktoriale Erzählform nicht etwas geschickter wäre. Was auch verwunderlich ist, ist dass der Protagonist sofort weiß, dass er im toten Winkel einer Überwachungskamera angegriffen wird. Und wenn er ein ausgebildeter Agent wäre - das würde ich nicht gelten lassen. Wenn du in die auktoriale Erzählform wechselst kannst du den Satz drin lassen, wenn du bei dem "Ich" bleibst und das Detail nicht weiter relevant ist würde ich es rausnehmen. Dein Protagonist kann auch so schon genug, sagen wir einmal, unkonventionelle Fertigkeiten. Trotzdem wieder gut gelungen! Allerdings solltest du dir bewusst sein, dass die gewählte Form des Erzählens in Kombination mit dem Inhalt ziemlich knifflig werden.

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